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Große Hoffnung auf die Glocke

Wie eine Ölpest im Golf von Mexiko noch verhindert werden könnte

Die Explorationsplattform "Deep Water Horizon" stand in Flammen.
Die Explorationsplattform "Deep Water Horizon" stand in Flammen. (US Coast Guard)

Umwelt.- Etwa 160.000 Liter Rohöl laufen im Golf von Mexiko derzeit täglich in den Ozean. Durch die Explosion auf der Bohrinsel "Deep Water Horizon" droht nun eine Ölpest. Ob und wie dieser GAU theoretisch noch aufzuhalten ist, erklärt die Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich im Interview mit Uli Blumenthal.

Uli Blumenthal: Im Golf von Mexiko droht eine Ölpest. Nach der Explosion und dem Untergang der Bohrinsel "Deep Water Horizon" vergangene Woche laufen täglich vermutlich bis zu 160.000 Liter Rohöl ins Meer. Die mehr als fußballfeldgroße Ölbohrinsel war auf die Erkundung von Tiefseevorkommen spezialisiert. Im Studio ist meine Kollegin Dagmar Röhrlich. Sie haben sich intensiv mit "Deep Water Horizon" beschäftigt – was ist bislang unternommen worden, um den Austritt des Rohöls zu verhindern?

Dagmar Röhrlich: Jetzt laufen im Moment immer noch Versuche rund um die Uhr mit ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugen, diesen 450 Tonnen schweren blowout preventer zu verschließen. Das ist ein – wenn man so will – Ventil, das hydraulisch eigentlich dafür sorgen soll, dass in dem Moment, wo aus dieser Lagerstätte, die angebohrt worden ist, Öl und Gas, das unter Druck steht, herausschießt, dass es automatisch alles abgeschlossen wird, damit nichts passieren kann. Das hat nicht funktioniert.

Blumenthal: Das heißt, es gab einen flexiblen Schlauch von der Bohrinsel hinein ins Gestein. Dieser Schlauch oder diese flexible Verbindung ist getrennt worden und es gab auch noch eine Möglichkeit, dazwischen etwas abzuschließen.

Röhrlich: Also was genau passiert ist, weiß man immer noch nicht. Die Bohrung wird in die Erde rein versenkt mit großen Stahlrohren und irgendetwas ist passiert sodass aus dieser Lagerstätte heraus Öl und Gas, das darin unter Druck steht, herausgeschossen ist. Das hat dann für diese spektakulären Bilder gesorgt, wo die Flammen und der Rauch ja meterhoch schossen. Und normalerweise sitzt da halt dieses riesige schwere Ventil und schließt alles automatisch ab. Und genau das hat es aus irgendeinem Grund nicht getan. Und das versucht man im Moment zu beheben, denn die Küstenwache hat ja zuerst gedacht, dass alles gut gegangen ist, es tritt kein Öl aus – das war am Freitag, diese Meldung. Und seit Samstag wissen wir: Es tritt wahrscheinlich schon die ganze Zeit Öl aus, nämlich 160.000 Liter. Und wenn das jetzt so weiter sickert, dann kann es halt doch eine ganz böse Ölpest geben.

Blumenthal: Wo tritt dieses Öl jetzt aus, in diesen flexiblen Stahlrohren oder an der Bohrstelle? Gibt es darüber genauere Informationen?

Röhrlich: Es gibt im Moment zwei Stellen. Beide sind in der Nähe vom Meeresboden: einmal direkt aus dem Bohrloch und einmal aus diesem sogenannten Riser. Das ist ein Rohr gewesen, das zwischen dem Meeresboden und dieser Plattform oben gewesen ist und wo das Öl halt auch durchgeschossen ist. Das ist jetzt abgeknickt nach dem Untergang. Und diese Knicke sind jetzt eigentlich unser großes Glück, wenn ich das jetzt als Umwelt sehe. Denn dadurch kann es nicht mehr dazu kommen, dass das Öl so rausschießt wie es bis dahin gewesen ist – wie beim Gartenschlauch, es wird verlangsamt. Und dadurch hat man halt nur diese 160.000 Liter und nicht die 1,2 Millionen Liter, die auch austreten könnten im schlimmsten Fall. Da hofft man jetzt, dass diese Lecks in diesem Bereich bleiben, also sich nicht so vergrößern wie es sein könnte.

Blumenthal: Wenn dieser Knick jetzt momentan unser Glück ist – das ist ja nur eine temporäre Entwicklung – was lässt sich wirklich grundsätzlich machen, um diese Situation zu entspannen und zu entschärfen?

Röhrlich: Entweder es gelingt jetzt bis morgen, dass diese vier ROVs, diese vier Unterwasserroboter das Leck irgendwie geschlossen kriegen, diesen blowout preventer zu bekommen. Das ist sehr schwierig und die Experten glauben nicht, dass es klappen wird. Die zweite Möglichkeit ist – da wird die Genehmigung heute erteilt werden: Bis heute Abend werden zwei Bohrplattformen, die in der Nähe sind, dorthin kommen. Die sollen dann in diesem Bereich, wo die "Deep Water Horizon" – das ist diese untergegangene Bohrplattform – wo die gebohrt hat, sollen die auch reinbohren und dann soll dort ein spezieller Schlamm, der sehr schwer ist, hineingepumpt werden und später auch Zement und das alles abdichten. Aber das wird Monate dauern, mindestens zwei bis drei Monate. Und in der Zwischenzeit könnte natürlich die ganze Zeit das Öl weiterlaufen, also mindestens 160.000 Liter pro Tag. Und deshalb hofft man, eine Art Glocke darüber installieren zu können, die das Öl auffängt und an die Oberfläche leitet. Diese Technik hat man nach dem Hurrikan Katrina angewandt, aber nur im flachen Wasser. Wie in aller Welt das im tiefen Wasser funktionieren soll, bei den hohen Wasserdrücken der Tiefsee, weiß keiner. Aber es wäre die einzige Möglichkeit, eine doch beträchtliche Ölverseuchung zu verhindern.

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