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StartseiteInterviewGroßbritannien will neue AKW bauen lassen 22.10.2013

Großbritannien will neue AKW bauen lassen

Experte: EU muss geplantem Subventionsmodelll noch zustimmen

Großbritannien will neue Kernkraftwerke bauen, um Stromengpässe zu verhindern. Georg Erdmann von der TU Berlin hält das Projekt nicht für gesichert: Der damit verbundene Mindeststrompreis für den künftigen AKW-Betreiber könnte europarechtswidrig sein.

Dirk-Oliver Heckmann im Gespräch mit Georg Erdmann

Großbritannien will den Atomstrom wieder in die Wohnzimmer bringen. (picture alliance / dpa - Hans Wiedl)
Großbritannien will den Atomstrom wieder in die Wohnzimmer bringen. (picture alliance / dpa - Hans Wiedl)

Jasper Barenberg: Im Land der Energiewende lässt diese Meldung aufhorchen: Zweieinhalb Jahre nach dem GAU in Fukushima präsentiert Großbritannien Pläne für den Bau neuer Atomkraftwerke. Im Südwesten des Landes soll der französische Energiekonzern EDF zwei neue Meiler bauen, und bis 2023 ans Netz bringen. Dann sollen die Atomkraftwerke bis zu sechs Prozent des Strombedarfs decken. Für Premierminister David Cameron nur der erste Schritt: Sein Wirtschaftsplan sieht vor, noch viele weitere Atomkraftwerke zu errichten, um Arbeitsplätze zu schaffen, und um eine sichere Energieversorgung zu gewährleisten. Im havarierten AKW von Fukushima dagegen bekommen Betreiber und Regierung die Situation offenbar immer noch nicht richtig unter Kontrolle. Mein Kollege Dirk-Oliver Heckmann hat vor diesem Hintergrund Georg Erdmann von der TU in Berlin gefragt, wie er die Entscheidung in London bewertet.

Georg Erdmann: Also in der angelsächsischen Welt gilt die Kerntechnik als grüne Technik, genau weil sie CO2-frei ist. Und in Großbritannien hat man ja bisher sehr viele Kohlekraftwerke, die veraltet sind und abgeschaltet werden müssen, und außerdem gibt es eine ganze Reihe Kernkraftwerke, die man aus Altersgründen auch abstellen will, und das ist der Grund, warum die britische Regierung eigentlich schon seit Jahren den Bau neuer Kernkraftwerke fördert beziehungsweise initiieren möchte.

Dirk-Oliver Heckmann: Aber auf den einen oder anderen mag diese Entscheidung gerade vor dem Hintergrund der Probleme in Fukushima bizarr erscheinen.

Erdmann: Ja, die deutsche Diskussion, die würde ja im Augenblick so eine Entscheidung nicht möglich machen, und wahrscheinlich ist es auch irgendwo gerechtfertigt, dass die einzelnen Länder unterschiedliche Strategien verfolgen, wie sie ihren Strombedarf decken wollen.

Heckmann: Ist es denn aus Ihrer Sicht eine richtige Entscheidung?

Erdmann: Ob das am Schluss zu einem Investitionsentscheid kommt, muss man ja noch mal abwarten, weil, es gibt ja dort diesen sogenannten Strike-Preis, also das heißt, diese Kraftwerke sollen für eine gewisse Zeit lang zu einem Minimumpreis von ungefähr zehn Cent Strom verkaufen dürfen. Und das ist ein ähnliches Modell wie unser Erneuerbares-Energien-Gesetz, nur dass in diesem Fall kein Wind- und Solarstrom gefördert wird auf diese Weise, sondern ein Kernstrom. Und jetzt gibt es ja seitens der Europäischen Union eine Diskussion, ob denn dieses Modell noch zukunftsfähig ist, oder ob das sozusagen europarechtswidrig ist. Es gibt also verschiedene Aktivitäten, haben wir gerade am Wochenende von dem Kommissar Almunia gehört, dass er das eigentlich beenden möchte, und wenn das der Fall ist, dann würden natürlich hier auch die Rahmenbedingungen sich noch mal verändern und dann wird man sehen, ob dann unter diesen neuen Bedingungen ein Kernkraftwerk gebaut werden kann.

Das Zweite ist natürlich: Was kostet das eigentlich? Im Augenblick gibt es ja immer wieder Projekte, die sich dadurch auszeichnen, dass die Baukosten – so ähnlich wie bei anderen Projekten, in Berlin zum Beispiel oder in Hamburg – explodieren, und das ist natürlich dann die nächste Frage, ob das dann am Schluss eine sinnvolle Sache ist. Aus klimapolitischen Gründen ist natürlich klar: Der Druck, Kohle zu ersetzen – und das nicht durch neue Kohlekraftwerke oder fossile Kraftwerke –, ist natürlich gerade in Großbritannien mit einem sehr ehrgeizigen Klimaschutzprogramm hoch, und deswegen war das zu erwarten, dass die britische Regierung in dieser Richtung vorangeht.

Heckmann: Sie haben den Abnahmepreis angesprochen, der ja 35 Jahre lang garantiert werden soll, der soll fast doppelt so hoch ausfallen wie der aktuelle Marktpreis. Für die Betreiber ist das ein gutes Geschäft.

Erdmann: Na ja, das hängt davon ab, ob die geplanten Investitionen eingehalten werden. Wenn nicht, wenn die Anlagen also noch mal teurer werden, wie das in der Vergangenheit bei vielen solchen Projekten der Fall ist, dann würde die Rendite natürlich deutlich schlechter werden.

Heckmann: Das Ganze zeigt aber: Atomkraftwerke gibt es offenbar nur bei staatlichen Subventionen. Zeigt das nicht, dass diese Energieform Atomkraft unwirtschaftlich geworden ist?

Erdmann: Es gibt ja gar kein Kraftwerk mehr, was wirtschaftlich gebaut werden kann. Wir können weder ein Gaskraftwerk bauen unter den heutigen Bedingungen noch ein Kohlekraftwerk und natürlich auch keine Atomkraftwerke, und nebenbei auch keine Windanlagen, Solaranlagen und so weiter. Das heißt, wir sind eigentlich im Augenblick in einer Situation, dass kein einziges Investment beim Bau neuer Erzeugungskapazitäten im Strombereich irgendwo wirtschaftlich ist. Und das führt dann dazu, dass eben, wenn eine Regierung dann halt das erreichen möchte, da zum Beispiel mehr regenerative Energien oder demnächst vielleicht bei uns mehr Gaskraftwerke, dann muss irgendwo ein Fördersystem in Kraft gesetzt werden, was letztendlich natürlich den Verbraucher belasten wird.

Heckmann: Herr Erdmann, Sie haben es gerade eben auch schon angesprochen: Die EU-Kommission, die muss diesen Vorgang ja noch genehmigen mit dem garantierten Abnahmepreis. Erst dann will die EDF entscheiden, ob sie dieses Investment wirklich vollzieht. Denken Sie, dass das ganze Projekt noch scheitern könnte daran?

Erdmann: Ja, ich könnte mir vorstellen, dass es am Schluss noch anders kommt, als wie das heute in diesen Verträgen vorbereitet worden ist.

Heckmann: Mit welchen Folgen?

Erdmann: Na ja, dass dann Großbritannien vielleicht andere Kraftwerke wird bauen müssen, zum Beispiel Gas- oder Kohlekraftwerke, das wird man dann sehen, oder eben, was eigentlich keine so sehr attraktive Option ist, bestehende Kohlekraftwerke und Kernkraftwerke länger laufen zu lassen – und das ist ja eigentlich die Sorge, die also auch berechtigt ist. Also es ist sicher besser, ein neues Kernkraftwerk zu haben als alte.

Heckmann: Blicken wir mal auf Deutschland, Herr Erdmann: E.on-Aufsichtsratschef Werner Wenning, der hat gesagt, wir bräuchten eine Generalrevision der Energiewende hier in Deutschland, die sei nämlich konfus und bedenkenlos umgesetzt worden, und die Energiewende sei längst auf dem Weg, zu einem Albtraum für den Standort Deutschland zu werden. Sehen Sie das auch so?

Erdmann: Ja, es ist vielleicht ein bisschen dramatisch formuliert, aber es gilt ja eben das, was eben schon gesagt wurde: Es gibt keine Erzeugungsart, die heute wirtschaftlich investiert werden kann. Und so lange wir noch genügend Kapazitäten haben, kann man sagen, gut, lasst uns mal schön in Ruhe sein, aber da wir ja noch Kernkraftwerke abstellen wollen, müssen wir auch neue Kraftwerke bauen, und dann steht genau das gleiche Problem: Woher kommen die Geldmittel? Sind diese Projekte wirtschaftlich? Und nach heutigem Sachstand sind diese Projekte eben – die meisten – nicht wirtschaftlich und eben die große Frage: Was müssen wir machen, damit eben die sogenannten Backup-Kraftwerke zu erneuerbaren Energien eben auch gebaut werden? Wir brauchen nicht bloß Windanlagen, sondern wir brauchen auch Kraftwerke, die zu Zeiten, wo kein Wind weht, dann dafür sorgen, dass der Strom vorhanden ist.

Heckmann: War denn die Entscheidung, aus der Atomkraft auszusteigen, eine falsche Entscheidung aus Ihrer Sicht?

Erdmann: Ja, sie war ein bisschen überstürzt gefällt. Man hätte sich vielleicht erst noch mal genau nachrechnen sollen, was das eigentlich genau heißt, und wir sehen jetzt, dass da eben dieses schnelle Umsteuern doch zu Problemen führt, die ursprünglich nicht vorgesehen worden sind. Die zweite Problematik wäre: Die Investitionschancen reichen also nicht aus, also die Rahmenbedingungen, trotzdem klagen die Industrie und die Verbraucher über hohe Strompreise. Das heißt, es ist ja irgendwie eine perverse oder paradoxe Situation, dass die Preise hoch sind, aber niemand mehr im Strommarkt Geld verdient, wenn er nicht irgendwelche Subventionen oder Unterstützungszahlungen bekommen kann. Und das ist natürlich irgendwo eine Situation, die so auf die Dauer nicht weitergehen kann, und man kann nur hoffen, dass jetzt nach der Koalitionsvereinbarung rasch eine Form der Energiepolitik einsetzen wird, um das Ganze in vernünftige Bahnen zu bringen.

Barenberg: Professor Georg Erdmann von der TU in Berlin im Gespräch mit meinem Kollegen Dirk-Oliver Heckmann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:
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