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StartseiteBüchermarktGoulds Buch der Fische. Ein Roman in zwölf Fischen28.11.2002

Goulds Buch der Fische. Ein Roman in zwölf Fischen

Berlin Verlag, EUR 24,-

Der Roman ist eine Fälschung. Das behauptet der Erzähler Sid Hammet, und der muss es wissen. Hammet lebt davon, dass er neue Möbel auf alt poliert und sie amerikanischen Touristen verkauft. Mit den Fälschen verdient sich Sid Hammet sein tägliches Brot, doch dann wird es Passion. Eines Tages findet Hammet ein Buch, das ihn ganz in seinen Bann nimmt. Ein australischer Strafgefangener hat es im frühen 19. Jahrhundert geschrieben. Das Buch besteht aus vielen Zetteln und Papieren, die kreuz und quer beschrieben sind, nicht mit Tinte, sondern mit Exkrementen, Blut und Dreck. Mehr stand dem Verfasser, einem gewissen William Buelow Gould, nicht zur Verfügung, denn zum Zeitpunkt der Niederschrift wartet er in einer Zelle auf seine Hinrichtung. William Buelow Gould ist eine historische Figur, das versichert uns der Autor dieses ungewöhnlichen Romans, der Australier Richard Flanagan. Allerdings hat der echte Gould nicht geschrieben, sondern gemalt:

Tanya Lieske

Sogar bei uns in Tasmanien gilt William Buelow Gould als obskure Gestalt. Er war ein Strafgefangener, ein sturzbesoffener Versager, der für verschiedene hochrangige Leute Bilder gemalt hat. Vor ungefähr zehn Jahren hat mir ein alter Archivar dieses wunderbare Buch gezeigt, das aus 28 leuchtenden Fisch-Bildern besteht, die dieser Häftling vor 200 Jahren gemalt hat. Ich war sofort fasziniert, denn einerseits waren es natürlich naturwissenschaftliche Studien, aber sie waren auch sehr komisch. Ganz so, als hätte der Maler sich über die Tyrannen des Gefangenenlagers lustig gemacht.

Für Sid Hammet, den fiktiven Autor und Herausgeber dieses Romans, weigern sich Goulds Aufzeichungen, zu Ende zu kommen. Jedes Mal wenn er glaubt, er hätte alles gelesen, fällt ihm ein neues Blatt die Hände. Das Buch beherrscht all seine Gedanken, und dann geschieht das Undenkbare. Hammet legt es auf einem Kneipentresen ab, dort verwandelt es sich in eine Pfütze und wird weggewischt. Der verzweifelte Hammet beginnt damit, das Gelesene nochmal aufzuschreiben, zuverlässig, wie er selbst behauptet, weit ab vom Schuss, meinen seinen Freunde. Was vielleicht auch nicht so wichtig ist, denn auch der erste Erzähler, Gould, war ein äußerst windiger Zeitgenosse.

Also, ich wollte ein Buch schreiben, das die Freude am Erzählen wiedergibt. Ich mag verschachtelte und lustige Geschichten, und man weiß ja sowieso, dass alles Erzählte erlogen ist. (...). Romane, die die absolute Wahrheit für sich gepachtet haben, machen mich immer misstrauisch, denn sie geben nicht zu, wie versponnen das Medium an sich ist. Die Leute hören es doch gerne, wenn man zugibt, dass man sie an der Nase herum führt.

Das Spiel zwischen fiktivem und echtem Autor, das Legen und Verwischen von Erzählspuren, hat Flanagan nicht erfunden. Was trotzdem aufhorchen lässt, und was ihm wohl auch den begehrten Commonwealth-Literaturpreis eingetragen hat, ist der Gegenstand, auf den er diese Erzähltechnik anwendet. Sein Roman handelt von der Gründung und dem Niedergang einer Strafkolonie. Normalerweise ist dieses Thema den Australiern heilig. Es gibt dazu zahllose Bücher und Filme, die man getrost als Heimatgenre bezeichnen darf. Nur mit den Mitteln der Satire hat sich bislang noch keiner dem Mythos der Staatsgründung genähert. Richard Flanagan tut genau das. Mit seinem Roman, "Goulds Buch der Fische", bricht er ein Tabu, und in Australien hat er dafür nicht nur Zuspruch, sondern auch harsche Kritik geerntet.

Jede Nation macht ihre Schreckenszeiten durch. Aber die Unmengen von schlechten Büchern, die danach wie Pilze aus dem Boden schießen, finde ich fast noch schlimmer. In meinem Land hat das Trauma der Strafgefangenenkolonie Unmengen von schlechter Literatur hervorgebracht. Ich wollte nicht noch so ein Buch schreiben und auch keinen historischen Roman. Es sollte sogar ein anti-historischer Roman werden, der die Vergangenheit nicht als eine abgelegte Epoche behandelt. Mich beschäftigt der Gedanke, dass die Zeit nicht linear, sondern spiralförmig vergeht.

Die Hauptfigur des Romans, William Buelow Gould, ist ein Kunstmaler, der sich aufs Fälschen verlegt hat. Er wird erwischt, und von London nach Sarah Island geschickt, einer Strafgefangenen-Insel vor Tasmanien. Dort wird Gould wegen eines Mordes, den er nicht begangen hat, zum Tode verurteilt und eingekerkert. Sarah Island kann man sich als Vorhof der Hölle vorstellen. Gould schildert Massenmorde, Exekutionen, Foltern und Vergewaltigungen im Dutzend, die Opfer sind weiße Strafgefangene und schwarze Ureinwohner. Sarah Island wird regiert von einem Gouverneur, der stets mit einer Goldmaske umherrennt, um seine zwergenhafte Gestalt zu erhöhen. Der Gouverneur ist ein gebildeter Mann. Er bewundert die französische Aufklärung und die Errungenschaften der industriellen Revolution. Gould muss ihm Kulissen von Gebäuden und europäischen Landschaften anfertigen, davor dreht eine echte Dampflock ihre Runden. Im Stile des aufgeklärten Philosophen führt der Gouverneur eine gepflegte Korrespondenz mit einer gewissen Miss Anne, die sich später als Opiumgespinst des britischen Skandalautors Thomas de Quincey entpuppt. Es kommt noch dicker. Auf Sarah Island gibt es einen Gefängnisarzt, Dr. Lempriere. Der ordnet Hinrichtungen an und wohnt ihnen bei, im Übrigen hat er sich den Naturwissenschaften verschrieben. Wegen seiner Leibesfülle kommt er immer in Versalbuchstaben zu Wort:

7/SCHAUEN SIE MICH AN, sagte er irgendwann, EIN SPÄT GEBORENER MEDICI - SIE BOTTICELLI! - Ich lächelte, aber dann merkte ich, dass er keine Miene verzog, dass seine schimmernden Augen einen stumpfen Glanz angenommen hatten, und ich verstand, dass das kein Witz gewesen war. - ABER UNSERE AUFGABE - GRÖSSER - INTERPRETATION DER NATUR - ABER NICHT ZUR ZIER - KLASIFIZIEREN - DIE NATUR ORDNEN - DANN BLEIBT NUR NOCH EIN RÄTSEL ÜBRIG - GOTT.

Dr. Lempriere, ein Fettwanst mit gepudertem Gesicht und Schnallenschuhen, versteht sich als Nachfolger Linnés. Mit einer Klassifikation der tasmanischen Fische, bei der ihm Gould behilflich sein soll, will er in die königliche Akademie der Wissenschaften aufgenommen werden. Als das misslingt, wendet er sich einem neuen Unternehmen zu, das er "Crania Tasmania" nennt. Er läßt eine Handvoll Aborigines enthaupten, wirft ihre Köpfe in Säure und schickt die numerierten Schädel nach London. Der Zufall will es, dass Lempriere vor Abschluss dieses Experiments von einem riesigen Schwein gefressen wird. William Gould findet seinen Schädel, gibt ihm die Nummer M 36. Die königlichen Wissenschaftler reagieren sofort: Mit M 36 stehe ein für allemal fest, dass die schwarze Rasse der weißen unterlegen sei.

Bei uns in Tasmanien erzählt man sich die Geschichte von dem letzten Aborigine, King Billy Lanny. Um 1870 starb er in einem Pub in meiner Nähe. Und es gab einen Chirurg im Dienste der englischen Krone, der sofort seinen Kopf aufgeschnitten und den Schädel entfernt hat. Er hat das Ganze wieder notdürftig zusammengenäht, und es kam ein anderer Gelehrter. Der war empört, dass der Schädel schon weg war, also hat er noch Hände und Füße abgeschnitten. Die wenigen Aborigines, die damals noch übrig waren, waren traumatisiert, denn in ihrem Glauben muss der Körper dem Land zurück gegeben werden.

Richard Flanagan spricht im Zusammenhang mit der britischen Besiedlung Australiens von einem "Gulag" - ein Begriff, der nicht der offiziellen Geschichtsschreibung entspricht, der aber die Position vieler jüngerer Intellektueller umreißt. Den Aborigines hat er mit der Figur der Twopenny Sal in seinem Roman ein Denkmal gesetzt. Sie ist sowohl die Geliebte des Kommandanten, als auch die von William Buelow Gould. Als einzige Figur bewahrt sie sich ihre persönliche Integrität und Würde.

Es ist faszinierend in einem Land wie Australien zu leben, denn man wird ständig mit einer ganz anderen Vorstellung davon konfrontiert, wie der Kosmos zustande kam. Man kann seine eigenen Ideen immer wieder in Frage stelllen. Ich glaube auch, dass die australische Kultur viel mehr von der Denkweise der Aborigines beeinflusst ist, als man zugeben will.

Wer aufmerksam liest, wird auch diesen Gedanken in "Goulds Buch der Fische" aufspüren. Er versteckt sich in der Behauptung, dass die Geschichte nicht linear sondern zirkulär verlaufe. Man erkennt ihn in den vielen Kreisen und Schlingen, die der Erzähler zieht, bis William Buelow Gould schließlich vor dem Galgen steht, zum Fisch wird, sich in einem Aquarium wiederfindet, durch dessen Scheibe Sid Hammet starrt. Richard Flanagans Roman ist auch ein Beitrag zur andauernden Debatte um das australische Selbstverständnis. Er bemängelt, dass die australische Intelligenz heute noch so gebannt nach Europa starrt wie einst der Gouverneur seines Romans. "Goulds Buch der Fische"

Australien ist in vieler Hinsicht noch eine Kolonie im Geiste, und seit Kurzem haben wir es zudem noch mit einem Rechtsdrall zu tun. In den neunziger Jahren hat das Land viel an Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit gewonnen. Aber dieser Mut ist verpufft. Und jetzt erzählen uns die Exerziermeister unserer Intelligenz wieder, dass wir uns an den längst vergangenen Moden in Europa und Amerika orientieren sollten. (...). Das macht mich wirklich wütend, denn jeder muss seinen eigenen Weg finden.

Richard Flanagan macht den größtmöglichen Rundumschlag. Er streift durch die europäische Geistesgeschichte, und er dreht am Rad des australischen Selbstbewusstseins. Er zitiert Shakespeare, Voltaire und Swift, er klaut bei Sterne und Borges, er imitiert Joyce und Marquez - die Liste ließe sich verlängern. Er vermischt das Zitierte und Eigene, das Banale und das Erhabene, das Echte und das Gefälschte. Dieser Reichtum ist zugleich auch die größte Schwäche des Romans. Versucht man, einer Gedankenspur nachzugehen, dann verliert sie sich im Gewimmel. Am Ende bleibt dem Leser garantiert nichts außer einem Pfützchen Wasser auf dem Tresen. Einen Strick kann und will man dem Autor daraus nicht drehen. Flanagan geht eben nicht nur unverfroren, sondern auch verdammt gekonnt ans Werk. Die aufwendige Gestaltung des Buches, das in verschiedenen Farben gedruckt ist, erledigt den Rest. "Goulds Buch der Fische", von Peter Knecht virtuos ins Deutsche übertragen, ist eine Fälschung auf die man nicht verzichten will.

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