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StartseiteBüchermarktHörbuch: Nicht mit 60, Honey09.03.2004

Hörbuch: Nicht mit 60, Honey

Zum 10. Todestag von Charles Bukowski

Auf dem CD-Cover liegt ein Mann auf dem Bett. Augenringe, Dreitagebart, in der einen Hand eine Kippe, in der anderen eine Flasche. Der Aschenbecher vor ihm quillt über, das Unterhemd ist von gestern, die Socken wohl auch. Es ist mal wieder spät geworden:

Von Anja Lehmann-Tödt

Bücher (AP)
Bücher (AP)

Ey Jonny, wo gesht n hin? Fragt die Prostituierte. ... Die Leute denken, auf der Rennbahn gibt’s nur Pferde. Das stimmt nicht, deshalb komm ich jeden Abend so spät nach Hause...

Sex, Drogen, Pferderennen. Das waren Bukowskis Themen. Immer wieder und auch in seinen Geschichten von "Schneewittchen und den sieben Zwergen" oder "Kid Stardust im Schlachthof", die auf dem Hörbuch "Nicht mit sechzig, Honey" versammelt sind und die Martin Semmelrogge liest. Und wie. Die Mischung scheint füreinander gemacht. Semmelrogge besitzt das ideale Instrument für Bukowskis Texte. Ohne Schnörkel, ohne Spezialeffekte, ganz pur liest er diese derb-zärtliche Underground-Poesie.

Vor diesem Zimmer ist ein Balkon. Ich werde mich heute Abend betrinken und da raus gehen. Vielleicht falle ich vom Balkon. Falls ich mir nicht die Finger und die Arme breche.

Bukowskis harte Kerle sind Gescheiterte. Seine Geschichten sind aggressiv und obszön, schildern witzig-brutal die Kehrseite des amerikanischen Traums. So wie er sich in den Absteigen, Slums und Schlachthöfen abspielt. Ein Vagabund war er. Einer, der seine Kindheit in Amerika verbrachte, Mitglied diverser Jugendbanden war, später als Tankwart, Hafenarbeiter, Zuhälter und Sportreporter jobbte und zwischendurch im Gefängnis landete. Seine Prosa ist knapp, spiegelt sein raues Leben. Und Semmelrogge spricht seine Sprache. Auch wenn er mitunter etwas übertreibt und triumphierend seine tiefste Stimme auflegt. Dennoch - stakkatomäßig und fast leiernd inszeniert, klingen Bukowskis derbe Verse aus seinem Mund glaubwürdig:

Löcher in der Unterhose, Autoradio futsch, Furunkel im Nacken, tote Katze auf dem Boulevard..

Bukowskis Prosa ist sarkastisch, provokativ und illusionslos. Es sind Verse eines Ruhelosen, dem es immer noch ein wenig schlechter zu gehen scheint.
"Ich bin kein lyrischer Entertainer", sagte er einmal, "Wenn du einen ganzen Monatslohn in vier Stunden auf dem Rennplatz verloren hast und abends um zehn wieder in deine Bude kommst und dich an die Schreibmaschine setzt, dürfte es dir verdammt schwer fallen, irgendwelchen schöngeistigen, rosaroten Bullshit hinzuschreiben." Bukowskis Geschichten sind abgedreht und grausam - und dennoch zum Lachen:

Ich schau mich um. Solche Reinlichkeit. Sieht alles prima aus. Aber ich kann nicht schreiben. Ich kann nicht schreiben. Und muss an Lenny Bruce denken und seinen unsterblichen Ausdruck 'Ich kann nicht kommen'. Da sitz ich nun in dieser Bude und kann nicht schreiben. Und auch nicht mehr kommen.

Der Durchbruch gelingt Bukowski in Deutschland Ende der 70er Jahre. Die alternative Literaturszene feiert ihn als Gegenpol zu einer saft- und kraftlos empfundenen Gegenwartsliteratur wie einen Popstar. Bukowski spaltet. Kritiker bemängeln seine fehlende Poesie, Feministen halten ihn wahlweise für einen Chauvinisten oder Sexisten, die Fans erkennen seine Sensibilität. Aber: Bukowski ist authentisch. Was er erzählt, hat er selbst erlebt. Pendelnd zwischen verzweifelten und euphorischen Phasen, zwischen glücklosen Lieben und Krankheit kommt er erst Anfang der 80er Jahre, da ist er 60 Jahre alt, zur Ruhe. Seine Gedichte brennen nun nicht mehr vor Wut oder Leidenschaft. Sie klingen mehr wie Erinnerungen aus einer vergangenen Epoche.

Ich werde meine Hypothek bezahlen. Ich werde meine Katze füttern. Ich werde meine Frau lieben. Ich werde mir Elgar anhören, Strawinsky und Mozart. Ich habe jetzt viel mehr Möglichkeiten, um Murks zu machen. Darin war ich schon immer gut.

Charles Bukowski lesen - ja. Aber warum hören? Vielleicht, weil Martin Semmelrogge ihn liest. Und seine rauchige Stimme Pennern in löchrigen Unterhosen und betrunkenen Huren leiht. Und weil sich hier zwei exzessive Raubeine gefunden haben - ruhelos aber herzenswarm, die Licht und Schatten kennen. Und so versöhnt uns Semmelrogge in jenen 75 Minuten "Nicht mit sechzig, Honey" mit Bukowskis sarkastischem, aber zutiefst menschlichen Humor immer wieder.

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