Seit 00:05 Uhr Fazit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteBüchermarktHommage an die Harlem Renaissance19.02.2013

Hommage an die Harlem Renaissance

Carl Van Vechten: "Nigger Heaven", Walde und Graf

Carl Van Vechten, Musikkritiker und Fotograf, war zugegen als im Harlem der 1920er-Jahre die sogenannten New Negros dem Rassismus mit einem neuen Selbstbewusstsein entgegentraten. Er gilt heute als einer der wichtigsten Förderer der Bewegung Harlem Renaissance. Sein Roman über diese Zeit ist nun auf Deutsch erschienen.

Von Sacha Verna

Leerstehende Häuser im New Yorker Statteil Harlem im Jahr 1992. (picture alliance / dpa / Meyer)
Leerstehende Häuser im New Yorker Statteil Harlem im Jahr 1992. (picture alliance / dpa / Meyer)

Was während der Harlem Renaissance wiedergeboren wurde, war etwas, von dem die meisten gar nicht ahnten, dass es existierte: Kultur von schwarzen Amerikanern für schwarze Amerikaner. Was im Harlem der 1920er-Jahre geboren wurde, war "The New Negro". Dieser "neue Schwarze" begegnete dem Rassismus mit einem neuen Selbstbewusstsein und einer neuen Ästhetik. Er glaubte, dass sich durch Kunst und Literatur explizit schwarzer Prägung die Gesellschaft verändern ließe.

Harlem, das Viertel um die 125. Straße im Norden Manhattans galt als schwarze Hauptstadt Amerikas. Hierher strömten schwarze Intellektuelle aus dem ganzen Land. Hier lebten und arbeiteten Schriftsteller wie Zora Neale Hurston, Denker wie Alan Locke und Aktivisten W.E.B. Du Bois. In den zahlreichen Musiklokalen traten Duke Ellington und Count Basie auf, Ella Fitzgerald und Billie Holiday. Es gab Theater, ein Opernhaus und zum ersten Mal in den Vereinigten Staaten eine schwarze Mittelschicht, deren Mitglieder so gar keine Ähnlichkeit mit Onkel Tom hatten. Die Bewohner Harlems standen für Bildung, Urbanität und Stil und halfen, das Bild vom Schwarzen als dümmlich grinsender, Augen rollender Trampel aus dem Süden zu verdrängen.

Tatsächlich erwies sich, was in Harlems Nachtklubs über die Bühnen ging und in den Salons debattiert wurde, als so unerhört reizvoll, dass die Weißen bald in Scharen in das Quartier pilgerten, um herauszufinden, was es mit der "Negro Vogue", mit den schicken Schwarzen und dem schwarzen Schick auf sich hatte.

Einer dieser Weißen war Carl Van Vechten. Doch den Musikkritiker, Fotografen und späteren literarischen Nachlassverwalter Gertrude Steins lockte nicht nur der exotische Kitzel. Van Vechten begeisterte sich für den noch jungen Jazz, und den Blues pries er in einem langen Essay für Vanity Fair. Er las die Bücher und Zeitschriften, die die Harlem Renaissance hervorbrachte und wollte die Autoren und Herausgeber kennenlernen. Auf diese Weise wurde Carl Van Vechten, der 1964 im Alter von vierundachtzig Jahren starb, zu einem der wichtigsten Förderer und zu einer Instanz innerhalb der Bewegung.

Der Roman "Nigger Heaven" ist Van Vechtens Hommage an die Harlem Renaissance. In Zentrum dieses Porträts von Harlem und seinen Persönlichkeiten zurzeit der Blüte stehen Mary und Byron. Sie ist eine vernünftige Bibliothekarin, er ein gern großer Literat ohne Ideen. Van Vechten schildert diese Liebesgeschichte von ihren zarten Anfängen bis zu ihrem tragischen Ende, voller Pathos und Absehbarkeit. Interessanter als die wuchernde Seelenlandschaft der Protagonisten ist die Kulisse, vor der die beiden spielen. Van Vechten führt von Harlems Lasterhöhlen in seine gutbürgerlichen Stuben. Man geht im Central Park spazieren, verdrückt bei Craig’s in der Mittagspause rasch ein Omelette, und tanzt abends den Charleston – im Winter Palace, sofern man es sich leisten kann, und sonst daheim.

Würde man "Nigger Heaven" aufführen, wäre es ein Musical. Der Roman vibriert vor Musik und ist durchsetzt von Songtexten, die Van Vechtens Freund, der Dichter Langston Hughes höchstselbst dazu beigetragen hat. Die Akteure brechen immer wieder spontan in Gesang aus, was die Theatralik der Handlung noch unterstreicht. Carl Van Vechtens Figuren sind Typen. Es gibt den Anwalt, der trotz seiner Qualifikationen keine Arbeit findet, weil er ein Schwarzer ist. Es gibt einen hellhäutigen Bekannten Marys, der sich als Weißer ausgeben will, um die Unterdrücker mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Es gibt schwarze Zuhälter und Lotterie-Könige, die mit ihrem angenehmen Leben im Getto zufrieden sind und sich die prächtige Aussicht durch ihren goldenen Kneifer von Kompliziertheiten wie Hautfarbe und Politik nicht verderben lassen.

In Marys Küche wird endlos diskutiert. Van Vechten hakt eins nach dem anderen die Paradoxa und Probleme ab, mit denen sich die "new negros", die "neuen Schwarzen" konfrontiert sahen: Folk oder Fortschritt? Separatismus oder Integration? Kampf oder Kompromisse? Die betreffenden Dialoge lesen sich wie Seminararbeiten mit Gänsefüßchen.

"Nigger Heaven" war ein Skandal und wurde zum Bestseller. Allein der Titel sorgte für heftige Kontroversen. Das Wort Nigger war beim Erscheinen des Romans 1926 so belastet wie heute. Eigentlich ist "Nigger Heaven" ein Slang-Ausdruck für die billigen Plätze in den Balkonen, in die sich die Schwarzen drängten, während das weiße Publikum im Theater im Parkett saß. "Nigger Heaven" bedeutet aber auch Neger-Himmel, das Paradies, das Harlem für viele Schwarze damals wirklich darstellte. Nigger kann ein Schimpf- oder ein Code-Wort sein und ist auf jeden Fall eine Zündschnur. Das gefiel Carl Van Vechten. Er wollte aufklären, nicht verklären.

Die Meinung der schwarzen Leserschaft über den Roman war gespalten. Die einen waren voll des Lobes und wünschten sich, ein Schwarzer hätte etwas derartig Lebenspralles und Authentisches geschaffen. Die anderen sahen in "Nigger Heaven" eine Zementierung von Stereotypen und einen Stolperstein auf dem Weg der Schwarzen zur Gleichberechtigung. Die weißen Kritiker betrachteten "Nigger Heaven" wie eine Spezies im Zoo, und Gertrude Stein hielt das Buch für, Zitat, "nahezu perfekt".

Die Übersetzung dieser verdienstvollen deutschen Erstausgabe stammt von Egbert Hörmann. In einer kurzen Notiz heißt es, man habe sich dazu entschlossen, "den Text (...) an heutige Lesegewohnheiten anzupassen". Vielleicht verschluckt das synchronisierte Ensemble deshalb keine Silben und benutzt keine Begriffe, für die Van Vechten selber im Original ein Glossar angelegt hatte.

Perfekt ist "Nigger Heaven" weder auf Deutsch noch auf Englisch. Aber als ethnographische Groteske, als fantastische Fiktion mit realen Bezugspunkten lohnt dieser Roman die Entdeckung unbedingt.

Carl Van Vechten: "Nigger Heaven", Roman. Aus dem Englischen von Egbert Hörmann. Walde und Graf Verlag, Berlin 2012, 268 Seiten, 24.95 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk