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StartseiteUmwelt und VerbraucherMissbrauch von Staatseigentum für jagdliche Freuden14.03.2016

HessenMissbrauch von Staatseigentum für jagdliche Freuden

Im aktuellen bundesweiten "Wald-Report" des Umweltverbandes BUND wird dem Forstamt Jossgrund in Hessen "Zerstörung von Staatseigentum" vorgeworfen. Für die persönlichen Interessen einiger weniger werde Staatseigentum "quasi annektiert und missbraucht – mit Folgen sowohl ökologischer als auch finanzieller Art."

Von Ludger Fittkau

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"Meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass wir heute die Auditierung der der zweiten Tranche FSC-zertifizierte Forstämter bekannt geben können."

Eigentlich ist es  ein guter Termin im winterlichen Wald für die hessische Umweltministerin Priska Hinz. Denn die Hälfte der hessischen Forstämter trägt nun das FSC-Siegel für nachhaltige Waldbewirtschaftung. Damit ist Hessen zwar ökologisch bundesweit längst noch nicht vorne - doch unter der grünen Ministerin in Wiesbaden holt der Landesbetrieb Hessenforst auf diesem Gebiet deutlich auf. Aber: Unter den elf Landes-Forstämtern, die an diesem Tag das Öko-Siegel bekommen, ist ein Sorgenkind. 

"Konkret geht es um den Bereich des Forstamtes Jossgrund im hessischen Spessart. Dort hat man eine riesige Überpopulation an Rothirschen, die so groß ist, dass der Wald richtig geschädigt wird", sagt der Diplom-Biologe Jörg Nitsch, stellvertretender Bundesvorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland – kurz BUND.  

Im aktuellen bundesweiten "Wald-Report" des Umweltverbandes wird dem Forstamt Jossgrund – so wörtlich - "Zerstörung von Staatseigentum" vorgeworfen.  Für die persönlichen Interessen einiger weniger werde Staatseigentum "quasi annektiert und missbraucht – mit allen schlimmen Folgen sowohl ökologischer als auch finanzieller Art.". Jörg Nitsch:

"Es ist bekannt, dass seit Jahrzehnten in diesem Forstamt sozusagen das Wild vor den Wald gesetzt wird und das die Forstbeamten, die dort Dienst tun, eben auch gerne auf die Jagd gehen. Das sieht man auch an den jagdlichen Einrichtungen im Bereich des Forstamtes. Also Waldhütten im Wald, Jagdhütten im Wald und andere Einrichtungen zur Schütterung des Wildes. Alles Dinge, wo wir sagen, das muss genau umgekehrt gemacht werden, Wald muss vor Wild gehen."

Jörg van der Heide ist beim Landesbetrieb Hessen-Forst sowohl für die Jagd als auch für das Öko-Label FSC zuständig. Er weist die Kritik des BUND zurück, dass man im Forstamt Jossgrund "Schussschneisen mit 20 – 30 Meter Breite sowie Kanzeln mit Schussmöglichkeiten in viele Richtungen" geschaffen habe, um sich Jagdvergnügungen hinzugeben:

"Jagd geht nicht vor Wald, weil Jossgrund ist einer unserer holzvorratsreichsten Forstbetriebe. Die jagdliche Infrastruktur, so nenne ich das mal mit den Schneisen und Jagdeinrichtungen ist natürlich erforderlich, um bei dichtbestockten Wäldern überhaupt Jagdmöglichkeiten zu haben. Ich muss ja das Wild irgendwo mal sehen, ich muss ansprechen können, ich muss auch den Schuss sicher abgeben können. Dazu brauche ich nun mal Jagdschneisen." 

Der Bund für Umwelt und Naturschutz sieht jedoch das Ausmaß an Jagdeinrichtungen, etwa auch Jagdhütten, im Bereich des Forstamtes Jossgrundes als Beleg dafür, dass es hier vor allem um die Jagdlust gehe und die Belange einer ökologischen Waldbewirtschaftung bisher eine untergeordnete Rolle spielten.  Jorg Nitsch vom BUND:

"Naja von Hessenforst her und auch vom Ministerium wird natürlich abgewiegelt. Es wird gesagt, wir sind ja schon auf einem guten Weg. Wir kennen die Problematik und die Abschusszahlen wurden in den letzten Jahren auch schon erhöht. Das ist sicher auch richtig, aber wir sind der Meinung, dass die Schäden, die man vor Ort im Wald und am Wald sehen kann, dass die immer noch so groß sind, mit Millionenverlusten jedes Jahr, dass dort viel deutlicher der Abschuss noch erhöht werden muss, bis wir eine Rotwilddichte erreicht haben, die tragbar ist. Und wir sagen auch dazu: Wir wollen den Rothirsch dort nicht ausrotten im Spessart, er gehört zum Waldbiotop dazu. Aber er muss auf einem Niveau gehalten werden, dass der Wald und das ist auch die forstpolitische Forderung, ohne Schutz, ohne Zäume sich natürlich verjüngen kann."

Eine Forderung, der sich beim Termin für die FSC-Zertifizierung im Winter-Wald auch die grüne Landesumweltministerin Priska Hinz ohne zu zögern anschloss:

"Ja, im Jossgrund muss vor allen Dingen Rotwild geschossen werden. Unabhängig von der FSC-Zertifizierung. Aber natürlich gibt die FSC-Zertifizierung auch vor, dass der artenreiche Wald geschützt werden soll. Und der besondere Schutz heißt natürlich auch, die Abschussquoten müssen so sein, dass wir keine unnötigen Verbiss-Schäden haben an den Bäumen."

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