• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
StartseiteKultur heute"Hate Radio" überzeugt die Jury18.06.2014

Hörspielpreis der Kriegsblinden"Hate Radio" überzeugt die Jury

Das Stück "Hate Radio" von Milo Rau zeige auf beeindruckende Weise, "wie Radio entgleisen kann", sagte Anna Dünnbier, die Vorsitzende der Jury für den Hörspielpreis der Kriegsblinden, im DLF. Die Grundlage für das Gewinnerhörspiel lieferte eine ruandische Radioshow, in der zu Zeiten des Völkermordes zum Töten aufgerufen wurde .

Anna Dünnebier im Gespräch mit Christoph Schmitz

Die eine Kapsel eines Kopfhörers ist mit Telefondraht umwickelt.  (picture-alliance / dpa / Maximilian Schönherr )
"Alle drei Hörspiele wären es wirklich wert gewesen, den Preis zu kriegen." (picture-alliance / dpa / Maximilian Schönherr )

Christoph Schmitz: Zu Beginn aber der Hörspielpreis der Kriegsblinden. Seit 1950 vergibt ihn der Bund der Kriegsblinden. Alle Großen haben den Preis bekommen, Bachmann, Dürrenmatt, Mayröcker, Jandl, Heißenbüttel, Schlingensief und in diesem Jahr, 2014, der Schweizer Autor Milo Rau für ein Stück über den medial provozierten Krieg, Krieg durch Radio gewissermaßen. „Hate Radio" heißt Milo Raus Hörspiel, gestern Abend wurde es unter drei Nominierten gekürt. Und „Hate Radio", inspiriert vom Völkermord in Ruanda, als das Radio den Hass und das Morden befeuerte, das klingt so:

Schmitz: "Hate Radio" von Milo Rau, Sieger des Hörspielpreises der Kriegsblinden. - Die Jury-Vorsitzende, Anna Dünnebier, habe ich zuerst gefragt: Worum geht es eigentlich genau?

Anna Dünnebier: Das ist eine Nachinszenierung von einer Radiosendung, die vor 20 Jahren in Ruanda gelaufen ist zu Zeiten des Völkermordes, und zwar war das ein sehr populäres Magazin, also sozusagen Unterhaltungswelle, mit Geplauder, mit Geplänkel, mit Popmusik, mit ein bisschen Information, mit Höreranrufen, also mit dieser ganzen Anmutung von Unterhaltungswelle. Und worum es ging in dieser Sendung war, dass tatsächlich aufgerufen wurde zum Hassen, zum Jagen, zum Morden an einer Bevölkerungsgruppe, und das hat Milo Rau eben neu und nachinszeniert auf sehr kunstvolle Weise, kann ich gern noch was dazu sagen.

Schmitz: Zur Kunst reden wir noch. Er hat das eins zu eins übernommen, also die Anrufe, die Musik praktisch dokumentiert, oder wie muss ich mir das vorstellen?

Dünnebier: Nein, er hat es eben nicht eins zu eins übernommen, sondern das ist übersetzt worden in die deutsche Radiogegenwart. Es sprechen Moderatoren, die man kennt, deutsche Radiomoderatoren, und auch mit der Anmutung von einer deutschen normalen Unterhaltungswelle. Und sie haben die Inhalte von damals übernommen, aber eben in der Form, in der sie in einem heutigen Radio gebracht würden, und das ist eigentlich auch das Unheimliche daran. Es waren zwei Moderatoren auch da bei der Preisverleihung und die haben gesagt, sie haben an sich selbst beobachtet, sobald sie sich sozusagen warm geredet hatten, dann war plötzlich das Handwerk, der sprachliche Duktus, kriegen wir die Sendung hin, das war plötzlich wichtiger als der Inhalt. Das heißt, wie diese Form plötzlich einen mitreißt, auch die grauenhaftesten Inhalte zu vermitteln.

Schmitz: In den Statuten des Preises heißt es, dass Hörspiele ausgezeichnet werden sollen, die in "herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform realisieren und erweitern". Inwieweit erweitert "Hate Radio" von Milo Rau die Kunstform Hörspiel?

Dünnebier: Ich denke, das Interessante daran und was auch die Kunstform erweitert ist, dass da vorgeführt wird, wie Radio sich selbst reflektieren kann und sich selbst infrage stellen und auch vorführen, wie Radio entgleisen kann, und das eben auf hoch künstlerische Weise. Das hat uns sehr beeindruckt. Und natürlich auch, wie diese fernen Ereignisse durch die heutige Anmutung sehr in die Nähe gerückt werden und auch bei uns die etwas bedrückende Frage hinterließen, wie schnell ist denn so ein Zivilisationsbruch auch hier möglich.

Schmitz: Das lotet das Hörspiel aus. Die anderen nominierten Hörspiele waren "Abschiedsgeschenk" von Gert Stiepel über eine überalterte Gesellschaft im Jahr 2040 samt kommerzialisiertem Sterben oder Sterbehilfe. Und das zweite Hörspiel: "Heidi Heimat" heißt es von Robert Schoen über Heimat und Heimatverlust unter Migranten heute. Die Migranten erzählen "Heidi" von Spyri nach auf ihre Weise und reflektieren damit auch ihren eigenen Heimatverlust. Was hat nun Sie, Frau Dünnebier, oder die Jury dazu bewogen, dann doch Milo Rau für "Hate Radio" den Preis zu geben?

Dünnebier: Das sind ja immer sehr knappe Entscheidungen und ich denke, es hätte bei dieser Jury auch anders ausgehen können. Das sind zwei großartige Stücke, die anderen beiden. "Abschiedsgeschenk" ist eine ganz, ganz böse Satire auf die Geschäftemacherei mit Tod und Alter und "Heidi Heimat" ist einfach ein wunderbarer Chor von fremden Sprachen, Geschichten, Akzenten, wo so ein Thema, was dauernd diskutiert wird, plötzlich ganz nah an Menschen rangerückt wird. Es hätte auch anders ausgehen können, denke ich. Die wären es alle drei wirklich wert gewesen, den Preis zu kriegen.

Schmitz: Noch ein Wort zu "Heidi Heimat" und "Hate Radio". Gemeinsam ist ja beiden, dass sie auf authentischen Grundlagen aufgebaut sind, gesellschaftliche Wirklichkeiten widerspiegeln. Ist das eine Tendenz im aktuellen neuen Hörspiel?

Dünnebier: In diesem Jahrgang fand ich ja, es gab mehrere Stücke, die sich mit künstlerischen Mitteln in die politische Wirklichkeit einmischen und dann auch Dokumentarisches zitieren,
benutzen, umstellen, umformen. Dieser Wille, sich auch mit der Kunst in die Realität einzumischen und dort auch vielleicht Veränderungen zu bewirken, der war schon da, den hat man dieses Jahr sehr deutlich gemerkt.

Schmitz: Anna Dünnebier, Vorsitzende der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden, über den diesjährigen Sieger Milo Rau und seine Arbeit "Hate Radio".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk