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StartseiteBüchermarktGrandioser Erzählband21.11.2010

Grandioser Erzählband

Buch der Woche: Thomas Bernhard: "Goethe schtirbt", Suhrkamp Verlag

Der Schriftsteller Thomas Bernhard ist auch lange nach seinem Tod für Überraschungen gut. Den neuen Erzählband "Goethe schtirbt", der sein Werk wie in einem Mikrokosmos zeigt, hatte er sich schon zu Lebzeiten gewünscht.

Von Michaela Schmitz

Thomas Bernhard (Suhrkamp)
Thomas Bernhard (Suhrkamp)

Er sollte die Erzählungen "Goethe schtirbt", "Montaigne" und "Wiedersehen" enthalten - und zwei Stücke, die noch keinen Titel haben. Die vierte Geschichte "In Flammen aufgegangen" kam noch zustande; die fünfte konnte Bernhard nicht mehr schreiben. "Aber ich lebe nur von den Widerständen ... " könnte über dem jetzt publizierten Band mit vier Prosastücken stehen. Um Widerstände geht es hier wie in allen Bernhard-Büchern. Das allein ist keine Überraschung. Überraschend ist vielmehr: Die Geschichten scheinen wie ein Nukleus das ganze Werk Thomas Bernhards als Mikrokosmos abzubilden. Alles ist vorhanden: der typische Bernhard-Stil, seine Themen und die Widerstände, um die sie kreisen. Widerstände bedeuteten ihm alles, erklärt Thomas Bernhard. Schließlich sei er aus Opposition gegen sich selbst zum Schreiben gekommen. Im Interview "Drei Tage" sagt er:

"Es sind lauter Widerstände von Anfang an, wahrscheinlich schon immer gewesen. (...) Plötzlich tauchen Todeskrankheiten auf (...) - Widerstände, natürlich. Man liest Bücher - Widerstände. Man will gar keine Bücher, man will auch keine Gedanken, man will weder Sprache noch Wörter, keine Sätze, man will keine Geschichte - man will überhaupt nichts. Trotzdem, man schläft ein, man wacht auf. (...) Man muss aufstehen, gegen alle Widerstände. (...) Man will eigentlich nichts als einschlafen, davon nichts mehr wissen. Dann plötzlich wieder die Lust ... "

Weiterzumachen ist absurd, aufhören unmöglich. Der Widerstand ist zwar zum Scheitern verurteilt, jedoch unhintergehbar. Das ist tragisch und komisch zugleich. Diese Ironie des Widerstands ist das Gravitationszentrum der Geschichten des Bandes "Goethe schtirbt".

Die Titelgeschichte erschien erstmals 1982 zum 150. Todestag des Dichterfürsten in der Zeit. "Goethe schtirbt" ist eine burleske Komödie. Das Lachen ist schließlich der anarchischste aller Widerstände. Schon im Titel des grotesken Lustspiels wird der Olympier durch die Falschschreibung "schtirbt" mit "S C H" ins Lächerliche gezogen. Damit verstößt Thomas Bernhard gleich gegen zwei der größten Tabus: Über Goethe und den Tod macht man keine Witze. Der Dichterfürst ist bei Bernhard mehrfach Thema: prominent im satirischen Theaterstück "Über allen Gipfeln ist Ruh" oder in Muraus wütend-ironischem Monolog gegen die deutsche Goethe-Verehrung in Bernhards letztem veröffentlichten Roman "Auslöschung". In "Goethe schtirbt" lässt Bernhard Goethe selbst gegen die eigene Dichtung, ja gegen Literatur überhaupt wettern.

Kleist habe er vernichtet, was ihm nicht leid täte. (...) Im Winde klirren die Fahnen, soll Goethe gesagt haben, woher ist das? Riemer hatte keine Ahnung, ich sagte, von Hölderlin, Riemer schüttelte nur den Kopf. Das Nationaltheater habe er, Goethe, ruiniert, so Riemer (...). Was ich dichtete, ist das Größte gewesen zweifellos, aber auch das, mit welchem ich die deutsche Literatur für eine paar Jahrhunderte gelähmt habe. Ich war, mein Lieber, soll Goethe zu Riemer gesagt haben, ein Lähmer der deutschen Literatur. Meinem Faust sind sie alle auf den Leim gegangen. So habe ich die Deutschen (...) hinters Licht geführt. Aber auf was für einem Niveau!

Vom Sterbebett aus hält Goethe sein Plädoyer gegen die Dichtkunst und für die Philosophie. Sich selbst bezeichnet er als Vernichter des Deutschen, Ludwig Wittgenstein dagegen sei für ihn der Verehrungswürdigste. Dessen Tractatus logico-philosophicus löse sein eigenes Denken ab, so Goethe. Sein letzter Wunsch sei es, den Philosophen persönlich zu treffen. Gesagt, getan: Goethe schickt seinen Sekretär Kräuter mit einer Einladung zu Wittgenstein nach Oxford oder Cambridge - vollkommen gleichgültig, wo wirklich, so Goethe. Unterdessen sinniert er weiter über Wittgensteins Satz Das Zweifelnde und das Nichtzweifelnde:

Wir werden das Thema organisieren, so Goethe immer, und es angehen und zerstören. Alles, was er bis jetzt gelesen und durchdacht habe, sei gegenüber dem Wittgensteinschen nichts oder wenigstens beinahe nichts. Er wisse nicht mehr, was oder wer ihn auf oder zu Wittgenstein gebracht habe. (...) Ich kann es nicht mehr sagen. Aber es war meine Rettung. Hoffentlich, so Goethe zu Riemer, so Riemer, setzt sich Kräuter in Oxford oder Cambridge durch und Wittgenstein kommt bald.

Am 22. März 1832 möchte Goethe ihn in seinem Haus in Weimar treffen - ungeachtet der Tatsache, dass jener erst über ein halbes Jahrhundert später geboren wird. Die doppelte Ironie der Geschichte: Der geplante Tag der Zusammenkunft ist Goethes eigener Todestag. Doch noch bevor Goethes Sekretär bei Wittgenstein eintrifft, ist der Philosoph selbst verstorben. Der totkranke Goethe erfährt davon nichts mehr.

Das Prosastück "Goethe schtirbt" ist zweierlei: famos inszenierte Groteske gegen die deutsche Goethe-Verehrung und lustvoll arrangiertes Sprachspiel frei nach Wittgensteins Tractatus. Wittgenstein ist fester Bestandteil des philosophischen Kosmos' von Thomas Bernhard. Im Roman "Korrektur" verweist Bernhard mit der Hauptfigur Roithamer direkt auf dessen Biografie. Auch in der musikalischen Sprachfantasie "Goethe schtirbt" ist Wittgensteins berühmtes Philosophem "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt" als Basso continuo unüberhörbar. Bernhard treibt damit sein poetisches Spiel, indem er in der Erzählung Realität und Fiktion buchstäblich gegeneinander ausspielt.

Durch übergenaue biografische Zeit-, Orts- und Personenangaben tarnt Bernhard seine Geschichte als authentischen Bericht. Die beiden Goethe-Sekretäre sind genauso verbürgt wie das im Text erwähnte Hotel Pupp in Karlsbad oder der Gickelhahn - hier schrieb Gothe sein berühmtes Nachtlied "Über allen Gipfeln ist Ruh." Im Gegenzug wird die Glaubwürdigkeit der Aussagen durch das Erfinden einer jede Wahrscheinlichkeit entbehrenden, völlig abstrusen Geschichte torpediert. Bernhard-typische Erzähltechniken unterlaufen außerdem systematisch die Authentizität. Endlose unabgeschlossene Satzkonstruktionen überfordern jedes Vorstellungsvermögen. Alles Gesagte wird indirekt wiedergegeben und bis zum anonymen Erzähler-Ich mehrfach verschachtelt. Der Realitätsgehalt des Textes wird dadurch bis zum Verschwinden gefiltert, das Illusionspotenzial dgegen enorm gesteigert. Bernhard lässt so selbst die stärkste Einbildungskraft ins Bodenlose stürzen. Im Interview "Drei Tage" bestätigt er:

"Ich bin ein Geschichtenzerstörer, ich bin der typische Geschichtenzerstörer. (...) Wenn ich nur in der Ferne irgendwo hinter einem Prosahügel die Andeutung einer Geschichte auftauchen sehe, schieße ich sie ab. Es ist auch mit den Sätzen so, ich hätte fast die Lust, ganze Sätze, die sich möglicherweise bilden könnten, schon im vorhinein abzutöten. Andererseits ... "

Bei Wittgenstein macht die Philosophie sich selbst überflüssig, in "Goethe schtirbt" hebt sich die Dichtkunst aus den eigenen Angeln. Wir werden das Thema organisieren, es angehen und zerstören, legt Bernhard Goethe in den Mund. In Wahrheit beschreibt Thomas Bernhard hier seine eigene literarische Methode: Im Spiel mit der Sprache lässt er das Erfundene in Leben umschlagen und macht im Gegenzug das vom Leben Erzählte letztlich zu Erfundenem.

Als Widerstands-Stück gegen die Familie liest sich der zweite Prosatext des Erzählbandes. "Montaigne. Eine Erzählung" erschien erstmals 1982 in der Literatur-Beilage der Zeit. Der Freidenker ist eine der zentralen philosophischen Gestalten im Werk Thomas Bernhards. An prominenter Stelle vor dem Roman "Auslöschung" steht ein Montaigne-Zitat; in "Die Ursache" wird er ausführlich zitiert. Leben und Denken des französischen Philosophen liefern den Stoff für die vorliegende Erzählung. Zur Ausarbeitung seiner berühmten "Essais" zog dieser sich mit seiner umfangreichen Bibliothek in den Wachturm des väterlichen Schlosses zurück. Fernab aller Verpflichtungen und unter intensiver Selbstbetrachtung trieb Montaigne über Jahre hinweg vollkommen isoliert seine Studien. Auch der Ich-Erzähler dieser Geschichte begibt sich, wie sein Geistesbruder, in die Isolation. Vor der Familie flüchtet er in den hintersten Winkel eines Turms. Vorher greift er in völliger Finsternis ausgerechnet ein Buch seines über alles geliebten Montaigne aus der Bibliothek. Doch der Versuch, seinen Peinigern zu entkommen, misslingt. Jede Entziehung sei lebenslang nur ein "vermeintlicher Entzug" gewesen, so der Ich-Erzähler.

Zuerst hatten sie mich abhängig gemacht, dann hatten sie mir diese Abhängigkeit von ihnen vorgeworfen, lebenslänglich. (...). Wir wollen flüchten, fliehen, aber wir können nicht mehr. Sie (und wir selbst) haben alle Ausgänge ins Freie zugemauert. Auf einmal sehen wir, dass sie uns (wie wir uns) eingemauert haben. Dann warten wir nur mehr noch auf den Augenblick, in welchem wir ersticken. (...) Wir wollten immer Heilung, wo keine Heilung mehr zu erwarten, weil nicht mehr möglich gewesen ist. Wir wollten immer ausbrechen, wo nicht mehr auszubrechen war. (...) Ich begriff, als es zu spät war, begreifen zu können.

In Wahrheit, erkennt der Ich-Erzähler von "Montaigne", ist der Rückzug in den Geist Selbstbetrug und Flucht eine Illusion. Jeder Einzelne bleibt letztendlich unentrinnbar im eigenen Denk- und Sprechkerker gefangen. Sprechen und Denken kreisen in sich, ein Erkennen des Objekts oder seiner selbst, mithin Verständigung sind unmöglich. Die Einsicht des Ich-Erzählers manifestiert sich im für Bernhard-Texte typischen Sprachgebrauch. Stilistisches Leitmotiv ist die apodiktische Behauptung und ihre Übertreibung. Sie gibt das Thema vor - in "Montaigne" der vernichtende Einfluss der Familie auf das Individuum und die vergebliche Flucht vor der Welt in die philosophische Geistesfamilie. Im Sinne der "Durchführung" in der Musik werden dann im Wiederholen die bekannten Motive eingekreist und zu Formeln verdichtet. Dabei bleibt hier wie in allen Texten Bernhards so gut wie keine Behauptung ohne Einschränkung oder Widerspruch. Apodiktische Setzung und Gegensatz, Wiederholung und Variation, Permutation und Widerspruch stehen gleichwertig nebeneinander. Der schnelle Wechsel gibt den dynamischen Rhythmus der musikalischen Sprechstücke vor - dissonante Wortkompositionen ständig gleitender, nie festmachbarer Konnotationen. Die maßlos überzogenen und widersprüchlichen Aussagen heben sich nach und nach gegenseitig auf. Am Ende werden Wahrheit und Lüge auch für Ich-Erzähler in "Montaigne" ununterscheidbar:

So bezichtigten sie mich lebenslänglich einmal der Wahrheit und einmal der Lüge und sehr oft der Wahrheit und der Lüge und bezichtigten mich im Grunde lebenslänglich der Wahrheit und der Lüge, wie ich selbst sie lebenslänglich der Lüge und der Wahrheit bezichtige, (...) wie mir sehr oft nicht klar ist, bezichtige ich sie der Lüge oder der Wahrheit, weil ich in meinem Bezichtigungsmechanismus, der ja schon zu einer Bezichtigungskrankheit geworden ist, nicht mehr unterscheiden kann, ist es die Wahrheit oder ist es die Lüge, wie sie Lüge und Wahrheit nicht mehr unterscheiden können mir gegenüber.

Die Selbstwidersprüche des Sprechenden im hin- und herpendelnden reziproken Monolog zeigen, dass unter dem Druck des Fiktionsverdachts alles Gesagte gleich gültig und zugleich gleichgültig erscheint. Sprache und Subjekt dementieren sich selbst, die Geschichte - unglaubwürdig wie jede - verschwindet.

Einen Gipfel Bernhardschen Humors erreicht die Hochgebirgserzählung "Wiedersehen". Der für den Katalog der Internationalen Kunstausstellung Berlin 1982 entstandene Prosatext ist eine hochkomische Widerstandsharlekiniade gegen jede Art von Familien-, Heimat- und Naturidylle. Das anonyme Erzähler-Ich nimmt das zufällige Wiedersehen mit einem Jugendfreund auf der Bahnstation Schwarzach-Sankt Veit zum Anlass, ihn und damit sich selbst an den "Hochgebirgswahnsinn" der Eltern zu erinnern. Immer wieder treiben die Eltern die Kinder gegen ihren Willen auf die heimatlichen Berggipfel und in die vermeintliche Ruhe, erinnert er sich:

Sie zogen sich die grellroten Strümpfe an und setzen sich die grellroten Mützen auf und banden sich Zither und Trompete an ihre Rucksäcke und gingen in die Ruhe. Aber sie fanden sie nicht. Und am Ende, sagte ich, gaben sie mir die Schuld, dass sie sie nicht gefunden haben. Ich sei das Hindernis gewesen, die Urschuld an allem. (...) Das Unwetter kam und ich war schuld, die Lawine ging ab und ich hatte sie, wie gesagt wird, losgetreten. (...) wie still, wie ruhig es hier ist, sagte[n] sie, die allergrößte Ruhe ist hier. Und (...) forderten (...) mich auf, zu sagen, dass hier heroben auf dem Gipfel die absolute Ruhe herrsche (...) Der Sturm war so laut, dass ich es kaum verstand, wie der Vater sagte: was für eine Ruhe hier herrscht.

Zugespitzt bis zur Lächerlichkeit werden die Eltern zur Karikatur des heimat- und naturverbundenen Österreichers. Als unwiderlegbaren Beweis für Schönheit und Ruhe der heimatlichen Natur zeichnen die Väter unablässig Landschaftsbilder, schreiben Naturgedichte und sammeln Steine. In gnadenloser Überzeichnung verzerrt Bernhard die Väter zur Parodie des in Stifters Nachsommer idealisierten Bildungs-Menschen. Die unablässig behauptete Idylle entlarvt sich selbst im grellen Widerspruch zur Wirklichkeit als leerer Schein. Keimzelle des universellen Selbstbetrugs und kollektiven Heimat-Terrors ist die Familie - ein in Wahrheit durch Verbote, Schuldzuweisungen und Bestrafung geprägtes Kindheits-Gefängnis.

Schon das Aufwachen sei nichts anderes als ein Blick in die Hölle gewesen, sagte ich, wenn ich mich wusch, hatte ich Angst, dass ich es falsch mache, (...) Während des Anziehens hatte ich fortwährend Angst, die Mutter könne hereinkommen und mich ohrfeigen aus einem Grunde, der mir nicht bekannt war (...). Zum Frühstück bin ich schon immer als ein vollkommen lebensüberdrüssiger, ja schon beinahe ganz zerstörter Mensch erschienen, habe mich an den Tisch gesetzt als die Schande der Familie (...), die ich ja immer gewesen und immer geblieben bin.

Die archetypischen Kindheitserlebnisse werden vom Ich-Erzähler als existenzielle Grunderfahrung universalisiert. Das Seele und Geist zerstörende Elternsystem stellt sich ihm als das jeden Einzelnen beherrschende Weltsystem dar. Konkrete Erlebnisse schlagen in universelle Erkenntnisse um und umgekehrt. In der für Bernhard-Texte typischen Doppelbödigkeit lässt sich jeder Satz gleichzeitig konkret und abstrakt lesen. So spiegeln konkrete Sprechverbote oder Redevergehen das repressive Sprach- und Denksystem. Und in der Unerträglichkeit grellroter Strümpfe konkretisiert sich die gewalttätige Aufdringlichkeit einer das Individuum abtötenden Welt. Davon habe er selbst sich im Gegensatz zu seinem Geistesgefährten schon mit sechzehn endgültig verabschiedet, meint der Erzähler, und berichtet lachend:

Ich habe alle diese grellroten Mützen und grellroten Strümpfe verbrannt, sagte ich. Ich hatte eine dieser Hunderte von grellroten Hochgebirgsmützen meiner Mutter aufgesetzt und alle andern in dieser Aufmachung verbrannt, lachend, lachend, fortwährend lachend, sagte ich.

Doch die theatralische Inszenierung und das überbordende Lachen signalisieren die ironische Aushöhlung des vorgeblichen Befreiungsakts. Selbst die Verbrennung, der gleichwohl spektakulärste und zugleich irreversibelste Akt des Widerstands, kann die Erinnerung nicht auslöschen und das Subjekt nicht befreien.

Das weiß auch der Ich-Erzähler von "In Flammen aufgegangen. Reisebericht an einen Freund". Die nur wenige Seiten kurze Widerstands-Farce entstand ursprünglich für das Programmheft des 1984 von Claus Peymann in Bochum uraufgeführten Bernhard-Stücks "Der Schein trügt". Der Ich-Erzähler fantasiert hier gleich die Auslöschung ganz Österreichs durch einen Flächenbrand. Sein apokalyptischer Traum ist von "solcher Intensität", dass er einem ehemaligen Freund davon brieflich berichten muss. Das Prosastück ist eine einzige Tirade gegen Österreich - und den Rest der Welt. Auf der Flucht des Briefschreibers vor seinem Heimatland treibt es ihn jahrelang durch Nordamerika, Asien, Indien und Europa.

In schwergeschädigtem Zustand (...) setzte ich mich schließlich (...) auf einen Konglomeratblock auf dem Salzburger Haunsberg, von wo ich auf die von ihren Bewohnern total abgestumpfte (...) in ihrem perversen Größenwahn schmorende Stadt Salzburg hinunterschaute. (...) Auf dem Konglomeratblock (...) musste ich sozusagen aus Welterschöpfung eingenickt sein, denn ich wachte aufeinmal auf dem Wiener Kahlenberg auf (...): dieses ganze widerwärtige, schließlich nurmehr noch bestialisch stinkende Österreich (...) ist vor meinen Augen in Flammen aufgegangen und abgebrannt. (...) Ich atmete so erleichtert auf, dass ich aufgewacht bin. Zu meinem großen Glück in Rotterdam. (...)

Doch keine noch so große Entfernung kann den Erzähler von seinem Trauma Österreich und damit von sich selbst erlösen. "In Flammen aufgegangen" setzt einen furiosen Schlussakkord an das Ende eines grandiosen Erzählbandes.
"Goethe schtirbt" wurde nach dem Wunsch Thomas Bernhards zusammengestellt. Im Werkzusammenhang wirkt die postume Veröffentlichung wie das Tüpfelchen auf dem "i". Vielleicht, weil jedes Prosastück wie ein poetischer Zellkern nahezu den kompletten, auch unter den Texten dicht vernetzten Bernhard-Kosmos zu enthalten scheint. Vielleicht, weil die Geschichten wie Planeten zentrifugal um den Widerstand kreisen. Sicher ist eins: Alle vier Erzählungen vermitteln Thomas Bernhards Lust am Erzählen als sinnliches Vergnügen auch am Widerstand.

Thomas Bernhard: Goethe schtirbt - Erzählungen
Suhrkamp 2010. 98 Seiten, 14,90 Euro

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