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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenHumboldt und Hispanoamerika11.06.2009

Humboldt und Hispanoamerika

Ein internationales Symposium an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Der Naturforscher und Mitbegründer der Geografie als empirischer Wissenschaft, Alexander von Humboldt, genießt hierzulande großes Ansehen. In Südamerika ist das anders. Dort wird der Wissenschaftler regelrecht verehrt, oft sogar als Held des Volkes und Verfechter der Unabhängigkeit Südamerikas geradezu verklärt.

Von Eva-Maria Götz

Alexander von Humboldt (1769-1859). (AP Archiv)
Alexander von Humboldt (1769-1859). (AP Archiv)

"Humboldt trat nicht als Weißer auf, der die vorhandenen Eingeborenen verachtete, so wie das die katholische Kirche eindeutig gemacht hat; also nicht als Herrenmensch, sondern als Reisender, der ein sehr tiefes Verständnis für die Eingeborenen hatte und dies auch thematisiert hat. Und die berühmte Sklavenproblematik ist von ihm ja auch in die Öffentlichkeit gelangt. Das kam überaus gut an","

... sagt der Leiter der Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle der Berlin- Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Eberhard Knobloch.

Fünf Jahre lang, von 1799 bis 1804, reiste Humboldt quer durch die noch unerforschten Länder Süd- und Mittelamerikas. Und weil er - ausgestattet mit einer Generalvollmacht des spanischen Königs - auf keine offizielle Führung angewiesen war, sah er Dinge, die noch kein Europäer vor ihm gesehen hatte. Was den einzelgängerischen Wissenschaftler aber vor allem auszeichnete, war, dass er genau hinsah und beschrieb, was er sah. Der Historiker und Humboldt-Forscher Frank Holl:

""Die zwei wichtigsten Forschungsfelder für Humboldt in Mexiko waren einerseits die prähispanischen Kulturen, also Majas und Azteken, und anderseits war es der Bergbau. Er ist einen Monat lang jeden Tag bis zur Sole in die Mienen eingefahren, also mehrere 100 Meter tief, und hat dort Forschungen angestellt und hat auch gesehen, unter welchen Voraussetzungen, grausamen Bedingungen die Indianer arbeiten müssen, und hat das sehr stark kritisiert und angeklagt."

Vor allem machte Humboldt Verbesserungsvorschläge für die Arbeitsbedingungen, die zumindest teilweise auch umgesetzt wurden. Und wie in das Erdinnere, so stieg Humboldt mit seinem Forschungsteam auch in luftige Höhen. Eberhard Knobloch:

"In Ecuador sind ja die berühmten Vulkane, die Humboldt einen nach dem anderen bestiegen hat. Am berühmtesten der Chimborazo, damals für den höchsten Berg der Welt gehalten. Das ist nicht ganz so, aber er ist doch sehr hoch gekommen. Man muss bedenken, ohne Sauerstoffmaske, ohne heutige professionelle Bergsteigerausrüstung, bis in eine Höhe von 5700 Meter. Das muss man ihm erst einmal nachmachen. Der Normalverbraucher kann da gar nicht mehr atmen."

Und auch unter so extremen Bedingungen erhob sich der Forscher nicht über die Indios, die ihn begeleiteten:

"Es war ja am Vorabend der Befreiungsbewegung. Es heißt, er war mit dem Herzen auf der Seite der Indios, der Eingeborenen, ließ sich nie tragen, weil er das verabscheute. Er sagte eben, es gibt ein Menschengeschlecht, natürlich verschiedene Rassen, aber nie so, dass man im Wert Unterschiede machen konnte. Das hat ihm enorm die Sympathien eingetragen."

Nicht nur die Sympathie der Mitreisenden schien ihm sicher, bis heute gilt Alexander von Humboldt auch als moderner, weil interdisziplinär denkender und forschender Wissenschaftler. Jedes Schubladendenken war ihm fremd:

"Sein programmatischer Ansatz war ja: Wenn wir Naturforschung betreiben, dann dürfen wir die Disziplinen nicht isoliert für sich betrachten. Das reicht nicht, dass der Botaniker loszieht mit seiner Botanisiertrommel und Pflanzen einsammelt. Das ist so fruchtlos. Sondern man muss klären: Wo wachsen die Pflanzen, welches Klima herrscht da? Man stellt Zusammenhänge zwischen dem Klima, zwischen der Höhe fest, wo die Pflanzen anzutreffen sind. Und dies war sein Ziel: Die zusammenwirkenden Kräfte in der Natur führen erst dazu, dass die Dinge so sind, wie sie sind."

Auch von Vorurteilen ließ Humboldt sich nicht leiten: Dass Südamerika als "Kontinent zweiter Klasse" galt, interessierte ihn nicht. Er betrachtete Länder und Menschen unvoreingenommen und hatte großen Respekt vor ihrer Kultur. Frank Holl:

"Er hat in Mexiko Kontakt zu Sammlern gesucht, die schöne Stücke von den Azteken hatten. Die hat er dann später auch abgebildet in seinen Büchern. Er hat vor allen Dingen untersucht die Maja- und Azteken- Handschriften, die dort im Palast des Vizekönigs unter ganz schlechten Bedingungen gelagert waren, in feuchten Räumen, und hat einen Teil davon mitgenommen nach Europa, also gekauft, und dort publiziert."

Seine Beobachtungen veröffentliche Alexander von Humboldt unter anderem in seinen "Politischen Essays". Seine Betrachtungen darüber, welche Entwicklungsmöglichkeiten "Neu-Spanien", also das heutige Mexiko, unter einer "guten und liberalen Verfassung" hätte, hatten großen Einfluss auf die Unabhängigkeitsbewegung des Landes. Humboldt wird dort bis heute als ein Gründerväter des Landes und "Wohltäter des Vaterlandes" verehrt.

Der Literatur- und Sprachwissenschaftler Christian Durisch Acosta von der Universität Bern resümiert:

"Er hatte Vertrauen in das ökologische Potenzial von Lateinamerika; und wahrscheinlich auch in das kulturelle."

Die Anerkennung und das Interesse, das der deutsche Forscher der ihm so fremden Kultur, der Landschaft und den Menschen entgegenbrachte, führte mit dazu, dass die Menschen dort in den Zeiten der Kämpfe um die Unabhängigkeit ein größeres Selbstvertrauen bekamen. Allerdings gibt Christian Durisch Acosta auch zu bedenken:

"Meine Beobachtung, die ich gemacht habe, ist, dass Humboldt stets von einer gewissen Gruppe vereinnahmt wird. Und das ist die eurokreolische Gruppe, das sind Gruppen, die an ihrer weißen, europäisch verankerten Identität festhalten. Für die ist Humboldt wichtig, weil er eben einen Link gibt, zwischen der alten und der neuen Welt. Und die haben ganz einfach die Macht und das Sagen."

Wie die Indios die Arbeiten, das Wirken und das Auftreten den Forschers Humboldt empfunden und bewertet haben, wüsste man nicht. Doch darüber lohne es sich, in Zukunft zu forschen:

"Wie diese Leute Humboldt sahen, ist schwer festzumachen. Es gibt ganz einfach keine einzige Quelle, zumindest habe ich keine gefunden, von einem subalternen Subjekt, die sich über Humboldt äußern würde. Und das ist schade."

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