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StartseiteUmwelt und VerbraucherIm Interesse der Biotechindustrie26.01.2011

Im Interesse der Biotechindustrie

US-Regierung dringt auch unter Obama auf Zulassung von grüner Gentechnik

Während der Biotechkonzern Monsanto in den USA bereits seit Jahren den Markt für Mais, Sojabohnen und Raps kontrolliert, weigern sich die meisten EU-Mitglieder hartnäckig, den Anbau und Verzehr genetisch veränderter Sorten zuzulassen. US-Präsident Barack Obama setzt die Politik seines Vorgängers fort, die Interessen der US-Biotechunternehmen weltweit zu fördern.

Von Thomas Spang

Genmanipulierter Mais des US-Konzerns Monsanto (AP)
Genmanipulierter Mais des US-Konzerns Monsanto (AP)

Anfang des Jahres enthüllte WikiLeaks Botschaftsdepeschen, die zeigen, wie sehr sich Washington die wirtschaftlichen Interessen der US-Biotechindustrie zu eigen gemacht hat. Der ehemalige US-Botschafter in Paris Craig Stapleton schlug 2007 vor, die hartnäckigsten Blockierer in der EU mit Vergeltungsmaßnahmen zu bestrafen. In Madrid stimmten US-Diplomaten ihre Strategie sogar direkt mit einem Manager des US-Konzerns ab. Den Autor des Bestsellers "Trojanische Saaten", Jeffrey Smith, wundern diese Enthüllungen nicht.

"Die Politik der Vereinigten Staaten hat stets darin bestanden, andere Länder zu drangsalieren, ihre Märkte für genetisch veränderte Nahrungsmittel zu öffnen",

meint Smith, der Direktor des nichtsstaatlichen Instituts für verantwortungsbewusste Technologie in Fairfield im US-Bundesstaat Iowa ist. Genkritiker in den USA klagen, unter Präsident Barack Obama sei dies nicht besser geworden. Neben Landwirtschaftsminister Tom Vilsack, der als Gouverneur von Iowa die Auszeichnung des biotechfreundlichsten Regierungschefs eines US-Bundesstaates gewann, besteht vor allem großes Misstrauen gegenüber Michael Taylor, der in den USA nun über die Lebensmittelsicherheit wacht. Taylor kommt von Monsanto, das ihn zum Vizepräsidenten machte, nachdem er in seiner früheren Rolle bei der Aufsichtsbehörde FDA das bis heute geltende Zulassungsverfahren für genetisch veränderte Pflanzen kreierte.

"Er hat eine Politik durchgesetzt, die auf Tests oder Produktinformationen verzichtete",

klagt Experte Smith über Obamas Lebensmittelzar.

"Sieben Jahre später stellte sich in einem Gerichtsverfahren heraus, das diese Richtlinien auf einer Lüge beruhen. Der Konsens der Wissenschaftler der Behörde bestand darin, das genetisch veränderte Pflanzen unsicher sind, Allergien auslösen und Ernährungsprobleme verursachen. Dieser Michael Taylor, der für mehr Lebensmittel bedingte Erkrankungen und Todesfälle verantwortlich sein könnte als jeder andere, soll nun über die Sicherheit der Nahrungskette in den USA wachen."

Bill Freese vom Zentrum für Lebensmittelsicherheit in Washington, das vor einem Bundesgericht in Kalifornien im Dezember die Zerstörung von nicht ausreichend getesteten Zuckerrübensetzlingen Monsantos durchsetzte, sieht unter Präsident Obama ebenfalls keine grundlegende Kehrtwende. Der einzige Unterschied sei die Motivation der Regierung.

"Die Obama-Regierung wird von dem falschen Glauben angetrieben",

so Freese,

"dass die Biotechnologie notwendig ist, um die Welt zu ernähren."

Mit dieser Haltung verkauft neuerdings auch Monsanto-Chef Hugh Grant die Strategie seines Konzerns, der sich seit den 80er-Jahren exklusiv auf das wenig durchsichtige Geschäft mit Saatgut konzentriert.

"Unsere Vision besteht darin, die Erträge von Mais, Soja und Baumwolle bis 2030 zu verdoppeln und ein Drittel weniger Ressourcen zu verbrauchen."

Bill Freese sieht das Geschäftsmodell Monsantos kritisch:

"Nachdem sie einen Großteil der Saatguthersteller aufgekauft haben, konzentrierten sie sich darauf, patentiertes Saatgut zu entwickeln. Speziell solche, die den Einsatz von Chemikalien wie das Unkrautvernichtungsmittel Roundup erlauben, die Monsanto ebenfalls verkauft. Monsanto hält heute praktisch alle Lizenzen für gentechnisch veränderte Eigenschaften und kontrolliert 23 Prozent des Saatguts weltweit."

Mehr als die Hälfte der genetisch veränderten Pflanzen werden in den USA angebaut. Etwas mehr als ein weiteres Drittel der Gensaaten wird in Lateinamerika ausgebracht, während der Marktanteil in Asien bei nur neun Prozent und im Rest der Welt bei nur zwei Prozent liegt. Was erklärt, warum die USA vor allem Druck auf die Europäer ausüben, ihre Märkte zu öffnen. US-Experten Jeffrey Smith sieht das Versprechen Monsantos in höhere Erträge mit der gleichen Skepsis wie die Skeptiker in der EU:

"Die durchschnittlichen Ernten bringen keine größeren Erträge. Es führt zu einem größeren Einsatz von Chemikalien, verringert die Artenvielfalt und hilft nicht, die Welt gesund zu ernähren."

Tatsächlich stieg der Einsatz von Pestiziden in den USA zwischen 1996 und 2008 um rund 145.000 Tonnen. Ein lukratives Geschäftsmodell für den Weltmarktführer, der 2010 mit gentechnisch verändere Saaten, Lizenzen und Pestiziden weltweit rund 1,83 Milliarden US-Dollar Gewinn machte. Ob Monsanto & Co ihren Freifahrtschein bei genetisch veränderten Pflanzen behalten, dürfte sich mit der Entscheidung des Landwirtschaftsministeriums zum Anbau des Futtermittels Alfalfa zeigen. Sollte das Ministerium erstmals Regeln für den Umgang mit dem Saatgut erlassen, wäre dies eine Abkehr von der bisherigen Politik. Damit würden die USA näher an die europäische Praxis heranrücken.

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