Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteBüchermarktIch flehe um Hinrichtung. Die Begnadigungskommission des russischen Präsidenten16.04.2003

Ich flehe um Hinrichtung. Die Begnadigungskommission des russischen Präsidenten

Aus dem Russischen von Renate und Thomas Reschke

<em>Zwei tranken, einer klagte über das Leben, der andere tätschelte ihn aus Mitgefühl. Das missfiel dem ersten, er nahm ein Kleinkalibergewehr und erschoss den Tröster. - Zwei besuchten einen Kumpel im Kesselhaus, um mit ihm zu trinken, aber er wollte nicht. Da verprügelten sie ihn und schoben ihn lebendig in die Feuerung, wo er verbrannte. - Zwei tranken... Der Mann äußerte sich unzufrieden über das von ihr bereitete Essen. Sie nahm ein Küchenmesser und tötete ihn. </em>

Natascha Freundel

Das sind keine Zitate aus der literarischen Absurditätensammlung eines Daniil Charms oder aus der anarchistischen Trinkwerkstatt eines Wenedikt Jerofejew. Das sind die nüchternen Berichte dreier Morde: drei von rund 30 000, die jährlich in Russland verübt werden - mitten im Alltag, hinter verschlossenen Türen, bei ein paar Flaschen Wodka, die wahlweise auch mit berauschendem Bakelit-Phenol-Leim, mit einem Glasreinigungsmittel oder einer Wanzenvernichtungslösung gefüllt sein können. 10 Jahre lang bildeten solche Protokolle ganz gewöhnlicher Kriminalität das "Arbeitsmaterial" für Anatolij Pristawkin. Sie waren die Grundlage für die Begnadigungsvorschläge, die seine Kommission dem russischen Präsidenten unterbreitete. Sie führten ihm den Bodensatz der postsowjetischen russischen Gesellschaft vor Augen:

Ich habe an sich eine gute Meinung von unseren Leuten, in der Provinz. Sie sind geduldige, leiderprobte Märtyrer, aber irgendwann reißt jeder Geduldsfaden. Und dann geht der Mensch aus sich heraus. Russland befindet sich gerade an so einer Bruchstelle - Plötzlich richtet sich der Zorn dieses Menschen, seine Unzufriedenheit, seine Aggression gegen seinen Nächsten, seine Ehefrau, die Kinder, die Alten. Warum werden bei uns mehr als 16 000 Frauen im Jahr ermordet, und alles im Alltag? Weil die Menschen zu Tieren werden, wenn sie keinen Ausweg sehen - keinen seelischen und keinen finanziellen. Die Arbeitslosigkeit ist enorm: etwa 50 Prozent der Arbeitsfähigen finden keine Arbeit. Und die Trinkerei tut ihr übriges. Sie kehrt "das Innere" eines Menschen nach außen, er wird "natürlicher", wenn ersieh betrunken hat... Das ist eben Russland. Diese Grausamkeit hat mich sehr erschreckt. Es sind wohl die extremen Lebensbedingungen unserer Zeit, die sie hervorgerufen haben. Pristawkins Buch, das im Original Tal des Todesschattens heißt, ist das Zeugnis eines der erstaunlichsten Vorgänge in der Moskauer Machtzentrale nach der Perestrojka. Ein Schriftsteller, dessen Romane von den eigenen Erfahrungen als Waisenkind in stalinistischen Verwahrungseinrichtungen erzählen, sollte eine so noch nie da gewesene Begnadigungskommission gründen und leiten. Gegen alle Erwartungen, wie gewohnt eine Mannschaft aus Justizministern und KGB-Männern aufzustellen, versammelte der 1931 geborene Pristawkin namhafte Dissidenten und Intelligenzler: Dichter, Geistliche, Philosophen, Professoren, die bis 2001 mit der Zustimmung von Boris Jelzin für die Begnadigung von 56 000 Häftlingen und die einstweilige Aufhebung der Todesstrafe sorgten. In Tagebüchern, während der Ferien hat Pristawkin versucht, den "scharfen Schmerz zu dämpfen", der die Einsicht in unzählige Gerichtsakten hervorrief. Wer hier also nach einer sozialwissenschaftlich fundierten Analyse des gegenwärtigen russischen Strafrechtsystems sucht, wird enttäuscht.

Das Genre dieses Buchs lässt sich guten Gewissens so benennen: WEINEN UM RUSSLAND. Es handelt nicht nur von Häftlingen, von Menschen in der Todeszelle. Es handelt letztlich von uns allen, die wir eingeschlossen sind in das kriminelle Straflager, das Russland heißt.

Anatolij Pristawkin scheut keine großen Worte. In der Beschwörung des russischen Volks und seiner "erstaunlichen Genialität" bis in die Verbrechen hinein gibt er sich als emphatischer Moralist zu erkennen. Er habe, so sagt er, eher ein "philosophisch-christliches" als ein politisches Buch schreiben wollen. Tatsächlich würde es an Moralschriften aus dem 18. Jahrhundert nach Art von Jacques Rosseau oder Montesquieu erinnern, wären da nicht die vielen, ebenso nüchternen wie haarsträubenden Zitate aus Gerichtsakten und Gnadengesuchen der Häftlinge. Die sinnlose Gewalt und Rohheit, die aus ihnen spricht, machen das Lesen dieses Buchs streckenweise zu einer Qual und lassen vermuten, dass Pristawkin die Worte gefehlt haben für eine kühl analytische Einschätzung seiner Erfahrungen. Zwischen Arbeitsbericht und autobiographischer Bekenntnisschrift changierend, bringt das Buch eine völlig außer Kontrolle geratene Maschinerie von Verbrechen und Strafe ans Tageslicht: Pristawkin erzählt von obdachlosen Kindern, die in Strafkolonien systematisch gebrochen werden, von den Soldaten, die man in Tschetschenien verheizt, von den katastrophalen Verhältnissen in den Untersuchungsgefängnissen und Lagern. Am erschütterndsten aber ist seine Schilderung der Todeskandidaten:

Das erste, was ich gemacht habe, als ich in mein Arbeitszimmer kam - da stand so ein riesiger Schreibtisch, der mir Angst einjagte - ich sagte: 'Bringen Sie mir alle die Fälle von Todesstrafen, bei denen man sich geirrt hat. Und man brachte mir Mappen bis zur Decke hoch, und niemand hat das je gezählt und niemand hat das je gesehen. Erschossen - und ins Archiv.'

Die Geschichte der Todesstrafe in Russland muss noch geschrieben werden. Pristawkin füllt die kruden Daten mit Leben. Erst wenn man einzelne Schicksale vor Augen hat, begreift man, was es bedeutet, wenn 75 Prozent aller Russen noch immer für die Todesstrafe sind. Dass jedoch von 1962 bis 1990 mindestens 24 000 Menschen hingerichtet wurden, Menschen im besten Alter, weiß kaum jemand. Auch nicht, dass die Verurteilten zumeist jahrelang auf die Vollstreckung warteten. Denkt man sich die unmenschlichen Haftbedingungen hinzu, ist es kaum erstaunlich, dass Pristawkins Kommission auch solche Gnadengesuche erreichten, die um die sofortige Hinrichtung baten:

"Ich bitte Sie, mein Todesurteil zu unterschreiben und das Innenministerium Russlands anzuweisen, es zu vollstrecken. Ich bitte von Herzen darum, dass Sie mich erschießen lassen. ... Ich bin des ewigen Wartens müde."

1996 wurden alle Todesstrafen bis auf weiteres aufgehoben. Aber weder die nun lebenslänglich Inhaftierten, noch all jene, deren Haftstrafen Pristawkins Kommission verringern konnte, hatten danach Aussicht auf eine angemessene Behandlung:

Unser Strafrecht, unsere Gerichte hängen noch sehr an der Vergangenheit. Es ist die alte Mentalität, die es verbietet, sich den Häftlingen gegenüber gerechter zu verhalten als damals. Und deshalb haben wir auch heute genauso wie früher etwa eine Million Gefangene. Die Gefängnisse in Russland sind noch immer ein Mittel der Strafe und nicht der Erziehung. Ich selbst wurde nur durch Glück vor diesem Fleischwolf bewahrt. Ein Jugendlicher, der bei uns inhaftiert wird, kommt da nie wieder heraus - selbst wenn man ihn freilässt. Er bekommt keine Arbeit, es sei denn, er dient den Sicherheitsorgangen. Und wenn er das nicht will, wird er eben wieder eingelocht. Dieses System erhält sich selbst am Leben, es züchtet sich immer neue Kader der Zukunft heran. Aus diesem Teufelskreis konnten wir keinen Ausweg finden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk