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StartseitePodiumDie Folgen der Cholera24.01.2014

HaitiDie Folgen der Cholera

Die Lage auf Haiti ist noch immer angespannt - auch vier Jahre nach dem Erdbeben. Viele Menschen hausen immer noch in Notunterkünften, und sie leiden unter den Folgen der Cholera und verklagen die UNO.

Stephanie Rohde

Eine Zeltstadt in Port-au-Prince (picture alliance / dpa / Orlando Barria)
Eine Zeltstadt in Port-au-Prince (picture alliance / dpa / Orlando Barria)
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Zwischen Verwüstung und Wiederaufbau (Deutschlandfunk, Podium, 11.01.2014)

"Gucken Sie sich das an! Das hier ist die Küche und mein Schlafzimmer in einem. Wir leben hier wie die Tiere."

Es ist eine eher ungewöhnliche Begrüßung, die Theoleme wählt, aber sie passt. Geduckt läuft er in seine Holzhütte, die notdürftig mit grauen US-AID-Planen abgedeckt ist. Der drahtige, ältere Mann zeigt auf den Minigrill, auf den er einen Topf gestellt hat und auf die Laken auf dem Lehmboden. Sein Blick sagt: Mehr ist nicht. Der einäugige Theoleme hat sein Haus im Erdbeben vor vier Jahren verloren, so wie alle in diesem inoffiziellen Dorf an diesem abgelegenen Berghang in Port-au-Prince. Als sei eine Katastrophe nicht genug, brach einige Monate später die Cholera aus, zum ersten Mal in der neueren Geschichte des Landes. Menschen wie Theoleme hat die Cholera besonders hart getroffen.

"Zehn Tage lang hatte mein Sohn die Cholera, dann ist er gestorben. Und gleich darauf bin ich auch krank geworden. Ich bin also ein zweifaches Opfer. Zum einen, weil ich meinen Sohn verloren habe, zum anderen, weil ich selbst die Cholera hatte."

Vorwürfe gegen die UN

Wer daran Schuld ist, meint Theoleme auch zu wissen: die Vereinten Nationen. Der Vorwurf wiegt schwer: UN-Blauhelmsoldaten aus Nepal, die Haiti den Frieden bringen sollten, sollen (stattdessen) die Cholera eingeschleppt haben. Experten der UN haben herausgefunden, dass der Cholera-Stamm auf Haiti derselbe ist, der auch in Nepal vorkommt. Laut den Experten sind die Bakterien "höchstwahrscheinlich" aus undichten Fäkaliengruben in einem UN-Camp in den nahegelegenen Fluss geschwemmt worden. Von dort aus hat sich die Krankheit rasend schnell verbreitet.

Theoleme ist erbost darüber, erzählt er, während er in seiner Hütte herumwuselt. Eine feste Arbeit hat nicht mehr.

"Ich verlange jetzt von der Regierung, dass sie mir hilft. Aber sie erzählen mir, dass es nur eine moralische Schuld gibt, aber keine rechtliche. Das heißt, sie reden nur, tun aber nichts für mich."

Weil Theoleme das nicht einsieht, verklagt er die UN gemeinsam mit rund 15.000 Haitianern. Der prominente haitianische Anwalt Mario Joseph hat die Klage gegen die internationale Organisation Ende 2011 eingereicht.

"Die UN wusste, dass Cholera in Nepal endemisch ist. Sie hätten alle Soldaten aus Nepal, die nach Haiti kamen, testen müssen. Das haben sie nicht getan. Das ist die erste Fahrlässigkeit. Die zweite ist, dass sie die Abfälle und Exkremente unsachgemäß in einen der größten Flüsse des Landes geleitet haben."

Mehr als 8200 Menschen sind bislang an dem Bakterium gestorben. Noch immer erkranken Haitianer, laut UNICEF waren es allein im vergangenen Jahr rund 50.000 Menschen. Deshalb fordert der Anwalt Joseph im Namen der Betroffenen:

"Wir wollen, dass dem haitianischen Staat geholfen wird, sanitäre Anlagen zu bauen, um die Cholera in Zukunft zu verhindern. Wir wollen für jede verstorbene Person 100.000 Dollar und für jede Erkrankte 50.000 Dollar. Und zusätzlich verlangen wir, dass sich die Vereinten Nationen entschuldigen."

Hilfe gibt es bereits, eine Entschädigung oder Entschuldigung nicht. Die Vereinten Nationen verweisen auf ihre Immunität. Besonders brisant ist, dass Navi Pillay, die Hohe Kommissarin für Menschenrechte der UN, vor Kurzem öffentlich gefordert hat, die Opfer zu entschädigen. Damit bringt sie ihre Kollegen in Haiti und im Hauptquartier in New York in Bedrängnis. Sandra Honoré, die Leiterin der UN-Mission in Haiti, entgegnet schmallippig:

"Die UN Menschenrechtskommissarin hat ihre Meinung geäußert. Der Generalsekretär hat im Bezug auf diesen Fall auf die Immunität der UN verwiesen. Und die Organisation kommentiert öffentlich Beschwerden gegen sie selbst prinzipiell nicht."

Sätze wie dieser machen die UN in Haiti nicht gerade beliebter. Die UN habe nicht genug getan gegen die Epidemie, sagen sie. Doch Honoré verweist darauf, dass die Regierung im vergangenen Jahr eine Offensive gegen die Cholera gestartet hat:

"Die Regierung hat ihren Zehnjahresplan zur Bekämpfung der Cholera eingesetzt, ein Teil des Plans ist ein intensiver Dreijahresplan. Der UN-Generalsekretär hat eine angeregt, den langfristigen Plan zu unterstützen."

Streit im gemeinsamen Kampf gegen Cholera

Um die Cholera zu bekämpfen haben die Vereinten Nationen bisher mehr als 100 Millionen Euro ausgegeben, unter anderem für medizinische Hilfe und Projekte zur Wasseraufbereitung. Die UN arbeiten eng mit dem haitianischen Präsidenten Michel Martelly zusammen. Ihn setzt die Schadenersatzklage unter Druck. Denn er will keinen offenen Streit mit der UN riskieren, muss sich mit seinem Kabinett aber auch hinter die haitianische Bevölkerung stellen:

"Wir glauben, dass es auch wichtig ist, weitere Cholera-Opfer zu verhindern. Die Opfer klagen jetzt gegen die UN und unser Justizminister wird jeden Haitianer dabei unterstützen."

Sätze wie diese machen dem Betroffenen Theoleme Mut - auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass er mit seiner Klage Erfolg haben wird. Er hat sich trotzdem schon ausgerechnet, was er machen würde, falls er umgerechnet gut 70.000 Euro Entschädigung für seinen toten Sohn bekommen könnte:

"Erst mal würde ich mir ein Haus bauen, und dann ein Geschäft aufmachen, um arbeiten zu können, und wenn ich dann zu schwach bin, um zu arbeiten, hab ich noch ein bisschen Geld übrig, als Rente."

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