• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 01:10 Uhr Hintergrund
StartseiteLange NachtIm Tierpark belauscht08.01.2011

Im Tierpark belauscht

Die Lange Nacht über den Zoodirektor Heinrich Dathe

Dieser Professor genoss Kultstatus in der DDR: Professor Dr. Dr. Dathe. Wenn Curt Heinrich Dathe samstags im Fernsehen und sonntags im Radio im schönsten Sächsisch von "Gagadus und Gamelen" berichtete, dann schauten und hörten ihm Millionen zu.

Von Jens Rübsam und Holger Zimmer

Niemand konnte so schön von "Gagadus, Gamelen und Beliganen" berichten wie der gebürtige Sachse Curt Dathe. (AP Archiv)
Niemand konnte so schön von "Gagadus, Gamelen und Beliganen" berichten wie der gebürtige Sachse Curt Dathe. (AP Archiv)

Seine Sendungen "Tierpark-Teletreff" (TV) sowie "Im Tierpark belauscht" (Radio) gehörten zu den beliebtesten in der DDR. Dathe war der bekannteste Tierparkdirektor im Ostblock, geachtet und geschätzt auch im Westen. Hier nannte man ihn den "Grzimek der DDR".

Im August 1954 wurde Curt Heinrich Dathe eine "nationale Aufgabe" übertragen: der Aufbau eines neuen Tierparks im Ostteil Berlins - ein ehrgeiziges Projekt.

Die Stadt war, auch ohne Mauer, längst geteilt. Die DDR wollte Flagge zeigen: dem Westberliner Zoo, dem ältesten und bis dahin bedeutendsten Tiergarten Deutschlands, etwas entgegen setzen. Aus dem verwilderten Schlosspark Friedrichsfelde, 160 Hektar groß, wurde ein Stück Ideal-DDR, eine der schönsten Erholungs- und Bildungsstätten des Landes.

Geboren wurde Curt Heinrich Dathe 1910 im vogtländischen Reichenbach, am 6. Januar 1991 starb er in Berlin. Seinem Lebensmotto "Ich lebe, um zu arbeiten" blieb er bis zum Ende treu. Auch wenn Dathe ein Repräsentant der DDR war, ein Genosse war er nicht. Mit Politik wollte der vitale Professor nichts mehr zu tun haben.

Als Student der Zoologie war er 1932 in die NSDAP eingetreten - "mein größter Fehler" wie er später einmal sagte. Die "Lange Nacht" über Professor Dr. Dr. Heinrich Dathe von Jens Rübsam und Holger Zimmer.

Dathe und der Tierpark in Berlin

Dr. Bernhard Blaskiewitz, Direktor von Tierpark, Zoo und Zoo-Aquarium: "Am 7. November jährt sich der Geburtstag von Heinrich Dathe zum 100. Mal. Heinrich Dathe ist der Gründer des Tierparks Berlin, dem er 35 Jahre als Direktor vorstand. Er hat mit seinem Lebenswerk den größten Landschaftstiergarten Europas geschaffen und einen einzigartigen Tierbestand aufgebaut. Nicht zuletzt ist ihm die Bewahrung vom Schloss Friedrichsfelde zu verdanken. Seiner Ehren zu gedenken, ist allen Mitarbeitern und Freunden des Tierparks Berlin eine angenehme Pflicht. Heinrich Dathe ist eine der bedeutenden Persönlichkeiten Berlins des vergangenen Jahrhunderts."

Der Tierpark Berlin ist mit 160 Hektar der größte Landschaftstiergarten in Europa. In großen Freianlagen und Tierhäusern werden circa 8.000 Tiere in über 970 Arten präsentiert. Die Einmaligkeit verstärkt die historische Parkanlage vom Schloss Friedrichsfelde, die von Peter Joseph Lenné 1821 gestaltet wurde.

Ein Tier pro Sendung

"Unseren Hörern wieder einen schönen Gruss aus dem Tierpark in Friedrichsfelde. Guten Morgen. Guten Morgen, verehrte Hörer. Guten Morgen. Guten Morgen."

Die Sendung, die Woche für Woche mit diesen Worten begann, hatte Kultstatus in der DDR. Jeden Sonntag morgen um 8.35 Uhr bat Karin Rohn den Direktor des Ost-Berliner Tierparkes Friedrichsfelde, Professor Dr. Dr. Heinrich Dathe, zum Interview. "Im Tierpark belauscht" hieß die Sendung, die im Februar 1957 zum ersten Mal im Berliner Rundfunk ausgestrahlt wurde und die noch 1990 die Nummer eins auf der Beliebtheitsscala der ostdeutschen Rundfunkhörer war.

Wenn sich Radioreporterin Karin Rohn - Markenzeichen: tiefe Stimme und rrrrrollendes R - und der sächselnde Tierpark-Professor Heinrich Dathe zum sonntäglichen Frühstücks-Plausch trafen, dann versammelte sich die Republik vorm Rundfunkgerät.

"Heute melden wir uns aus dem Kolibri- und Krokodilhaus. Wir sind heute hier mal hergegangen, weil uns Hörer mit einigen Fragen bedacht haben, und wir wollen darauf Antwort geben. Es interessiert zum Beispiel: Wie ist das, wenn Krokodile transportiert werden? Wann werden Krokodile gefüttert? Wie ist das mit dem Saubermachen? Und dort, wo es sozusagen die Wiener Promenadenmischung gibt, vertragen die sich untereinander? Das ist eine gute Frage. Zunächst mal war ja das Schwierige des Transportes. Da hab ich mir einige Sorgen gemacht, denn das Krokodil hat ja nicht nur ein kräftiges Gebiss und kann furchtbar beißen sondern es hat auch einen starken Schwanz, mit dem es schlagen kann, wo es gefährliche Schläge austeilen kann, die jemanden das Kreuz brechen können, wenn die an die passende Stelle kommen. Ich habe als junge Assistent öfter mal ein mittelgroßes Krokodil vorführen müssen und ich musste ihm die Schnauze zu binden, da gibt es Fotos von, wo ich mich heute selber wunder, wie unvorsichtig ich mit der Hand am Maule rumgefummelt habe."

Karin Rohn:

"Er wollte, dass die Hörer Tierpark im Kopf haben, dass die Hörer wissen: Wir reden nicht über Gott und die Welt, sondern wir reden über ein Tier, und das stellen wir ausführlich und von allen Seiten vor, das Leben des Tieres, wie, wo, ist es ein Exot, ist es ein einheimisches Tier, egal. Er wollte ja die Breite, die hat er immer gesehen, von der Ameise bis zum Elefanten, ja. Ob Vögel, Säugetiere, Fische oder Reptilien, ob Einheimische, Exoten oder von sonst wo, das war egal. Aber immer ein Tier und ausführlich, damit der Hörer sich das vorstellen kann, wie lebt es, wo lebt es, ist es gefährlich, ist es nicht gefährlich, kann man es kaufen, in einer zoologischen Handlung, alles, er hat alle Seiten demonstriert."

15 Minuten dauerte das Tierpark-Zwiegespräch in den Anfangsjahren, später waren es nur noch zehn - der Beliebtheit der Sendung tat das keinen Abbruch. Professor Dathe war ein charmanter Plauderer. Niemand konnte so schön von "Gagadus, Gamelen und Beliganen" berichten wie der gebürtige Sachse, niemand so beschwingt den pädagogischen Zeigestock heben wie er, niemand so freundlich belehrend sein.

Karin Rohn:

"Vor allen Dingen war er daran interessiert, den Schülern, den Jugendlichen, den Kindern von kleinauf zu sagen: Wenn ihr ein Tier wollt, übernehmt ihr eine Verantwortung - und zwar was für eine. Meine Kinder haben gelernt. Meine Tochter, mein Sohn, so klein wie die waren - erst war Goldhamster, dann war Wellensittich, dann waren Fische - ich habe immer gesagt, das, was der Professor gesagt hat: Wenn Papa und ich das kaufen soll, dann habt ihr die Verantwortung jeden Tag dafür, dass Futter da ist, dass sauber gemacht wird, der Goldhamster muss sauber gemacht werden, die Fische müssen die Temperaturen, das alles. Es war sein Anliegen zu sagen: Über die Haltung, die Einstellung zum Tier auszuprägen, dass man Tiere und später, wenn man mehr Verstand hat, auch den Menschen so zu behandeln hat. Man kann nicht einfach ihn links liegen lassen oder arrogant werden oder sonst was. Man muss eine Einstellung zum Leben haben. Die Verantwortung für andere haben. Mitdenken, was in dieser Welt los ist. Das war seine Vorstellung."

Literaturtipps:

Jürgen Mladek
Professor Dathe und seine Tiere
Biografie.
2010, Das Neue Berlin

Lebenserinnerungen eines leidenschaftlichen Tiergärtners
von Heinrich Dathe
Überarb. Aufl.
2010, Lehmanns Media-LOB.de
Eine Wiederbegegnung mit Prof. Heinrich Dathe (1910-1991), dem Gründer und langjährigen Direktor des Berliner Tierparks, bieten im Jubiläumsjahr seines hundertsten Geburtstages diese neu aufgelegten Memoiren. Humorvoll, anschaulich und voller zeitgeschichtlicher Details erzählt Heinrich Dathe von Herkunft, Bildungsweg und persönlicher Entwicklung, die letztlich in seinem Kindheitswunsch gipfelten: einen Garten voller exotischer Tiere anzulegen.

Die Politik erreicht den Tierpark

Im Herbst erfüllte sich sein großer Traum. Jahrzehnte hatte er auf diesen Moment gewartet. Das neue Dickhäuterhaus war fertig. Doch an diesem 29. September 1989 nahm kaum jemand Notiz von der Einweihung. Im Land brodelt es. Im Tierpark tauchen Flugblätter der Aktion "Kirche von unten" auf. Zootierpfleger sammeln für politisch Inhaftierte in der DDR. Die Stasi zählt genau nach: "Es wurden 401 Mark gesammelt und in der Gethsemanekirche übergeben." Dann fällt die Mauer.

Irene Engelmann, seine Sekretärin

"Er war beunruhigt. Klar, jeder hat sich über den Mauerfall gefreut. Ah, jetzt wird vieles einfacher, sei es Tiertransport, sei es andere Dinge, irgendwas besuchen oder an einer Sache teilnehmen. Aber er war stark beunruhigt, weil er sagte: eine Stadt, zwei zoologische Gärten, oh je, was wird daraus?"

Unruhige Zeiten. In einer Nacht Anfang April 1990 starb Dombo, die beliebte Elefantenseniorin, die seit Eröffnung im Tierpark lebte. Über die Osterfeiertage blieben die Besucher aus. Die DDR-Bürger hatten jetzt andere Ziele. Im Juli gab's Westgeld. Der Direktor war auf der Suche nach neuen Konzepten, wollte "das Schiff wieder in ruhiges Fahrwasser bringen". Im November wurde Heinrich Dathe 80 Jahre alt.

Kündigung und Tod im Tierpark

Am Morgen dieses 7. November bringt eine Pferdekutsche den Direktor zum Büro. Die Blasmusik spielt. Stunden dauern die Gratulationen an.

Almut Fuchs:

"Ich weiß, dass zu seinem Geburtstag seine Freunde kamen, die mit ihm da direkter sprechen konnten und ihn auch angesprochen haben: Wie lange willst du denn noch machen und muss das denn sein , du könntest dich doch zurück ziehen. Aber er wollte das nicht, er brauchte das auch. Das ist sicher auch ein bisschen immer Anerkennung zu haben, im Mittelpunkt zu stehen - wenn das wegfällt, kann ich mir vorstellen, dass das für jemanden, der das ein Leben lang hat, dass das sehr sehr schwer sein kann."

