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StartseiteBüchermarktIch dachte an die goldenen Zeiten21.03.1999

Ich dachte an die goldenen Zeiten

Als Bohumil Hrabals Leichnam am 12. Februar 1997, einem Aschermittwoch, im Prager Krematorium Strasnice eingeäschert wurde, hatte sich vor den Toren eine größere Menschenmenge eingefunden: Freunde, Bewunderer und Zechkumpane von Böhmens berühmtestem Schriftsteller, der einige Tage zuvor beim Sturz - oder wie manche munkelten: beim Sprung - aus einem Prager Krankenhausfenster zu Tode gekommen war. Was fehlte, war die Familie, mit Ausnahme einer Schwägerin. Sie war Hrabals letzte noch lebende Verwandte. Die Toten waren auf andere Weise gegenwärtig. Hrabal hat ihnen in seinen Büchern Monumente gesetzt: der Mutter Marie, als deren uneheliches Kind Hrabal 1914 in Brünn zur Welt kam, dem Stiefvater und nachmaligen Brauereiverwalter im Städtchen Nymburk, vor allem aber dem Onkel Josef oder Pepin, der 1924 zu den Eltern zu Besuch kam und bis zu seinem Tod 1967 blieb. Der Neffe sah in Onkel Pepin nicht nur die Verkörperung von böhmischem Witz und Nonkonformismus. Er war für ihn obendrein ein Schriftsteller, ohne je ein Wort zu schreiben. Denn Onkel Pepin war ein begnadeter "Bafler" und damit das Urbild all der bierselig und wortgewaltig tagträumenden Charaktere in Hrabals Büchern.

Christoph Bartmann

Auf ganz besondere Weise hat Hrabal seine Frau literarisch verewigt. Eliska Plevová, die mit Hrabal seit 1956 verheiratet war, erzählt vom Leben an Hrabals Seite aus ihrer Perspektive. Man darf freilich nicht erwarten, daß sich Hrabal allzusehr in die Psyche seiner Frau vertieft hätte. Dies ist ein Hrabal-Buch wie andere auch: monologisch, wie mündlich erzählt, angetrieben vom Dynamo einer rastlos arbeitenden Imagination, grotesk, komisch, traurig. Nur daß diesmal eben seine Frau das Wort führt. Eliska ist die Ich-Figur in Hrabals autobiographischer Trilogie, deren dritter Teil unter dem Titel "Ich dachte an die goldenen Zeiten" in Susanna Roths vorzüglicher Übersetzung vorliegt. Die beiden ersten Teile sind unter dem Titel "Die Hochzeiten im Hause" bereits 1993 erschienen. Die Publikationsgeschichte des tschechischen Originals ist verwirrend. Die drei Bände, die zwischen 1982 und 1985 geschrieben wurden, kamen 1986 und 1987 nacheinander in verschiedenen Samisdat-Verlagen heraus. Kurioserweise konnte Hrabal zur selben Zeit andere Romane in offiziellen staatlichen Verlagen herausbringen; mit manchen seiner Bücher war er ein Dissident, mit anderen offenbar ein Stolz der sozialistischen Literaturnation. 1988 erschienen die "Hochzeiten im Hause" sodann im Westen, wenngleich auf tschechisch, nämlich im Exilverlag "Sixty-Eight Publishers" in Toronto. Erst 1991 konnte die Trilogie - mit den Bänden "Die Hochzeiten im Hause", "Vita Nuova" und "Proluky", was auf deutsch "Joch", aber auch "Baulücken" bedeuten kann - in Prag regulär erscheinen. Eliska, die von ihrem Mann eingesetzte Chronistin der Hrabalschen Ehe, hat die samtene Revolution und ihre Folgen nicht mehr erlebt. Sie starb 1987, zehn Jahre vor ihrem Mann.

Man würde den Irrwegen von Hrabals Manuskripten weniger Aufmerksamkeit schenken, wenn sie mit dem Geschehen in seinem autobiographischen Roman nicht eng verwoben wären. Der Mann, mit dem Eliska zu leben das Vergnügen und die Last hat, ist ein herzensguter Egoist, ein liebenswürdiger Phantast, ein Trinker und Träumer, der im zarten Alter von fünfzig Jahren, 1964, sein erstes Buch veröffentlicht und mit einem Schlag ein berühmter Mann wird. Sein Lebenswandel unterscheidet sich indes nur wenig von dem jener Jahre, in denen Hrabal als Versicherungsagent, Handlungsreisender, Altpapierpacker in einer Rohstoff-Sammelstelle und als Kulissenschieber tätig gewesen war. Für Eliskas waren dies die "goldenen Zeiten". Nun ist Hrabal zwar zu Geld und Ruhm gekommen, doch zum Entsetzen seiner Frau trägt er auch größere Summen wie Gemüse im Einkaufsnetz von einer Kneipe zur nächsten und hängt sein Netz auch mal einfach an die Garderobe. Und wenn dem Gatten nach einem Dutzend Bieren nicht ganz wohl ist, kann es geschehen, daß er "zwischen Würgen und Krämpfen" seinen letzten Willen niederschreibt:

"Für den Fall, daß Gott mich in die Ewigkeit abberuft, ordne ich folgendes an ... und er vermachte seinen ganzen Besitz mir und seine Bücher seinen Freunden, unser Häuschen dort in Kersko vermachte er den Fußballspielern des Sportklubs Polaban Semice, damit sie ein Klublokal hätten wie die Mannschaft von Dukla in Vodoklasy, dann könnte sich Semice vor dem Spiel jeweils im Häuschen Nummer 248 in Kersko versammeln ... ich ging hin und her, stand in der Tür und schaute, wie die Sonne zwar noch nicht aufging, hinter dem Wall der Dächer aber schon bernsteinfarbenes Licht lag ... das war so ein Steckenpferd meines Mannes, wenn wir zum Beispiel nach Brünn flogen, legte er seinen Letzten Willen auf den Schreibtisch, wenn er allein ins Ausland fuhr, wenn er seine Reisen machte, von denen er mir nie etwas mitbrachte, allenfalls mal eine Brille, und die hatte er in Prag am Bahnhof gekauft, dennoch behauptete er, es sei eine teure Brille aus London ... und seine Testamente hatten fast immer den gleichen Wortlaut, alles vermachte er mir, und wenn wir zusammen mit dem Auto und dem Bus irgendwohin fuhren, oder wenn wir flogen, dann vermachte er alles seinem Bruder, die Bücher seinen Freunden und das Haus in Kersko den Fußballspielern des Sportklubs Polaban Semice..."

In Hrabals Fall war Selbsterkenntnis durchaus nicht der erste Schritt zur Besserung. Die Roman-Anekdote ist aus dem Leben gegriffen. Schon zu Eliskas Lebzeiten und erst recht nach ihrem Tod verfaßte Hrabal Testamente zuhauf. So hat er die Filmrechte an seinem bekanntesten Roman "Ich habe den englischen König bedient" gleich zweimal vergeben. Nach seinem Tod kam ein Testament aus dem Jahre 1989 ans Licht, in dem Hrabal die Autorenrechte unter anderen an einen Naturschutzverein und einen Verein für behinderte Sportler gab. In einem anderen, ebenfalls rechtsgültigen Testament erhielt Hrabals deutsche Übersetzerin und Vertraute Susanna Roth die gesamten Auslandsrechte an seinem Werk zugesprochen. Susanna Roth starb 1997 nur einige Monate nach Hrabal; die Rechte sind auf ihren Neffen übergegangen. Nun sind tschechische Gerichte wohl noch längere Zeit damit beschäftigt, die Rechtmäßigkeit der verschiedenen Testamente zu prüfen. Neu-Übersetzungen und Lizenzausgaben können einstweilen nicht erscheinen. Hrabals Werk liegt, wie schon einmal zu Zeiten der sogenannten tschechischen "Normalisierung" zwischen 1968 und 1989, auf Eis, wobei diesmal nicht die Politik schuld ist, sondern die nichts und niemanden und auch nicht das eigene Werk schonende Exzentrik des Bohumil Hrabal.

Überhaupt hat es Eliska mit dem Mann, den sie gern ihr "Kleinod" nennt, nicht leicht gehabt. Oder richtiger: Hrabal läßt Eliska das Leben an seiner Seite als eine ziemliche Zumutung schildern. Einmal, als Eliska von einer Reise nach Wien, wo ihr die Kärntner Straße und das Café Demel großen Eindruck gemacht haben, nach Prag zurückkehrt, sieht sie am Bahnhof ihren Bohumil geradezu als Inbild all dessen stehen, was das sozialistische Prag in jenen Jahren von Wien und was insbesondere den sozialistischen Prager vom Wiener nachteilig unterscheidet:

"Am Bahnhof in Prag erwartete mich mein Mann, er hatte Fältchen rund um den Mund und gab mir nicht einmal einen Kuß, ich wich von ihm zurück, denn er roch nach Bier, schuldbewußt lächelte er und trug meine Koffer, und da alle Taxis unterwegs waren, fuhren wir mit der Straßenbahn, ich schaute hinaus und sah, daß Prag tatsächlich heruntergekommen und von Papier übersät war, und vor allem sah ich, daß Röhrenkonstruktionen alle möglichen Straßen verschandelten, und wie die Prager Peripherie allmählich ins Zentrum vorrückte, Wohnwagenparks, die von mit Draht zusammengehaltenen Brettern, Balken und Traversen umzäunt waren, ich wunderte mich nur, daß mir das bisher nicht aufgefallen war, im Zentrum von Prag sah es aus wie in in Wien, wie in dem Wien an der Peripherie ... Und mein Mann wurde eins mit dem, was ich da draußen in den Straßen sah, irgendwie wurde mir bewußt, daß mein Mann in seinem Inneren mit alldem übereinstimmte, er dachte und kleidete sich genauso, wie diese Prager Straßen und Plätze augestattet waren ..."

Wohl auch wegen dieser tiefen Übereinstimmung mit den Prager Gegebenheiten, so häßlich und absurd sie auch sein konnten, ist Hrabal nie emigriert - selbst als er zwischen 1969 und 1975 mit einem Publikationsverbot belegt war. Aber auch sein Dableiben war, anders als etwa bei Václav Havel, kein politisches Fanal. Prag war für Hrabal als Inspirations- und Sprachquell schlicht lebensnotwendig. Prag, das meint vor allem zwei sagenumwobene Orte: die Altstädter Kneipe "Zum goldenen Tiger" und die eigene Wohnung am von Hrabal so titulierten "Damm zur Ewigkeit". Ohne die mündliche Fabulierkunst der Kneipen-Trinker, ohne die Lebensfreundschaften und zeitweiligen Hausgemeinschaften mit Prager Bohemiens wie dem Graphiker Vladimir Boudnik und dem Dichter Karel Marysko wäre sein Werk nicht vorstellbar. Hrabals Wohnung im Stadtteil Liben war der Schauplatz jener "Hochzeiten im Hause", die seiner Trilogie den Titel geben; einer nie abreißenden Kette exzessiver und geistvoller Gelage unter Freunden. Hrabal, so erzählt seine Frau, "briet für alle .... Pfannen voll Schweinefleisch, er kochte in großen Töpfen Gulasch und ging viele Krüge Bier holen." Eliska, auch Pipsi genannt, die das Haushaltseinkommen als Serviererin im "Hotel Paris" und später als Angestellte einer Altstoff-Sammelstelle aufbessert, präsentiert sich mehr als Beobachterin denn als Teilnehmerin am bunten Treiben. So neutral läßt Hrabal seine Frau durchweg auftreten: als eine patente, nüchterne Person, die ihn mitsamt seinen Schwermutsausbrüchen und hypochrondrischen Attacken erträgt. Eine Ehefrau, die es verschmerzt, wenn der Ehemann für Katzen mehr Liebe aufbringt als für sie, die es hinnimmt, wenn er die laute Einsamkeit am Biertisch und das Schweigen daheim oder gar das stundenlange Liegen in einem Strohhaufen dem konjugalen Zwiegespräch vorzieht. "Letzlich wird einem die Liebe immer zur Last", läßt sich Hrabals Mutter Eliska gegenüber vernehmen, "sie ist immer ein Unglück, ein schönes Unglück." Auch für die literarische Produktion ihres Mannes hat Eliska anscheinend nicht viel übrig - obgleich sie ihre Vorbehalte mit einigem Einfühlungsvermögen formuliert:

"Mein Mann und sein Schreiben, was war das für ein heilloses Chaos und welch eine Unordnung, er legte weder Wert auf Stil, noch beachtete er ihn. Ich verstand nicht viel von Grammatik, wußte aber, daß mein Mann im Grunde genommen nie fähig war, richtig Tschechisch zu schreiben, was er schrieb, wirkte auf mich wie die Übersetzung aus einer Fremdsprache, nichts als Anmerkungen, die allerdings noch bearbeitet werden mußten, einfach flüchtig hingeworfene Begebenheiten, die einer geduldigen Überarbeitung harrten ... Und genau das war meinem Mann wichtig, er war begeistert, wenn er seinen Text halb fertig halb verstümmelt beiseite legen konnte, wenn der Putz von ihm blätterte und die kahle Mauer, die bröckelnden Ziegelsteine zum Vorschein kamen ... Mein Mann glich mit seinem Schreiben ganz den Prager Hinterhöfen, wo zurückgelassene Reste von Gerüsten herumliegen, wo sich alles neben den überquellenden Mülltonnen türmt, dieses Geschreibsel meines Mannes, das waren vergessene und weggeworfene Reste von altem Material, Drähte, Teile von Heizkörpern, Reste von all dem Gerümpel, das am Sperrmüll zum Abtransport auf die Straßen hinausgestellt wird."

Eliskas Chronik umfaßt einen Zeitraum von neun Jahren. Geschildert wird die Zeit zwischen Hrabals literarischem Durchbruch - 1964, mit dem Prosaband "Perlchen auf dem Grund" - und dem Jahr 1973 , in dem die Hrabals ihre Prager Wohnung "Am Damm zur Ewigkeit" aufgeben und in eine Plattensiedlung am Stadtrand übersiedeln. Die entscheidende Zäsur jener Jahre bildet, sollte man denken, das Jahr 1968 mit dem Einmarsch der Bruderarmeen in die Tschechoslowakei. Aber Hrabal ist kein politischer Schriftsteller. Er hat zu keiner Zeit Resolutionen unterschrieben und sich auf keinem Schriftstellerkongreß als Redner hervorgetan. Als ihn trotzdem das Schreibverbot traf, fand er sich 1975 zu einem Loyalitätssignal an das Regime bereit, um wieder veröffentlichen zu dürfen.

Das einschneidende Ereignis jener Jahre ist für die Hrabals ein Hauskauf. 1970 erwirbt das Ehepaar ein Häuschen auf dem Lande und pendelt nun zwischen Prag und dem ostböhmischen Kersko, wo Hrabal sich alsbald hingebungsvoll seinen Katzen widmet und an Schlachtpartien und anderen ländlichen Freuden lebhaft Anteil nimmt. Nun finden die Prager Umtriebe, die "Hochzeiten im Hause", mit gleicher Verve auf dem Lande statt. Auf der anderen Seite von Hrabals Existenz findet man Lesereisen nach New York und Paris, auf denen Hrabal sich gern im Schlepptau wendigerer Schriftstellerkollegen hält. Er liebt es, den Naiven vom Lande zu spielen, auch, um kniffligeren Fragen nach dem Verhältnis von Literatur und Politik zu entgehen. Hrabal versteht es auch, in Hinsicht auf seine eigene philosphische und literarische Bildung tiefzustapeln. Dr. jur. Bohumil Hrabal hat eben nicht nur einen großen Bierdurst und intime Kenntnisse des tschechischen argot, er kennt auch Nietzsche und Schopenhauer und den französischen Surrealismus. Eine bäuerliche Schlachtpartie ist bei Hrabal immer auch eine dadaistische Veranstaltung, und wenn die Bratwürste verputzt und die Wacholderschnäpse getrunken sind, denken Hrabal und sein Freund Marysko beispielsweise an "André Breton und Paul Eluard und Tristan Tzara". Und auch der Geist von Kerouac und Ginsberg schwebt über dem Herdfeuer. Hrabals Schwejkiade als böhmischer Kauz kann nicht davon ablenken, daß hier ein Autor im literarischen Leben seines Landes fest verankert war und mit in- und ausländischen Kollegen regen Umgang pflegte. So kommt es, daß ausgerechnet am 21. August 1968 auf dem Wenzelsplatz Hrabal die Bekanntschaft eines "elend aussehenden Menschen" macht, eines Schriftstellers aus Deutschland, der sich hin und wieder "aus einem gefalteten Papierchen ein Pulver in den Mund" schüttet, der statt Bier lieber Limonade trinkt, weil seine Leber "im Eimer" sei. "Wie ein gekreuzigter Bauer" habe Heinrich Böll ausgesehen, habe ihr Mann gesagt, erzählt seine Frau Eliska. Und es sei weniger ein Gespräch gewesen, das ihr Mann mit dem deutschen Gast geführt habe als eine Beichte Bölls, bitter und leise vorgebracht - weil ihm, wie es heißt, "bewußt wurde, daß die Wehrmacht diesen Zweiten Krieg verloren hatte und mit dieser Niederlage die Sowjets bis nach Prag gerufen hatte, zum zweiten Mal nach Prag ..."

Hrabal brauchte die Politik nicht zu suchen; sie kam von selbst zu ihm. Auf einmal findet er, der zwar gewiß kein linientreuer Autor, aber immerhin Empfänger des Klement-Gottwald-Staatspreises war, sich auf einer Liste der "zu liquidierenden Schriftsteller" wieder. Liquidiert werden soll freilich nicht der Autor, sondern bloß seine Bücher. In Eliskas Altpapier-Sammelstelle tauchen Bücher von emigrierten und anderen auffällig gewordenen Autoren auf. Zwei Bände mit frühen Texten Hrabals werden tatsächlich eingestampft; Hrabal wird wegen seiner Kontakte mit "Konterrevolutionären" von der Polizei verhört. Auf dem Volksausschuß am Wohnort Liben fragt man ihn, welchen Beruf er künftig in seinen Personalausweis eintragen wolle. Aber ehe ihm die Politik wirklich zum Verhängnis werden könnte, wird, wie es aussieht, die segensreiche Kuratel der Ehefrau wirksam. Wäre da nicht Eliska, die die Zaghaftigkeiten und Naivitäten ihres Mannes, den sie gern "meinen Laureaten" nennt, beherzt ausbügelte, es wäre um Bohumil schlecht bestellt. Und noch schlechter ginge es ihm, wenn Eliska dem Gatten nicht bei all seinen eingebildeten und echten Krankheiten eine so aufopfernde Pflegerin gewesen wäre. Und zum Dank geht ihr Mann, kaum ist er wieder genesen,

"Abend für Abend in die Hajenka, dort trank er mit den Dörflern Bier, und wenn es kalt war, ließen sich sich aus einer Flasche Rotwein Glühwein brauen. Und auch hier war mein Mann die Nummer eins, der Meister von Mitteleuropa, hier wartete man immer auf ihn ... und mein Mann unterhielt sich in der Kneipe, überhaupt überall, wo er war, nie über das, was er gerade schrieb, wie sehr er unterm Schreiben litt, er redete nie über Literatur, und stellte ihm einer solche Fragen, schwieg er und schaute auf den Tisch, er spielte mit dem Bierdeckel, errötete leicht, zuckte mit den Schultern und sagte dann, er wisse nicht, was er sagen solle, alles was er habe sagen wollen, stehe in seinen Büchern."

Hrabal, das teilt sein Buch nicht ohne Koketterie mit, dieser allseits gehätschelte und geliebte "Weltmeister im Erzählen", der unumstrittene "Champion der tschechischen Prosa" war in Wahrheit ein ziemlicher Schwächling, ein Opportunist, ein Säufer und Vielfraß. Was ihm an Zivilcourage fehlte, machte seine Frau mehr als wett. Am 28. März 1969, zu Hrabals fünfundfünzigstem Geburtstag lädt sie alle liquidierten Schriftsteller und Redakteure, die sie kennt, aufs Land ein. Der große Philosoph Kosik ist da, der ehemalige Premierminister Smrkovsky auch, Herr Hrabal kippt Schnäpse in sich hinein und lächelt, wie seine Frau findet, gekünstelt. Es steigt zum letzten Mal eine feuchtfröhliche "Hochzeit im Hause". An ihrem Ende tauchen Polizisten in Ledermänteln auf und kontrollieren die Personalausweise. Das von den Geburtstagsgästen mitgebrachte Spruchband mit den Worten "Hoch lebe Bohumil Hrabal, Böhmens berühmtester Barde" wird beschlagnahmt.

Wie die nachfolgende Erstarrung des kulturellen Lebens in der CSSR und wie das über ihn verhängte Publikationsverbot Hrabal schließlich dazu brachten, einen faulen Kompromiß mit der Obrigkeit einzugehen, davon erzählt dieses Buch nicht mehr. Eliska, so darf man annehmen, hätte auch diese kleine Schwäche ihres Ehemannes mit aller Schonungslosigkeit aufgedeckt. So richtig übelgenommen hat sie Hrabal seine gesammelten Fehlleistungen trotzdem nicht. Das verbindet sie mit dem tschechischen Publikum. Es liebte und liebt Hrabal mehr als alle anderen einheimischen Schriftsteller, wohl auch, weil sein subversiver Humor frei blieb vom Dünkel moralischer Überlegenheit. Zu letzterem bestand in Hrabals Fall freilich auch kein Anlaß. Der letzte Band seiner autobiographischen Trilogie führt uns Bohumil Hrabal noch einmal in seinen Widersprüchen vor Augen: In den Widersprüchen eines Lebens, die Hrabal in seinem literarischen Werk auf unwiderstehliche Weise aufgelöst hat.

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