Seit 20:05 Uhr Studio LCB
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 20:05 Uhr Studio LCB
StartseiteCorso"Ich bezeichne mich in letzter Zeit als humoristischer Zeichner"10.12.2012

"Ich bezeichne mich in letzter Zeit als humoristischer Zeichner"

Corsogespräch mit Cartoonist Peter Gaymann

In seinen Cartoons wolle er die kleinen, schrägen Widersprüche des Alltags zeigen, sagt der Cartoonist Peter Gaymann. In seinem jüngsten Buch "Reif fürs Museum" nimmt er die Kunst- und Museumsszene aufs Korn. Zusätzlich dazu gibt es eine Cartoon-Ausstellung im Arp Museum Bahnhof Rolandseck.

Moderation: Thekla Jahn

Ein Cartoon aus Peter Gaymanns jüngstem Werk "Reif fürs Museum" (Peter Gaymann)
Ein Cartoon aus Peter Gaymanns jüngstem Werk "Reif fürs Museum" (Peter Gaymann)

Thekla Jahn: Welcher Satz könnte aus dem Mund eines Künstlers quellen, der moderne, ja abstrakte, vielen Zeitgenossen vielleicht sogar unverständliche Kunst macht? Ein Satz, dem mögliche und vielleicht auch schon oft gehörte Kritik erst gar nicht mehr zulässt. Ein Satz wie dieser: "Sag jetzt nicht, das kann ich auch". Und wenn dieser Satz dann auch noch von einem Künstler stammt, der neben einer Katze sitzt, dann handelt es sich um einen Cartoon. Aus Peter Gaymanns Buch "Reif fürs Museum". Peter Gaymann, jetzt bei uns im Studio, schönen guten Tag!

Peter Gaymann: Guten Tag!

Jahn: Peter Gaymann: Cartoonist, Illustrator, Autor, Grafiker, oder sollte ich ganz einfach sagen: Künstler?

Gaymann: Ich bezeichne mich in letzter Zeit als humoristischer Zeichner.

Jahn: Künstler würden Sie für sich gar nicht in Anspruch nehmen wollen?

Gaymann: Da sind wir ja schon mitten im Problem, dass das Wort Künstler heutzutage auch schon für bessere Friseure gilt, aber Zeichner und Humor, das passt schon. Wenn mich andere als Künstler bezeichnen, okay, werde ich nicht widersprechen, aber – ich lass das einfach mal außen vor.

Jahn: Von Künstlern, die sich auch gerne als Künstler bezeichnen lassen, weiß man, dass sie recht eigenwillig sind, und die Kunstszene, die neigt ja nun, wir wissen es alle, zu Skurrilitäten. "Kunst ist Kunst, alles andere ist alles andere", das hat der Karikaturist Ed Reinhardt mal gesagt – ist das so? Welt und Kunst, das sind, ja, zwei Paar Zeichenstifte?

Gaymann: Na ja, es wird auf jeden Fall hier in Deutschland immer noch so gehandhabt. Ich erfahre das am eigenen Leib immer wieder, dass Karikatur und Kunst oder eben Illustration und Kunst sehr stark getrennt werden, also auch von – man spürt es einfach bei den Galerien, den Museen. Sie haben es als Cartoon-Zeichner, so wie ich einer bin, der jetzt schon seit 32 Jahren dieses Fach belegt, immer noch schwer, in ganz klassische Galerien hineinzukommen, die eben sagen, wir sind für die Kunst zuständig, Sie machen ja nur Kunsthandwerk, oder: Sie machen ja nur Unterhaltung. Diese Trennung, die lehne ich schon ab, weil das muss im Prinzip heute nicht mehr so sein, und die Fronten weichen ja auch langsam auf. Aber da arbeite ich noch stark mit.

Jahn: Deswegen dann vielleicht auch die Beschäftigung mit der Kunstszene. In Ihrem Buch, da gibt es, ja, doch so manche Klischees, und vielleicht sogar auch manche Plattitüden, was die Kunstszene angeht. Also das Schönste an Vernissagen, heißt es in einem der Cartoons, ist: Man sieht interessante Klamotten. Das ist ja schon – ja, das hat man schon gehört, oder? Das, ja, ist das noch der, das Neue? Da erfahre ich was, aus dem Cartoon? Nehme ich da was mit?

Gaymann: Ach, das ist so eine kleine, vielleicht auch Nebengeschichte, dass natürlich Vernissagen, wenn Sie jetzt einmal zu größeren Vernissagen oder Messeauftritten gehen wie bei der ArtCologne, wenn die eröffnet wird, oder bei der Art Basel, da ist es ja auch ein Stelldichein des who and who und der Sammler und Galeristen, und jeder will sich natürlich sowohl äußerlich als auch geistreichmäßig überbieten. Und viele gehen tatsächlich, das unterstelle ich jetzt tatsächlich, dass die auch einfach, um gesehen zu werden, hinzugehen und man will dabei sein. Und dass das eben, Kunst eben auch nicht nur die Inhalte sind, sondern auch ein bisschen das Ganze Spektakel drumherum. Und das wollte ich in diesen Cartoons ja auch zeigen.

Jahn: Ist es für Sie auch so ein bisschen so eine Abrechnung mit der Kunstszene, die möglicherweise ein bisschen herabblickt auf die Cartoonisten und die nicht ganz so ernst nimmt?

Buchcover: Peter Gaymann "Reif fürs Museum" (Peter Gaymann / Wienand Verlang Köln)Buchcover von Peter Gaymanns "Reif fürs Museum". (Peter Gaymann / Wienand Verlang Köln)Gaymann: Abrechnung würde ich das nicht mal bezeichnen. Ich selbst bin ja auch ein Kunstliebhaber. Also ich gehe auch in Galerien natürlich, ich bin ja selbst Teil dieser Szene. Ich sammle auch Kunst, und zwar nicht nur Cartoons von Kollegen, sondern eben auch von allen möglichen Künstlern, mit denen ich befreundet bin oder deren Bilder ich eben schön finde. Und das finde ich alles vollkommen in Ordnung. Es ist ja nur so, dass ich nicht immer so in die Knie gehe vor der hehren Kunst. Und dieses Museumshafte, dieses Elitäre nicht immer so schätze.

Jahn: Sie selbst sind über Umwege zur Kunst gekommen. Denn ursprünglich, glaube ich, wollten Sie Sozialpädagoge werden.

Gaymann: Ja, ich bin es sogar geworden. Ich habe diese Ausbildung in Freiburg gemacht in den 70er-Jahren und habe die Abschlussarbeit geschrieben, auch alleine, selbst geschrieben, können Sie auch googeln – danach habe ich mich allerdings dann doch auf den Hintern gesetzt und habe versucht, mal als Zeichner Fuß zu fassen. Weil das Zeichnen, Malen, das hat mich eben schon sehr früh interessiert.

Jahn: Aber das ist dann autodidaktisch gewesen?

Gaymann: Ja, ich habe das dann alles autodidaktisch gelernt.

Jahn: Wann ist für Sie eine Situation, eine Person so, dass Sie sagen können, daraus kann ich einen Cartoon machen, der wirklich ankommt?

Gaymann: Das kann ich so aus dem Stegreif überhaupt nicht beantworten, sondern man kommt einfach manchmal in Situationen, die man so fast eins zu eins übernehmen kann, aber das kann man nicht planen. Das muss bei mir selbst so im Bauch ankommen, dass da was funktioniert. Das ist dann nicht so intellektuell erst mal, dass ich da ständig mitschreibe und gucke, was die Leute die ganze Zeit so treiben. Nein, ich beobachte eben sehr viel, und letztlich aber ist das doch eine Arbeit, die zu 90 Prozent im Atelier stattfindet. Das heißt, dort werden eben meine ganzen Erfahrungen, meine ganzen Bilder, die ich gesammelt habe in meinem Kopf, verarbeitet zu Themen, und das ist dann auch Humorarbeit. Also das ist jetzt nicht einfach nur so, man wartet mal auf einen großen Geistesblitz, sondern man legt einfach mal los und brainstormt.

Jahn: Aber wichtig ist ja derjenige, der den Cartoon macht, also Ihr Humorverständnis. Wann lachen Sie?

Gaymann: Wann ich lache? Also das zeigt sich dann immer beim Arbeiten selbst – Sie meinen jetzt beim Arbeiten, so wenn ich produziere?

Jahn: Ja, grundsätzlich, wann ...

Gaymann: Ich bin schon ein sehr humorvoller Mensch prinzipiell. Das darf man jetzt wiederum nicht verwechseln mit dem sogenannten Klassenclown oder mit dem Kaspar oder mit dem Witzeerzähler, der jede Party irgendwie zur Stimmungskanone da ausbaut – nein, ich bin eben ein von Haus aus, glaube ich, habe ich einen humorvollen Blick auf die Dinge, und wenn sich Widersprüche zeigen, die so, die manchmal einfach sehr schräg sind oder die manche andere gar nicht erst sehen – die reizen dich einfach unwillkürlich zum Lachen, das hast du im Blut.

Jahn: Dabei sind Sie, das finde ich ganz interessant, niemals derb oder beleidigend, wenn Sie das dann hinterher darstellen. Widerstrebt Ihnen die bei sehr vielen Kreativen doch sehr häufig zu findende Provokation?

Gaymann: Wie ich schon sagte, da ich mich eher als humoristischen Zeichner sehe und nicht jetzt als der große Satiriker, der eher belehrend und eher aggressiver daherkommt – ich will mir selbst und den Menschen die Dinge zeigen, so wie ich sie empfange, nämlich die kleinen, schrägen Widersprüche des Alltags, und das kann zum Lachen reizen, das kann auch zur Veränderung reizen, indem die Leute darüber nachdenken oder mir zum Beispiel schreiben, dass ihnen bestimmte Bilder über Jahre hinweg immer wieder helfen bei bestimmten Problematiken ...

Jahn: Im Humor liegt die Kraft, sagt man.

Gaymann: Aber das ist nicht eine Aggression. Also ich will hier nicht Leute vorführen oder ich will sie nicht beleidigen, weil ich die Erfahrung mache, dann hat man eher Gegenwind und das wird dann gar nicht angenommen.

Jahn: "Reif fürs Museum", so heißt das Buch. Sind Sie reif fürs Museum, also im übertragenen Sinne, oder ganz konkret, da sie mit den Cartoons nun im Arp-Museum zu sehen sind?

Gaymann: Ja, das hat mir schon ganz gut gefallen, dass ich vom Museumsdirektor des Arp-Museum gefragt wurde, ob ich einmal Interesse hätte, im Museum, na ja, ich muss sagen, im Bistro des Museums, des Arp-Museums auszustellen. Das ist ja schon mal, sag ich mal, wie so eine Art Eintrittskarte immerhin ...

Jahn: Eine kleine Adelung.

Gaymann: Und er hat mich sogar gefragt, ob ich eben zum Thema Kunst etwas machen möchte. Da hat er bei mir allerdings auch offene Türen eingetreten. Ich hatte da eh schon immer wieder mal Zeichnungen dazu gemacht. Ich finde das toll, dass man eben das Thema Kunst, Galerien, Sammler, dass man das auch mal so aus diesem humoristischen Blickwinkel auch in einem Museum wieder zeigen darf, weil ich da auch anderes Publikum habe als sonst.

Jahn: Sie haben neben dieser Beschäftigung mit allen möglichen Bereichen immer wieder sich auch sozial engagiert, für die Bundesstiftung Kinderhospiz, für Freiburger Hilfsprojekte, und gerade jetzt kommt, zum Jahreswechsel, ein Kalender heraus mit Cartoons von Ihnen, der heißt "D-Mensch 2013". Ja, bei der Kunst, darüber, über die Kunstszene sich ein bisschen lustig zu machen, ist okay. Ist es auch okay, sich über demente Menschen, ja, da die Pointe zu suchen, die humoristische?

Gaymann: Ja, es war schon eine Herausforderung, aber auch da gilt eben: Ich will mich nicht über jemanden lustig machen, ich will die Situation darstellen, wie sie ist, und manchmal ist die Situation komisch, eben auch wenn man krank ist. Und Humor ist eben auch eine Möglichkeit, ganz bestimmte Problematiken vielleicht in etwas entspannterer Form anzunehmen und damit umzugehen. Ich meine, man kann natürlich über alle ernsten Dinge jammern, aber man kann natürlich auch manchmal drüber lachen. Und das Lachen hilft die Dinge auch manchmal zu lösen. Man wird nicht immer ganz gesund, aber es kann trotzdem Hilfe sein.

Jahn: Und es kann vielleicht auch für die Angehörigen Hilfe sein, die einen Demenzkranken pflegen. Vielen Dank! Der Cartoonist, Autor, Künstler Peter Gaymann war bei uns heute im Corso-Studio. Seine Cartoon-Ausstellung zum Buch "Reif fürs Museum" ist noch bis zum 24. März unter dem Titel "Sag jetzt nicht, das kann ich auch!" im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck zu sehen. Vielen Dank, dass Sie da waren!

Gaymann: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk