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StartseiteBüchermarktGrenzüberschreitungen27.10.2003

Grenzüberschreitungen

Alexander Kluge über Lücken, die der Teufel lässt

Das letzte Monumentalwerk Alexander Kluges, die <em> Chronik der Gefühle</em>, ist kaum drei Jahre lang auf dem Markt, da erscheint eine Fortsetzung, eine Weiterentwicklung, die man ihrerseits einmal mehr mit allerhand Superlativen belegen könnte, angefangen beim Umfang - es handelt sich um rund 1000 Seiten. Alexander Kluge, Jahrgang 1932, Rechtsanwalt, Filmproduzent, Filmregisseur, Medienunternehmer und Autor, wird in diesem Jahr für sein literarisches Werk mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet. Kluges Intellektualität ist zwar der Aufklärung und der kritischen Theorie verpflichtet, sie liegt allerdings quer zu dem, was es hierzulande an intellektuellen Strömungen überhaupt gibt.

Sabine Peters

Deuter seiner Zeit: Alexander Kluge (AP)
Deuter seiner Zeit: Alexander Kluge (AP)
<p>Ein Autor, der wie eine Art Findling in der literarischen Landschaft liegt. Das hängt wohl nicht zuletzt mit seiner Fähigkeit zusammen, "Welt" und "Mensch" immer noch einmal neu zu denken, fast wie voraussetzungslos. Alexander Kluge verbindet seine Haltung - eine freischweifende, oft scheinbar unsystematisch wirkende Neugier auf so ziemlich alle Phänomene zwischen Himmel und Erde - mit einer Schreibweise, die, oberflächlich betrachtet, sehr kühl zu sein scheint: Anwaltston, Amtssprache, und eine gewisse Distanz allemal. Aber direkt unter dieser Oberfläche ist eine Bewegung wahrzunehmen, eine Art Vibration, die belebend wirkt, die den Leser sehr wohl berühren kann. <br /><br />Und leise, von fern, lässt sich gelegentlich bei Kluge auch der listenreiche Menschenfreund Johann Peter Hebel hören. Buchtitel von Alexander Kluge wie <em> Lebensläufe </em>, <em> Schlachtbeschreibung </em> , <em> Lernprozesse mit tödlichem Ausgang </em> oder <em>Neue Texte </em> haben ihrerseits einen extrem sachlichen, antisuggestiven Klang. Sie scheinen nahezulegen, dass hier einer mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen, auf dem Boden der Realität steht. Dabei wissen langjährige Kluge-Leser ganz gut, wie weit dieser Autor das Feld der Tatsachen und der Realität ausspannt. Können Wünsche Tatsachen sein, sind Gefühle Tatsachen? <br /><br />Nicht erst die <em>Chronik der Gefühle</em> hat auf bestürzende Weise gezeigt, in welchem Ausmaß Gefühle wirklich sind, dass sie bei aller Ungleichzeitigkeit beständig sein können, über Generationen hinweg, dass sie Folgen haben, dass sie stur, eigensinnig, selbständig, unbestechlich sind, kurz, Gefühle als Rebellen, als Partisanen, die sich nie ganz fassen lassen. Die <em>Chronik der Gefühle</em> ging den kleinen und großen Katastrophen der Menschheitsgeschichte und ihren Folgen im Einzelnen und zwischen Einzelnen nach, und zwar in der wilden Anhäufung von Parabeln, Protokollen, Geschichten, Anekdoten, Protokolltexten, die das Verfahren Alexander Kluges insgesamt bestimmen. <br /><br />Kluges Texte changieren zwischen Dokument und Fiktion, sie unterwandern mediale Grenzen, sie sind eine Konfrontation von oft scheinbar nicht zusammengehörigen Elementen. Ein multiperspektivisches Schreiben, das auf die Nachvollziehbarkeit im Einzelnen und um jeden Preis verzichtet. Ein Schreiben, das einfache Identifikation verweigert; ein Schreiben, das Zusammenhänge auflöst und Kontinuitäten infragestellt - um, allerdings, neue Zusammenhänge anzudeuten und noch im scheinbar Diskontinuierlichen vielleicht so etwas wie Plausibilität, Psycho-Logik und Folgerichtigkeit nahezulegen. So war auch die "Chronik der Gefühle" ein assoziativ arbeitendes Buch, eine Orientierungssuche in den Räumen menschlicher Empfindungen. <br /><br />Und jetzt also, kaum drei Jahre später, eine neue Textsammlung mit dem schönen, beinahe märchenhaften Titel: <em> Die Lücke, die der Teufel lässt </em> . Der Titel legt zweierlei nahe: Er weist auf eine nicht zu unterschätzende, ernste Gefahr hin, und er spricht die Möglichkeit eines Ausschlupfes an. Damit ist eine gespannte, eine angespannte Gleichzeitigkeit formuliert, die immer auch den Leser fordert: Einmal mehr wird er während der Lektüre vorsätzlich aus der Bahn, aus der Routine geworfen: "Die Lücke, die der Teufel lässt" ist, wie die vorausgehenden Bücher, die Einübung einer anderen Art des Lesens und Verstehens. <br /><br />Das neue Buch umkreist verschiedene in Anführungszeichen "objektive" Phänomene der Realität, es beschäftigt sich mit direkten oder indirekten katastrophischen Komplexen wie Weltkrieg, Tschernobyl, Wettrüsten, oder mit dem 11.9.2001. Im Vorwort heißt es, der Autor habe nach ´89 kurzfristig den Eindruck gehabt, dass man nun die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts aufgreifen und in Hoffnung wenden könne. Statt dessen könne man aber inzwischen vermuten - ohne an Untergangsszenarien zu glauben - es finde vielmehr ein Rückfall in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges statt. Kluge fragt, warum ist der Teufel so wild auf unsere armen Seelen, wenn nicht, weil wir so wertvoll sind. <br /><br />Und er fragt: Gibt es Lücken, gibt es Auswege aus den Weltgebäuden, den Ideologien, gibt es Löchrigkeiten in den Gewissheiten, gibt es Lücken in den Tatsachen, Lücken, die ins Offene führen könnten? Was dann in neun großen Kapiteln folgt, ist eine Montage von Themen und Motiven, die, in anderer Weise, schon in früheren Texten anklangen. Es es sind Berichte, Nacherzählungen, Analysen, Legenden, Kommentare, fingierte Interviews - ein vielstimmiges Gespräch, das unter anderen islamische Gelehrte, Karl Marx, Theodor W Adorno, Walter Benjamin, Einar Schleef, Heiner Müller, C.G. Jung, die Jungfrau Maria, Kreon, Athene, diverse Geheimdienste, Feuerwehrleute, Viren, weiße Blutkörperchen, Halbhexen, Rabbiner, Geheimdienstleute und rotierende Atome einbezieht. Vielstimmigkeit: Es ist nicht nur die zwischen den einzelnen Subjekten, sondern es ist auch immer schon eine im Individuum. So kommt ein Herr namens Schmidtlein zu Wort, er wehrt sich gegenüber allen Versuchen, ihn zu einem in sich stimmigen Ganzen zu machen: <br /><br /><em> Meine Schenkel und die rechte Gesichtshälfte sind von meiner Mutter. Brustkorb, Rippenrand, ... Schultern, linke Hand vom Vater. Rückgratsäule und Ansatz des Gesäßes von beiden gemischt. Das sind schon zwei Personen, sagte Schmidtlein, im Leben haben sie nie zueinander gepasst, jetzt soll ich sie vereinen. Wenn meine Körperregionen dem, was ich tue, zustimmen und zugleich protestieren, dann reden wiederum die verschiedenartigen Eltern meiner Eltern dazwischen. Nach ihrer Möglichkeit und ihrer Wirklichkeit sind es sechzehn, und durch sie hindurch reden zweiunddreißig usf. Wie soll ich mich dafür interessieren, ein Ganzes zu sein? Viel lieber fühle ich mich echt als Promenadenmischung, die ich bin, ich kann das, wenn ich mich stark fühle... Wenn ich zu mir selbst komme, ... müsste ich in zweiunddreißig oder vierundsechzig Richtungen davonschwirren. Wollen Sie mich strafen? So wie man im Mittelalter Verbrecher in vier Stücke zerreißen und in die vier Winde zerstreuen ließ? Ich halte täglich mit viel Improvisation meine auseinanderstrebenden Eigenschaften zusammen... Meine verschiedenartigen Bestandteile... wurden... nie befragt, ob sie zueinander wollten oder auch nur geeignet wären zum Zusammenhalt. Sie sind Fluchttiere. Lieber bin ICH deswegen gar nicht erst m e i n, sondern i h r e s. So bleiben wir wenigstens zusammen. Er war nicht<br />verführbar. Nicht durch Tröster. Er stellte sich das Endziel, zu dem die Projektmacher ihn führen wollten, als einen recht kahlen Kirchenraum vor, in dem niemand flüstern darf, keiner darf sich nach hinten umschauen, der Steinboden ist kalt... In einer solchen Klause haben weder Gott noch ich einen Sitz, sagte Schmidtlein. Ich und Gott finden sich auf jedem Schrottplatz eher zusammen. Was sind da in manchen Eisenhaufen für schöne und brauchbare Stücke versteckt, vor allem wenn es ein Abladeplatz für nicht-spezialisierte Eisensorten und Bleche ist. </em><br /><br />Das ist der Alexander Kluge, der einen erstaunt, überrascht, beglückt mit seiner immer neuen Möglichkeit, Lebendiges, Flüchtiges zu artikulieren und in Bewegung zu versetzen, überhaupt freizusetzen. Dabei muss die Rezensentin zugeben, immer wieder im Gesamtwerk von Kluge auf Passagen zu stoßen, die sie auch mit großer Mühe nicht begreift, Spekulationen und Berichte aus der Astrophysik etwa treiben sie kurzfristig zur Verzweiflung. Aber langfristig und insgesamt verhindert das nicht die Faszination an diesem Autor, von dem man schließlich auch ganz gut wissen kann, wie sehr er das Spielen liebt, und Spielen heißt ja unter anderem: Verwandeln, Zaubern, in Bewegung setzen - und damit zurück zur Arbeit des "Freisetzens". Die findet sich auch im neuen Buch in wechselnden Figuren; der Diskurs, oder, genauer gesagt, die Diskurse, die hier geführt werden, rühren etwas auf, sie lassen die Dinge nicht an ihrem Platz. Wer in diesem bunten Textgewebe nach einem fassbaren Gehalt, nach einem sinn - und handlungsstiftenden roten Faden sucht, wird kaum Erfolg haben. Und doch scheint es eine diffizile Ordnung zu geben, die sich im Prozess der Lektüre erschließen kann. Um es in einem Bild zu sagen: Alexander Kluge ruft in den Wald, und nimmt auf, was zurückschallt. Das Echo von Geschichten über die Feuerwehr sind Heimkehrergeschichten, und deren Echo ist das Land der Verheißung, die Festung Europa. <br /><br />Das geht so: Die "Feuerwehrgeschichten" erzählen unter anderem von Zootieren im Bombenkrieg, wie sie fast unmittelbar nach dem Feuersturm zur Tagesordnung zurückkehrten und den Beobachtern eine Art "Geduld der Natur" vorspiegelten, an die sie kaum glauben mochten. Was die Menschen anlangt, ging es darum, an bestimmten Knotenpunkten so etwas wie ein Wirklichkeitsverhältnis, auch Herrschaftsverhältnis, wiederherzustellen, und sei es durch Verteilung von Graupensuppe, die den Eindruck hätte erwecken könnte, man habe die Situation unter Kontrolle. Dabei machen die Feuerwehrleute, ob beim Untergehen der twin-towers, oder bei einem anderen Brand, die Erfahrung, nichts in der Hand zu haben - und dann diskutiert man in Polizeikreisen, ob die Geister verunglückter Feuerwehrbeamter zu Hilfe gekommen sein konnten und ein Wunder bewirkten, es läge ja nahe bei einem Geschehen, das zu groß, zu schwer war für den Einzelnen. Walter Benjamin schrieb über die "Heimholung aller": Wie könnten unter katastrophalen Umständen die Verirrten, die Boshaften, die Guten, die Opfer, die Henker, die an sich Gegensätzlichen in welches Heim heimgeholt werden - und die Bedingung läge darin, dass ALLE heimgeholt würden in einen Zusammenhang, den es noch nicht gebe. <br /><br />Im Augenblick einer umwerfenden Katastrophe kämen Böse wie Gute zusammen, sie wären wie eine einzige Hand, die die bereits Zerstörten auffingen. Auf diesen Walter Benjamin gibt es bei Kluge ein Echo: "Heimkehrergeschichten". Deutsche Soldaten kommen heim in eine Aussichtslosigkeit, die keine Heimat ist. Und: Kinder, elternlos gewordene Überlebende aus KZs und Waisenhäusern "kehren heim", sie werden an ihnen unbekannte Orte und zu Familien gebracht, die ihnen so etwas wie eine Heimat erst werden. Und: Ein Nachfolger des Ödipus will die Fortsetzung des mörderischen Gewaltzusammenhangs unterbrechen und kehrt "heim", zurück in die Fremde, aus der er kam. Das Echo auf diese ursprüngliche Fremde heißt bei Alexander Kluge in produktiv verstörender<br /><br />Ambivalenz: "Land der Verheißung/ Festung Europa." Flüchtlinge und Migranten werden hier, das ist ein kleines, aber bezeichnendes Detail, in einer subtil ironischen Verbeugung vor den Imperativen des Weltmarkts, auch "Wirtschaftswillige" genannt. Gegen die Flucht von Massen gibt es kein Mittel, sagt die eine Geschichte. Eine andere nennt dagegen die Verhältnisse an den Grenzen, die zum Tod von Flüchtlingen führen. Die in diesem Kapitel versammelten Texte beleuchten die Zustände, unter denen Zeitgenossen, deren Existenz hierzuland als illegal bezeichnet wird, leben müssen. Und sie zeigen eine beispielhafte Lücke in teuflischen, hier, in bürokratischen Verhältnissen: <br /><br /><em> Mein schönstes Mandat als Anwalt. Meine Mandatschaft... war an der Klärung eines interfamiliären Konflikts brennend interessiert. Eine der Töchter des Clans war schwanger geworden von einem Berber, dessen Papiere (weil er illegal einwanderte) von der bayrischen Behörde einbehalten worden waren. Er hatte einen neuen Namen angenommen, in Zürich gefälschte Papiere erworben, und in dieser Fasson war er mit der Tochter... intim geworden. Die junge Frau weigerte sich, von ihm zu lassen... so suchten die Beteiligten eine Lösung, die den sozial nicht akzeptablen Geschlechtspartner in die Hochgesellschaft einführte... Die bayrische Behörde war störrisch. In jedem Land im Südosten Europas wäre Bestechung angesagt gewesen. Das war in Bayern unmöglich. Unperson blieb Unperson... Es ist ja sicher, dass wir nicht wiederum gefälschte Papiere vorlegen können... Umgekehrt, das war der intelligente Ratschlag des Anwalts, gibt es zwei konkrete Körper... Beide gemeinsam haben sich, plädierte der Anwalt, manifestiert in einem konkreten Bundesbürger, der in drei Monaten das Bild der Welt erblicken wird. Es war genau der eher poetische als juristische Wortlaut im Schriftsatz des Anwalts, der die Entscheidung brachte... Dem Gefühl nach... war eine Ausnahme denkbar.... Es ist der konkrete Körper, der auch ohne Pass Glück haben kann. Es ist ein Unterschied, sagte der Verwaltungsrichter, ob wir einen Arbeitsimmigranten auf dem Arbeitsmarkt oder ob wir ihn auf dem Heiratsmarkt zulassen... Ich besuchte den Jungberber und seine junge Frau im zweiten Jahr ihrer Ehe. Offenbar hatte er Grund, sich Mühe zu geben. Er hielt die Balance zwischen Bewährung in den begrenzten Jobs, die ihm die Dynastie anvertraute, und einer immensen Sorgfalt, die er auf die Zufriedenheit seiner Retterin verwandte. Ein Beispiel von Gastrecht und anschließendem Dank. Auf seine Visitenkarte ließ sie einen Baum drucken, unter dem eine Hütte stand. Darunter die Inschrift: Philemon und Baucis. </em><br /><br />Ein extrem nüchterner Tonfall, aber man kann es zwischen den Zeilen vibrieren hören: Empfindlichkeit und Zartheit, einen subtilen Witz übrigens auch. In der hier vorgestellten, beinahe märchenhaft gut endenden Geschichte hilft das Wünschen endlich einmal, der Teufel hat seine Macht verloren. Dabei ist "die Lücke, die der Teufel lässt" in der Behandlung "objektiver Tatsachen" natürlich über weite Strecken ein todernstes Buch. Wie kann es auch anders sein angesichts der Vielzahl an Verletzungen, Unfällen, angesichts der vorsätzlichen oder zugelassenen Zerstörungen, von denen hier die Rede ist. So etwa die Begleiterscheinungen des kalten Kriegs, des Wettrüstens zwischen den USA und der Sowjetunion. Auch wenn es nicht rentabel war, in der SU wurde das "friedliche Atom" propagiert, denn es ging darum, die Nase vorn zu haben und sich zu exponieren. <br /><br />Kluge geht mit den Lesern nach Tschernobyl, ins Jahr 1986, er nimmt Stichproben: Kein Messgerät paßt zur Lage, die Dosimeter zeigen den Höchstanschlag; man hält sie zunächst für beschädigt. Menschenkörper werden zu Messgeräten der Strahlung. Am Unfallort eintreffende stellvertretende Minister beginnen damit, Sand zu schippen, eine Symbolhandlung einmal mehr, trostlos, als Selbstvergewisserung, als Versuch eines Tuns gegen die Havarie, die ihrerseits, Zitat, "aus angehäufter Tat" bestand. Eine Arbeitsgruppe des Generalstaatsanwalts, die nach Schuldigen sucht, das Unwichtigste, was sich denken lässt - aber der entsprechende Bericht wird über die Karrieren ranghoher Organe entscheiden. Die Frage, wie ein nukleares Feuer gebändigt werden könnte. Der Versuch, Verantwortung zu denken, über die eigene kurze und dabei so unübersichtliche Lebenszeit hinaus - wie könnte man überhaupt Verantwortung übernehmen für atomare Prozesse, deren Halbwertzeit 300.000 Jahre umfasst? Die Arbeit eines Graphikers an symbolischen Zeichen, die immerhin noch in 6000 Jahren tödliche Gefahr signalisieren könnte, wobei keiner weiß, wie groß oder klein künftige Intelligenzen sein könnten. In kurzen Stößen, Schüben, kommen diese Texte daher, sie holen in der Abruptheit ihrer Abfolge eine Atmosphäre wieder, die seinerzeit in Tschnernobyl geherrscht haben mag. Ohne Unterschied in der Wertung lassen sie Grundsätzliches und Nebensächliches, Furchtbares und Groteskes zu Wort kommen. <br /><br /><em> Im Zweifel Beton. Das war schon in der Zeit, in der sich um den Unglücksreaktor eine Großorganisation aufbaute. Eine Bauleitung unter dem Ingenieur Kisima hatte die 1000 Lastwagen, die in 50 km Abstand vom Ort der Havarie warteten, beigezogen, Vorräte von Beton vorbereitet.... Es kam darauf an, den Transport des Trockenbetons zur Mischstelle so zu organisieren, dass die Fahrer und das zum Abladen benötigte Personal nur jeweils die vorgeschriebene Zeit lang der Strahlung ausgesetzt blieben. Dosimetristen umsprangen die Arbeiter, suchten nach >Schatten<, d.h. Lücken im Strahlungsverlauf, wo sich ein Mensch eventuell länger aufhalten konnte, als es der Einteilung entsprach. ... - Man muss Blei auf dem Kopf tragen und unter den Mänteln. - Das haben wir zur Zeit nicht parat. Was sie hatten, war der Einfall mit dem Beton. Stahl und Beton, die Elemente des Aufbaus der heroischen Zeit der Sowjetunion. Alle Aktion richtet sich nach dem Können. Diese Bauleitung des 8. Mai 1986 gehorchte schon nicht mehr den Oberen. Die Front setzte sich, wie 1944, selbsttätig in Marsch - Unterbrecht erst einmal die Zuführung auf die Trümmer. Wir brauchen einen Moment, um nachzudenken. ... Das Akademiemitglied Welichow äußerte Zweifel, dass die direkte Berührung des nuklearen Brandes mit dem wasserhaltigen Beton, auch das Gewicht des entstehenden Betondeckels, eine korrekte Lösung wäre. Ihm wäre eine indirektere Verknüpfung, eine zweite Schicht (oder Membran) zwischen Trümmern, dem nuklearen Brand und der Betonhülle, willkommen gewesen, etwas, das DEM UNGLÜCK ATEM LÄSST. >Jeder nach seinen Fähigkeiten. Jedem nach seinen Bedürfnissen.< Kisimas Bedürfnis bestand darin, unerreichbar zu sein für Vorgesetzte, die ihn aufhielten. Seine Fähigkeit bestand in dreißig Jahren Expertentum, in denen er unsägliche Haufen von planerisch geformtem Beton künstlerisch im Gelände verteilt hatte. &lt;/em><br /><br />Lässt man den tatsächlichen, gefundenen oder erfundenen Ingenieur Kismima mit seinen subjektiv vielleicht nachvollziehbaren, aus Distanz aber absurd wirkenden "Bedürfnissen und Fähigkeiten" beiseite, kann man sich auf den Satz besinnen, der wohl zu den Kernen dieses Buchs gehört: Willkommen wäre etwas, das dem Unglück Atem läßt. Man sollte nicht versuchen, Alexander Kluge ergebnisorientiert zu lesen, im Sinne einer Aussage, gar Handlungsanweisung. Und doch fallen einem im Verlauf dieser 1000 Seiten immer wieder Kerne auf wie der hier zititerte: Dem Unglück Atem lassen. So heißt es an anderer Stelle in einem Gespräch über Vergil, Dante und Benjamin, vielleicht solle man Höllisches nicht ausgrenzen, sondern kolonisieren, im Sinne des Hegens und Pflegens. Von dort ist es nicht weit bis zu der Erfahrung französischer Offiziere in Afrika, wo Regieren bedeuten könne, das Regieren zu leugnen. <br /><br />Viele von Alexander Kluges Geschichten mit ihren so unterschiedlichen Ausgängen setzen der "Droge Tat" und den "Planer-Gehirnen" eine Haltung entgegen, die dem Zögern und dem Innehalten Gutes zutraut. Man soll sich das bei diesem Autor nicht als mildes Meditieren über die "Entdeckung der Langsamkeit" vorstellen. Vielmehr zeigt die - wenn man sie so nennen darf - Konflikt- und Friedensforschung Alexander Kluges eine Schlitzohrigkeit, wie man sie sonst kaum findet. Und diese Schlitzohrigkeit ist sich auch nicht Selbstzweck, sie wird nie eitel. Als Verfahrensweise dient sie dazu, Denkbarrieren in alle Richtungen zu unterlaufen. Die Herstellung von etwas, "das dem Unglück Atem lässt" bedeutet bei Kluge nicht nur grammatisch, sondern existentiell, dass einem Objekt die Würde des Subjekts zugestanden wird, dass man sich auf Augenhöhe mit ihm begibt und aus der Haltung des "Behandelns" in ein "Miteinander-handeln", in ein Miteinander-kommunizieren kommt. So ist das Buch "die Lücke, die der Teufel lässt" in Fortsetzung der bisherigen Arbeit eine Verteidigung des Versehrten, des Halben, des Unfertigen gegenüber dem gewaltigen großen Ganzen Einmal mehr liegt jetzt ein Buch vor, dessen Realismus nicht Bestätigung des "Wirklichen" ist, sondern immer auch Protest, Aufflug ins Mögliche. Ein Buch, so modern wie märchenhaft versponnen; ein Buch, von Nüchternheit nur so leuchtend. Das Buch eines Europäers im besten Sinn, nämlich, sofern es nach den Wurzeln gräbt und über den eigenen Kontinent hinausdenkt, in den Raum hinein, der nicht zum modisch-herablassenden Begriff "globales Dorf" erniedrigt, sondern der als "die Welt" gewürdigt wird.</p>

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