Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteBüchermarkt"Ich bin dieser Sachen müde"11.11.2009

"Ich bin dieser Sachen müde"

Henning Marmulla und Claus Kröger (Hrsg.): Hans Magnus Enzensberger - Uwe Johnson. Der Briefwechsel "fuer Zwecke der brutalen Verständigung"

Die in den letzten Jahren nach und nach publizierten Briefwechsel der maßgeblichen Autoren der Bundesrepublik sind stets mehr als eine private Korrespondenz. Sie spiegeln nicht allein die Mentalitäten und Befindlichkeiten der Briefpartner, sondern auch das literarische Leben der Zeit. Nachdem bereits mehrere Briefwechsel Uwe Johnsons vorliegen, erscheint nun die Korrespondenz zwischen Hans Magnus Enzensberger und ihm - "für Zwecke der brutalen Verständigung".

Von Ulrich Rüdenauer

Aufgeschlagenes Buch mit Lesebrille (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Aufgeschlagenes Buch mit Lesebrille (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Als Hans Magnus Enzensberger im Oktober 1959 auf der Tagung der Gruppe 47 auf Schloss Elmau sein Gedicht "Schaum" vorlas, entbrannte zwischen ihm und dem jungen Autor Uwe Johnson ein kleiner Streit: Johnson sah in dem Text eine unangemessene Offenheit. "Ich will euch nicht ändern", heißt es darin. Dieser Anspruch aber sei ungenügend, befand Johnson. Ein paar Wochen später schrieb Enzensberger in den Frankfurter Heften eine Rezension zu Johnsons "Mutmaßungen über Jakob". Ein Lob, in dem zum ersten Mal das Wort von einer "gesamtdeutschen" Literatur auftaucht - Johnson als der Autor beider Deutschlands. Wenig später schickt Johnson, der wie Enzensberger im Suhrkamp Verlag beheimatet war, einen Brief an Enzensberger. Der Beginn einer acht Jahre währenden Korrespondenz und einer kurzen, fragilen und schließlich in die Brüche gehenden Freundschaft. Unter dem Titel "für Zwecke der brutalen Verständigung" haben Henning Marmulla und Claus Kröger diesen Briefwechsel zwischen Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger sorgsam ediert und hilfreich kommentiert.

Bei Enzensberger und Johnson steht in den ersten Jahren des Briefwechsels die Diskussion um eine internationale Zeitschrift im Mittelpunkt, die nach vielen Anläufen und Diskussionen schließlich scheitert. Stattdessen entsteht ein anderes Projekt: "Das Kursbuch".
Schon bevor diese Zeitschrift zunächst mit dem Herausgeber Enzensberger bei Suhrkamp erscheint und Johnson zum Beiträger wird, kommen sich die beiden Autoren nicht zuletzt auch über eine gemeinsame Unzufriedenheit mit Suhrkamp näher: Walter Boehlich, Lektor, prägende Gestalt und in gewisser Weise auch der intellektuelle Gegenspieler zum Verleger Siegfried Unseld, wollte schon zu Beginn der sechziger Jahre den Verlag verlassen - den Schritt wird er dann erst im Laufe des Lektorenaufstands im Jahr 1968 vollziehen. Enzensberger schreibt am 15. Mai 1963:

"Boehlich habe ich, unter seiner Privatadresse, mitgeteilt dass ich für den Fall, dass er aus dem Verlag ausscheiden sollte, ebenfalls an einen Wechsel des Hauses denke. Nach einiger Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass er der Einzige ist, der dafür bürgt dass der Name Suhrkamp zu recht auf den Briefbogen steht."

Und 1966, in der Frühphase des Kursbuchs, gerät Enzensberger immer wieder bei Auseinandersetzungen über die Zeitschrift mit Unseld aneinander:

"Zu den Sachen, die mir, nach meiner Rückkehr, überflüssiger denn je zuvor scheinen, gehören die albernen Szenen mit Dr. Siegfried Unseld. Ich werde allmählich zu alt, um Spaß an einem so jugendlichen Gefühlsleben zu haben, wie es sich da zu äußern nicht müde wird. Dieser Zyklus von Beleidigt-sein-Rache-Versöhnung, diese fortwährenden kleinbürgerlichen Ehedramen öden mich an. Ich vertraue dir ohne weitere Erklärungen eine Kopie an, bald hätte ich gesagt: Möge es die letzte sein. Ich bin dieser Sachen müde." (147)

Johnson antwortet am 11. Oktober 1966:

"Für die Mitteilung an und über Herrn Dr. Unseld bedanke ich mich, schon weil sie mir bestätigt, dass es bei mir nicht gerade eine Empfindlichkeit war, die sich an seinem Genie stieß. Zum anderen kann ich nun wiederholen dass wir Martin [Walser] ein Leben bis hoch in die Neunziger wünschen sollten, damit doch immer Einer da ist, der an des Verlegers Grab Überschwengliches zu sagen wüsste." (148)

