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StartseiteBüchermarktHelsinkis Historie23.10.2008

Helsinkis Historie

Kjell Westö: Wo wir einst gingen, btb, München 2008

Kjell Westö ist einer der bekanntesten finnlandschwedischen Autoren der jüngeren Generation. Seit seinem literarischen Debüt 1986 hat er drei Gedichtsammlungen, mehrere Bände mit Erzählungen und vier Romane veröffentlicht. Für seinen letzten und vierten Roman "Wo wir einst gingen" erhielt er 2006 den renommierten Finlandia-Preis. Der Roman zeichnet ein Porträt Helsinkis in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts - und wurde nun auch ins Deutsche übersetzt.

Von Annette Brüggemann

Die Kathedrale von Helsinki. (Stock.XCHNG / Nick Yee)
Die Kathedrale von Helsinki. (Stock.XCHNG / Nick Yee)

Den Einwohnern von Helsingfors: den Toten, den Lebenden, den Kommenden. Den Städtern: allen, die man in ein eiskaltes Grab senkte; allen, die noch auf diesen Straßen gehen; allen, die noch darauf warten, bis sie an der Reihe sind,

steht als Widmung auf der ersten Seite des Romans "Wo wir einst gingen" von Kjell Westö. Große Worte. Ein Roman also über Helsinki - auf Schwedisch Helsingfors - und seine Bewohner. Ein wenig wundert man sich: Gehören Großstadtromane nicht längst ins Kabinett der Literaturgeschichte? Auch wenn es Ausnahmen gibt wie Uwe Tellkamps Dresden-Erzählung "Der Schlaf in den Uhren", für die er 2004 den Ingborg Bachmann-Preis erhielt.

Städte waren vor allem Stoff der literarischen Moderne wie in dem Roman "Manhattan Transfer" von John Dos Passos aus dem Jahr 1925 oder in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" aus dem Jahr 1929. Doch was war Helsinki überhaupt für eine Stadt um die Jahrhundertwende?

Zwar wurden in Stadtteilen wie Katajanokka und Eira zahlreiche neue Wohnhäuser im Jugendstil erbaut, aber Helsinkis Einwohnerzahl wuchs auf gerade mal 100.000 heran, während andere wie Berlin expandierten. Ganz zu schweigen von der Metropole New York, die um 1900 bereits 3,4 Millionen Menschen beherbergte. Bis heute wohnen in Helsinki nicht mehr als 570.000 Einwohner.

Und jetzt Kjell Westös Helsinki-Epos, bei dessen Lektüre sich fortwährend der Gedanke an eine amerikanische Literaturtradition einschleicht. Die Art, in großen epischen Bögen Epochen abzuhandeln: vom Bürgerkrieg, über die lebenshungrigen Jahre, die Helsinki zum Erblühen brachten, bis hin zum sogenannten Winterkrieg. Dann die Romanfiguren, die an das literarische Personal F. Scott Fitzgeralds erinnern: reich, schön und völlig verloren in einer Welt, die sich nicht vor der Realität abschirmen lässt.

Der Roman beginnt am 16. Juni 1905 - dem Jahrestag der Ermordung von Nikolai Iwanowitsch Bobrikow. Der Generalgouverneur des russischen Zaren Nikolaus II., der Finnland die Autonomie abgesprochen hatte. Am 16. Juni 1904 wurde Bobrikow durch den Beamten und finnischen Nationalisten Eugen Schauman ermordet. Schauman wurde damals zum Held der finnischen Nationalisten.

Dass am 16. Juni 1904 auch Leopold Bloom in James Joyce's "Ulysses" durch Dublin irrt, ist ein verrückter Zufall. Und doch ist es interessant, dass Kjell Westö seinen Roman an einem 16. Juni, am "Bloomsday" also, beginnen lässt.

Von diesem Datum aus lässt Kjell Westö die Leser eintauchen in die Anfänge eines von Kriegen heimgesuchten Jahrhunderts.

Der Zufall wollte es, dass der erste Tag von Vivan Fallenius als Hausmädchen bei den Herrschaften Gylfe in der Achtzimmerwohnung an der Boulevardsgatan auf den ersten Jahrestag der Ermordung des russischen Generalgouverneurs Bobrikoff durch den einsamen und halbtauben Beamten Eugen Schauman fiel. Der stellvertretende Amtsrichter und seine Frau, die Schauman flüchtig gekannt hatten, feierten dies mit einem stummen Champagnertoast zur Consommé. Vivan stand an der Tür zum Flur, mit Rüschen in den Haaren, sie trug einen schwarzen Rock und eine schwarze Bluse mit weißem Spitzenkragen und hatte sich darüber hinaus eine weiße Schürze umgebunden, sie wartete auf die nächste Anweisung und versuchte sich möglichst unsichtbar zu machen. Das mit Schaumann und Bobrikoff interessierte sie nicht weiter, stattdessen dachte sie an den Familienbaum daheim in Degerby, an ihre Hofbirke, die während eines überraschenden Maisturms vor gut einem Monat in der Mitte umgeknickt war, und daran, wie seltsam es doch war, dass sie bereits im Januar geträumt hatte, der Baum werde sterben. Träume dieser Art hatte sie in regelmäßigen Abständen, und sie machten ihr Angst, aber inzwischen war schon zartgrün gefärbter Sommer, und sie fragte sich, warum Beata Gylfe nicht die schweren Samtvorhänge aufziehen ließ.

Der marxistische Literaturtheoretiker Georg Lukács war es, der den Roman als Ausdruck einer "transzendentalen Obdachlosigkeit" sah. Lukács meinte damit, dass im modernen Roman sowohl der Sinn eines Zeitalters wie das problematische Verhältnis des Individuums zu sich selbst auf dem Spiel stünden. Das trifft auch für "Wo wir einst gingen" zu.

Die Schicksale der Menschen stehen in Kjell Westö Roman im Vordergrund. Sie irren durch die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche des Jahrhunderts. Das, was unaushaltbar scheint, lässt sie zwar im ersten Moment näher zueinander rücken, wirft sie jedoch am Ende auf sich selbst zurück. Die Stadt Helsinki wird dabei lediglich zur Bühne im Kampf um Selbstbehauptung.

Das junge Dienstmädchen Vivan wird im ersten Kapitel des Romans ihren Job verlieren, weil sie schwanger geworden ist und mit dem ebenso jungen Enok Kajander, Waise und Sohn eines armen Fischers, eine ungewisse Reise in die Zukunft antreten wird. Was beide zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen: Ihr gemeinsamer Sohn Allu Kajander wird einmal einer der größten Fußballspieler Finnlands. Und dann sind da noch die Kinder der elitären Familie Lilljehelm: Der hasserfüllte Cedie Lilljehelm wird mit den faschistischen Schwarzhemden sympathisieren. Und seine freiheitsliebende, von Männern umschwärmte Schwester Lucie, wird nach Paris auswandern und das französische Lebensgefühl Ende der 20er Jahre nach Helsinki importieren.

"Mein Buch ist nicht nur ein Buch über den Bürgerkrieg. Meine Absicht war, diese Generation zu beschreiben, die in dem Jahr 1900 geboren war. Diese Generation hat so ein schlechtes Schicksal, da die Leute sehr jung waren. Dann kam der Erste Weltkrieg. Und vor dem 40. Geburtstag fängt der Zweite Weltkrieg an. Ich wollte das Leben dieser Generation beschreiben. Nicht nur den Bürgerkrieg. Es gibt große Helsinki-Erzählungen, sowohl in Finnisch, als auch in Schwedisch. Aber wenn man mit zum Beispiel Stockholm in Schweden vergleicht, dann sieht man, nach meiner Meinung, dass wir in Finnland... Man schreibt Geschichte über das Leben auf dem Land, nicht in der Stadt. Es gibt mehr Stockholm-Erzählungen als Helsinki-Erzählungen. Und das versuche ich, in meiner Weise, zu verbessern, ein bisschen."

Aleksis Kivi gilt als Vater der modernen Literatur in finnischer Sprache. Sein Schelmen- und Entwicklungsroman "Die sieben Brüder" aus dem Jahr 1870 spielt im ländlichen Süden Finnlands in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Viele folgten seinem Vorbild.

Vor Kjell Westö hat sich vor allem der finnische Autor Väinö Linna mit der Bürgerkriegsthematik auseinander gesetzt. In seiner 1959 bis 1962 erschienenen Triologie "Täälla Pohjantähden alla - Hier unter dem Polarstern" schildert er eindrucksvoll den finnischen Bürgerkrieg von 1917. Kjell Westö spricht immer noch von einem Tabu.

"Es war sehr lange ein Tabu, dieser Bürgerkrieg, aber der erste Versuch, über diese Dinge zu reden, gab es in den 60er Jahren. Es war noch schwierig, in den 70er, 80er Jahren, als ich jung war, objektiv und ruhig über den Bürgerkrieg zu sprechen. Ich bin 1961 geboren und die jüngeren Leute sind die erste Generation in Finnland, die ziemlich ruhig über den Bürgerkrieg sprechen kann. Beide Seiten hatten sehr grausame Dinge gemacht. Aber klar ist, dass vier oder fünf mal so viele Rote in Gefangenenlager und nach dem Krieg gestorben sind als Weiße, als die siegenden Leute. Wie man diese Gefangene im Sommer 1918 behandelt hat, das war ein Tabu. Es war schwierig, darüber zu sprechen."

Finnlands Ablösungsprozess von Russland war begleitet von schweren Konflikten, die in einen sozialistischen Umsturzversuch gipfelten. In einem dreimonatigen brutalen Bürgerkrieg behielten letztlich die bürgerlichen "Weißen" die Oberhand. Die Folge: Tausende Tote in beiden Lagern.

Kjell Westö hat Väino Linnas Version vom finnischen Bürgerkrieg einiges hinzuzufügen. In seinem Roman werden die sogenannten "Weißen" und "Roten" nicht als "gut" oder "schlecht" beurteilt. Kjell Westö bricht mit den alten Klischees. Er hat den Fokus auf die Psychologie der Figuren gelegt. Auch Jazzmusik erklingt zwischen den Zeilen. Der Aufbruch Helsinkis in die Moderne kostet Kjell Westö in lebendigen Schilderungen aus. Das Sexappeal der rebellischen Lucie Lilljehelm, die sich in den Aktfotografen Eccu Widing verliebt. Und die Abende in der Bar unter den Schmetterlingslampen, die zum Sinnbild für die neue Bohème werden.

Der Roman endet im Jahr 1938 - am Vorabend des Winterkriegs, in dem die finnische Aristokratie erneut zerfällt. Am 30. November 1939 greift die Sowjetunion Finnland an - der Krieg wird am 13. März 1940 durch den Friedensvertrag von Moskau beendet. Doch als Hitler im Juni 1941 die Sowjetunion angreift, tritt Finnland in Kooperation mit Deutschland erneut in den Krieg ein. Erst 1944 wird dieser Fortsetzungskrieg mit der Sowjetunion beendet.

An jedem Ort, an dem ein Mensch gegangen ist, gibt es eine Erinnerung an ihn. Und deshalb steigt zuweilen eine plötzliche Wärme von der Straße auf, auf der wir gehen. Es ist die Erinnerung an all die anderen Menschen, die dort gingen, liebten und hassten und hofften und gepeinigt wurden,

sagt der Schriftsteller Ivar zu der Schauspielerin Henriette an einer Stelle im Roman. Der Satz steht exemplarisch für den Grundimpuls des Romans: Dem kulturellen Gedächtnis einer Stadt eine neue Sprache zu verleihen. Kjell Westö hat sich als Finnlandschwede seinen fremden Blick bewahrt: Ihm gelingt das Panorama einer weit gefassten Epoche.

Für deutsche Leser ist "Wo wir einst gingen" auch ohne historisches Hintergrundwissen interessant: Denn Kjell Westö schildert emotional und mitreißend, was uns Menschen in ideologisch extremen Zeiten widerfahren kann, von Glück und Unglück, Liebe und Hass, Krieg und Frieden.

Kjell Westö: Wo wir einst gingen
Aus dem Finnlandschwedischen von Paul Berf
btb, München 2008, 651 Seiten, 19,95 Euro

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