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StartseiteTag für TagDie Macht des Oberrabinats 25.02.2016

Heiraten in IsraelDie Macht des Oberrabinats

In Israel ist es nicht möglich, standesamtlich zu heiraten. Die verschiedenen Religionsgemeinschaften sind zuständig. Das gilt für Christen und Muslime in Israel genauso wie für Juden. Regeln, die im Kern älter sind als der Staat Israel. Für die jüdische Bevölkerung gibt das Oberrabbinat vor, wie geheiratet wird, wer heiraten darf und wer erst konvertieren muss.

Von Lissy Kaufmann

Im Diaspora Museum in Tel Aviv ist eine Skulptur, die eine jüdische Hochzeit zeigt. Die Hochzeitsgesellschaft ist unter einem Traubaldachin,  (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman / ecomedia)
In Israel darf nur heiraten, wer für das für das Oberrabbinat jüdisch genug ist (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman / ecomedia)

Standesamtliche Eheschließungen sind in Israel nicht möglich. Und für jüdische Hochzeiten in Israel ist das Oberrabbinat zuständig. Das heißt, damit die Ehe anerkannt wird, muss sie nach streng-orthodoxen Vorschriften geschlossen werden. Heiraten kann daher nur, wer nach diesen Regeln als jüdisch gilt. Und das ist nicht selten ein Problem für viele Paare, sagt Schachar Ilan von Hiddush, einer Organisation, die sich für Religionsfreiheit einsetzt.

"Insgesamt gibt es in Israel 660.000 Menschen, die hier nicht heiraten können. Das ist ein riesiges Problem, denn Israel ist eine westliche Demokratie. Aber wenn man den Aspekt der Heirat betrachtet, dann sind wir den muslimischen Staaten um uns herum viel näher als der westlichen Welt."

Zu diesen 660.000 Israelis, die nicht jüdisch heiraten können, zählen auch russische Einwanderer, die zwar aufgrund ihrer Vorfahren ein Recht auf Rückkehr haben, aber für das Oberrabbinat nicht jüdisch genug sind. Nicht eingerechnet sind die vielen Paare, die sich bei Auslandsaufenthalten in jemanden verliebt haben, der nicht jüdisch ist. Um in Israel anerkannt heiraten zu können, konvertieren daher einige.

Im Konversionsunterricht lernen die Anwärter, was es heißt, orthodox-jüdisch zu sein. Rund ein Jahr lang pauken sie: Wie kocht man koscher? Wie bereitet man an Pessach einen Sederabend vor? Wie kleidet man sich züchtig? Danach prüft das Oberrabbinat, ob die Anwärter auch nach diesen Regeln leben. Ein Glaubensbekenntnis reicht nicht. Auch Maria Orense aus Venezuela begann mit der Konversion, nachdem sie ihren israelischen Mann bei einem beruflichen Auslandsaufenthalt in Asien kennenlernte.

"Alles begann, als ich ihn kennengelernt habe. Ich habe angefangen, über das Judentum zu lesen, immer tiefer zu recherchieren. Dann habe ich mich an einen Rabbi gewandt, der erst nicht mit mir sprechen wollte. Später begann ich, Unterricht zu nehmen und zu lernen."

Seit September heißt Maria Orense nun Sarah Azizi, ist Jüdin und lebt mit ihrem Mann in Tel Aviv – nach orthodoxen Regeln. Sie hat im Judentum eine Heimat gefunden. Sarah ist modern, aber züchtig gekleidet, sie bedeckt ihr Haar und trägt einen Rock, der übers Knie reicht. Es war ein schwerer Weg, immer wieder wollte sie aufgeben.

"Meinen Mann haben sie damals auch befragt. Eine Frage lautete, ob er bei seiner Mutter am Schabbat koscher ist. Er sagte ja. Sie fragten, hat sie auch getrennte Töpfe für milchige und fleischige Speisen. Er wusste es nicht genau. Dann hieß es, wir würden ja überall essen, ohne zu prüfen, ob es koscher ist; wir seien noch nicht so weit. Und sie sagten uns, wir sollten den Schabbat zukünftig mit orthodoxen Familien verbringen."

Dennoch scheint die Partnerschaft für viele ein Anreiz, diesen Weg zu gehen. In ihren Konversionsklassen, sagt Sarah, seien auffällig viele Frauen gewesen, mehr als 80 Prozent.

"In meinen Klassen waren Mädchen, die es schnell hinter sich bringen und heiraten wollten. Andere sagten, sie wollten wirklich konvertieren. Es gab welche, die nicht verrieten, dass sie einen Freund haben, um vom Oberrabbinat leichter anerkannt zu werden. Und drei Tage nach der Konversion haben sie dann geheiratet."

Für Schachar Ilan von der Organisation Hiddush ist das alles eine Farce:

"Die religiösen Gerichte wissen ja oft, dass viele für die Heirat konvertieren. Aber sie verlangen dennoch, dass sie religiös leben, obwohl es sich um nicht-religiöse Paare handelt, die später auch entsprechend leben wollen. Sie müssen aber so tun als ob. Hätten wir die zivile Ehe in Israel, gäbe es keinen Grund zu lügen."

Der Frust in Israel über die Macht des Oberrabbinats ist groß. Immer öfter heiraten auch jüdische Paare im Ausland. Sie sehen nicht ein, warum die Orthodoxen das religiöse Leben bestimmen. Auch Itai Shelem und seiner Partnerin Aileen ging es so.

"Man hört so viel von Menschen, die jüdisch aufgewachsen sind, deren Jüdischsein aber vom Oberrabbinat angezweifelt wird. Das scheint mir völlig absurd."

Die beiden wollen im Frühjahr standesamtlich heiraten – in New York. Solche Eheschließungen werden vom Staat Israel wiederum anerkannt. Laut Hiddusch sind rund 20 Prozent aller Ehen, die in Israel gemeldet werden, im Ausland geschlossen worden. Dazu zählen jüdische Paare und solche, bei denen ein Partner nicht jüdisch ist.

"Man kann sagen, dass das Oberrabbinat der größte Feind des Judentums ist, weil es Menschen dazu bringt, die Religion nicht zu mögen."

Schachar Ilan weiß aber auch, dass sich die Mehrheit der Israelis derzeit noch den orthodoxen Regeln beugen. Er hofft, dass in Zukunft mehr Paare das Oberrabbinat boykottieren. Bis irgendwann auch in Israel zivil oder liberal-jüdisch geheiratet werden kann.

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