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StartseiteBüchermarktHauptfigur mit realem Vorbild19.08.2005

Hauptfigur mit realem Vorbild

Erwin Kochs Roman entstand aus einer Reportage

Der Protagonist in Erwin Kochs Buch ist kein Siegertyp. Als Koch hat er nur Erfolg, weil er alles flambiert, was auf den Teller kommt. Er hat abstehende Ohren wie Flossen, aber schwimmen kann er nicht. Ein einziges Mal gelingt ihm etwas Großartiges. Nur: Niemand interessiert sich dafür.

Von Jörg Magenau

Er heißt Siegfried. Siegfried Kuhn. Aber er ist alles andere als ein Siegertyp. Lang und dünn wie ein Spargel stolpert er durchs Leben. Die Ohren stehen ihm vom Kopf ab wie Flossen - aber schwimmen kann er nicht. Geboren wurde er 1944 in Friedrichshafen, während die Stadt im Bombenhagel der Alliierten unterging und die Verwandtschaft in einem Keller verbrannte.
Und als ihm schließlich einmal im Leben etwas Großartiges gelingt - er findet ein Mittel, das Öl in Wasser löst und Rettung vor allen Ölkatastrophen verspricht - da interessiert sich niemand dafür, weil man ihn für einen Spinner hält.

Für diese Figur, die im Mittelpunkt von Erwin Kochs zweitem Roman "Der Flambeur" steht, gibt es ein reales Vorbild. Werner Kroh heißt dieser Mann, der in der Nähe von Luzern lebt. Koch hat im Jahr 2002 eine Reportage über ihn geschrieben, die im Schweizer "Tages-Anzeiger" erschien. Schon seinem ersten Roman "Sara tanzt", der denkwürdigen Liebesgeschichte zwischen einer Gefangenen und einem Folterknecht in einer südamerikanischen Militärdiktatur, war eine Reportage vorausgegangen. Scheinbar sind Stoffe für Erwin Koch mit ihrer journalistischen Verarbeitung nicht erledigt. Er will noch einmal erfinden, was er vorgefunden hat, um die Tiefendimension seiner Figuren literarisch auszuloten. Dabei sind schon seine Reportagen, für die er zweimal mit dem renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet wurde, literarische, kunstvoll gebaute Texte. Und seine Romane hören nicht auf, Reportagen zu sein, bloß weil er sich die Freiheit der Fiktion herausnimmt.

Der entscheidende Unterschied ist der Wechsel der Perspektive, der Blick nach innen. In "Der Flambeur" erzählt der Romanheld Siegfried Kuhn sein Leben, auch wenn er seltsamerweise zwischendurch von sich selbst in der Dritten Person spricht, als wäre er ein anderer. Kuhn ist ein Untergeher.

Der Vater, der stinkend aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, wird eines Tages tot aus der Donau gefischt. Der Onkel ist Metzger und beschläft die Mutter, was der kleine Siegfried durch die Abflussrohre des Hauses zu hören bekommt. Im Jesuitenkloster wird er nach vier Jahren rausgeschmissen, weil er sich beim Diebstahl von Wurst erwischen lässt. Dabei sollte er deshalb Priester werden, weil man in diesem Beruf niemals Hunger leiden muss.

Stattdessen absolviert er eine Lehre als Koch, besteht die Prüfung gerade so. Auf dem zugefrorenen Bodensee beobachtet er einen seiner Lehrer beim Flambieren von Pfannkuchen. Das ist sein Erweckungserlebnis. Als Koch hat er Erfolg, weil er alles flambiert, was auf den Teller kommt, sogar Kutteln. Doch mit seinem Restaurant geht er pleite, nachdem es unter den Gästen eine Salmonellenvergiftung gibt. Kuhn wird Vertreter, reist mit Seifen und beginnt zu experimentieren. Nach 103 Versuchen im Badezimmer hat er endlich sein ölauflösendes Wundermittel gefunden. Verloren hat er in der Zwischenzeit aber seinen Job und seine Frau, die seine hartnäckige Forscherleidenschaft nicht länger ertragen will.

Der äußere Rahmen des Romans ist eine einzige Nacht. Kuhn erzählt, während er darauf wartet, endlich gebraucht zu werden. Um dem Interesse an seinem Wundermittel auf die Sprünge zu halfen, hat er in einer Tankstelle einen Öltank geöffnet. Er handelt wie ein Feuerwehrmann, der selbst Feuer legt, um sich anschließend beweisen zu können. Sein Erzählen ist sprunghaft und zerklüftet, ohne Rücksicht auf die Chronologie. Unvermittelt wechselt er von Kindheitserinnerungen - den stärksten Szenen des Buches - in die Lehrzeit als Koch, in die Gegenwart des Wartens oder zu den Versuchen im Badezimmer. Das Warten ist ein verbindendes Element dieses Lebens. "Kochen ist Warten", heißt es an einer Stelle, doch offenbar ist Kuhn im Laufe seines Lebens die Geduld abhanden gekommen, so dass er nun zu einem Umwelt-Attentäter wurde.

Das Roman krankt daran, dass man als Leser nicht entscheiden kann, was an Kuhns Erfindung dran ist. Ist dieses Mittel tatsächlich brauchbar? Woran liegt es dann, dass sich niemand dafür interessiert, weder Greenpeace, noch die Politik, noch die Industrie? Soll man Siegfried Kuhn für ein Opfer widriger Umstände halten oder für einen manischen Menschen, dem nicht zu helfen ist?

Das Bemühen, eine Reportage in Literatur zu verwandeln, verleitet Erwin Koch zu formaler Überambitioniertheit. Der Text ist zu gründlich strukturiert, um glaubhaft als Ich-Erzählung des aufgeregt wartenden Helden funktionieren zu können. In verlässlicher Regelmäßigkeit tauchen die kompositorischen Leitmotive auf: Die Ohren, die wie Flossen sind, die Seife, die schon in der Klosterschule eine Rolle spielt, und die Mettwurst, die die Mutter für ihre sexuellen Dienstleitungen erhält und die Kuhn sich später aus der Tube in den Mund drückt. "Erinnerung ist wie Wasser" heißt es an einer Stelle - auch so ein Satz, der sich etwas zu flüssig im Thema auflösen lässt. Die Erzählung liefert jedoch den Gegenbeweis. Da strömt und fließt nichts. Die Erinnerungen kommen in harten Bruchstücken ans Licht und stehen unverbunden nebeneinander. So bleibt dem Leser auch die Figur des Siegfried Kuhn im Grunde gleichgültig.

Erwin Koch:Der Flambeur.
Verlag Nagel & Kimche
München, Wien 2005
192 Seiten, 17,90 Euro

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