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StartseiteForschung aktuellHoch hinauf: Die Bau-Utopien der 60er-Jahre24.08.2010

Hoch hinauf: Die Bau-Utopien der 60er-Jahre

Beitragsreihe "Rückblicke auf die Zukunft"

Architektur.- In den 60er-Jahren wollten Planer dem Problem der stetig wachsenden Weltbevölkerung und dem daraus resultierenden Platzmangel mit ausgefallenen Ideen begegnen. Zwei davon: riesige Hochhäuser und fliegende Unterkünfte.

Von Frank Grotelüschen

Inbegriff des Hochbaus: New Yorks Stadtteil Manhattan.  (AP)
Inbegriff des Hochbaus: New Yorks Stadtteil Manhattan. (AP)

"Es gibt die verschiedensten Voraussagen."

Das Jahr 1967.

"Die erschreckendste, die ich bisher gehört habe, ist von Richard Meier, einem der führenden amerikanischen Planer."

Robert Jungk, seines Zeichens Zukunftsforscher, malt den Teufel an die Wand.

"Der meint, dass es zum Beispiel in Indien eine Stadt von 700 Millionen Einwohnern geben wird. Eine Megalopolis von 700 Millionen! Ich persönlich hoffe, dass es nicht zu diesen Städten kommen wird. Denn das Leben in diesen Ameisenhaufen wäre nicht mehr wert, gelebt zu werden."

In der Tat: Die Zahl der Menschen auf der Erde wächst und wächst. Eine Grenze scheint in den 60er-Jahren nicht Sicht. Das Problem scheint einzig durch die Eroberung der Vertikalen lösbar.

"Ganz sicher. Wir werden ganz sicher überall Hochhäuser bekommen. Wir werden sicher in die Höhe gehen."

Eine begründete Prognose. Denn schon 1967 gibt es respektable Wolkenkratzer, allen voran das Empire State Building in New York, Baujahr 1931, 449 Meter Gesamthöhe. Bekannt geworden als Klettergerüst von King Kong, dem Riesenaffen. 1974 folgt ein weiterer Klotz, und zwar in Chicago:

Der Sears Tower, heute Willis Tower, 527 Meter hoch. Neuerdings erlauben vier Glasbalkone im 103.Stock einen Blick senkrecht die Tiefe. Das mit Abstand höchste Gebäude der Welt aber steht seit Anfang 2010 in Dubai.

Es ist der Burdj Chalifa, der Chalifa-Turm, 828 Meter hoch. Unten ein Luxushotel, in der Mitte Appartements, oben Büros. Böse Zungen sprechen vom Stein gewordenen Imponiergehabe einiger Scheichs. Dennoch: Zukunftsforscher Jungk lag nicht ganz falsch mit seiner Vision von immer höheren Wolkenkratzern. Allerdings gibt es heute längst nicht so viele wie damals gedacht. Und die meisten dienen gar nicht zum Wohnen, sondern sind der Arbeit gewidmet. Doch Jungk hat anno 1967 noch andere Pläne – hochfliegende Pläne.

"Ich habe einen jungen dänischen Architekten gefunden, der arbeitet an Wohnungen, die an Fesselballons hängen in 200 bis 250 Metern Höhe. Warum sollen wir nicht 300 bis 400 Meter vertikal hinauf, wo gute Luft ist? Und das kann vielleicht sogar einen großartigen neuen Typ von Ikarus- oder Dädalus-Menschen geben. Der vielleicht, weil er so hoch oben wohnt, einen weiteren Horizont hat als der heutige Mensch, der an der Erde klebt."

Dumm nur, dass jener Ikarus einst abstürzte und seinen Hochmut mit dem Leben bezahlen musste – so jedenfalls will es der altgriechische Mythos. Doch nicht nur Robert Jungk kommt in den 60ern auf verwegene städtebauliche Gedanken.

Auch Buckminster Fuller, amerikanische Architekturlegende, entwirft bereits 1960 einen kühnen Plan, den "Dome over Manhattan".

"Der Dome over Manhattan ist eine riesige, gläserne Kuppel, zwei Kilometer Durchmesser, die über einem Teil von Manhattan sitzen sollte"

sagt Friedrich von Borries, Professor für Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.

"Die Idee dahinter war, Energie zu sparen. Weil es weniger Energie kostet, die ganze Kuppel zu heizen als lauter Einzelgebäude, und im Sommer natürlich zu kühlen."

Auch nicht von schlechten Eltern: der Entwurf des britischen Architekten Ron Herron von 1964.

"Die Walking City ist, wie der Name schon sagt, eine sich bewegende Stadt. Sieht aus wie ein riesiger Käfer, mit Beinen, mit denen sie sich bewegen kann. War gedacht für 20.000 bis 30.000 Einwohner. Also schon ein sehr, sehr großer Käfer. Und ist von seiner Umgebung komplett unabhängig."

Die gehende Stadt und die Manhattan-Kuppel erregen in den Swinging Sixties zwar einige Aufmerksamkeit. Realisiert aber werden sie nicht – und das ist vielleicht ganz gut so, meint Friedrich von Borries rückblickend.

"Das Interessante an Utopien ist, dass sie aufhören, Utopien zu sein, sobald sie umgesetzt werden. In diesem Sinne will man Utopien eigentlich gar nicht umsetzen."

Doch nicht jeder mag sich diesen Leitspruch zu Herzen nehmen. Nach wie vor gibt es Zeitgenossen, die die Vision einer mobilen Stadt verfolgen.

"Wir wollen die Welt umrunden, und zwar alle zwei Jahre einmal. Geschwindigkeit ist dabei nicht wichtig. Wir werden keine Eile haben, irgendwo anzukommen."

Der US-Ingenieur Norman Nixon will das "Freedom Ship" bauen – eine schwimmende Stadt, 1,3 Kilometer lang, 200 Meter breit, 25 Stockwerke hoch, Platz für nahezu 50.000 Menschen. Geplant sind Schulen, Geschäfte, Restaurants, Kinos, Theater, Flugplatz und Krankenhaus – wie in einer richtigen Stadt eben, nur nicht an Land, sondern auf dem Ozean.

"Das gibt einem die Möglichkeit, gleichzeitig zu arbeiten und zu reisen. Wir werden an Bord sämtliche Annehmlichkeiten bieten. Sie können ein nettes Leben haben und dabei immer unterwegs sein."

Wäre nur der Preis, der dem Ganzen bislang im Wege steht – satte elf Milliarden US-Dollar.


Zur Beitragsreihe "Rückblicke auf die Zukunft"

Weitere Links zum Thema:

Friedrich von Borries

Von Borries' Buch

Ausstellung "Klimakapseln"

Dome over Manhattan

Walking City

Freedom Ship

Bericht des Spiegel aus dem Jahr 1963

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