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StartseiteDeutschland heuteMitmischen statt resignieren11.09.2017

Heidelberger Bündnis zur WahlMitmischen statt resignieren

Satt und selbstzufrieden oder arm und ohne Perspektive, so das Klischee vom Wahlverweigerer: Das Heidelberger "Bündnis gegen Armut und Ausgrenzung" will zur Einmischung motivieren - und Arme und Langzeitarbeitslose zur Stimmenabgabe bei den Wahlen bewegen.

Von Anke Petermann

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Die Angst vor sozialer Armut und Arbeitslosigkeit macht die SPD aktuell zu ihrem Wahlkampfthema (dpa / Wolfram Steinberg)
Das Heidelberger Bündnis will Arme und Langzeitarbeitslose zum Wählen animieren, damit deren Belange besser vertreten werden. (dpa / Wolfram Steinberg)
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"Das Soziale zurück in die Politik!" und "Wählen gehen" steht auf dem Flugblatt, das Christoph Nestor vom Heidelberger Mieterverein Passanten hinhält. Mit manchen kommt er ins Gespräch. Der 19-jährige Enrique hat die Hochschulreife in der Tasche und glaubt, ein Studium mit BAföG und Jobben stemmen zu können. Aber er sorgt sich, ob auch sein 15-jähriger Bruder das schafft, wenn das ohnehin bescheidene Familieneinkommen stagniert oder gar sinkt. Nestor hakt nach:

"Was machen die Eltern?"

Enrique: "Die sind Arbeiter. Also, meine Mutter arbeitet als Kassiererin, mein Vater als Bauarbeiter."

Nestor: "Da geht es um das Aufstiegsversprechen."

Doch den Glauben an bessere Jobs und Aufstieg hegen seine Eltern gar nicht mehr, widerspricht Enrique, es gehe ihnen nur noch darum, "ihre Familie ernähren zu können, mit dem, was sie gerade machen."

"Und das Studium?", fragt Nestor abschließend. "Bist du optimistisch, dass das klappt?" Enrique: "Ich glaube schon." Nestor: "Dein Bruder auch?" Enrique: "Ich glaube schon, dass wir es schaffen werden, wir als Gesellschaft, dass wir weiterkommen werden." Nestor: "Und ihr?" Enrique: "Ich glaube auch, ich hoffe auch."

Kein Vertrauen, keine Lust zu Wählen

Selten stoßen Berater der 51 sozialen Organisationen, die sich in Heidelberg zum "Bündnis gegen Armut und Ausgrenzung" zusammengeschlossen haben, auf so viel Zuversicht. Und noch seltener auf Vertrauen in politische Parteien und Lust zu wählen. Enrique hat beides, er favorisiert die Linkspartei.

Während er dem jungen Mann zuhörte, ging Christoph Nestor durch den Kopf, "dass der Anteil der Studierenden aus den unteren Einkommensschichten gleichbleibend schlecht ist, also war er eben eine sehr positive Figur, die will. Er hat Willen. Und ich hab' so 'n bisschen nebenher an die gedacht, die noch nicht können, die nicht diese Energie haben, diesen Willen - wo da die Unterstützung sein muss."

Direkt neben dem Stehtisch mit den Flugblättern "Soziales-zurück" hat die Alternative für Deutschland ihren Wahlkampfstand. Dominic Balmer hört geduldig einem AfD-Mann im Rentenalter zu. Der 19-Jährige nimmt seine Bundestagswahl-Premiere wichtig und will sich umfassend informieren. Dass Deutschland unter einer "Invasion" von Flüchtlingen leidet, wie der AfD-Mann formuliert, glaubt der Abiturient nicht. Aber ebenso wenig teilt er die Wahrnehmung des Heidelberger Bündnisses, dass es zunehmend ungerechter zugeht.

"Die letzten Jahre haben ja gezeigt, dass es mit der Gerechtigkeit schon bergauf geht, habe ich den Eindruck."

"Habe viel googeln und mich informieren müssen"

Reporterin "Woran machen Sie das fest?"

Balmer: "An der Ehe für alle zum Beispiel. Das fand ich auf jeden Fall mal 'n Erfolg, meiner Meinung nach fast zu spät. In den USA war es 2015, jetzt hier 2017, es wurde auch höchste Zeit."

In der politischen Bildung müsse aber mehr getan werden - auch um seine Altersgenossen zur Wahl zu motivieren. Das sei ebenfalls eine Gerechtigkeitsfrage, findet der junge Grünen-Sympathisant:

"Ich habe jetzt Abitur gemacht und habe viel googeln und mich informieren müssen, was das alles bedeutet, was in Wahlprogrammen und den Duellen so geredet wird. Und was ist mit denen, die auf der Haupt- oder Realschule waren? Da habe ich das Gefühl, dass die so 'n bisschen auf der Strecke bleiben, weil das einfach in der Schule nicht so rüberkommt, wie es sollte. Und deswegen glaube ich, dass es wichtig ist, dass die da ein bisschen mitgezogen werden."

"Spaltung zwischen arm und reich entgegenwirken"

Über Sozialpolitik informiert das Heidelberger Bündnis gegen Armut in diesen Tagen überparteilich. Auf fünf Din-A4-Seiten haben die Aktivisten eine Wahlprogramm-Zusammenschau ausgedruckt, und zwar von den Parteien, die Aussicht haben, in den Bundestag einzuziehen. Auf der Straße verteilen sie Kopien dieses neutralen Dossiers von katholisch.de.

Samt einer Erklärung der Liga der Freien Wohlfahrtspflege Baden-Württemberg:

"Jeder Bürgerin und jedem Bürger soll ein würdevolles Leben ermöglicht werden. Dies kann nur erreicht werden, wenn die Situation von Menschen in prekären Lebenslagen verbessert und der zunehmenden Spaltung zwischen arm und reich entgegengewirkt wird."

Das Soziale zurück in die Politik katapultiert zu haben, können die Heidelberger Aktivisten nach diesem Wochenende nicht von sich behaupten. Aber zumindest haben sie Wählern und Wahlkämpfern bewusster gemacht, warum es dort gebraucht wird.

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