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StartseiteWissenschaft im BrennpunktMikroben, Würmer und Insekten leiden27.09.2015

GlyphosatMikroben, Würmer und Insekten leiden

Das Unkrautgift Glyphosat wird in Deutschland flächendeckend auf den Feldern eingesetzt, am 31. Dezember läuft allerdings die Zulassung für die EU aus. Und es gibt viele Argumente, die gegen eine Verlängerung sprechen. Denn Unkraut ist auch Futter: Insekten, Mikroben und Würmer leiden so laut einer Studie unter dem Einsatz.

Von Lucian Haas

Mit einem Traktor wird nahe Sallach im Landkreis Straubing-Bogen (Bayern) Pflanzenschutzmittel auf ein Feld gespritzt.  (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
Mit einem Traktor wird nahe Sallach im Landkreis Straubing-Bogen (Bayern) Pflanzenschutzmittel auf ein Feld gespritzt. (picture alliance / dpa / Armin Weigel)

Ein Bauer fährt mit einer Spritze über einen Stoppelacker. Rund 20 Meter weit streckt sich das Gestänge mit den Spritzdüsen nach rechts und links. In feinsten Tröpfchen regnet Glyphosat auf die jungen, grünen Unkräuter, die zwischen den Getreidestoppeln sprießen. In rund zwei Wochen wird hier alles gelb-braun und abgestorben sein. Wie auf vielen deutschen Feldern, auf denen vor der nächsten Aussaat auf einfache Weise alle Unkräuter beseitigt werden. "Reinen Tisch machen", nennen das die Bauern. Doch wie umweltverträglich ist dieser massive Einsatz des Totalherbizids? Jörn Wogram, Fachgebietsleiter Pflanzenschutzmittel am Umweltbundesamt:

"Glyphosat ist das mit Abstand am meisten eingesetzt Herbizid in Deutschland. Und allein deshalb trägt es unter den Herbiziden auch am stärksten zu den Umweltauswirkungen bei, das heißt, zum Verlust an biologischer Vielfalt beispielsweise bei Schmetterlingen, Bienen, aber auch Feldvogelarten."

Desaströse indirekte Wirkung von Glyphosat

Im Rahmen der Neuzulassung in der EU hatte das Umweltbundesamt den Auftrag, die Folgen für die Umwelt zu prüfen – und erkannte deutliche Probleme. Glyphosat blockiert einen Stoffwechselweg, der bei Mensch und Tier nicht vorkommt. Deswegen gilt es eigentlich als sehr verträglich für Insekten und Vögel. Desaströs dagegen die indirekte Wirkung. Wenn auf großen Teilen der Landschaft der gesamte Pflanzenbewuchs abgetötet wird, fehlt dem Ökosystem die Nahrungsbasis. Ginge es nach dem Umweltbundesamt, dürften Herbizide mit diesem Wirkstoff in Zukunft nur noch mit Auflagen eingesetzt werden. Bauern müssten Ausgleichsflächen wie Brachen und Blühstreifen an den Feldrändern einrichten, als Rückzugshabitate für gefährdete Arten.

"Wir halten das in der Tat für eine zwingende Voraussetzung für den weiteren Einsatz und die weitere Genehmigung von Glyphosat. Denn der Verlust an biologischer Vielfalt, den wir zurzeit feststellen, ist inakzeptabel auch im Sinne des Pflanzenschutzrechtes."

Strenge Auflagen, möglicherweise sogar ein Verbot von Glyphosat in manchen Regionen, würden freilich dazu führen, dass die Bauern auf Alternativen ausweichen. Andere noch zugelassene Herbizide beispielsweise. Oder eine intensivere Bodenbearbeitung mit dem Pflug oder dem Grubber. Auch das ist nicht zwangsläufig umweltfreundlicher als Glyphosat. Horst-Henning Steinmann vom Zentrum für Biodiversität und nachhaltige Landnutzung an der Uni Göttingen:

"Eine intensive Bodenbearbeitung hat nahezu einen gleichen Effekt, räumt auch die Pflanzen vom Acker. Sodass man bei diesem Vorwurf des fehlenden Nahrungsangebotes genauer hinschauen muss, was liegt eigentlich an Glyphosat selber, und was liegt an der Gestaltung der Anbausysteme, die ja insgesamt eine gewisse Intensität erreicht haben in der Landschaft."

Studien zeigen Auswirkungen auf Bodenfauna

Das sollte man freilich nicht als Legitimation für ungestraftes Spritzen missverstehen. Denn es gibt Hinweise, dass die Umweltwirkung von Glyphosat noch weiter reicht als gedacht. Eine kürzlich erschienene Studie zeigt, dass der Wirkstoff auch der Bodenfauna das Leben schwer macht. Der Zoologe Johann Zaller von der Universität für Bodenkultur in Wien machte Versuche, wie Regenwürmer in echtem Ackerboden auf eine typische Behandlung der Unkrautflora mit dem Herbizid-Round-up reagieren:

"Regenwürmer lieben totes Pflanzenmaterial. Und wir sind eben davon ausgegangen, dass wenn ich die Pflanzen mit dem Herbizid behandle, und die dann daraufhin absterben, dass die Regenwürmer davon durchaus profitieren. Wir waren dann schon sehr überrascht, dass wir zwei bis drei Wochen nach der Applikation dieses Herbizids einen völligen Rückgang der Regenwurmaktivität festgestellt haben."

Johann Zaller beobachtete zudem, dass auch die Mykorrhiza im Boden stark dezimiert wurden. Mykorrhiza sind symbiontische Pilze, die an den Wurzeln der Pflanzen sitzen und ihnen dabei helfen, Phosphat aus dem Boden aufzunehmen.

"Wenn von diesen Mykorrhiza-Pilzen im Boden weniger vorhanden sind, dann sieht es mit der Ernährungssituation der Pflanzen schlechter aus. Und ich muss wieder mehr Dünger geben, um dieselben Erträge zu erhalten."

Anders gesagt: Glyphosat hat möglicherweise den Nebeneffekt, die Bodenfruchtbarkeit zu beeinträchtigen. Ein Grund mehr, den Bauern Zurückhaltung beim Einsatz des Herbizids zu empfehlen.

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