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StartseiteCorsoMehr als Stahl und Kohle14.12.2016

Hip-Hop aus dem RuhrgebietMehr als Stahl und Kohle

Hip-Hop aus dem Ruhrgebiet boomt: Ein Essener steht auf Platz eins der deutschen Albumcharts, ein Gladbecker knackt die Top fünf und eine Wittener Crew wird im Untergrund frenetisch gefeiert. Die Raps handeln über einfache Leute mit großen Sorgen, dicker Haut - und weicheren Herzen als gedacht.

Von Samuel Acker

Fard steht vor einer Gebäudefassade und schaut die Straße herunter (Samuel Acker)
"Hart, herzlich und direkt", beschreibt Rapper Fard den Ruhrpott. Wie gemacht für Hip-Hop. (Samuel Acker)
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"Der Whiskey eisgekühlt, jeder sagt dir plötzlich, dass er deine Reime fühlt. Tausend neue Kumpels, doch du bist der gleiche Typ. Bin ich zu hart oder ihr zu weichgespült? Du kannst gerne in Schampus und in Gold baden. Scheiß drauf, ich will kein' von euch als Freund haben! Alles was ich hab, hab ich mir selbst geholt. Und du weißt: Undank ist der Welten Lohn." (Aus dem Song "Misanthrop" von Fard)

Rapper Fard, der bürgerlich Farhad Nazarinejad heißt, rappt viel über die Schattenseiten des Lebens. Und steht damit auf der Sonnenseite: Sein letztes Album hat es auf Platz vier der deutschen Charts geschafft. Dabei kommt Fard nicht aus Berlin, Hamburg oder Stuttgart, sondern aus Gladbeck - nicht gerade die Hauptstadt des Deutschrap. Wie würde Fard den Ruhrpott in drei Worten beschreiben?

"Hart, herzlich und direkt. Das waren vier Worte, mit Begleitartikel (lacht). Das sind die Sachen, wo ich sage, das hat einen hohen Stellenwert. Auch für die Leute, die hier leben."

Der Kampf nach oben - wie gemacht für das Ruhrgebiet

Attribute, die auch gut zum Rap passen: Keine andere Musikform schwört so sehr auf Authentizität. Und erzählt so gerne die Geschichte vom Jungen aus miesen Verhältnissen, der sich von ganz unten nach ganz oben kämpft. Das scheint wie gemacht für das Ruhrgebiet, das das Bild vom ehrlichen Malocher ebenfalls leidenschaftlich pflegt. Entsprechend lange wird schon im Pott gerappt - meist allerdings fernab großer Verkaufszahlen. Einen der ersten dicken Erfolge landet Anfang der 2000er ein Duo aus der Stadt Witten bei Dortmund: Creutzfeld & Jakob.

"Rap braucht ein Versteck? Kommt nach Witten und überzeugt euch komplett, das Neueste am Set. (Ich) Rap so fett, dass es Leute verletzt. Heute im Text, morgen die Beute zerfetzt. Die Seuche des Raps, übers ganze Land verteilt, heißt so viel wie die Styles von Savas und Creutzfeld gecheckt." (Aus dem Song "Fehdehandschuh" von Creutzfeld & Jakob)

Ein Part des Duos: Evangelos Polichronidis, alias Lakmann One. Der 38-Jährige, mittlerweile zweifacher Vater, macht immer noch Rap und lebt immer noch in Witten. Lakmann findet: Das Ruhrgebiet ist ein hervorragendes Umfeld für Rap, weil hier unterschiedlichste Menschen aufeinandertreffen.

"Wie nennt man das? Gastarbeiterszene? Diese Generationen und Kulturen haben sich hier ja schon längst vermischt. Und es ist ja hier schon die dritte, vierte Generation. Ich mag dieses Multi-Kulti-Ding, dass Leute unterschiedlicher Couleur und Farben miteinander auskommen, ohne groß Politik und Religion zu machen und so."

Das Hip-Hop-Duo Creutzfeld & Jakob in der Zeche Zollverein in Essen (Imago/Sven Simon)Das Hip-Hop-Duo Creutzfeld & Jakob in der Zeche Zollverein in Essen (Imago/Sven Simon)

Mittlerweile rappt Lakmann im Trio "Witten Untouchable". Der kommerzielle Erfolg ist ordentlich, was die Truppe aber vor allem trägt, ist der Respekt in der Szene: Viele andere Rapper sind voll des Lobes für die Crew. Und das, obwohl die Wittener, ganz im Malocher-Bild, fast vollständig auf die im Rapgeschäft heute eigentlich unverzichtbare Social-Media-Dauerbeschallung verzichten, sondern stattdessen von Ortschaft zu Ortschaft touren.

"Ich tauch auf, wie nix, aus dem Nebel, wie viele Stoppschilder habe ich übersehen? Ich ramme die Flagge tief in den Boden, darauf steht: Lakmann One, kopieren verboten!" (Aus dem Song "Perspektiven" von Witten Untouchable)

Der aktuell erfolgreichste Rapper aus dem Pott ist aber einer, der seine Essener Wurzeln kaum noch betont: KC Rebell, alias Hüseyin Kökseçen. Mit seinem aktuellen Album ist er auf Platz eins der Charts, er managt eine Shisha-Bar in Köln - das Ruhrgebiet ist da kein Thema.

"Shisha-Millionär, Rap-Millionär, samstags mehr Gäste in der Rebell Lounge als du auf deinem Rap-Konzert. Neulich wollte mich ein Porsche überholen, weil ich auf cool tat (Coulthard) im Benz wie der Formel-1-Pilot." (Aus dem Song "Kanax in Tokyo" von KC Rebell und Farid Bang)

Sowohl Lakmann als auch Fard gönnen Rebell aber den Erfolg. Zudem sei es immer eine Frage, wie man den Pott repräsentiere. Es nerve ihn ein wenig, sagt Lakmann, wenn manche Rapper aus dem Ruhrgebiet ständig betonen müssten, wie hart ihre Gegend sei.

"Das Ghetto im klassischen Sinne kann ich mir hier auch nicht aufdrücken lassen im Ruhrpott, wo Sozialhilfe, Hartz IV gezahlt wird und wo jeder zur Schule gehen kann, wenn er nur will. Hier ist nicht so klassische Ghetto-Romantisierung im Sinne: Nur Basketball und Rap hilft dir hier aus der Scheiße."

Rapper Fard aus Gladbeck schmiss vor einigen Jahren seine Arbeit als Zerspanungsmechaniker, um sich komplett der Musik zu widmen. Im Ruhrgebiet, in dem die beruflichen Aussichten für viele Menschen ohnehin nicht rosig sind, ein riskantes Manöver. Fard ist aber froh, dass er bei seinem Weg geblieben ist.

"Wenn du jetzt, sagen wir mal, 20 Jahre etwas getan hast, worauf du im Nachhinein überhaupt nicht stolz bist, im schlimmsten Falle sogar traurig drüber, dass du diesen Beruf gemacht hast und nicht versucht hast, deinen Traum zu leben: Dann wird dir keiner diese 20 Jahre wiedergeben können. Die sind dann einfach weg."

Mehr als Fußball, um auf den Pott stolz zu sein

Heute unterstützt Fard mit seinem Label "Ruhrpott ELITE" selbst Rapper aus der Region und schaut sich zunehmend deutschlandweit nach Künstlern um. Unter eines der Musikvideos auf YouTube hat ein User gepostet: "Endlich gibt es mehr Gründe als Fußball, um auf den Pott stolz zu sein."

Allerdings hat der Pott für Kulturfreunde auch neben Rap einiges zu bieten: Veranstaltungen wie die Emscherkunst oder die Ruhrtriennale sind Highlights für Menschen, die sich für Architektur, gestaltende Kunst oder Theater begeistern. Die klassischen Pott-Schlagwörter - Kohle und Stahl, Zechen, Kumpel - verlieren mit dem Strukturwandel an Bedeutung. Auch in den Rapsongs von Fard oder Lakmann. Allerdings gibt es auch vergleichsweise wenige Strophen über dicke Karren, viel Geld oder teuren Schampus, betont Lakmann:

"Bodenständiger ist dafür das Wort. Das spiegelt sich ja auch in der Arbeiter-Ruhrpott-Mentalität wieder. Deshalb sage ich auch immer, Rap ist immer ein Gesellschaftsspiegel."

Und so gibt es von den Ruhrgebiets-Rappern viele Geschichten über einfache Leute mit großen Sorgen, dicker Haut - und weicheren Herzen als gedacht.

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