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StartseiteBüchermarktGnadenloses Sittenbild des Kapitalismus02.09.2013

Gnadenloses Sittenbild des Kapitalismus

Peter Rosei: "Madame Stern", Residenz Verlag

Nach seinem 2011 erschienenen Roman "Geld" hat Peter Rosei jetzt mit "Madame Stern" den zweiten Teil seiner Serie über Wirtschaftskrise, Korruption und politische Skandale in Österreich veröffentlicht. Sein Roman liefert eine messerscharfe Analyse der Mechanismen ökonomischer Psychologie.

Von Michaela Schmitz

Die Protagonisten spielt ihre Macht als Bankdirektorin auch in Liebesbeziehungen aus (picture alliance / dpa / Michael Probst)
Die Protagonisten spielt ihre Macht als Bankdirektorin auch in Liebesbeziehungen aus (picture alliance / dpa / Michael Probst)

Hätte Gustave Flaubert seine "Madame Bovary" im heutigen Österreich geschrieben, wäre sie vielleicht in Hütteldorf bei Wien groß geworden. Emma Rouault hätte dort Gisela Stern heißen können. Als Tochter eines kleinen Buchhalters wäre Gisela im Hütteldorfer Vorstadthäuschen ähnlich abgeschieden aufgewachsen wie das im Kloster erzogene Bauernmädchen Emma. Überbehütet von Mama Stern, die ihrer Tochter ihre Opern-Leidenschaft und den Hang zu Höherem vererbt.

"Die immer gleiche Annäherung an ihr Ziel, die Staatsoper, war Ritual, eine Art von heiliger Messe, die, gerade so wie bei der christlichen Liturgie, in Wandlung und Läuterung gipfelte: Schritt Frau Stern durch den Volksgarten spazierte sie über den Heldenplatz – spätestens im Burggarten wurde aus ihr, der doch eher schlichten Frau von der Peripherie, eine Dame, eine richtige Dame (...)."

Die Welt der Oper ist für Mutter und Tochter Stern, was für Emma Bovary ihre Passion für Romane: Die Flucht aus einer banalen Wirklichkeit in den Traum von einem besseren, erfüllten Leben. Geht es nach Mutter Stern, soll es für Gisela kein Traum bleiben. Sie schickt Gisi zum Klavierunterricht und in die Klosterschule der "Schwestern vom Kreuz". Doch zwischen den Töchtern aus gutem Hause hat es die ungelenke rothaarige Stipendiatin aus armen Verhältnissen nicht leicht. Sie weiß sich trotzdem durchzusetzen: mit sozialer Geschmeidigkeit, eifriger Strebsamkeit und bigotter Anpassungsfähigkeit. Talente, die ihr noch zugute kommen sollen. Als der Vater sich auf dem Dachboden erhängt und die Mutter wenige Zeit später bei einem Straßenbahnunfall ums Leben kommt, ist die gerade erst volljährige Gisela auf sich selbst gestellt. Sie nimmt eine Stelle als einfache Angestellte in der Vorortfiliale einer Bank an.

"Die Wende zur Aktivität, zum Auskundschaften, Sondieren und schließlich Ergreifen von Möglichkeiten erfolgte über einen Umweg: In der Oper, am Stehplatz, lernte Gisela einen jungen Mann kennen, ein schmalbrüstiges, blasses Bürschchen, das immer im schwarzen Anzug erschien, Schnürsenkelkrawatte, polierte, schwarze Schuhe dazu. "

Edi, Jurastudent mit Hang zu musikalischen Träumereien, ist der Sohn eines hohen Gewerkschaftsfunktionärs und Nationalratsabgeordneten. Für Gisi eine vorteilhafte Partie und Trittbrett für ihre steile berufliche Karriere. Während Edi sich erst um Tochter Sophie kümmert und später in der Sachwaltschaft Dienst tut, steigt Gisela unmittelbar nach ihrer Promotion zur Bankdirektorin auf. Nach kurzer Zeit langweilt sie sich mit dem braven Edi wie Emma Bovary mit ihrem Landarzt. Sie sieht sich nach anderen Möglichkeiten um. Doch anders als bei Emma werden Giselas erotische Eskapaden vor allem von Machthunger und ihrer Gier nach gesellschaftlicher Anerkennung getrieben. Ihre berufliche Position erlaubt es ihr, einen Kreis von Männern in finanziellen Schwierigkeiten an sich zu binden. Gisela spielt mit ihren Verehrern, protegiert sie, aber lässt sie auch gnadenlos fallen. Niki Scheschtak, ein Frauenschwarm und glückloser Verleger schöngeistiger Literatur, wird von ihr sogar in den Selbstmord getrieben. Mit ihrer skrupellosen Machtgeilheit übt Frau Direktorin Stern selbst auf Männer wie Finanzminister Maiernigg eine perverse erotische Anziehungskraft aus. Der Sohn des vom Handelsvertreter zum Immobilienspekulanten aufgestiegenen Johann Josef Maiernigg staunt über sich selbst:

"Das Überzogene, das Streberhafte und Eifrige, das kleinteilig Emsige und Gierige an der Person war es doch gerade, was ihn so anzog. Arme Haut! Steht immer auf Zehenspitzen. Ekelhaft. Widerlich im Grund. – Vielleicht erinnerte sie ihn in ihrer Hilflosigkeit, ihrer Verlorenheit sogar ein wenig an ihn selbst, an die eigene Not? Talmi und Schmus, alles."

Der Minister und die Direktorin kommen sich näher. Und machen gemeinsam krumme Geschäfte. Viel zu schnell fliegt die Korruptionsaffäre auf. Für Gisela Stern der Beginn eines rasanten gesellschaftlichen Abstiegs. Die Direktorin wird von ihrer Bank gekündigt und muss ihre Villa auf dem Wilhelminenberg verkaufen. Ihr Mann lässt sich scheiden, Tochter Sophie geht mit. Wieder zurück in Hütteldorf, flüchtet Gisi sich in die Traumwelt der Vorstadtkinos und berauscht sich an den Wühltischen der Warenhäuser. Doch die Wirklichkeit entgleitet ihr immer mehr.

"Ihr kam überhaupt vor, als begännen die Dinge um sie herum ihr Volumen zu verlieren, ihre Form einzubüßen. Wie ausgeblasen, wie eingedepscht sahen sie aus. So kam ihr zum Beispiel eine Straßenlampe (…) wie ein herunterhängendes Seil vor, die Autos in der Straße wie Luftballons (…), in der Stadt, die Köpfe vorübereilender Passanten: angefaulte Kürbisse."

Zurückgeworfen auf sich selbst, steht Gisi vor einem Abgrund. Alles, was ihrem Leben vordem Halt gegeben zu haben schien, wird im Moment des totalen gesellschaftlichen Absturzes als unwahre Pose entlarvt. Der Blick zurück zeigt ein geborgtes Leben aus zweiter Hand. Ihre geschäftstüchtige Gefühllosigkeit und ihren todesverachtenden Sinn für Profit hat Madame Stern mit dem Fehlen jeglicher Individualität, der Uneigentlichkeit aller Empfindungen und der Floskelhaftigkeit des Denkens erkauft. Mit diesen Charakteristika liefert "Madame Stern" ein präzises Sittenbild ihrer Zeit. Als skrupelloser Machtmensch stellt Gisela Stern einen Phänotyp des Genotyps "homo oeconomicus" dar. Sternförmig bewegen sich die Familien- und Lebensgeschichten der Figuren in Peter Roseis Erzählung wie von einem Magneten angezogen auf sie zu. In der ihnen von diesem Machtzentrum zugewiesenen Rolle fungieren Scheschtak, Maiernigg und Co. als Agenten der alles dominierenden ökonomischen Systeme und Prozesse.

"Madame Stern" ist eine gelungene Kontrafaktur auf Gustave Flauberts "Madame Bovary". Peter Roseis Sittenbild einer völlig durchökonomisierten Gesellschaft ist so gnadenlos wie die Figuren selbst. Sein Roman liefert eine messerscharfe Analyse der Mechanismen ökonomischer Psychologie. Indem Rosei zeigt, wie ihre Agenten funktionieren, entlarvt er das System selbst. Die Fragilität des Systems spiegelt sich in der Erzählkonstruktion. Die streng geometrische, sternförmig zentrierte Geschichte kippt genau am Höhepunkt von Sterns Macht ins Bodenlose. Damit löst sich auch der geordnete Wahrnehmungszusammenhang und die klare Logik der Sprache auf. Alles zerfällt in Entropie. Der Strudel surrealer, halluzinativer Bilder bringt am Ende auch den Leser ins Taumeln. Schließlich ist auch er nichts weiter als ein Agent wirtschaftspolitischer Prozesse. Wie sein großer Kollege Gustave Flaubert, überlässt es Peter Rosei dem Leser, seine eigenen Schlüsse daraus zu ziehen.

Literaturhinweis: Peter Rosei: Madame Stern.Residenz Verlag 2013, 160 Seiten, 19,90 Euro.

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