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StartseiteUmwelt und VerbraucherWenn Lärm krank macht24.04.2018

Herzerkrankungen und SchlaganfallWenn Lärm krank macht

Laut WHO ist Verkehrslärm nach der Luftverschmutzung die zweitwichtigste umweltbedingte Krankheitsursache in Europa. Über 100 Millionen Stadtbewohner leiden unter ohrenbetäubendem Lärm durch Autos, Straßenbahnen und Flugverkehr. Ein Umweltverein aus Leipzig will das ändern.

Von Max Heeke

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Ein Flugzeug fliegt dicht über ein Wohnhaus in Berlin-Tegel. (dpa / Kai-Uwe Heinrich)
Ein Flugzeug fliegt dicht über ein Wohnhaus in Berlin-Tegel. (dpa / Kai-Uwe Heinrich)
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Leipzig, Ostvorstadt, an einer zentralen Verkehrsachse. Autos und Lastwagen fahren hier vierspurig, alle drei bis vier Minuten rattert eine Straßenbahn vorbei. An der Straße liegen Wohnhäuser im Jugendstil, ein DDR- Plattenbau und ein Ärztezentrum. Tino Supplies, ein hochgewachsener, schlanker Mann Ende 30 hält ein Schallpegelmessgerät in die Luft.

"Wir haben jetzt hier aktuell über 70 Dezibel, das ist ein Wert, der eindeutig gesundheitsgefährdend ist. Ab 65 Dezibel Dauerschallpegel, das heißt als Durchschnittswert über das ganze Jahr und den ganzen Tag sind gesundheitliche Beeinträchtigungen nachgewiesen."
 
Tino Supplies arbeitet beim "Ökolöwen", einem Leipziger Verein, der sich für eine nachhaltige und umweltfreundliche Stadt einsetzt. Derzeit haben Supplies und seine Kollegen den Verkehr auf der Agenda.
 
"Der Verkehr ist eindeutig die Hauptlärmquelle. Das sagen zum einen Studien, das zeigen aber auch die Befragungen, die wir hier schon in den Ortsteilen gemacht haben, Verkehr ist immer die Nummer Eins und da auch immer der Autoverkehr. Und da müssen Lösungen her und die heißen Verkehrsberuhigungen."

Über 100 Millionen Europäer von krankmachenden Schallpegeln betroffen

Verkehrslärm ist nach der Luftverschmutzung die zweitwichtigste umweltbedingte Krankheitsursache in Europa. Zu dieser Erkenntnis kam die Weltgesundheitsorganisation bereits vor 20 Jahren. Über 100 Millionen Europäer sind von Schallpegeln betroffen, die krank machen können. Die Folgen von Lärm seien nicht zu unterschätzen, erklärt der Mainzer Lärmwirkungsforscher Thomas Münzel.
 
"Wenn wir Lärm in einer Größenordnung von 60 Dezibel haben, dann wird der Schlaf gestört, dadurch entstehen Stressreaktionen und wenn wir chronischen Stress haben, dann entstehen richtige Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie koronare Herzerkrankungen, Herzschwäche oder der Schlaganfall."

Lärmkarten zeigen, wo es besonders laut ist  

2002 begann der Kampf gegen Lärm auf europäischer Ebene. Die so genannte Umgebungslärmrichtlinie verpflichtet die Mitgliedsstaaten alle fünf Jahre Lärmkarten zu erstellen. Kartiert wird der Verkehr an Hauptschienenstrecken und Hauptverkehrsstraßen und an Großflughäfen. Die Karten zeigen, wo es besonders laut ist. Online können sie beispielsweise beim Umweltbundesamt angesehen werden. Sie dienen als Grundlage für Aktionen zum Lärmschutz, sagt Rene Weinandy, Lärmexperte vom Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau.
 
"Erst wird kartiert und je nachdem ob ein Lärmproblem besteht, wird ein Lärmaktionsplan erstellt und dieser Lärmaktionsplan wird in Zusammenarbeit mit der betroffenen Bevölkerung erarbeitet. Das heißt sie haben eine Öffentlichkeitsbeteiligung, die sehr wichtig ist, gerade bei einem Thema was ja auch subjektiv ist, wie das Thema Lärm."
 
An dieser Stelle setzt der Leipziger Umweltverein Ökolöwe mit dem Projekt 'Mach's leiser' an. Tino Supplies versucht in den kommenden Wochen, viele Bürgerinnen und Bürger im Leipziger Osten für den Kampf gegen Lärm zu gewinnen.
 
"Wir haben auf der einen Seite Fachexperten eingebunden, die zum Thema Lärm oder Verkehrsplanung ihre Fachexpertise mitbringen. Die Menschen vor Ort bringen ihre lokale Expertise ein, sie kennen ganz genau ihren Ortsteil, wissen wie Verkehr sich in der Realität wirklich abspielt. Beide Seite zusammenzubringen und das Wissen von beiden Seiten kombinieren, da sind wir überzeugt, dass das die Besten Lösungen hervorbringt."

"Gesamtgesellschaftlicher Wandel nötig"

In Werkstätten sollen die Bürger gemeinsam mit Experten Konzepte entwickeln, um den Verkehr zu beruhigen. Am Ende könnten viele konkrete Vorhaben wie Tempo 30-Zonen, Zebrastreifen oder Radwege stehen, die nach den Werkstätten auch von der Stadtverwaltung umgesetzt werden. Zweimal hat der Verein in der Vergangenheit so bereits gemeinsam mit Bürgern ruhigere Zonen in Leipzig geschaffen. Um dem Lärm in Deutschland Herr zu werden, sei ein gesamtgesellschaftlicher Wandel nötig, erklärt René Weinandy vom Umweltbundesamt:
 
"Lärm ist ein Teilproblem, was mit der Art zusammenhängt wie wir Mobilität organisieren. Wenn wir es zum Beispiel schaffen, den öffentlichen Personennahverkehr zu stärken und den individualisierten, motorisierten Verkehr zurückzudrängen, hätten wir ein Großteil des Lärmproblems in den Innenstädten zumindest ansatzweise gelöst."
 
Der Umweltverein Ökolöwe bleibt im Kampf gegen Lärm nicht bei den Stadtgrenzen Leipzigs stehen. Tino Supplies und seine Kollegen entwickeln gerade ein Handbuch für den Lärmschutz als Blaupause für andere Städte.

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