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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Im Namen der Demokratie10.03.2008

Im Namen der Demokratie

Die CIA im Fadenkreuz

Helle Empörung bei US-Bürgerrechtlern und der demokratischen Opposition löste am vergangenen Samstag das Veto des scheidenden Präsidenten George W. Bush gegen ein vom US-Kongress verabschiedetes Anti-Folter-Gesetz aus. Bush behauptet - und ist sich darin mit dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten McCain einig - dass das Gesetz der CIA die Hände im Kampf gegen "abgehärtete Terroristen" binden und alle alternativen Methoden ausschließen würde, die die USA im Kampf gegen die gefährlichsten und gewalttätigsten Terroristen in der Welt entwickelt hätten. Um was für "alternative Methoden" es hier geht, offenbart der Bremer Journalist Egmont R. Koch in seinem gerade bei Aufbau erschienenen Buch über die Geschichte der Folter- und Verhörpraktiken der CIA. "Die ganze Geschichte der CIA" erzählen will hingegen der "New York-Times"-Journalist Tim Weiner, der nach eigenem Bekunden in 20-jähriger Arbeit über 50000 Dokumente des Geheimdienstes ausgewertet und mit mehr als 300 Experten und Zeitzeugen gesprochen hat. Für ihn ist die Historie des US-Geheimdienstes eine einzige Abfolge von Pleiten, Pech und Pannen. Christian Blees stellt Ihnen beide Bücher vor.

Redakteur am Mikrofon: Marcus Heumann

Tim Weiner, Journalist der New York Times, erhielt zweimal den Pulitzerpreis und den National Book Award für "CIA - die ganze Geschichte". (AP Archiv)
Tim Weiner, Journalist der New York Times, erhielt zweimal den Pulitzerpreis und den National Book Award für "CIA - die ganze Geschichte". (AP Archiv)

Tim Weiner: "Im Zweiten Weltkrieg wussten wir, was unsere Mission war: die gottverdammten Nazis zu schlagen. Im Kalten Krieg wussten wir, was unsere Mission war: die gottverdammten Kommunisten zu schlagen. Und was ist heute die Mission? Sagen Sie es mir!"

Die Sätze, mit denen Tim Weiner eine besonders kritische Phase der CIA-Geschichte beschreibt, beziehen sich auf die Jahre nach dem Fall der Mauer. Durch den allmählichen Zusammenbruch des Kommunismus steht der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst plötzlich ohne konkretes Feindbild da. Es ist nicht das erste Mal, dass die CIA im Laufe ihrer Geschichte unter einer gewissen Hilflosigkeit leidet. Tim Weiner glaubt, dass sich dieses Symptom schon bei der Gründung der CIA im Juli 1947 zum ersten Mal bemerkbar macht.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges hatten die Vereinigten Staaten überhaupt keine nennenswerte Auslandsaufklärung und wenige Wochen nach Kriegsende immer noch so gut wie keine. Nie besaßen sie ein koordiniertes System der Informationsgewinnung. Als ein solches System war die CIA gedacht. Aber der Entwurf dieses Nachrichtendienstes blieb eine eilig hingeworfene Skizze. Er war außerstande, dem chronischen Schwachpunkt der USA abzuhelfen: Geheimhalten und Täuschen, das gehörte nicht gerade zu unseren Stärken. Nach dem Zusammenbruch des Britischen Weltreiches waren die Vereinigten Staaten die einzige Macht, die sich dem Sowjetkommunismus entgegenstellen konnte, und deshalb musste Amerika seine Feinde unbedingt kennen lernen, es musste den Präsidenten in Stand setzen, Vorsorge zu treffen, es musste Feuer mit Feuer bekämpfen, wenn es um das Zünden der Lunte ging. Die Hauptmission der CIA bestand darin, den Präsidenten vor einem Überraschungsangriff, einem zweiten Pearl Harbor, zu warnen.

Die CIA handelt vom Start weg nach dem Motto: Learning by doing. Misserfolge bei der eigenen Aufklärungsarbeit nimmt sie notgedrungen in Kauf. Um das eigene Image aber nicht von Anfang an zu stark zu beschädigen, erfährt der jeweils amtierende Präsident nicht immer die Wahrheit. Dabei zeigen die von Weiner gesichteten Dokumente, dass einzelne Pannen keineswegs immer nur alleine auf das Konto des Geheimdienstes gehen.

"Die eigentliche Rolle der CIA besteht darin, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen. Allerdings braucht man dazu zwei Leute: denjenigen, der spricht, und denjenigen, der zuhört. Die CIA-Direktoren waren nicht immer im Besitz der Fakten. Das ist ein Problem. Das zweite - und eher noch größere - Problem ist: Wenn die CIA im Besitz der Fakten war, dann wollten die Präsidenten nicht immer zuhören. Sie wollen einfach nicht zuhören, wenn die Fakten ihren eigenen Einstellungen oder Plänen widersprechen. So kommt es, dass mehr oder weniger jeder einzelne Präsident ein angespanntes und schwieriges Verhältnis zur CIA hatte."

Tim Weiner ordnet die einzelnen Phasen der CIA-Geschichte den verschiedenen Präsidenten der USA zu. Dadurch ist es für den Leser leicht möglich, Vergleiche anzustellen, was das Verhältnis der einzelnen Regierungschefs zu ihrem Geheimdienst anbelangt. Das Ergebnis fällt ernüchternd aus: Kaum ein Präsident schafft es, mit der Behörde auf Dauer vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Zu groß ist in der Regel das gegenseitige Misstrauen, zu mangelhaft die Kommunikation zwischen Geheimdienst und Regierung, als dass die CIA ihrer eigentlichen Aufgabe adäquat nachkommen könnte: zuverlässige Informationen über zukünftige politische Entwicklungen im Ausland zu beschaffen. Besonders schlimm wird es, als George W. Bush im Januar 2001 das Amt des US-Präsidenten übernimmt. Bush, so Weiner, lässt die CIA konsequent Folter und Menschenrechtsverletzungen begehen. Dadurch wird das Ansehen der Vereinigten Staaten in der Welt nachhaltig beschädigt.

"Die eigentliche Aufgabe der CIA ist es, fremde Agenten zu rekrutieren, die bereit sind, ihr Land zu betrügen und für die USA zu spionieren. Es wird aber immer schwieriger, unter Islamisten weltweit Spione zu finden, weil das öffentliche Bild der USA inzwischen durch Folter und Menschenrechtsmissbrauch geprägt ist. Viel schwieriger, als es zu Zeiten des Kalten Krieges war, Spione zu gewinnen - zu einer Zeit, als das Bild der USA noch mit Begriffen wie Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit in Zusammenhang gebracht wurde."

Mit den von Weiner erwähnten Folter- und Verhörmethoden beschäftigt sich ausführlich ein anderes Buch mit dem Titel "Die CIA-Lüge". Darin hat der Bremer Journalist Egmont R. Koch auf gut 200 Seiten eine schockierende Chronik verheerender Menschenrechtsverletzungen zusammengetragen, die Weiners historische Abhandlung eindrucksvoll ergänzt. Besonders pikant: Koch weist anhand umfangreicher Quellenstudien detailliert nach, dass einige der Foltermethoden, die die CIA heutzutage unter anderem im Kampf gegen das Terrornetzwerk von El Kaida anwendet, einst von Gestapo und SS entwickelt worden sind. Auch kannte die CIA nach Ende des Zweiten Weltkriegs offenbar keinerlei Skrupel, ehemalige nationalsozialistische Wissenschaftler und KZ-Ärzte als Mitarbeiter für eigene Experimente mit Wahrheitsdrogen und Rauschgiften zu gewinnen. Im Kampf gegen den weltweiten Kommunismus, so Kochs Fazit, war dem Geheimdienst jede noch so fragwürdige Unterstützung willkommen. Dabei wussten die Amerikaner schon Jahre, bevor die CIA gegründet wurde, dass man Menschen nicht foltern muss, um ihnen wichtige Informationen zu entlocken. Als Beispiel nennt Koch ein Verhörlager, in dem das US-Außenministerium Anfang der vierziger Jahre deutsche Kriegsgefangene internierte. Anstatt auf Gewalt setzten die Verhörspezialisten des Pentagon auf eine Philosophie, die sie "die Kunst der Befragung" nannten - basierend auf der Lehre ihres Vorgesetzten, Sanford Griffith. Koch schreibt:

Drei Prinzipien standen für Griffith im Mittelpunkt: Beherrschung der deutschen Sprache und umfangreiches Wissen über den kulturellen, politischen und religiösen Hintergrund der Inhaftierten, Herstellung eines Kontakts und Entwicklung einer Art von Vertrauensverhältnis, Planung einer individuellen Befragungsstrategie, die zu den erhofften Informationen führen soll. Entscheidend sei in der Regel das erste Zusammentreffen mit dem Inhaftierten, erklärte Griffith seinen Schülern immer wieder. Dafür müsse man vorher genau untersucht haben, welche Attitüde bei welchem Gefangenen den größten Erfolg verspreche: die des Siegers gegenüber dem Verlierer, die eines Inquisitors gegenüber dem Opfer, die des Soldaten gegenüber dem Kameraden von der anderen Seite oder die des Freundes gegenüber dem Freund.

Ergänzt wurde die "Kunst der Befragung" aus Kriegszeiten durch den zweiten Eckpfeiler des Verhör-Konzepts: die akustische Überwachung der Gefangenen rund um die Uhr. Weil diese nicht in Einzelzellen, sondern in Gruppenräumen untergebracht waren und ihnen sogar der Zugang zu ausgewählten Medien gestattet war, brauchten die Aufpasser meist nur sorgfältig zuzuhören. Sämtliche Aufenthalts-, Wasch-, Ess- und Schlafräume waren verwanzt. Die aus den Interviews und den belauschten Privatgesprächen gewonnenen Erkenntnisse trugen laut Koch wesentlich dazu bei, Hitlers Truppen auf den europäischen Kriegsschauplätzen zurückzudrängen und am Ende zu besiegen. Bleibt die Frage, warum die CIA angesichts derart positiver historischer Beispiele heutzutage vor allem auf die harte Tour setzt. Egmont R. Koch glaubt, die Antwort zu kennen.

Es ging ihnen wohl auch um Rache. High noon. Sie oder wir. Mit seiner Anweisung, die Samthandschuhe auszuziehen, hatte Präsident Bush gleich nach den Terroranschlägen von New York und Washington die Marschrichtung vorgegeben: Quält, demütigt und schändet sie! Prügelt die Wahrheit aus ihnen heraus! Wäre es wirklich nur darum gegangen, Informationen zu gewinnen, um El Kaida zu bekämpfen, Osama bin Laden und dessen Führungsclique hinter Gitter zu bringen, vor allem aber die Sicherheit vor neuen Anschlägen zu erhöhen, hätte der kunstfertige Einsatz von Glacé wahrscheinlich weitaus bessere Ergebnisse gezeitigt.

Egmont R. Kochs Buch über die CIA-Verhörmethoden liest sich - bei aller Grausamkeit des Geschilderten - ähnlich flüssig wie Tim Weiners unterhaltsame CIA-Geschichte. Dabei überzeugt Kochs Buch durch einen klaren, journalistischen Schreibstil. Tim Weiners Darstellung wiederum besticht zunächst durch eine Vielzahl - manchmal ins Absurde abdriftender - Anekdoten. Allerdings liegt genau darin auch eine gewisse Schwäche von Weiners Buch. Der Journalist bemüht sich etwas zu oft darum, so zu tun, als sei er bei vielen entscheidenden CIA-Sitzungen persönlich dabei gewesen. Dies wirkt auf Dauer nicht nur störend, sondern lässt ab und zu auch Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Dargestellten aufkommen. Und das ist angesichts der fraglos beeindruckenden Rechercheleistung etwas bedauerlich.

Christian Blees über Tim Weiner: CIA - die ganze Geschichte. Aus dem Amerikanischen von Monika Noll, Elke Enderwitz, Ulrich Enderwitz und Rolf Schubert. 864 Seiten stark und im S. Fischer Verlag Frankfurt/Main zum Preis von 22 Euro und 90 Cent erschienen. Der zweite rezensierte Band kommt aus dem Berliner Aufbau Verlag: Egmont R. Koch: Die CIA-Lüge. Folter im Namen der Demokratie. 224 Seiten für 19 Euro und 95 Cent.

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