Es sind aber nicht nur verlagsinterne und literaturbetriebliche Geschehnisse, die in diesen frühen Briefen verhandelt werden. Die beiden Autoren nehmen Anteil am Leben des jeweils anderen, besuchen sich gegenseitig. Auch zu den Ehefrauen besteht Kontakt - Dagrun Enzensberger ist in den Briefwechsel involviert. Und als Johnsons Tochter geboren wird, schreibt Enzensberger:

"Zu deinem Beschluss Uwe, Dir eine Tochter zu verschaffen kann ich Dir nur gratulieren. Hier sind wir einig, denn mit Söhnen habe ich wenig im Sinn wie Du. Damit Du nicht um die wünschenswerten Unterscheidungen verlegen bist, füge ich dem hinzu: Dass ich sicherlich ganz andere Gründe dafür habe, wahrscheinlich weniger Subtile aber dafür halten sie was aus." (60)

Uwe Johnson galt als Autor mit sehr rigorosen Maßstäben - sowohl ästhetisch als auch moralisch. Politische Flausen gingen ihm sehr ab, er reagierte darauf unwirsch. Die bisher veröffentlichten Briefwechsel zeigten zudem einen Schreiber, der die kleinsten Unstimmigkeiten in Nebensätzen aufspürte und sie irritiert zur Kenntnis nahm, um sie seinem Gegenüber zurückzuwerfen. Die Sprache war für Johnson heilig - jede Ungenauigkeit, die auf den Briefpartner zurückfiel, wurde als Verfehlung gewertet. Das Vertrauen, das Johnson voraussetzen musste, konnte so gänzlich zerstört werden. Nicht wenige seiner Freundschaften sind an dieser Unbedingtheit zerbrochen. Die Freundschaft zwischen Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger, beide junge Literaturstars der sechziger Jahre, geriet ins Schlingern, als Johnson von seinem Wohnort New York aus - er war dort von 1966 bis 1968 - die politischen Entwicklungen in Deutschland beobachtete. Und das seiner Auffassung nach folgenlose Engagement Enzensbergers mit Misstrauen beäugte. Johnson schrieb am 10. November 1966:

"Gar nicht möglich ist für mich, Dir zu folgen auf dem Wege über Peter Weiss und Günter Grass zu wer weiß wem. Ich habe einen Schriftsteller schon für die SPD werben hören, mit der impliziten Garantie, dass unzufriedene Wähler dieser Partei von ihm die Kosten erstattet bekommen, ich habe diesen Schriftsteller in der Pilotenkabine eines Starfighters abgebildet gesehen, und ich dachte nun käme nichts mehr. Es kommst aber du und sagst öffentlich: 'Die Demokratie ... wird sich rühren.' Woher weißt du das? Und wenn sie das nicht tut, wirst du sie verklagen?' Der Schriftsteller Enzensberger gibt eine bestimmte Anweisung: 'Dem Notstand ... ist... zu begegnen: mit Widerstand, mit Streik und mit Sabotage.' Das ist Hochstapelei. Du kennst die Arbeiter nicht, die du da zum Generalstreik aufrufst, sie kennen nicht dich, und sie waren nicht einmal zugegen." (153)

Enzensberger, der gewiefte Essayist und thesenfreudige Streiter, war durch seine Involviertheit in die linkspolitische Szene vermutlich diskursgeschulter und resistenter gegen Nebenwidersprüche: Er hatte Freude an der Auseinandersetzung. Bei Johnson, das merkte er allerdings rasch, war er dabei an den Falschen geraten. Also versucht er im Brief vom 2. Dezember 1966 zu besänftigen und schlägt zugleich einen schärferen Ton an:

"Lieber Uwe, die spezielle Sackgasse, in die unser Briefwechsel geraten ist, bis in ihren tiefsten Schlund zu verfolgen, schiene mir weder lustig noch nützlich. Wie soll ich, dies nur beispielsweise, auf deine Behauptung antworten, ich kennte nicht einen (1) Arbeiter? mit einer Adressenliste, alphabetisch geordnet? Soll ich dir immer noch weiter erläutern, dass futurische Aussagen nicht beweisbar sind, oder dass Gewerkschaften 'wirkliche politische Kräfte' sind, wenn nämlich dieser Ausdruck hierzulande überhaupt einen sinn haben soll? das wäre lächerlich, so wenig wie du habe ich lust mich zu verteidigen oder zu rechtfertigen. Die vorwurfsvollen töne eignen sich für solche Gespräche ohnehin nicht recht." (158f.)

"Lieber Mang,
wenn ich dir zustimme darin dass meine harmlosen Erkundigungen unseren Briefwechsel in eine 'spezielle Sackgasse' geführt haben, so doch mit dem Vorbehalt dass eine deutsche Sackgasse nicht so ganz und gar aufhört wie eine englische "Dead and Street" und dass ein Fußgänger immer noch weiterkäme, wo Autos aufzugeben hätten."


Aber die "Dead End Street" ist bald erreicht. Schon im Briefwechsel mit Günter Grass konnte man erfahren, was in den turbulenten Tagen im Frühjahr 1967 in Berlin geschehen ist: Johnson hatte während seines Aufenthalts in New York seine Wohnung Enzensbergers jüngerem Bruder Ulrich überlassen. Johnson ahnte nicht, dass seine Wohnung zur Brutstätte der Kommune I werden sollte: Ulrich und Dagrun Enzensberger, die sich inzwischen von Hans Magnus getrennt hatte, Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel und Rainer Langhans machten es sich dort bequem, besetzten gleich noch eine andere Wohnung Johnsons und bereiteten in des Schriftstellers vier Wänden das so genannte "Pudding-Attentat" auf den US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey vor. Das ganze flog auf, die Kommunarden wurden vorläufig festgenommen, und das war sogar der New York Times eine Meldung wert. Dieser Zeitungsbericht findet sich wiederum in Johnsons "Jahrestagen" wieder. Für Uwe Johnson waren die Umtriebe höchst besorgniserregend, und er bat in dieser Angelegenheit die Nachbarn in der Niedstraße und die damals engen Freunde Anna und Günter Grass um Hilfe. Sie sollten nach dem Rechten sehen und unter allen Umständen die Gruppe um Enzensberger aus der Wohnung vertreiben. Natürlich hatte er auch Hans Magnus Enzensberger um Aufklärung der Ereignisse gebeten und schiebt ihm auf gewisse Weise auch eine Mitschuld daran zu, denn Enzensberger hatte unter anderem damit hinter dem Berg gehalten, dass er sich von Dagrun getrennt hatte. Enzensberger schreibt am 7. April 1967:

"Wie fern mir der Gedanke steht, dass ich damit, nämlich mit dem närrischen Verhalten der Personen, die das alles angezettelt haben, überhaupt zu tun haben sollte, kann ich Dir gar nicht sagen. Es reut mich, dass Dir Dein Vertrauen übel vergolten worden ist. Es wäre mir lieber, Du würdest mich nicht zu denen rechnen, die das getan haben.
Dein M."
(196)

"Für närrisch halten wir, dass du uns seit Januar täuscht über deine Verhältnisse und aus solcher falschen Darstellung Nutzen ziehst für deine Verhältnisse. Du hast uns bei dir so viel Kenntnis deiner Frau vermuten lassen, dass wir deiner Zuständigkeit auch ihren Wunsch nach einem Umzug zu uns (am 8. Januar dieses Jahres: 'Mang und ich werden uns für einige Zeit trennen. Nicht mit dem (oder unter) dem Gesetz, sondern wir machen einen Eheurlaub...') zuschreiben durften. Von der vollzogenen Scheidung erfuhren wir drei Monate später in der New York Times, und nicht mal in der Gesellschaftsspalte. Du brauchtest uns gar nicht ins Gesicht zu brüllen, dass du für sie nicht haften würdest, als hätten wir diese Verpflichtung erfunden; erfunden hast du das in einer von mir nicht gewünschten Schulderklärung, wo es heisst dass du und sie mir für ein Geld 'als Gesamtschuldner haften'; Haftung hast du noch angeboten in deinem Brief vom 19. Januar mit deiner Frage zur Miete in unserer Wohnung; erst am 30. März hast du uns ohne Aufforderung 'Haftung' verweigert, und eben ohne uns zu sagen wofür. (...) Aber warum sollten wir jemandem, der uns belügt, täuscht, ausnutzt, reinlegt,warum sollten wir so jemandem uns für eine Fortsetzung durch Lächeln zur Verfügung stellen? Und sei es zu einem Briefwechsel?
Yours, truly."
(197f.)

Der Rest ist: Abgleichen von Schuldigkeiten und Schweigen. Nur noch wenige, sachlich gehaltene Briefe werden gewechselt. Es geht um verratene Loyalitäten; das Projekt einer "brutalen Verständigung" misslingt. Enzensberger spielte dennoch weiterhin eine Rolle für Johnson: Dieser "sammelte Zeitungsausschnitte über den verlorenen Freund. Er literarisierte ihn in den 'Jahrestagen' und beobachtete ihn aus der Ferne", wie die Herausgeber in ihrem Nachwort schreiben. Eine Annäherung gelang aber auch über die Literatur nicht mehr, nachdem die Arbeit an einer gemeinsamen Sprache, auf die vor allem Johnson gehofft hatte, gescheitert war.

"fuer Zwecke der brutalen Verstaendigung": Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson. Der Briefwechsel. Herausgegeben von Henning Marmulla und Claus Kröger. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2009. 343 Seiten. 24,80 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk