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StartseiteBüchermarktGrammatik der Schöpfung21.10.2001

Grammatik der Schöpfung

Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer

George Steiner hat ein unvergleichliches Buch geschrieben: einen poetischen Traktat vom Ende des Menschen, von seiner Dämmerung. Trotz der Beschwörung des schwindenden Lichts, des Niedergangs - "Feierabend, die Herrschaften!" - strahlt dem Leser ein helles Licht entgegen, und er erlebt Aufgänge, Morgenlicht. Es ist die Helligkeit eines ganz von Sprache und Poesie umhüllten Denkens. Das Denken, das in diesem Buch auf einzigartige Weise entfaltet wird, ist licht, auch wenn sein Gegenstand der länger werdende Schatten bis zur völligen Dunkelheit ist: der Zusammenbruch der Menschlichkeit inmitten der Zivilisation, das Drama des 20. Jahrhunderts. Für den 1929 in Paris geborenen George Steiner, der an vielen internationalen Universitäten vergleichende Literaturgeschichte gelehrt hat, ist der heutige Mensch eine heliotrope Pflanze, gebeugt zur Erde und zur Nacht hin, ein sein Ende fühlendes Wesen, ein "Spätling".

Hans-Jürgen Heinrichs

Im Gespräch betont George Steiner, er würde immer darauf insistieren, dass man niemals die Verwunderung über die geschehenen Greuel in diesem Jahrhundert aufgeben dürfe: Warum hat uns unsere Humanität nicht vor der Barbarei geschützt?

Nichts hat uns auf unser Jahrhundert vorbereitet. Die erste Frage, die ich in allen meinen Büchern und während meiner ganzen Lehrtätigkeit stellte, war ganz einfach: Warum hat die humanistische Lehre (im weitesten Sinn dieses Wortes), warum hat die Vernunft der Wissenschaften uns keinerlei Schutz vor dem Inhumanen gewährt?

Wie vertragen sich Rationalität, das hohe kulturelle Selbstbewusstsein und die praktizierte Bestialität? Warum hat die Zivilisation nicht mehr dem tief verwurzelten Destruktionstrieb entgegenzusetzen, und wird sich die Kultur gegen die geistige und materielle Fast-food-Welt behaupten können? In dem 1999 erschienenen Band Errata hatte Steiner eine "Bilanz des Lebens" vorgelegt, ein Buch der Hoffnungen, der Idealisierungen und der Desillusionierungen, der Freude und der Trauer und der Wut; zum Beispiel gegenüber Krieg und Folter, die trotz der so hoch eingeschätzten Zivilisation niemals aufgehört haben, die Menschheit, zumindest in ihrem idealisierten Selbst-Bild, im Kern zu zerstören. Und so bemerkt denn Steiner in seinem nun vorliegenden Band, dass die Unmenschlichkeit wohl die gesamte Geschichte der Menschheit durchzieht, dass es utopische Gesellschaften (bestimmt von Gerechtigkeit und Vergebung) nie gegeben hat und dass wir es dennoch im 20. Jahrhundert mit einem radikalen Bruch und dem Beginn einer neuen Zeitrechnung zu tun haben. Ist es übertrieben, von einer "Zeit aus der Hölle" zu sprechen, wenn schätzungsweise 70 Millionen Menschen zwischen 1914 und den "ethnischen Säuberungen" auf dem Balkan durch Krieg, Hunger, Verschleppung, politischen Mord und Krankheit, wie in einem riesigen, überdimensionalen, grausamen Ritual, geopfert wurden?

Der Zusammenbruch der Menschlichkeit in diesem 20. Jahrhundert 1 birgt spezifische Rätsel. Er geht nicht auf Reiter der weiten Steppe oder Barbaren an den fernen Toren zurück. Nationalismus, Faschismus und Stalinismus ... entspringen dem Kontext, der Lokalität, den administrativ-sozialen Instrumenten der Hochburgen der Zivilisation.

Die Umkehrung der Evolution hin zur Bestialisierung hat im 20. Jahrhundert einen Schub von geradezu unvorstellbarer Energie erfahren. Die Tatsache, dass Menschen allein aufgrund ihres Daseins, ihrer Existenz, ihres bloßen Anspruchs auf Leben für schuldig empfunden und mit unsäglichen Torturen bestraft wurden, hat der Gewalt eine Dimension verliehen, die wie ein Nährboden wirkt für all die folgenden maßlosen Versklavungen, Folterungen und Zerstörungen, bis hin zu den alltäglichen Massakern, weltweit.

Das Besondere, zutiefst Kreative in Steiners Buch besteht nun darin, wie er sich aus der Umklammerung des Schreckens und der Verzweiflung, der Dämmerung der Menschheit löst und die "Auswirkungen dieses verdunkelten Zustandes auf die Grammatik" (als einer artikulierten Organisation von Wahrnehmung, Reflexion und Erfahrung) ins Spiel bringt. In den grammatikalischen Formen des Futurs und des Konjunktivs, der "es wird-sein"- und "wenn"-Konstruktionen, in dieser ganz einzigartigen Grammatologie, die dem Menschen, als "Sprachtier", in seiner Evolution zur Verfügung stand, zeigt sich das ungeheure Potential des Hoffens, des Bangens und der Furcht, sich zuspitzend im Gebet und in verwandten Ritualen. Und genau dieses Absicherungssystem ist zusammengebrochen oder lebt nur noch in völlig veräußerlichten Rudimenten fort:

Das 20. Jahrhundert hat die theologische, die philosophische und die politisch-materielle Absicherung von Hoffnung fragwürdig werden lassen. Es stellt die Begründung und die Glaubwürdigkeit von Futurformen in Frage. Es läßt Franz Kafkas Aussage verständlich werden, dass es unendlich viel Hoffnung gibt, nur nicht für uns.

George Steiner versteht sein neues Buch als ein Bedenken der verlorengegangenen, in etwas "Seltsames" verwandelten Zukunftsformen und als eine Universalgeschichte der Schöpfung, also der Anfänge, des Urgrunds. Es zeichnet sein gesamtes Denken aus, dass er dabei immer den Menschen in der ganzen Breite seiner geistigen, intellektuellen und künstlerischen Ausdrucksformen im Blick hat:

Wie hängen Geschichten vom Beginn des Kosmos mit denen zusammen, in denen die Geburt des Gedichts, des Kunstwerks oder der Melodie erzählt wird? In welcher Hinsicht sind theologische, metaphysische oder ästhetische Vorstellungen von Beginn miteinander verwandt oder gehen auseinander?

Das wunderbar Leichte und Spielerische kommt in Steiners gelehrten Diskurs dank seiner Überzeugung, dass das Künstlerische immer über dem Wissenschaftlichen stehe, niemals könne es, so hat er früher einmal geäußert, eine theoretische Widerlegung des Kunstwerks geben. Er beharrt auf der Einzigartigkeit des schöpferischen Werks, auf dem Zauber, den eine theoretische Auflösung niemals erfassen könne. Selbst das Winzigste werde durch die Kunst und Dichtung unverletzlich gemacht. Er spricht in seinem vorigen Buch Errata auch von der "Offenbarung inkommensurabler Einzigartigkeit", die ihn aber nicht nur gefesselt hielt, sondern ihm auch Furcht bereitete. Und er erinnert sich an ein Erlebnis seiner Kindheit, als er sich immer wieder in ein illustriertes Handbuch der Wappen für die fürstliche Stadt und die umgebenden Eehnsgüter vertiefte und erstmals die "Verschmelzung von Vergnügen und Bedrohung, von Faszination und Unbehagen" erfuhr, eine Kombination, für die die Erwachsenen und die Wissenschaften so wenig Sinn hätten:

Heute, wo die ganze Therapie darauf hinausläuft zu vereinfachen und nur keine Anstrengung zu fordern, scheint es mir sehr viel schwieriger geworden zu sein, zur Freude zu gelangen, in Freude zu wachsen. Der Kampf, der nötig ist, um alltägliche Probleme zu lösen, hat überhaupt nichts Sadistisches oder Trübsinniges an sich, im Gegenteil, in dem Augenblick, da sich der Erfolg einstellt, gibt es einen Augenblick des Lachens, der riesigen Freude. Für Steiner ist alles Verstehen vorläufig und unzulänglich; die Beziehungen zwischen Wort, Zeichen und Welt bleiben auf immer undurchsichtig. Es sei, bemerkte er einmal, als ziehe das Gedicht, das Gemälde, die Sonate rings um sich "einen letzten Kreis, einen Raum für unverletzte Autonomie". Alle Theorien blieben "unheilbar sprachlich, dem Wort verhaftet.

Liest man nun auf dem Hintergrund dieser Gedanken Steiners Grammatik der Schöpfung , dann erscheint sie wie ein letztes grandioses Aufbegehren gegen das Ende von kosmischer und künstlerischer Schöpfung und als ein vehementes Eintreten für die Besinnung auf das Anfängliche. Sobald man das Denken und die Meditation des Anfangs zuläßt, taucht unweigerlich der Wunsch auf, auch das ganz Andere, das davor liegen mag, zu kennen:

... die Mutmaßung .... dass es 'Andersheit' gibt, die außer Reichweite ist, verleiht unserer elementaren Existenz ihren Pulsschlag der Unerfülltheit. Wir sind die Geschöpfe eines großen Durstes. Darauf versessen, an einen Ort heimzukehren, den wir nie gekannt haben.

Steiners Interesse am Anfänglichen, an den aufgeladenen "Magnetfeldern rings um die Schöpfung" - wovon die Mythen, die Kosmologien und die Kunstwerke erzählen - kreist um die Vorstellung von einem Bruch, von Plötzlichkeit, dem Anfang in der Zeit und dem Anfang der Zeit. Alle uns bekannten Darstellungen von Gottheiten und unsere Definitionen des Göttlichen sind immer geknüpft an Schöpfertum und ein " erstes Machen". Gott kann offensichtlich nicht anders als erschaffen, er ist "le Grand Commenceur ".

Der Erste Beweger - selbst bewegungslos und verantwortlich für die "Geburt und Architektur der Wirklichkeit", einer, der das "Uhrwerk des Seins in Gang" setzte - ist das Urbild, der Archetypus jeder Form von Schöpfung, ob in der Verfertigung von metaphysischen und theologischen Systemen oder von Kunst und Dichtung. Die Frage, was dem Leben Leben verleiht, kann nur gewaltsam verdrängt werden - wie in den materialistischen und mechanistischen Kosmologien und Biologien nach Comte und Darwin - oder sie kann einer radikalen philosophischen Infragestellung ausgesetzt werden, wie sie Derrida mit der Dekonstruktion vollzogen hat:

Die Dekonstruktion in den kritischen Sinntheorien der heutigen Zeit ist genau das, was ihr Name sagt: ein 'Ent-bauen' jener klassischen Sinnmodelle, welche die Existenz einer vorgängigen autoritas, eines Baumeisters, annahmen. In Derridascher Dekonstruktion gibt es weder 'Väter' noch Anfänge.

Am Schnittpunkt zwischen der vollzogenen Entheilung der Anfänge und dem Aufkommen einer neuen, universal anmutenden Schöpmngs-Phantasie in der Genforschung, genau nach der Verabschiedung der Schöpfung einerseits und der Selbst-Inthronisierung der Genforscher als Zweite Schöpfer andererseits ist George Steiners Grammatik der Schöpfung angesiedelt. In der Entschiedenheit des Fragens nach dem Anfang ist sie das Finale des 20. Jahrhunderts, ein Jahrhundertbuch der abgeschworenen Schöpfung und des verlorengegangenen Futurs, und sie steht zugleich ganz am Anfang des neuen Jahrhunderts, das bestimmt wird von Nach- und Neuschöpfungsphantasien durch die Entschlüsselung des Humangenoms.

Die Kunst und die Literatur spielen in Steiners Diskurs eine so entscheidende Rolle, weil das, was wir mit "Schönheit" bezeichnen, in der ursprünglichen Schöpfung ^ineins fällt mit der ersten Formgebung des Formlosen:

"Wo immer sich das Verb 'erschaffen' aufdrängt, ist es in einzigartiger Weise nachhallend und beunruhigend ... Solange menschliche Produktionen sich nicht als mit diesem 'Scheinen' Gottes im Sein rivalisierend verstehen .... sind sie gebührende Reaktionen auf die göttliche, uranfängliche Imagination ...

Im Verhältnis zur absoluten Einzigartigkeit des ersten Schöpfers und seiner ursprünglichen, authentischen Schöpfung ist jede Kunst nachträglich - was im Modemismus zur Wut gegen das Nachgeborensein, zur Revolte gegen den Vater und zur Erfindung neuer Sprachen und imaginierter Syntaxformen (etwa bei den Dadaisten und Futuristen) gerührt hat. Aber auch dem Schöpfer (der nach Ansicht der Kabbala und der modernen Astrophysik mit der ersten Schöpfung nicht "zufrieden" war und eine Vielzahl von Universen schuf wird zuweilen ein Gefühl der Bedingtheit, des Mangels zugeschrieben: Gab es an der geheimen Quelle der Schöpfung eine "Traurigkeit", als der Erschaffer seine "eigene Verborgenheit" erfuhr? Und auch die Kunst -die sich wohl nie ganz von der Idee des Schöpferischen lossagen kann -ist im Innersten von Trauer und Verlustspuren geprägt.

Angesichts des Potentials des Nicht-Seins - dieser grenzenlosen Weite des Nichts - stellt die Kunst-Form eine Einschränkung, einen "Riss" dar. Und gerade in dieser so vitalen Seins-Form, die die Kunst verkörpert, ist das Verschwinden, die Auslöschung ständig präsent. Alle Techniken und Materialien sind vergänglich - Joseph Beuys' Sandzeichnungen wurden, kaum fertiggestellt, von einer Welle weggespült.

Das Verschwinden, die Stille und die Farbe Weiß sind selbst zu Bausteinen der modernen Dichtung, Musik und Malerei geworden. Nicht-Sein übt einen Sog auf die Existenz aus, und das Existierende ist in jedem Augenblick vom Nicht-Sein bedroht. Die immer wieder beschworene "Unheimlichkeit" der Schöpfung, diese "schier absolute Wunderbarkeit, die das Denken übersteigt", die ohne Rechtfertigung auskommende Schöpfung aus dem Formlosen kann als die Urgestalt von Kausalität (im weiten Sinn) angesehen werden. Hier liegt die Möglichkeit beschlossen, wahre Logik und Schönheit in Einklang zu sehen. Diese Berührung hat sogar eine "personale " Form:

Die ontologische Einsamkeit des schöpferischen Moments, der 'Autismus' des Dichters und Künstlers ist ... dicht bevölkert. Der 'Andere', in dessen Gegenwart der Schriftsteller oder Komponist arbeitet, ist immer wieder ein mehr oder weniger bildlich aufgefaßter Gott. Er ist der 'einzige wahre Erzeuger' und Schirmherr des Werkes.

Der gedankliche Reichtum und die poetische Kraft in George Steiners Buch sind auf wunderbare Weise Belege für die nie endende Schöpfung, für das, was der Autor von Dantes Werk sagt:
... es ist eine ununterbrochene Meditation über Schöpfung in poetischer, metaphysischer und theologischer Sicht. Dantes Begriff des Geschaffenen ... ist vom Staunen über die Tatsache des Ins-Sein-Kommens erfüllt und belebt. Die bekannte Bemerkung Wittgensteins über das grenzenlose Erstaunen, das die Existenz der Welt widerspiegeln sollte, hätte von Dante stammen können.

Was einmal in Gang gebracht ist - so könnte ein Fazit dieser sich grenzenlos verzweigenden Gedanken zur Schöpfung lauten -, steht in einem ununterbrochenen Sog und Gegensog von Sein und Nichts zwischen dem, was ins Sein gerufen wurde und der völligen Abwesenheit, die aber als eine Art Hintergrundstrahlung anwesend ist: im Sein ebenso wie im Kunstwerk. (Als die Kunst dies begriff, fing sie an, die Gegenwart des Nicht-Seins, der Nicht-Farbe, der Stille und des Schweigens und all dessen, "was hätte sein können", mit in die Darstellung einzubeziehen: eine "Ästhetik angeregter Leere". Oberhalb dieser tiefsten Dimension breiten sich dichtmaschige Netze aus: zwischen "Schöpfung" und "Erfindung", Neuschöpfung, Nachschöpmng, Kombination, "schöpferischer Stummheit", Verklärung und dem Wunsch nach Verständlichmachung. Die Wissenschaft nähert sich da weitestgehend der Dichtung an, wo sie die Sprache in faszinierenden und gleichwohl abstoßenden Idiolekten (am ausgeprägtesten bei Jacques Lacan und Martin Heidegger) unterminiert:

Heidegger verkündet, seine Lehre werde nur dann fruchtbar gewesen sein, wenn seine Hörer ihn nicht verstanden oder wenn sie ihn falsch verstanden hätten... So scheint mir die gesamte Frage der Kreativität, der Schöpfung im Denken ungreifbar zu bleiben. Da sie in der Sprache verwurzelt ist, widersetzt sie sich einer Klärung von innen.

George Steiner ist mit nie nachlassender Intensität, Feinfühligkeit und einer Gelehrsamkeit, die wie ein einzigartiges Juwel die heute vorherrschende Mittelmäßigkeit von Wissenschaftsverwaltern und -managern überstrahlt, den "Aufrufen zum Werden" in der Evolution, der Denkgeschichte, Kunst und Literatur nachgegangen. Er hat der "Einsamkeit Gottes" - schuf er den Menschen nur, um Gesellschaft zu haben? - und der Einsamkeit des Künstlers nachgeforscht und ihn dabei auch in seiner Kollektivität und sozialen Eingebundenheit erfasst. Er hat die Gottähnlichkeit im tiefsten Grund der Kreativität in immer neuen Umkreisungen als wahrscheinlich gedeutet und dabei die Frage nach den "innersten Triebfedern" des Schaffens dennoch offengelassen. Er hat die Frage erörtert, ob die "großen Geschichten" weiterhin erzählt werden, ob die Besessenheit vom Unendlichen sich auch weiterhin in der Kunst und Literatur zu artikulieren sucht:

Jubel und Leid des Menschen, seine Qual und sein Triumph, seine Liebe und sein Hass werden weiterhin nach gestaltetem Ausdruck verlangen. Sie werden weiterhin Druck auf die Sprache ausüben, die unter diesem Druck zu Literatur wird.

Im Zeitalter der dominierenden Naturwissenschaften und nach der geistig-spirituellen Entleerung in der modernen Kunst hat die Schöpfung viel Terrain an die mehr technische Erfindung abgetreten. Seit der Dada-Bewegung, so Steiners Fazit, sind die Ansprüche der Kunst auf Vernunft und Humanisierung verloren gegangen und werden wohl nur noch schwer wiederzugewinnen sein. Der neue Maßstäbe setzende intelligente Ersinner Marcel Duchamp hat ein Zeitalter eröffnet, in dem künstlerische Schöpfung mit Erfindung gleichgesetzt wird.

Angesichts des sanften Lächelns und des auffallend milden Gesichtsausdmcks von George Steiner muss man die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass ein ganz von Tönen, Lauten und Wörtern, von Intuitionen, Assoziationen, Spekulationen, Visionen und einem elan vital erfülltes Leben glücklich macht, die Schwere des Gedankens auflöst: in Tausende und Abertausende von Partikeln eines schwebenden Diskurses, einer Philosophie, die in letzter Konsequenz nicht mehr von Musik zu unterscheiden ist.

Wenn das 21. Jahrhundert nicht vorzeitig zu Ende geht und sich ganz in seinem Sinn und Wahnsinn erfüllt haben wird, kann Steiners Buch vielleicht am besten von dieser offensichtlich notwendigen Dynamik angesichts göttlicher und menschlicher Schöpfung Kunde geben. Innerhalb der Wissenschaften ist dieses Buch (das sogar in vielen seiner Exkurse, etwa zu Hölderlin, Celan, Rene Char und Ludwig Hohl, fast die gesamte Sekundärliteratur in den Schatten stellt) uneinholbar. Ein wahrhaft ergreifendes Buch.

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