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StartseiteBüchermarktIm Schatten des Terrors25.09.2008

Im Schatten des Terrors

Daniel Alarcón: "Lost City Radio", Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2008, 315 Seiten

Autoritarismus, Repression und Bürgerkrieg schildert der peruanische Schriftsteller Daniel Alarcón in seinem Roman "Lost City Radio". Glaubhaft schildert er den allgegenwärtigen Horror eines totalitären Systems, das den Menschen zum Opfer macht, ihn aber auch fast zwangsläufig dazu bringt, Schuld auf sich zu laden: ob als Mitläuferin, als Spitzel oder als Rebell, dessen Rache auch Unschuldige trifft.

Von Eva Karnofsky

Den Terror eines totalitären Regimes schildert der Schriftsteller Daniel Alarcón. (AP)
Den Terror eines totalitären Regimes schildert der Schriftsteller Daniel Alarcón. (AP)

Als in Peru das Militär regierte, war Daniel Alarcón noch nicht geboren. Während der Leuchtende Pfad das Land in den Achtzigerjahren in Angst und Schrecken versetzte und der Staat seinerseits nicht minder blutig gegen die Terrorgruppe vorging, lebte er, ein Kleinkind noch, bereits in den USA. Nicht eigene Erfahrungen aus jener Zeit sind der Stoff von Lost City Radio, vielmehr setzt Alarcón um, was er gehört und vor allem erfühlt hat, als er 1999 zum ersten Mal für eine Weile in Peru arbeitete. Aus Gesprächen mit Opfern von Terror und Unterdrückung hat er die damals allgegenwärtige düstere Stimmung, die Anspannung und die Furcht herausgefiltert und zu einem Roman verdichtet, dessen Atmosphäre George Orwells 1984 nahe kommt.

Für Lost City Radio hat Alarcón zudem Repressionsmechanismen von Diktaturen zusammengetragen und - wie Orwell - einen imaginären, totalitären Spitzelstaat kreiert, der allerdings nicht, wie 1984, erst in der Zukunft angesiedelt ist. Die herrschenden Militärs sind omnipräsent. Mit dem Ziel, jeglichen Widerstand zu brechen, nehmen sie den Bürgern den Rückhalt in Kultur und Traditionen. So haben sie, wie Spaniens Diktator Franco in Katalonien und im Baskenland, die regionale Sprache der Urwaldbewohner verboten. Und wie die spanischen Kolonialherren vielen lateinamerikanischen Orten als Zeichen ihrer Macht einst neue Namen aufoktroyierten, haben die Militärs in Alarcóns fiktivem Staat die Ortsnamen durch Nummern ersetzt.

Viele Menschen verschwinden jahrelang auf dem Mond, so der Name eines gefürchteten Gefängnisses. Dort wird gefoltert und meist ermordet, wer unter Verdacht steht, mit der Rebellenbewegung IL zu sympathisieren.

"In der Stadt bezahlte man eine Armee von Obdachlosen dafür, den Hausmüll verdächtiger Männer und Frauen zu durchforsten. Diese Tätigkeit hatte zu einer überraschend hohen Zahl von Verhaftungen geführt. Nachbarn wurden ermuntert, einander anzuschwärzen, und danach wurde diskret Bargeld an diejenigen verteilt, die nützliche Informationen lieferten. Auch außerhalb der Stadt gab es Fortschritte. In fast jeder Provinzhauptstadt, sogar in einigen abgelegenen Dörfern, standen Leute auf dem Posten: Leute, die für vergleichbar wenig Geld ein Auge auf die Durchreisenden warfen."

Alle Radiosender sind geschlossen, bis auf einen, und der wird zensiert. Jeden Sonntagabend geht dort Norma auf Sendung, die Frau mit der Honigstimme, die im ganzen Land geliebt wird. In Normas Programm mit dem Titel Lost City Radio dürfen die Bürger nach Menschen suchen, die vermisst werden. Doch auch Lost City Radio ist nur eine Show, die Freiheit vorgaukeln soll, und Normas Chef blendet Werbung ein, sobald ein Anrufer jemanden sucht, den das Regime hat verschwinden lassen.

Norma hofft, dass sich Rey, ihr verschollener Ehemann, irgendwann in ihrer Sendung meldet. Er war Wissenschaftler und wiederholt für seine biologischen Forschungen in den Urwald aufgebrochen. Von seiner letzten Reise kehrte er nicht mehr heim.

Eines Tages erscheint Victor im Sender. Die Bewohner seines Urwalddorfes haben den elfjährigen Waisen ausgewählt, um Norma die Liste der Menschen zu überbringen, die das Dorf 1797 freiwillig oder unfreiwillig verlassen haben und zu denen man den Kontakt verloren hat. Manau, sein Lehrer, hat den Jungen im Sender abgeliefert und gleich darauf das Weite gesucht. Normas Chef plant, Victor eine ganze Sendung zu widmen, in der er seine Namensliste vorlesen soll, denn Kinder kommen beim Publikum besonders gut an. Die Liste muss natürlich zuvor von den Namen derer gesäubert werden, die das Regime auf dem Gewissen hat.

Norma nimmt zwar Victor zu sich, begibt sich aber gleich auf die Suche nach Manau, damit er sich wieder um den Jungen kümmert. Kraftlos und einsam seit dem Verschwinden ihres Mannes, fühlt sie sich mit der Rolle der Trösterin eines Waisen überfordert. Der verschüchterte Victor wird jede Nacht von Alpträumen heimgesucht. Auch Norma träumt: von ihrem Leben an der Seite von Rey.

"Zehn Jahre existierte er nun schon in der Erinnerung, in diesem Schattenreich zwischen Leben und Tod - ekelhaft und sadistisch als vermisst bezeichnet-, und sie lebte mit seinem Gespenst, macht weiter, als wäre alles normal, als wäre er nur lange im Urlaub, nicht etwa verschwunden und wahrscheinlich tot."

Der Erzähler wechselt immer wieder die Szene und die zeitliche Ebene. Er pendelt zwischen Normas Träumen und Reys Geschichte, zwischen Normas Alltag in der Hauptstadt und Manaus Leben als Lehrer im Urwalddorf 1797. Nach und nach offenbaren sich Manau die schrecklichen Ereignisse, die sich dort seit Beginn des Bürgerkriege zugetragen haben: Überfälle von Armee und Rebellen, Zwangsrekrutierungen und Entführungen, Verrat und Rache. Auch Viktor geriet bereits als Vierjähriger zwischen die Mühlsteine des Krieges.

Gen Ende fügen sich die verschiedenen Erzählstränge, die zunächst unabhängig voneinander scheinen, wie Mosaiksteine zu einem Bild zusammen. Und Norma überwindet die Starre, die sie seit dem Verschwinden ihres Mannes lähmte.

Lost City Radio beschreibt glaubhaft Liebe, Hass, Trauer und Angst, obwohl Alarcóns Sprache kühl, direkt und hart ist und in kurzen Sätzen daherkommt. Das unterscheidet den Autor von vielen seiner lateinamerikanischen Kollegen, die sich meist blumiger und metaphernreicher ausdrücken, denn im Süden des amerikanischen Kontinents ist es üblich, sich den Dingen vorsichtiger, mit mehr Umschweifen zu nähern als im Norden, wo Alarcón aufgewachsen ist.

Daniel Alarcón hat einen Roman über ein Terrorregime vorgelegt, der überall auf der Welt spielen könnte. Mehr noch als die gut erfundene Geschichte bewegt, ja deprimiert der allgegenwärtige Horror, der Horror eines totalitären Systems, das den Menschen zum Opfer macht, ihn aber auch fast zwangsläufig dazu bringt, Schuld auf sich zu laden, ganz gleich, ob als Mitläuferin wie Norma, als Spitzel oder als Rebell, dessen Rache immer auch Unschuldige trifft.

Daniel Alarcón: Lost City Radio
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Friederike Meltendorf
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2008, 315 Seiten, 22,90 Euro

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