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Seit 17:35 Uhr Kultur heute
StartseiteKultur heuteHoch lebe das Eigeninteresse15.06.2013

Hoch lebe das Eigeninteresse

Eine Tagung des Einstein Forums in Potsdam debattiert den umstrittenen Begriff

Es hat in unserer Gesellschaft einen miesen Ruf, doch das Eigeninteresse galt Biologen und Philosophen schon lange als Motor unseres Handelns. Eine Tagung des Einstein Forums stieß ins gleiche Horn und lobte den gesellschaftlichen Nutzen des Eigennutzen.

Von Cornelius Wüllenkemper

Eigennutz stinkt nicht. Zumindest aber ist er besser  als sein Ruf. (picture alliance / dpa / United Archives/IFTN)
Eigennutz stinkt nicht. Zumindest aber ist er besser als sein Ruf. (picture alliance / dpa / United Archives/IFTN)

"Der Begriff 'Eigeninteresse' hat etwas von Eigenlob. Er geht nämlich davon aus, dass wir ein kohärentes Ich sind, mit einem kohärenten Ziel, dem wir entgegenstreben. Dabei sind wir oft wie ein Fähnchen im Wind, wenn sich uns eine bestimmte Gelegenheit anbietet, wenn wir Verhalten, das wir bei anderen beobachtet haben, übernehmen. Menschen haben ein Verlangen nach etwas bestimmten, nur weil die Menschen in ihrer Umgebung dieses Verlangen haben. Verlangen ist Nachahmung, es kommt nicht aus einem selbst. Wie gesagt: das Konzept Eigeninteresse ist eigentlich Lobhudelei."

Der New Yorker Professor für Politikwissenschaften Stephen Holmes markierte bereits zu Beginn der zweitägigen Konferenz die Fallhöhe: Eigeninteresse, ein Selbstbetrug mit dem der Mensch sich schmeichelt? Es war nicht die einzige Überraschung im Potsdamer Einstein-Forum, wo Philosophen, Biologen, Soziologen, Politikwissenschaftler und Betriebswirte über das Konzept des "self-interest" debattierten. Was genau ist eigentlich Eigeninteresse? Und woher kommt es, dass in unseren Gesellschaften der Eigennutz noch immer als Hauptfaktor für menschliches Verhalten gilt, obwohl Biologen und Soziologen seit Jahrzehnten das Gegenteil bewiesen haben? Nun wird auch der pessimistischste Zeitgenosse eingestehen müssen, dass Menschen auch altruistisch handeln. Freilich nur, weil sie dies in einem mühsamen zivilisatorischen Prozess gelernt haben, wirft dann der Skeptiker ein. Weit gefehlt, meint dazu allerdings der niederländische Biologe und Verhaltensforscher Frans de Waal. Intensive Studien mit Bonobo-Affen zeigen, dass Altruismus durchaus angeboren ist:

"Die Spezifizität der moralischen Regeln ist nicht angeboren, aber die Tendenzen, die wir haben, zum Beispiel Empathie, Versorgungstendenzen, und ein Gefühl für Gerechtigkeit. Diese Dinge kann man auch bei anderen Primaten finden, und wir machen Experimente dazu, die zeigen, dass die Gerechtigkeit keine menschliche Erfindung ist. Vielleicht ist sie durch die Religion und die Philosophie verstärkt worden, aber nicht notwendigerweise vom Menschen herausgefunden."

Eine neue Begriffsdefinition regte die amerikanische Historikerin Lorraine Daston an: Im Kalten Krieg, so Dastons einfaches Beispiel, hätten die Opponenten nicht zuletzt aus Eigeninteresse auf einen Angriff verzichtet, der die gegenseitige Auslöschung bedeutet hätte. Eigeninteresse zielt nicht immer nur auf den ureigensten, unmittelbaren Nutzen, sondern bezieht auch die strategische Erkenntnis mit ein, dass der Mensch auf seine Umwelt angewiesen ist, ihr jetziges und zukünftiges Wohlergehen also gleichzeitig seinem Interesse entspricht. Für Unruhe in den Reihen der Soziologen sorgte in Potsdam der Unternehmensberater und Professor für Betriebswirtschaft Christian Scholz mit seinem Modell des sogenannten "Darwiportunismus", der das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer regle.

"Die eine Entwicklung ist der Darwinismus, im betriebswirtschaftlichen Sinne verstanden als eine Zunahme an Selektionsmechanismen im weitesten Sinne. Opportunismus, das ist die zweite Idee, das ist ein eher individuelles Konstrukt, das bedeutet, dass Leute in ihrem Wertesystem sehr stark opportunistisch denken, was bedeutet, ich suche meine Chancen, gehe dadurch aber auch das Risiko ein, das andere einen Schaden haben."

Was zunächst für empörte Reaktionen seitens der Geisteswissenschaftler auf der Potsdamer Tagung sorgte, stellte sich im weiteren Verlauf als ein durchaus interessantes Modell der Unternehmenskultur heraus. In einem psychologischen Vertrag, so Scholz, solle man sich auf ein bestimmtes Maß an Bewertung und Belohnung durch den Arbeitgeber, und andererseits an Möglichkeiten der Selbststeigerung seitens des Arbeitnehmers einigen. Nur dann erreiche man ein befriedigendes und stabiles Betriebsklima, bei dem die Interessen aller gerecht berücksichtigt würden, so Scholz.

"Eigennutz ist durchaus etwas Produktives in dem Fall, weil es ihr Verhalten steuert , und ich halte es für völlig unrealistisch argumentieren zu wollen, dass Mitarbeiter in Unternehmen primär altruistisch sein sollen."

Eigeninteresse, so zeigt auch dieses Beispiel, ist zum Funktionieren der menschlichen Gesellschaft durchaus von positiver Bedeutung. Die vielleicht wichtigste Frage aber, was man denn als eigenes Interesse verstehen soll, inwiefern es dem Individuum nur dann gut ergeht, wenn es seinem Umfeld gut ergeht, wurde auf der Tagung nicht beantwortet.

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