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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Hilke Lorenz: Kriegskinder. Das Schicksal einer Generation23.02.2004

Hilke Lorenz: Kriegskinder. Das Schicksal einer Generation

List Verlag, München 2003. 304 Seiten. 21 Euro

<strong>Auch das nächste Buch befasst sich mit dem 2. Weltkrieg, allerdings aus einer ganz anderen Perspektive. Autorin Hilke Lorenz stellt darin sog. Kriegskinder vor, Menschen also, die einen Teil ihrer Kindheit zu Zeiten des 2. Weltkriegs verbrachten. Der Untertitel lautet: Das Schicksal einer Generation. Der im vorherigen Beitrag schon erwähnte Publizist Jörg Friedrich hat für den Verlagswaschzettel eigens ein paar werbende Worte gefunden:</strong>

Von Frank J. Heinemann

Eine Generation, die Jahrzehnte von unbewältigter Vergangenheit geredet hat, entdeckt, dass sie selber eine hat. Dieses Buch über das Trauma der Kinder der Bombennächte, der Vertreibung, der zerrissenen Nachkriegsfamilien war fällig.

Die Betrachtung der Deutschen als Opfer des Nationalsozialismus scheint ein erinnerungsschwacher Zeitgeist gerade zu einer literarischen Mode zu entwickeln. Erstmals, heißt es da, sei es nun möglich, über die Leiden der Deutschen an Krieg und Vertreibung zu sprechen. Frank J. Heinemann, selbst eines dieser sog. Kriegskinder, stellt Ihnen Hilke Lorenz’ Schicksal einer Generation vor:

Bisher durfte der Rezensent nie dabei sein, bei einer "Generation". Für die "skeptische" war Jahrgang 38 noch zu jung, für die 68-er schon zu alt, von "Generation Golf" ganz zu schweigen. Doch nun hat sich eine Heimat aufgetan, generationsmäßig, dank einer Stuttgarter Journalistin vom Jahrgang 1962: Alle Deutschen der Jahrgänge 1930 bis 45 zählt Hilke Lorenz zu den 'Kriegskindern’, und das sind 14,8 Millionen Menschen. In dieses Riesenheer fühlt sich die Autorin schon in der Einleitung so richtig ein:

... Sie sind in ihrem Leben an dem Punkt angelangt, wo man Bilanz zieht, wo Aufgaben und Verantwortungen entfallen .... Reibungsloses Funktionieren hat sie zum obersten Gebot gemacht, die Generation unserer Eltern. Sie musste früh erwachsen werden und hätte allen Grund gehabt, um ihre verpasste Kindheit und Jugend zu weinen. Aber sie haben es nicht getan, sie haben sich das Recht dazu nicht zugestanden, weil sie doch immerhin überlebt hatten.

Haben 15 Millionen Deutsche ihre Kindheit verpasst? Grob gerechnet war etwa die Hälfte der deutschen Kinder von den schlimmsten Folgen des Krieges verschont geblieben. Vom Bombenkrieg betroffen, von Flucht und Vertreibung, war die andere Hälfte. Ein Viertel der Kinder wuchs nach 1945 ohne Vater auf, 75 Prozent wurden also nicht vaterlos. Hilke Lorenz verurteilt, wie’s sich gehört, immer wieder die "Nazis", sie nennt sie "Gedankenvergifter" einer "militarisierten" Jugend, aber sie gehören irgendwie zu einer anderen Welt:

Das Unheil jenseits des Dorfes hatte Einzug gehalten ...

... heißt es einmal. Die unheilbringenden Nazis gehören nicht zur Welt der Familien, die Lorenz beschreibt. Historische Differenzierung wird unmöglich durch die Grundstimmung des Buches, ein sozusagen nachgeholtes Weinen:

Helden kuscheln nicht / Ausgeträumt: Bomben ersticken auch Wünsche / Die geplünderte Kindheit / Eimer voll Tränen / Mutterseelenallein.

So heißen einige der Schlagzeilen im Inhaltsverzeichnis. Hilke Lorenz hat vierzig "Kriegskinder" befragt, aktualitätsbewusst auch einen Überlebenden der "Wilhelm Gustloff". Die Namen der Befragten sind geändert, doch auf privaten Fotos sind sie als Kinder zu sehen: in unbeschwerten Vorkriegsmomenten, später aufblickend zum Vater in Uniform, mit umgehängten Namensschildern als "Kinderlandverschickte", auf dem Pferdewagen im Flüchtlingstreck. Ihre Geschichten gehören gewiss zur Geschichte, die ja nicht nur aus Strukturen, Strategien und Ideologien besteht, sondern auch ein Mosaik aus menschlichen Biografien ist. Allerdings muss ein Autor die Mosaiksteine zum Reden bringen können. Leider wirken die von Lorenz meist indirekt in eigenen Worten referierten Äußerungen der Befragten oft nur wie Illustrationen der Grundthese, dass eine ganze Generation von Traumatisierten unter uns lebt. Kaum einmal wird die Aussagekraft von "Oral History" spürbar, denn Lorenz fällt ihren Gesprächspartnern sozusagen immer wieder ins Wort, indem sie mechanisch das Einzelschicksal mit dem allgemeinen Geschichtsablauf verknüpft. Berichtet wird etwa von einem Pfarrerssohn, der vom Tod seines Vaters in einem sowjetischen Lager erfährt.

Für alle Tragik gibt es eine Statistik. Elf Millionen deutsche Soldaten sind in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Rund eine Million überlebte die Gefangenschaft nicht. Die letzten von ihnen kehrten elf Jahre nach Ende des Krieges zu ihren Familien zurück.

Nun waren aber niemals 11 Millionen in sowjetischen Lagern. 11 Millionen ist die Gesamtzahl der Gefangenen aller Alliierten, auf die Sowjetunion entfiel davon nur etwa ein Drittel. Beruht die Fehlleistung vielleicht auf dem traumatischen Fortwirken der alten Zwangsvorstellung vom "bösen Iwan"? Über solche Schnitzer könnte man hinwegkommen, wäre da nicht an so vielen Stellen eine mit Pseudo-Bedeutsamkeit aufgeladene Sprache. Den bekannten Umstand, dass Menschen in Paniksituationen sich oft absurd verhalten, walzt Lorenz anlässlich eines Bombenangriffs auf Hannover so aus:

Die Mutter wollte noch einmal nach oben, um an Habseligkeiten zu retten, was sich irgend bergen ließ. ... Was greift man, wenn es schnell zu retten gilt? Was ist das Essentielle einer bürgerlichen Existenz, eines Zuhauses, das unbedingt mit muss in die nächste Stufe der Existenz, um dort den Fortgang des Lebens zu versinnbildlichen? Mutter Kleemann wählte einen Sessel.

Lorenz gibt sich immer wieder als allwissende Erzählerin. Den großen Brand von Dresden schildert sie so, wie ihn angeblich ein dreieinhalbjähriger Junge erlebt hat. Woher weiß sie das? Die Elterngeneration wird pauschal als stark eingeschränkt in ihren Gefühlsäußerungen beschrieben, ihr Verhalten vor allem nach dem Krieg, als es um die Aufarbeitung von kindlichen Traumata gegangen wäre, wird nicht konkret an Einzelbeispielen dargestellt. Die Befragten haben nach Kriegsende fast sechzig Jahre gelebt. Wie haben sich ihre Erlebnisse eigentlich auf ihr späteres Leben ausgewirkt, auf ihre menschlichen Beziehungen, ihre politischen Einstellungen, ihre Haltung zum Leben überhaupt? Darüber erfährt man so gut wie nichts. Lorenz schreibt ihre Gesprächspartner sozusagen auf ihre Kriegstraumata fest, fixiert sie nur auf diese Vergangenheit. Geschildert werden nur bekannt-banale Spätfolgen: Panik bei Sirenentönen und Feuerwerksknallen – ein alter Herr, der seine Kleidung in steter Luftschutzkellerbereitschaft neben dem Bett auslegt. Und da die Autorin offenbar "runde" Storys liebt, teilt sie über einen anderen alten Herrn, der bei der Vertreibung als vierzehnjähriger seinen geliebten Foxterrier zurücklassen musste, mit:

Mit dem Hund seiner Tochter verbindet ihn heute eine innige Zuneigung, die ein halbes Jahrhundert in ihm geschlummert hat. Ein Kreis hat sich geschlossen, ein Lebensast darf weiterwachsen.

So kommt Alltagsgeschichte auf den Hund.
Der Verlag nennt das Buch ein "bisher einmaliges Projekt". Seltsam: Im Literaturverzeichnis steht ein Titel nicht: der Sammelband "Kindheit und Krieg". Christine Lipp hat ihn 1992 im Fischer-Verlag herausgegeben, Geschichten von "Kriegskindern", die unkommentiert zu Wort kommen. Bruchstücke von unterschiedlicher Aussagekraft, die aber insgesamt den Eindruck von Authentizität vermitteln. In diesem Buch sind die Nazis nicht etwas jenseits der "eigentlichen" Welt, sie sind auch ein Teil der privaten Zusammenhänge. Hier gibt es den "Onkel", dessen Besuche die Tochter auf Befehl der Mutter dem heimgekehrten Vater verschweigen muss. Und es gibt noch etwas anderes, was in der Trauma-Welt von Lorenz nicht vorkommt: die Erinnerung an ein Kind, vor dem eine alte Frau mit einem gelben Stern in der Straßenbahn aufstand. Lorenz’ "Kriegskindern" ist nur am Schluss, ausdrücklich "Exkurs" genannt, die anrührende Geschichte einer jungen Leipzigerin mit jüdischem Hintergrund angepappt, deren Vater 1940 ermordet wurde, weil er, der "Halbjude", als Chemieexperte "Geheimnisträger" war. Eine Art Pflichtübung, eben als Exkurs. Nur als solcher passt der Text in ein Buch, das sich ansonsten nahtlos in den neuen deutschen Opferdiskurs einfügt, der nun auch die "Kriegskinder" erfasst hat. Der Verlag Klett-Cotta bietet z.B. ein Buch über die "vergessene Generation" an, und in Kiel wurde ein "Verein Kriegskind.de" gegründet, unter führender Beteiligung von Psychologen. Ein Ziel des Vereins: die Aufhebung der Therapiegrenze von 58 Jahren bei den Krankenkassen. 15 Millionen Kriegskinder als potentielle Klienten? Psychologen werden in dieser Frage des Rezensenten wohl überbordendes Misstrauen erkennen. Aber ist das ein Wunder – bei einem Kriegskind?

Frank J. Heinemann besprach: Hilke Lorenz: Kriegskinder. Das Schicksal einer Generation. Das 304 Seiten starke Buch ist aus dem List Verlag und kostet 21 Euro.

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