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StartseiteZeitzeugen im Gespräch"Ich habe lieber eine unangenehme Wahrheit gesagt als zu lügen"03.02.2013

"Ich habe lieber eine unangenehme Wahrheit gesagt als zu lügen"

Ehemaliger DGB-Chef Ernst Breit über den Bauskandal Neue Heimat

Der ehemalige DGB-Chef Ernst Breit sagt, dass der Bauskandal um die Neue Heimat seine Gewerkschaft damals beeinträchtigt habe. Im Zeitzeugengespräch redet er außerdem über seinen Weg an die Gewerkschaftsspitze, Ost-West-Kontakte im Kalten Krieg und darüber, warum er heute für einen Mindestlohn plädiere.

Rainer Burchardt im Gespräch mit Ernst Breit

Ernst Breit, ehemaliger Bundesvorsitzender des DGB (picture alliance / dpa /Franz-Peter Tschauner)
Ernst Breit, ehemaliger Bundesvorsitzender des DGB (picture alliance / dpa /Franz-Peter Tschauner)

Etwas spröde und typisch norddeutsch, so trat er auf, so sprach und wirkte er, einerseits. Andererseits bescheinigten ihm Anhänger und Gegner eine souveräne Bereitschaft zum Ausgleich, zum Kompromiss. Auch wurden sein Realitätssinn und die Fähigkeit zur klaren Analyse immer wieder hervorgehoben.

Die Rede ist von Ernst Breit, geboren am 20. August 1924 im schleswig-holsteinischen Lohe-Rickelshof, von 1982 bis 1990 Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB. Nach Schulzeit und mittlerer Reife begann Breit seine Berufslaufbahn als Postinspektoranwärter, zu der er auch nach Kriegsdienst und Gefangenschaft 1946 zurückkehrte. Daneben engagierte er sich beim Neuaufbau der Gewerkschaftsbewegung. 1971 wurde er Vorsitzender der Deutschen Postgewerkschaft, 1982 übernahm Breit als Nachfolger von Heinz Oskar Vetter den Vorsitz des Deutschen Gewerkschaftsbundes, den er 1990 an Heinz-Werner Meyer abgab. In seiner Zeit als DGB-Vorsitzender eskalierten die Auseinandersetzungen mit der Bundesregierung um die Einführung der 35-Stunden-Woche. Äußerst konfliktträchtig verliefen auch die Sanierungsbemühungen bei der hoch verschuldeten gewerkschaftseigenen Baugesellschaft Neue Heimat. Hier gelang es Ernst Breit jedoch, die größte Krise in der Geschichte des DGB, so die "Süddeutsche Zeitung", binnen weniger Monate aus den Schlagzeilen zu bringen. Ernst Breit ist verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter.


"Wir wussten, wir waren dran, wenn wir alt genug waren. Und alt genug war man mit 18."

Jugend im Dritten Reich, Arbeit als Leitmotiv des Lebens und frühe gewerkschaftliche Orientierung.

Rainer Burchardt: Herr Breit, Sie sind Jahrgang 1924, sind also 88, in diesem Jahr werden Sie 89 Jahre alt. Was hat Sie in Ihrem Leben, um das mal zu summieren, was hat Sie am meisten bewegt?

Breit: Meine Arbeit.

Burchhardt: Und was war das genau?

Breit: Das fing an beim Postamt in Heide nach der Entlassung aus der Wehrmacht am 1. August 1945 und ging dann weiter über Personalratsarbeit, ehrenamtlich, nebenbei. Stellenvorsteher war ich in einem Postamt mit mehr als 50 Arbeitsplätzen.

Burchhardt: Sie haben also, praktisch von der Pike auf haben Sie Ihren Beruf erlernt, als Postbeamter.

Breit: Ich habe angefangen als Postinspektoranwärter. Von der Pike kann man nicht unbedingt sagen, dann fängt man als Briefträger an.

Burchhardt: Sie waren, was Sie gerade erwähnt haben, 21 Jahre alt, als Sie aus dem Krieg kamen, wenn man das so formulieren darf, also blutjung im Grunde genommen. Und es gibt ja viele, die sagen, die in den Mitte-20er-Jahren geboren sind, wir sind im Grunde genommen die betrogene Generation, wir sind um unsere Jugend betrogen worden, da war der Krieg, und als wir aus dem Krieg zurückkamen, war erst mal gar nichts außer Trümmern und Wiederaufbau. Haben Sie das auch so in Erinnerung?

Breit: Nein, so habe ich das nicht in Erinnerung. Erstens waren wir schon aus der Schulzeit darauf eingestellt, in den Krieg zu müssen, und zweitens sind wir danach angefangen zu arbeiten.

Burchhardt: Meinen Sie das mit Anspielung etwa auf die HJ, dass die HJ so was wie eine Vorbereitung auf den Krieg schon war, ja?

Breit: Auch, auch. Ich war Jungvolkführer die ersten zehn, nicht zehn ... Das fing mit sechs Jahren an und hörte auf mit dem Augenblick, wo ich zur Post kam, das war mit 16.

Burchhardt: Sie kommen ja aus Norddeutschland, Sie sind Dithmarscher. Und aus welchem Elternhaus kommen Sie, was waren Ihre Eltern, wie haben die Sie erzogen?

Breit: Mein Vater war Werkzeugmachermeister in einer kleinen Maschinenfabrik in Heide. Er stammte aus dem Saargebiet, er hatte 1923 mit den Franzosen Ärger gekriegt, und da seine damals zweite Frau - die Erste war schon verstorben - aus Dithmarschen stammte, sind die beiden dann nach Dithmarschen gezogen. Denn in Saarbrücken war nichts.

Burchhardt: Sie haben eben gesagt, wir haben ja als Jugendliche, waren wir schon darauf vorbereitet, dass wir in den Krieg müssen. Wann hat es Ihnen geschwant, wir werden hier ausgebildet als Menschenmaterial für die Schlachten?

Breit: Eigentlich ... Wir wurden nicht in dem Sinne ausgebildet, dass wir uns als Menschenmaterial fühlten. Wir wussten, wir waren dran, wenn wir alt genug waren, und alt genug war man mit 18. Und das lernte man schon im Jungvolk und in der Hitlerjugend, Schießen, Geländespiele. Es war also alles gar nicht so fürchterlich überraschend.

Burchhardt: Haben Ihre Eltern Sie gewarnt vor dieser absehbaren Entwicklung oder wie ist da Ihre Erinnerung?

Breit: Die konnten da nicht mehr viel warnen. Meine Mutter ist sehr früh gestorben, dann habe ich eine Stiefmutter gehabt, mit der kam ich nicht zurande. Und mein Vater starb Anfang des Krieges ziemlich bald.

Burchhardt: Nach dem Krieg sind Sie dann ja schon gewerkschaftlich engagiert gewesen. Was hat Sie eigentlich in diese Richtung gebracht, sich sozusagen als Vertreter für die Interessen der Arbeitnehmer einzusetzen? Insbesondere waren Sie ja im Postamt Kiel, waren Sie da ja in der Oberpostdirektion.

Breit: Das hat ganz handfeste Gründe. Wir waren als Postinspektoranwärter frühzeitig, außerplanmäßig Inspektoren geworden. Während der Soldatenzeit ging das weiter.

Burchhardt: War das so, weil viele Männer fehlten, die im Krieg geblieben waren?

Breit: Ja, und laufbahnmäßige Voraussetzung blieb erhalten. Und wie ich nach Hause kam im Juli 1945 war ich schon außerplanmäßiger Inspektor. Und dann kam ein Oberpostrat aus Kiel und brachte den drei oder vier in ähnlicher Lage wie ich, bei, ja, sie müssten ihre Prüfung noch mal machen. Wir hatten eine Prüfung gemacht vor der Einberufung zur Wehrmacht, ihr müsst die Prüfung noch wiederholen, das könnte so nichts werden. Und dann haben wir gesagt, so weit kommt's noch! Und sind dann angefangen, uns dagegen zur Wehr zu setzen, zumal wir herausfanden, dass besagter Oberpostrat aus dem Bereich Postministerium stammte und an dem Leitfaden für die Ausbildung des Gehobenen Dienstes maßgeblich mitgearbeitet hatte. Der hatte also die vereinfachte Prüfung vor der Einberufung mit erfunden. Und der wollte uns jetzt beibringen, wir müssten sie wiederholen.

Burchhardt: Und das war für Sie sozusagen die Initialzündung, sich gewerkschaftlich dann mehr reinzuhängen?

Breit: Das wurde daraus. Dann haben wir erst mal gesagt, was machen wir denn jetzt, also, das machen wir nicht mit! Da haben wir ihm auch rundheraus gesagt, es käme überhaupt nicht infrage, dass wir das mitmachen würden. Dann fuhr er wieder zur Oberpostdirektion nach Kiel zurück und dann sind wir angefangen zu überlegen, was können wir denn eigentlich tun? Erstens sind wir mal angefangen, jede Woche einen Abend uns zusammenzusetzen und uns gegenseitig weiterzubilden.

Burchhardt: Was für eine Gruppe war das, waren das alle Angestellten in Ihrem Bereich oder ...

Breit: Nein, das waren außerplanmäßige Inspektoren in meinem Alter. Die waren auch alle Soldaten gewesen. Und dann haben wir angefangen, jede Woche einen Abend Fortbildung zu machen - untereinander. Ausbildungsstelle oder so was gab es zu der Zeit nicht, 1945, ich bitte Sie! Um wenigstens weiterzulernen und nicht da ganz auf den Bauch zu fallen. Und dann fingen wir an zu überlegen, wer kann uns denn jetzt eigentlich helfen? Da gab's die Gewerkschaft! Dann haben wir mit der Vertreterin aus dem Fernamt in Heide, die Mitglied des Bezirksbetriebsrats war in Kiel und einmal im Monat dahin musste zur Sitzung und die ich aus der Schule kannte. So geht's uns, kannst du da was tun? Das nehme ich mit in die nächste Sitzung, das wollen wir doch mal sehen! - Das hat sie auch gemacht!

Burchhardt: Und das war die Postgewerkschaft damals, also, eine Teilgewerkschaft?

Breit: Das wurde erst die Postgewerkschaft.

Burchhardt: Wann wurde denn die Postgewerkschaft gegründet beziehungsweise der DGB? Das war ja erst in der zweiten Hälfte der 1940er ...

Breit: Ab 1946. Und sie kam wieder aus der Sitzung und sagte, die Kollegen sind bereit, euch zu helfen, vom Bezirkspersonalrat oder Betriebsrat hieß er damals noch. Aber es wäre natürlich noch besser, wenn ihr in der Gewerkschaft wäret, dann würde die auch helfen! Dann haben wir ein paar Tage überlegt, haben wir gesagt, wenn das so ist, gehen wir in die Gewerkschaft! Und so gingen wir in die Gewerkschaft. Sie hat uns auch geholfen!

Burchhardt: Sie sind dann ja Gesamtbetriebsrat oder Personalratsvorsitzender in Kiel geworden und waren im Grunde genommen für den gesamten Bezirk in Norddeutschland zuständig. War da für Sie schon klar, dass Sie in diese Richtung gehen dann?

Breit: Ja, das war aber ... Das war später, das war später.

Burchhardt: Ja, aber das war ja eine wichtige Station für Sie!

Breit: Ich bin zunächst mal Betriebsrat neben meiner Tätigkeit als Stellenvorsteher in Heide geworden. Weil Menschen zu mir kamen und sagten, Mensch, kannst du uns nicht helfen, du weißt doch hier Bescheid! Du kannst Plattdeutsch und du kennst die Leute. Ja, da hat man geholfen!

Burchhardt: Sie waren 22, 23 Jahre alt damals.

Breit: Ja, dann hat man geholfen, die brauchten ja alle Hilfe!

Burchhardt: Wie ist das damals eigentlich gewesen, Herr Breit, war das für Sie auch so eine Zeit, wo sich der Jugend dann plötzlich auch im Gegensatz zu vielen Dingen, die man heute so hört, auch ungeahnte Möglichkeiten eröffnet haben? Dass man einfach sagt, wenn du da irgendwo mal an ein Packende rangehst, dann kannst du auch was machen, was ja heute eigentlich so gut wie nicht mehr möglich ist, zumal in der Generation nicht?

Breit: Eigentlich in dem Sinne nicht. Ich habe meine Arbeit gemacht als außerplanmäßiger Inspektor, Stellenvorsteher, und dann auch als Personalrat oder Betriebsrat, wie er zunächst ja hieß. Und bin in den Turnverein gegangen. Aber das war's dann auch.

Burchhardt: Haben Sie damals eigentlich politische Vorbilder gehabt? Ich meine, aus dem Nationalsozialismus sicherlich nicht, aber gab es da für Sie schon Leute, die, Böckler war ja dann der erste DGB-Vorsitzende, ...

Breit: Der war mir kein Begriff zu der Zeit.

Burchhardt: Den kannten Sie noch nicht. Also, es gab da auch nicht richtige Vorbilder für Sie, oder?

Breit: Nein, es gab einen Telegrafenleitungsaufseher, der war in Heide im Post- und Fernmeldeamt tätig, und der machte den Ortsvorsitzenden der Gewerkschaft dann. Und der kam irgendwann und sagte: Kannst du nicht mal… Das ging in Plattdeutsch, kannst du nicht mal hier das und das für mich schreiben?

Der hatte keine Schreibmaschine, der war Telegrafenleitungsaufseher, der hatte einen Schraubenzieher und eine Zange und machte Telefone in Ordnung und auf dem Lande, in der Stadt und wo es notwendig war. Kannst du das nicht mal schreiben für mich? Hab ich gesagt, gib her, ich schreibe dir das, mit der Maschine, ich hatte ja eine. Wir hatten nicht viel Schreibmaschinen im Postamt, obgleich das ein paar Hundert Leute waren. Ja, und dann habe ich geschrieben. Und daraus ergab sich mehr. Wenn er was brauchte, was er nicht zur Hand hatte, dann kam er und sagte, kannst du nicht mal nachgucken oder mir sagen ... Und, ja, so ...

Burchhardt: Hat er Sie dann auch gefördert, dass Sie dann sozusagen in diesen Funktionen aufsteigen konnten?

Breit: Ja, natürlich, wenn man so will, schon. Er hat irgendwann gesagt, für die nächste Betriebsratswahl musst du kandidieren, wir möchten, dass du in den Betriebsrat kommst! Da habe ich gesagt, die werden doch nicht ihren Stellenvorsteher, ihren Chef in den Betriebsrat wählen! - Das lass mal unsere Sorge sein! Ja, so kam ich in den Betriebsrat. Und dann passierte das, was keiner so richtig erwartet hatte, ich kriegte die meisten Stimmen, weil ich wohl der Bekannteste war unter den Kandidaten.

Burchhardt: Und was hat das für Sie persönlich bedeutet?

Breit: Für mich persönlich bedeutete das, dass die Kollegen mir sagten, nun musst du auch den Vorsitz übernehmen. Was ich ja nun überhaupt nicht vorhatte! Aber das habe ich dann auch gemacht und dann haben wir jede Woche einen Dienstagabend um acht Uhr Betriebsratssitzung gemacht.

Burchhardt: Also, mehr oder weniger sind Sie auch ein bisschen in diese Funktion dann reingedrängt worden, ja?

Breit: Ja, aufgefordert worden. Gemeldet hatte ich mich dafür nicht, das war gar nicht meine Idee!

Breit: Ich war kein Parteimann, ich war Betriebsrat, ich war Gewerkschafter.

Arbeitnehmer und Parteien, Sozialdemokratie und Gewerkschaften.

Burchhardt: Sie sind ja irgendwann dann später in die SPD eingetreten. Gab es damals schon Querverbindungen zwischen Gewerkschaften und der SPD?

Breit: Die hat es sicher gegeben, aber nicht da, wo ich war. Zur SPD hatte ich keine Beziehung.

Burchhardt: Wie ist denn überhaupt auch in der Rückschau gesehen die Entwicklung zwischen Gewerkschaften und SPD? Es gab ja dann auch den DGB-Gewerkschaftsrat beispielsweise, da verlief das Verhältnis ja nicht immer konfliktfrei. Deutete sich auch in Ihrer damaligen Zeit schon so etwas an?

Breit: Spannungen gab es eigentlich nicht, die bis zu mir gedrungen sind. Ich war mit der SPD nicht liiert und mit der CDU auch nicht, ich war mit überhaupt keiner Partei liiert, wieso denn eigentlich?

Burchhardt: Anfänglich nicht, aber nachher schon. Nachher ja schon. Warum sind Sie eingetreten in die SPD?

Breit: Weil sich das aus der Arbeit ergab. Beziehung in Anspruch zu nehmen, Hilfe in Anspruch zu nehmen, Beziehungen zu pflegen. Ja, das hat sich durch die gewerkschaftliche Tätigkeit ergeben dann. Also, wir gingen rein, man überlegte sich das, man lernte Beziehungen kennen und irgendwann sagte man, da gehe ich rein. Das hat einige Überraschung gegeben bei einigen Leuten.

Burchhardt: Warum?

Breit: Weil damit keiner gerechnet hatte zunächst. Ich war kein Parteimann, ich war Betriebsrat. Ich war Gewerkschafter, das reichte mir!

Burchhardt: Ich denke in dem Zusammenhang mal zurück, 1947 hat die damalig CDU das Ahlener Programm entworfen und da stand ja viel Gewerkschaftsfreundliches drin, zum Beispiel Abschaffung des Kapitalismus. Haben Sie das damals bewusst aufgenommen und war Ihnen klar, dass das eventuell auch eine Option sein könnte?

Breit: Nein, nein! Ich hatte zu der Zeit mit Parteien nichts am Hut.

Burchhardt: Prinzipiell nicht?

Breit: Ich musste die überhaupt erst mal kennenlernen, ich hatte noch keine feste Vorstellung. Das ergab sich durch die Tätigkeit im Hauptvorstand der Postgewerkschaft, da merkte man, aha, die können ja, die machen ja, die tun ja oder sie tun auch nicht! Und dann sagte man, da müsste ich eigentlich reingehen! Und dann kam ein Kollege aus Bremen, der war schon drin, der war ein bisschen früher auf dem Weg als ich.

Burchhardt: Hat's geholfen?

Breit: Ja, sicher hat's geholfen!

Burchhardt: Zum Beispiel wobei?

Breit: Bei dem ganzen Abwickeln der Arbeit in der Gewerkschaft, in den Personalräten ...

Burchhardt: Gab es damals gegenseitige Beeinflussung eigentlich, hatten Sie manchmal das Gefühl, dass die SPD den Gewerkschaftern versuchte zu sagen, wo es langzugehen hat?

Breit: Nein, nein, nein. Die hatten da alle nicht viel Spielraum. Die Gewerkschaften waren eigentlich relativ neu und selbstständig, da war kein Vorgänger aus der Zeit. Der Vorgänger hätte ja Arbeitsfront geheißen, der hatte mit Gewerkschaften ja nun wieder gar nichts zu tun!

Burchhardt: Wenn wir jetzt mal über die 1950er-Jahre sprechen, die Adenauer-Republik, damals hatten wir es ja auch zu tun mit dem Wirtschaftswunder, die Republik baute auf, es ging alles nach vorn. Wie war das eigentlich von gewerkschaftlicher Seite zu sehen? Ich glaube, damals gab es noch die 48-Stunden-Woche, da musste man dann ja irgendwann auch mal runter, aber prinzipiell, denke ich mal, war es gar nicht mal so einfach, gewerkschaftliche Rechte in irgendeiner Form prominent durchzusetzen?

Breit: Nein, das war auch nicht einfach, das war immer schwierig. Und es war auch damals schwierig, weil es immer gegenläufige Interessen gibt, und das hat sich nicht geändert.

Burchhardt: Es gab damals ja auch den Spruch: Am Samstag gehört Vati uns!

Breit: Ja, ja!

Burchhardt: Das ist ja eine der Parolen, die damals bei den Gewerkschaften gezogen hat ...

Breit: Am Samstag gehört Vati mir!

Burchhardt: Eigentlich kaum vorstellbar noch heute. Was hat das damals für Sie bedeutet, als Gewerkschafter?

Breit: Ja, das hieß, dass man sich darum kümmerte und versuchte, das mit zu erreichen!

Burchhardt: Gab es da Enttäuschung?

Breit: Enttäuschung hat es sicher auch gegeben, aber die gehen auch wieder verloren.

Burchhardt: Ich meine, in der Zeit eines Wirtschaftswunders, wo dann auch die deutschen Tugenden kamen, Fleiß, Anstand und so weiter, ist es ja wahrscheinlich dann auch schwierig gewesen zu sagen - später haben Sie ja mal die 35-Stunden-Woche angesteuert - aber damals von 48 auf 40 runter, 42 und dann 40, runter zu kommen, das war doch ein hartes Brot für Sie, oder?

Breit: Wir mussten ja erst mal von über 50 auf 48 runter! Wie der Krieg zu Ende ging, waren wir ja weit über 50! Wir waren nicht verwöhnt!

Burchhardt: Und war das ein Hauptthema damals?

Breit: Ja, es war ein Thema. Wir hatten so viele Themen, wir brauchten Kleider, wir brauchten Verpflegung, da musste man sich drum kümmern, das kam alles nicht von alleine!

Burchhardt: Das heißt, im Grunde genommen war in der damaligen Zeit, Ende der 1940er-, Anfang der 1950er-Jahre waren die Gewerkschaften so was wie ... ja, man kann mal sagen, so das nebenamtliche Sozialgefüge in der Republik?

Breit: Ja, ganz sicher! Wir haben zum Beispiel mal amerikanische Wehrmachtsuniformen verkauft an unsere Beschäftigten im Amt, woher sollen die denn einen neuen Rock kriegen?

Heute im "Zeitzeugen"-Gespräch des Deutschlandfunks: Ernst Breit, ehemaliger DGB-Vorsitzender.

Breit: Wir waren wir. Und was wir wollten, das wussten wir, da brauchten wir unsere Mitglieder dazu.

Die ungeplante Spitzenkarriere des Ernst Breit. Höhen und Tiefen im Gewerkschaftsleben.

Burchhardt: Gehen wir mal weiter jetzt, 1950er-Jahre, Anfang der 1960er-Jahre, der Aufbruch in der Republik, und Sie kamen ja jetzt langsam, wenn man das mal so sagen darf, in das reifere, Erwachsenenalter. Was war für Sie da der entscheidende Impetus zu sagen, also, lokalpolitisch, landespolitisch, alles schön und gut, aber irgendwie muss ich auch mal auf die Bundesebene? Also, der DGB war ja mittlerweile auch gegründet worden.

Breit: Ich wollte nicht auf Bundesebene. Das kam auf eine ganz andere Art und Weise. Der Hauptvorstand der Deutschen Postgewerkschaft, die es dann gab, kam in der Regel einmal im Monat oder alle zwei Monate in Frankfurt zusammen mit Vertretern aus allen Bezirken der Deutschen Postgewerkschaft, einer davon kam aus Kiel. Das war in der Regel der Bezirksvorsitzende, ehrenamtlich.

Burchhardt: Das waren Sie.

Breit: Ich hatte meine Arbeit bei der Post und zu der Zeit dann war ich schon Oberpostmeister in Neustadt, an der Ostsee oder in Holstein, besser gesagt. Und wir machten dann alle zwei Jahre die nächste Liste für den Hauptpersonalrat, für die Personalvertreter und für das ganze Bundesgebiet, würden wir heute sagen. Und einer von denen, die da beteiligt waren, war ich. Und mir fiel auf, dass der derzeitige Vorsitzende, Kollege aus Regensburg, Nürnberg, die Ecke da, in den nächsten zwei Jahren in den Ruhestand würde gehen müssen, vom Alter her. Und ich war so naiv zu sagen, habt ihr euch eigentlich überlegt, dass wir für den Hans in zwei Jahren einen Nachfolger brauchen, der Hans geht ja in Ruhestand! - Nein, das haben wir nicht! - Ja, wir brauchen aber einen! Ja, den brauchen wir, ja! - Dann wurde gesucht nach einem Nachfolger in zwei Jahren und da fand sich keine Reihe, die sich da beworben hätte, bis mein Bremer Kollege sagte, warum nehmen wir eigentlich den Ernst Breit nicht, der ist doch schon im Bezirksbetriebsrat bei der Oberpostdirektion in Kiel, der ist Bezirksvorsitzender! - Ja, hast du eigentlich recht, Ernst, machst du das? - Nein, das kann ich nicht, wir haben von Kiel immer einen anderen Kollegen bisher benannt, den Bernhard Jansen, das war der damalige Bezirksbetriebsratsvorsitzende in Kiel, den kann ich hier nicht einfach rausschmeißen, das geht nicht, da muss ich im Bezirk erst mal hören, was die Kollegen dazu sagen! - Ja, dann hör mal! - Das habe ich dann gemacht und sagen sie, ja, du bist wohl nicht ganz bei Trost! Wenn wir als Kieler jemals auf den Stuhl wollen, dann musst du jetzt ran, da kommen wir nie mehr hin! Ja, da musst du da ran!

Burchhardt: Und dann haben Sie sich, in Anführungsstrichen, geopfert, ja?

Breit: Ja, dann habe ich gesagt, gut, ist ja erst in zwei Jahren, das eilt nicht! Bin wieder zur nächsten Hauptvorstandssitzung, habe gesagt, gut, die Kollegen haben gesagt, ich soll einsteigen in zwei Jahren. Aber die Rechnung geht nicht auf: Nach einigen Wochen, Monaten wurde mein Vorgänger krank. Der kriegte eine Netzhautablösung. Und die war damals nicht ohne Weiteres reparabel. Er musste aufhören als Vorsitzender. Und dann hieß das, ja, Ernst, nun musst du hin! Nun musst du hin, der Hans kann nicht mehr, nun musst du hin! Und dann kam ich fast von einem Tag auf den anderen von Neustadt in Holstein nach Bonn.

Burchhardt: Und was für ein Gefühl war das?

Breit: Ach Gott, das weiß ich nicht, was das für ein Gefühl war. Es war nicht so, dass ich da Angst vorgehabt hätte, ich habe es gemacht.

Burchhardt: Ist das dann auch die Zeit gewesen, wo es für Sie dann sozusagen auch dieses Knüpfen des Netzwerks in der Bundesgewerkschaftsebene begann? Man sagt ja immer, später betrachtet, so nach ... Nein, wir hatten ja damals die Troika Kluncker-Vetter-Breit, baute sich das damals schon auf? Denn die werden Sie ja da kennengelernt haben, auf der Ebene?

Breit: Also, Kluncker hatten wir da noch nicht, da hatten wir noch den Kummernuss von der ÖTV. Kluncker war noch zu der Zeit nicht da, der kam auch erst nach einiger Zeit. Und von Vetter war keine Rede, damit hatte ich eigentlich wenig zu tun. Ich hatte mit der Postgewerkschaft zu tun, die kannte ich, die kannte mich, sonst hätten sie mich nicht zum Vorsitzenden des Hauptpersonalrats Hals über Kopf da etabliert. Denn das ging Hals über Kopf, ich musste meine Arbeit beim Postamt Neustadt aufgeben und nach Bonn fahren.

Burchhardt: Haben Sie dann auch in Bonn gelebt?

Breit: Ja, das haben wir dann bald, wir sind umgezogen.

Burchhardt: Und da sind Sie ja ...

Breit: Das Postamt musste ja auch wieder neu besetzt werden.

Burchhardt: Ja, ja, klar. Wie sind Sie dann Vorsitzender des DGB geworden, was war die Entwicklung davor?

Breit: Bis dahin war ich ...

Burchhardt: Mir ist daran gelegen, dass wir wirklich sagen, ja, da war ich jetzt in Bonn und das war ja eigentlich damals die Regierungszentrale ...

Breit: ... Vorsitzender des Hauptpersonalrats im Bundespostministerium und wurde 1965 Beisitzer der Gruppe Beamte im geschäftsführenden Hauptvorstand der DPG. Das war noch wieder was anderes. Und 1971 Vorsitzender der Deutschen Postgewerkschaft, und das blieb ich dann bis 1982.

Burchardt: Und dann wurden Sie ja schon DGB-Chef.

Breit: Ja, ja ...

Burchardt: Aber das wird man ja nicht über Nacht. Also, was ist in der Zeit davor geschehen, auch bezogen ...

Breit: Lassen Sie mich überlegen, wie kam das eigentlich damals ...

Burchardt: Sie haben ja gerade erzählt, dass Sie damals auch eigentlich gar nicht hier nach Bonn wollten, aber dann haben Sie es gemacht, auch überstürzt. Ist das denn bei dem Amt, DGB-Vorsitzender, ähnlich gewesen? Das war ja ... Ihr Vorgänger hieß ja Vetter und mit dem haben Sie ja auch schon zusammengearbeitet ...

Breit: Und der hörte auf ...

Burchardt: Und der hörte auf und da hatte gerade der Neue-Heimat-Skandal ja auch angefangen. Und den haben Sie sozusagen geerbt ...

Breit: Ja, und dadurch bin ich dann auch DGB-Vorsitzender letztlich geworden.

Burchardt: Ist Vetter wegen Neuer Heimat zurückgetreten eigentlich damals?

Breit: Kann man so eindeutig nicht sagen, aber sicherlich hat das eine Rolle gespielt.

Burchardt: Können Sie jetzt aber doch noch mal erzählen, wie Sie sozusagen mit Kluncker, Vetter zusammen, bevor Sie DGB-Vorsitzender geworden sind, wie das funktioniert hat? Denn Sie waren die drei starken Gewerkschafter!

Breit: Vetter war Vorsitzender des DGB, also unsere Obrigkeit, wenn man so will. Kluncker war Vorsitzender der ÖTV. Wir hatten Beziehungen, weil wir auch zusammenzuarbeiten hatten, Tarifgeschäft zum Beispiel. Aber vor meiner Zeit war der Vorsitzende der DPG Carl Stenger. Und Stenger und die ÖTV, die vertrugen sich nicht sonderlich gut. Das rührte aus der Zeit her, als die ÖTV sich selbstständig machte und die Postgewerkschaft auch. Und da war der Zusammenhalt zwischen den beiden Organisationen, ÖTV und DPG, nicht ausgeprägt. Das habe ich dann geändert, ich habe mich mit Kluncker zusammengetan, wir haben unsere Tarifverhandlungen gemeinsam gemacht, wir saßen an einem Tisch, der DPG-Vorsitzende mit dem ÖTV-Vorsitzenden und dann mit der Gegenseite. Und das haben wir auch bis zum Ende gemacht, da hat sich was Gutes ergeben.

Burchardt: Waren Sie denn damals eigentlich dabei? Man sagt ja jetzt nachträglich auch, dass Kluncker mit angeblich damals überhöhten Lohnforderungen mit zum Sturz von Willy Brandt beigetragen habe, weil er in einer Lohnrunde bis an 16 Prozent Forderung herangegangen ist. Das ist ja ...

Breit: Wir waren zusammen.

Burchardt: ... astronomisch heute. Haben Sie das mit ausgekungelt damals?

Breit: Wir waren zusammen. Wir waren nicht gegeneinander, wir haben uns gegenseitig unterstützt.

Burchardt: Okay, und wie kam es zu dieser hohen Forderung?

Breit: Ja, das war fällig.

Burchardt: 16 Prozent?

Breit: Ja, das war fällig nach der Zeit. Da fehlte irgendwo was, da musste man was tun!

Burchardt: Aber die wurden es ja nicht, die 16 Prozent.

Breit: Nein, nein ...

Burchardt: War auch von vornherein klar, das das nicht so ...

Breit: Das wusste man, dass das nicht 16 werden würden, aber man versuchte es erst mal, der Sache nahezukommen.

Burchardt: Aber wie war das für Sie als Sozialdemokrat, denn eben auch zu sehen, Mensch, da ist ja die SPD auch überfordert, so etwas als Regierungspartei mit durchzubringen!

Breit: Die SPD war da nicht maßgebend für uns. Wir hatten eine gute Beziehung zu Willy Brandt, die habe ich auch bis zum Schluss eigentlich gehabt, aber das war nicht maßgebend, wir waren wir. Und was wir wollten, das wussten wir. Da brauchten wir unsere Mitglieder dazu. Und wenn die sagten, machen wir ((sagt er auf Plattdeutsch)), dann machten wir!

Burchardt: Paar Jahre später wurden Sie dann,1982 wurden Sie dann ja DGB-Vorsitzender. Und Sie haben, wenn man das so formulieren darf, ja diesen ganzen Neue-Heimat-Skandal von Herrn Vetter, Ihrem Vorgänger, geerbt mehr oder weniger, und Sie haben ja im Wesentlichen in Ihrer Zeit auch die Abwicklung der Neuen Heimat betrieben. Was war das für Sie eigentlich, war das auch ein Schnitt ins Gewerkschafterherz, was da passierte?

Breit: Ja, natürlich, das hat wehgetan. Die Neue Heimat war ja nicht nur ein Institut, das Murks gebaut hat, das hat ja jede Menge Wohnungen gebaut, die kein anderer gebaut hätte für das Geld. Und deswegen war das Kaputtgehen der Neuen Heimat, das war nicht leicht zu nehmen, das hat uns sehr, sehr beeinträchtigt.

Burchardt: Um es kurz zu rekapitulieren, auf eine Schlagzeile zu bringen: Der damalige Buhmann, aber er ja nicht allein, hieß Albert Vietor, der damalige Neue-Heimat-Chef, und ihm wurde ja vorgeworfen, da also doch in einige Korruptionsvorgänge verwickelt zu sein. Später haben Sie dann die Neue Heimat für den Wahnsinnspreis von einer Mark an einen Berliner Bäcker verkauft! Was war das denn eigentlich?

Breit: Ja, aber nur vorübergehend!

Burchardt: War das ein Trick, war das eine Trickserei?

Breit: Nein, da war eine lange Sitzung vorausgegangen und die Frage, wie kam man denn hier raus? Und da tat sich der, Schiesser hieß er, als Interessent auf. Das war keine einfache Sitzung, da auf eine Mark zu kommen!

Burchardt: Wie sind sie auf Schiesser gekommen, den kannte bis dato ja niemand.

Breit: Ich weiß nicht, woher wir ihn hatten, aber der hat sich gemeldet. Haben auch andere bei geholfen, ganz sicherlich.

Burchardt: Mit falschen Zahlen?

Breit: Wer will das wissen?

Burchardt: Ich!

Breit: Das ist nicht zu sagen, ich weiß nicht, ob Schiesser falsche Zahlen gemeldet hat. Aber dass er nicht zahlungsfähig war, das stellte sich dann heraus.

Burchardt: War ja völlig überfordert mit der Angelegenheit! Und dann wurde die Neue Heimat abgewickelt.

Breit: Er hat natürlich auch an Geldquellen gedacht, die wir nicht kannten.

Burchardt: Wie hat das eigentlich auf das gesamte Klima gewirkt aus Ihrer Sicht, Herr Breit, damals? Die Gewerkschaften gerieten ja richtig in Verruf, so nach dem Motto, die sind ja mindestens genau so schlimm wie die Arbeitgeberbonzen oder so.

Breit: Ja, nicht gut, nicht gut! Das war schwierig, hat unsere Situation sehr beeinträchtigt. Auch auf Gebieten, wo wir eigentlich gar nicht strittig waren, aber das musste man ja wieder hinkriegen!

Burchardt: Sind Sie, aus dem Nachhinein betrachtet, eigentlich der Meinung, dass jetzt dieser Imageschaden von damals, dass der im Laufe der folgenden Jahrzehnte bereinigt worden ist?

Breit: Ziemlich, ja.

Burchardt: Was ist noch übrig geblieben?

Breit: Der Ruf, dass man auch Murks bauen kann. Aber das ist es auch, sonst hat der Schaden Grenzen gefunden, muss ich sagen. Schon zu meiner Zeit.

Burchardt: Wie wurden Sie eigentlich auf europäischer Ebene darauf angesprochen? Sie waren ja auch während dieser Zeit Präsident des Europäischen Gewerkschaftsbundes, spielte das international dann auch eine Rolle, mussten Sie sich rechtfertigen oder wie war das damals?

Breit: Nein. Ich glaube, das musste ich deswegen nicht, weil man mich kannte. Man hat mich ja da nicht hingesetzt, ohne mich zu kennen. Man wusste ja, wer das ist. Und man wusste auch, dass der nicht betrügt. Und das hat mir sehr geholfen!

Burchardt: Ja, dass Sie persönlich da integer waren, das war ja unstrittig, nur die Frage ist natürlich, ...

Breit: Ja, das sagen Sie heute! Das war damals nicht so ohne Weiteres der Fall!

Burchardt: ... werden Sie nicht gefragt, ob da was gelaufen ist? Ja, sagen Sie mal, was lief da ab?

Breit: Ja, nun, man hat gesagt, der steckt doch da drin! Das gehörte auch dazu und das ist ja auch gar nicht verwunderlich.

Burchardt: Und wie haben Sie sich gewehrt dagegen?

Breit: Ich war ehrlich. Ich habe mich eigentlich nur als ehrlicher Mensch geriert und ich war auch ehrlich. Ich habe lieber eine unangenehme Wahrheit gesagt als zu lügen.

Burchardt: Wie betrachten Sie eigentlich auch damals schon den Einfluss des Europäischen Gewerkschaftsbundes? Man hat ja heute noch den Eindruck, viele Leute wissen gar nicht, dass es den überhaupt gibt. Und aus der europäischen Zentrale hört man ja auch immer mal wieder, na ja, eigentlich sind es die nationalen Gewerkschaften, die das Sagen haben.

Breit: Ja, die sind die Stärkeren, das ist keine Frage. Weil sie zu Hause die Stärkeren sind, die müssen die Tarifverträge machen, wovon man lebt, und die müssen sich einigen auf gemeinsames Handeln, wenn sie was gemeinsam vorhaben. Da ist natürlich das Schwergewicht bei den nationalen Verbänden. Nicht immer zum Segen, mitunter macht das auch große Schwierigkeiten!

Burchardt: Macht das denn überhaupt Sinn, dass es einen Europäischen Gewerkschaftsbund gibt?

Breit: Oh ja, oh ja!

Burchardt: Denn es gibt ja 82 Einzelgewerkschaften aus 36 Ländern im Augenblick. Wie sind die überhaupt alle zusammenzubekommen?

Breit: Ja, die sind zusammenzubekommen, die sind zusammenzubekommen. Im Europäischen Gewerkschaftsbund, im Internationalen Bund freier Gewerkschaften, wie er früher hieß!

Breit: Wenn wir was Ernsthaftes zu bereden hatten, sind wir in den Park gegangen. Wir wussten, die hören uns ab, wenn sie können!

Ost-West-Kontakte im Kalten Krieg und Aspekte zu aktuellen Gewerkschaftsfragen.

Burchardt: Es gab ja auch den Gewerkschaftsbund in der DDR, zu Ihrer Zeit ja auch. Wie war da das Verhältnis?

Breit: Das war kein Verhältnis. Wir hatten zwar eine Beziehung, wir hatten zum Beispiel Besuch von den ostdeutschen Gewerkschaftern, die sich nicht Postgewerkschaft nannten, sondern das war mehr im Sinne von Öffentlicher Dienst organisiert, aber wir hatten Beziehung. Wir kriegten auch Besuch von dort und wir haben die auch besucht.

Burchardt: Und waren das Formalien, die da abliefen, oder konnte man da auch mal hinter verschlossenen Türen miteinander Tacheles reden?

Breit: Man konnte auch mal offen miteinander reden, zumindest haben wir das gemacht. Ob es geholfen hat, das war eine ganz andere Frage. Wir wussten ja nicht, was Harry Tisch wirklich zu sagen hatte in seinem Verein, aber wir konnten miteinander reden.

Burchardt: Harry Tisch war ja auch 1987, glaube ich, ich Bonn. Haben Sie ihn da getroffen, als er Helmut Kohl auch mit Honecker besuchte?

Breit: Ja, wir haben ihm auch geholfen, wenn er mal ein Radio brauchte oder irgend so was.

Burchardt: Tatsächlich?

Breit: Ja, aber selbstverständlich!

Burchardt: Damit er Westsender hören kann?

Breit: Ja, der kam mit dem Pkw hierher und da konnte man auch schon ein bisschen was einladen. Wir haben ihn nicht daran gehindert.

Burchardt: Das heißt, im Grunde genommen haben Sie da schon so ein Stück deutscher Einheit vorpraktiziert?

Breit: Also, wir haben uns jedenfalls nicht auf hemmungslose Weise bekämpft. Wir haben miteinander geredet.

Burchardt: Hatten Sie das Gefühl, dass Sie da auch schon ein bisschen mitgekriegt haben, so Ende der 1980er-Jahre, also in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre, das sich da möglicherweise, ähnlich wie in den anderen Ostblockstaaten, auch in der DDR was tut? Gab es mal Andeutungen auch von Gewerkschaftsseite, dass die mal sagten ...

Breit: Nein, eigentlich nicht, die waren sehr verschlossen in der Hinsicht. Man hielt sich zurück. Das hing aber auch mit der Obrigkeit dort zusammen.

Burchardt: Ja klar.

Breit: Mit Honeckers und Co. ist es schwierig!

Burchardt: Hatten Sie das Gefühl, dass Sie dann auch mal da in den Hotels abgehört wurden, oder waren Sie da ...

Breit: Damit haben wir gerechnet. Wenn wir was Ernsthaftes zu bereden hatten, sind wir in den Park gegangen.

Burchardt: Wasserhahn laufen lassen?

Breit: Ja, das war so. Wir wussten, die hören uns ab, wenn sie können!

Burchardt: Und wie war's dann nach dem Mauerfall, Herr Breit? Gab es dann große Befreiung und dass man dann sagte, so, jetzt bauen wir den gemeinsamen Deutschen Gewerkschaftsbund in beiden ehemaligen Staaten auf?

Breit: Das war relativ schnell bewerkstelligt.

Burchardt: Das war auch relativ geräuschlos.

Breit: Ja. Wir haben miteinander geredet, wir kamen zusammen und wir haben uns gemeinsam organisiert.

Monika Wulf-Mathies (SPD) war unter anderem ÖTV-Vorsitzende und EU-Kommissarin (picture alliance / dpa / Oliver Berg)Monika Wulf-Mathies (SPD) war unter anderem ÖTV-Vorsitzende und EU-Kommissarin (picture alliance / dpa / Oliver Berg) Burchardt: Sie haben ja während Ihrer aktiven Zeit auch etwas für die damalige, auch noch alte Bundesrepublik Revolutionäres gemacht, Sie haben nämlich eine Frau in den Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes gebracht, die ÖTV-Vorsitzende Monika Wulf-Mathies. Wie ist das eigentlich unter Ihren männlichen Kollegen aufgefasst worden? Denn was ich nachgelesen habe, Sie mussten sich da schon durchsetzen, was?

Breit: Das war eigentlich dann selbstverständlich. Man musste, wer das war, man kannte sie, warum nicht? Das war keine Grundsatzfrage, muss das eine Frau sein oder ein Mann.

Burchardt: Da ging es nach Leistung?

Breit: Da ging es nach Leistung, die kann das, die tut was, die nehmen wir!

Burchardt: Die Monika Wulf-Mathies ist ja auch eine Protagonistin der 35-Stunden-Woche gewesen, auch gerade im öffentlichen Dienst. Sie waren das ja auch. Bei der IG Metall war es ein bisschen schwieriger, weil da auch gleich die Forderung kam, 35 Stunden oder Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich. Das war ja damals sozusagen das Schlagwort. Wie ist das dann umgesetzt worden von den Gewerkschaften?

Breit: Nach und nach. Das geht alles nicht auf einen Hieb. Es gibt bei irgendeiner Tarifverhandlung eine Chance, dann nimmt man sie wahr, oder es gibt sie nicht, dann sagt man, nächstes Mal sind wir wieder dran. Aber das ist eine mühselige Arbeit. Die ist nicht so mit Glanz und Gloria.

Burchardt: Haben Sie in Ihrer Zeit als Vorsitzender, Herr Breit, eigentlich so festgestellt, dass dieses Buhmann-Image, das es ja oftmals auf Unternehmerseite gab, also von den, oder über die Unternehmer, dass das nach und nach auch ein bisschen abgebaut wurde, weil sich die Unternehmerseite ja auch durchaus in Ihrem Sinne, wenn auch schwer, aber dann doch auch in Sachen Arbeitszeitverkürzung bewegt hat? Wie würden Sie das heute beurteilen, sind die Fronten immer noch so verhärtet, wie sie damals waren, oder hat sich das gelockert?

Breit: Also, wie sie heute sind, kann ich nicht beurteilen, ich bin da nicht mehr bei. Wenn ich den [Arbeitgeberpräsident] Hundt heißt er, manchmal höre, denke ich, das wäre ja nicht nötig gewesen! Wenn ich an den Vorgänger denke, Murmann, das war ein gutes Verhältnis.

Burchardt: Der kam ja auch aus Kiel, oder?

Breit: Ja, der kam aus Kiel, wir haben uns auch in Kiel getroffen. Ich habe ihn besucht, er hat mich besucht ...

Burchardt: Wie wichtig sind auf solcher Ebene eigentlich die persönlichen Bekanntschaften, die persönlichen Beziehungen, dass man einfach sagt, Mensch, wir kennen uns schon vom, was weiß ich, vom Fußballverein oder was auch immer, ist das wichtig?

Breit: Ja, sicher ist das wichtig, weil man weiß, was man von einem Menschen zu halten hat. Kann man dem glauben, ist der ehrlich oder hat er einen im Hinterkopf, den er dir nicht vorzeigen will? Das macht schon was aus! Mit Murmann hatte ich ein gutes Verhältnis!

Burchardt: Ja, aber noch mal die Frage: Ist das im Laufe auch der Zeit, vielleicht nicht gerade aktuell auf heute bezogen, aber hat sich das in den 1980er-Jahren damals auch entspannt?

Breit: Es hat sich nach meinem Eindruck wohl etwas entspannt. Woran das liegt, kann ich aber nicht sagen, da fehlt mir die Einsicht.

Burchardt: Vielleicht an Ernst Breit, denkbarerweise? Werden Sie nie zugeben, wahrscheinlich!

Breit: Maybe, aber ich weiß es nicht.

Burchardt: Um noch mal auf der internationalen Ebene zu bleiben: Es gab ja damals in Polen die Solidarnosc, also eine Gewerkschaftsbewegung, die ja einen nicht unerheblichen Anteil hat an dem, was man später Niedergang des Kommunismus genannt hat im Ostblock. Hatten Sie damals Kontakte gehabt zu etwa Lech Walesa oder zu irgendwelchen ...

Breit: Ja, wir haben Kontakte gehabt.

Burchardt: Wie waren die?

Breit: Die waren gut!

Burchardt: Was haben Sie da gemacht?

Breit: Wir sind nach Polen gefahren, das hat damals vor allen Dingen mein für den internationalen Bereich zuständiger Gewerkschaftssekretär, der Erwin Christopherson, gehandelt, das war ein Hamburger, aber ein kantiger! Aber wir kamen zurecht, wir konnten Plattdeutsch schnacken! Ich kann mich erinnern, ich war einige Wochen DGB-Vorsitzender - Wochen müssen es gewesen sein -, da kam er zu mir und sagt mir plötzlich: Du, dat will ig dir mol seggen, mi mogt min Arbeit richtig wodder spos - mir macht meine Arbeit richtig wieder Spaß! Das war bei Vetter eine Zeit lang ein bisschen verklemmt wohl gewesen. Das war mir gar nicht so sehr aufgefallen, ich habe mich normal verhalten. Aber wir konnten dann gut miteinander reden. Und das war natürlich international höchst bedeutsam, denn das reichte wieder mal von Südamerika bis Japan, da war er auch immer mit im Geschäft. Und der hat maßgeblich zu Solidarnosc den Kontakt gepflegt, zu einer Zeit, als das gar nicht so selbstverständlich war.

Burchardt: Sind dann Unterstützungen gelaufen, also auch finanzieller Art, wissen Sie da was?

Breit: Das kann ich nicht sagen, das weiß ich nicht. Wir haben sicherlich auch geholfen, wo wir konnten. Ob mit Geld, weiß ich nicht.

Burchardt: Das hat im Wesentlichen ja der Papst damals gemacht, da gingen ja Millionen ...

Breit: Ja, aber der war nun wieder nicht unsere Adresse. Wir hatten nichts gegen den, aber verlassen haben wir uns auf den Papst nicht in der Frage! Wir haben uns auf die Solidarnosc-Leute verlassen!

Burchardt: In den Anfangsjahren Ihrer Gewerkschaftskarriere, wenn man das so sagen darf, Herr Breit, gab es ja Irritation, weil Sie im Grunde genommen einer der ersten Beamten waren, die in diese Funktion reingekommen sind. Später hat ja dann unter auch, ich denke, das war noch bei Frau Wulf-Mathies der Fall, zumindest hat sie es eingeleitet, hat sich ja die ÖTV entwickelt zur Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft, ver.di.

Breit: Sehr viel später.

Burchardt: Ist das eine vernünftige Entwicklung aus Ihrer Sicht gewesen, dass dort die Öffentlich-Rechtlichen oder der Öffentliche Dienst zusammengefasst wurde?

Breit: Ich denke, ja.

Burchardt: Warum?

Breit: Weil der öffentliche Dienst eine Figur im Tarif- und Gewerkschaftsgeschäft ist, die nicht noch auf verschiedenen Gleisen fahren muss. Es ist besser, die sind sich einig, dann sind sie erfolgreicher. Und das sind sie auch. Wir waren ja insofern als Postgewerkschaft, ja, mit aller Zurückhaltung, vorbildlich. Wir waren von Anfang an Beamte, Angestellte, Arbeiter in einer Gewerkschaft. Das war überhaupt nicht selbstverständlich. Und wir vertrugen uns. Wir vertrugen uns, indem jeder auf jeden Rücksicht nahm. Die Beamten ballerten nicht einfach los, ohne Rücksicht auf das, was die Arbeiter anging, die Angestellten mussten auch irgendwo über die Runden gebracht werden, das war die schwierigere Gruppe eigentlich, die hätten auch Beamte sein können.

Burchardt: Eigentlich auch ein kleines Wunder, weil die Interessenlagen ja doch unterschiedlich gewesen sind!

Breit: Ja, sicher waren die unterschiedlich, aber deswegen sage ich ja: Wir waren in gewisser Weise vorbildlich.

Burchardt: Vorreiter für die ver.di. Herr Breit, zum Schluss unseres Gesprächs ...

Breit: Wir haben da auch keine Schwierigkeiten bei gemacht als Postgewerkschaft!

Burchardt: Wenn Sie sich heute etwas wünschen dürften, wo würden Sie sagen, da muss man ansetzen in Deutschland, als Gewerkschafter? Was ist die eigentliche, aus Ihrer Sicht, aus Ihrer Erfahrung, die große Aufgabe der Gewerkschaften in den nächsten Jahren?

Breit: Das ist eine schwierige Frage, das ist eine schwierige Frage. Die wichtigste Frage ist wohl, dass man dafür sorgt, dass die Leute Arbeit haben. Und untrennbar davon ist die Aus- und Fortbildung. Die Punkte, die sind nach meinem Empfinden die wichtigsten. Die sind auch für den Fortbestand die wichtigsten. Sowohl für den Einzelnen als Arbeitnehmer, als für den Einzelnen. Als was hat er denn nun eigentlich gelernt, was kann er denn? Denn das eine lebt vom anderen.

Burchardt: Es gibt in der politischen Diskussion ja heute die große Frage Lohnuntergrenze oder Mindestlohn. Wenn Sie sich noch mal zurückversetzen, Sie wären jetzt DGB-Chef, was würden Sie jetzt sagen?

Breit: Ich würde sagen, eine Lohnuntergrenze ist, so wie die Dinge sich entwickelt haben, angemessen.

Burchardt: Mindestlohn nicht unbedingt?

Breit: Ja, das ist ja eine Lohnuntergrenze!

Burchardt: Ja, da gibt es ja Interpretationen. Weil, im konservativen Lager, also im Regierungslager in Deutschland wird von Lohnuntergrenze gesprochen, während die Gewerkschaften und auch die Sozialdemokraten immer sagen, dass Lohnuntergrenze kann alles heißen, wir müssen uns aber auf einen Mindestlohn festlegen.

Breit: Ja, da bin ich für den Mindestlohn, weil er die Voraussetzung dafür ist, wie die Menschen leben können. Die Lohnuntergrenze kann das nicht unbedingt bewirken. Was der eine für eine zumutbare Untergrenze hält, ist für den anderen nicht als Lebensbalance geeignet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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