Vier Wochen später, am 7. Dezember, wurde ihm die Kündigung per Boten zugestellt: "Sie haben noch Zeit bis zum Freitag, dem 14. Dezember, ihr Büro zu übergeben. Leider müssen wir sie auch anweisen, bis Ende des Monats ihre Dienstwohnung zu räumen, was hoffentlich kein Problem für sie sein wird."

Almut Fuchs:

"Und als er nun erfuhr, dass er nun innerhalb von zwei Wochen und auch noch zwei Wochen vor Weihnachten das Haus zu räumen hätte, das war für ihn so etwas Undenkbares, und ich finde auch Unmenschliches, was nicht nötig gewesen wäre. Das hat ihn so getroffen, dass er das nicht verkraften konnte."

Er musste seinen Tierpark nicht mehr verlassen. Am 6. Januar 1991 starb Heinrich Dathe.

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Dathe erhielt aus Anlass seines 100. Geburtstages am 7. November 2010 ein Ehrengrab des Bezirkes Lichtenberg von Berlin.

Mitten in Berlin präsentieren sich heute die beiden tierischen Oasen - der Tierpark und der Zoologische Garten mit dem Aquarium. Der Zoologische Garten Berlin, das Aquarium und der Tierpark Berlin haben es sich - als Hauptstadtzoo an verschiedenen Standorten - zur Aufgabe gemacht, Tierzucht, Tier- und Artenschutz sowie Forschung und Bildung zur Erhaltung der Artenvielfalt zu betreiben und zu fördern. Diese Arbeit zu unterstützen, ist die Hauptaufgabe der Fördergemeinschaft von Tierpark Berlin und Zoo Berlin e. V..

Filme über das Leben Heinrich Dathes

DVD "Heinrich Dathe"
Eine Produktion des rbb Fernsehen, 2010
rbb-Online-Shop

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Dathe ist einer der beliebtesten und bekanntesten Berliner. Sein Name ist bis heute eng verbunden mit dem Tierpark Berlin-Friedrichsfelde.

Heinrich Dathe wurde am 07.11.1910 im Vogtland geboren und entdeckte schon als 14-Jähriger sein Interesse für die Natur. Ab 1930 studierte er in Leipzig Zoologie, Botanik und Geologie. Nach langjähriger Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Leipziger Zoo beginnt er 1954 mit dem Aufbau des 160 Hektar großen weitläufigen Tierparks in Berlin. 35 Jahre lang leitet Heinrich Dathe als Direktor den Tierpark und erzielt beachtliche, tiergärtnerische Erfolge. Für sein "Paradies der Tiere" erhält er große Anerkennung, auch weit über die Grenzen der damaligen DDR hinaus. In dieser Zeit war er ein bekannter und beliebter Medienstar: Jeden Sonntagmorgen hieß es im Berliner Rundfunk "Im Tierpark belauscht", und auch im DDR-Fernsehen erreichte Heinrich Dathe mit seiner Sendung "Tierpark-Teletreff" Kultstatus.

Dieser Film zeigt die Lebensgeschichte eines erfolgreichen, ehrgeizigen Mannes, der seine Lebensaufgabe im Aufbau des größten Landschaftstiergartens Europas - dem Tierpark Berlin-Friedrichsfelde fand.

Mit umfangreichem Bonusmaterial, Ausschnitte aus:
• "Tierpark-Teletreff" vom 10.03.1973, 20.04.1974, 15.06.1985, 06.07.1985
• "Willkommen im Tierpark Berlin" vom 19.12.1970
• "Tierparkbummel – Einmal anders" vom 02.07.1985

"Ost-Legenden"
Curt Heinrich Dathe
Film von Jens Rübsam und Dagmar Wittmers
Dokumentation auf rbb online

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk