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In der Schwebe

Jan Seghers: "Ein allzu schönes Mädchen"

<em> Der Krimi hat ja relativ wenige Möglichkeiten, weil er immer das gleiche Grundschema variieren muss. Also es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Motiven, von Fällen, von Taten und Tätertypen und da wird eben immer wieder ermittelt und versucht, ein Verbrechen aufzuklären. Und was den Krimi ausmacht, ist meines Erachtens das ganze Drumherum, was an gesellschaftlicher Realität reingespült wird, wo der Fall als Katalysator dient, um das zu erzählen. </em>

Von Detlef Grumbach

Jan Seghers: "Ein allzu schönes Mädchen", Coverausschnitt (Wunderlich Verlag)
Jan Seghers: "Ein allzu schönes Mädchen", Coverausschnitt (Wunderlich Verlag)

Matthias Altenburg, der vor gut zehn Jahren mit provokanten Thesen zur deutschen Gegenwartsliteratur Aufsehen erregte und entgegen einer von ihm diagnostizierten belanglose Egozentrik ein welthaltiges Erzählen forderte, wechselt das Fach und, fast so, als wolle er sich nicht an seinen Thesen in der literarischen Debatte messen lassen, auch den Namen. Nach seinen ehrgeizigen, sehr unterschiedlich angelegten Romanen Die Liebe der Menschenfresser, Die Toten von Laroque und Landschaft mit Wölfen vollzieht der 1958 geborene Altenburg einen Bruch und legt – nach siebenjähriger Pause – einen dickleibigen Kriminalroman vor: Ein allzu schönes Mädchen. Der Krimi erscheint unter dem Pseudonym Jan Seghers

Das lag tatsächlich daran, dass es die Form des Krimis ist und ich habe gar nicht überlegt, ob ich ein Pseudonym nehmen werde oder nicht, sondern ich musste es ganz einfach tun. Es war für mich ganz selbstverständlich und ich hätte das Buch gar nicht schreiben können, wenn ich nicht sozusagen die Klamotten gewechselt hätte. Das war, als wenn ich mir bequemere Kleidung für die Gartenarbeit anziehe und ich habe mich dann während des Schreibens mit dem Pseudonym so wohl gefühlt, dass es auch bald zu dem Buch einfach dazu gehörte und ich wollte ja explizit nicht das Schreiben, was man einen literarischen Krimi nennt, der also die Virtuosität des Autors zeigt, sondern es ging mir darum, einfach einen handwerklich gut gemachten, spannenden Kriminalroman zu schreiben.

Bei einem Autounfall in den Vogesen kommt beinahe eine ganze Familie zu Tode. Nur die sechzehnjährige Tochter scheint überlebt zu haben, bleibt jedoch spurlos verschwunden. Von diesem Ausgangspunkt entfaltet Altenburg seinen Plot. Er erzählt von Manon, diesem Mädchen, das völlig verstört und ohne Erinnerung in einem französischen Dorf auftaucht und sich dort bei einer einsamen Witwe einnistet. Manon kennt kein Gefühl, keine Liebe, keine Sehnsucht, keine Trauer. Sie zieht durch ihre leichte Entrücktheit und ihre Schönheit, der sie sich überhaupt nicht bewusst ist, andere Menschen in ihren Bann, weckt echte Gefühle und oberflächliches Begehren. Über ein Jahr lebt sie dort, bis die Witwe stirbt und sie das Dorf Richtung Deutschland verlässt. In Frankfurt angekommen, ist ihr Weg mit Leichen gepflastert: Ein Fall für Kommissar Robert Marthaler. Marthaler war eigentlich Germanist, hat seine Frau bei einem Verbrechen verloren und ist deshalb – ein Mensch, der stark durch seine Gefühle, eine übermächtige Liebe und Trauer bestimmt ist – Polizist geworden. Auch er scheint ein bisschen verloren in der Welt:

Ich glaube, Manon ist ja so ein bisschen ein Wolfskind, so eine romantische Kaspar-Hauser-Figur und Marthaler ist ein relativ durchschnittlicher, wie es alle Kommissare sein müssen, Großstadtbewohner, der mit seinem Liebesleben kämpft, mit seiner Sehnsucht, mit seiner Vergangenheit zu kämpfen hat. Und Manon hingegen ist sehr indifferent. Und solche indifferenten Kinder- oder Jugendfiguren haben mich eigentlich schon immer interessiert. Und sie dann zusammenprallen zu lassen mit einer sehr durchschnittlichen Figur wie Marthaler eine ist als Kommissar, das schien mir einen großen Reiz zu haben und eine große Reibungsfläche zu bieten. Und sie geistert so ein wenig wie ein schwarzer Engel durch das Buch und durch die Welt und zieht tatsächlich das Unglück an und verbreitet Unglück und ist ja trotzdem am Ende auch ganz liebenswert. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich sie am Ende nicht hab in den Häcksler schicken wollen, wie man das manchmal mit den Bösewichtern gerne tun würde.

Nach Frankfurt gelangt sie als Tramperin – und nach und nach sterben die drei jungen Männer, die sie mitgenommen haben, grausame Tode. Rächt sich das Mädchen für ein anderes Verbrechen, das an ihr begangen wurde? Und warum muss ein Journalist aus Hamburg sterben, der dem Mädchen zufällig in einem Freibad begegnet? Wir wollen hier keine sachdienlichen Hinweise geben, können aber versprechen, dass dieser Krimi Hochspannung von Anfang bis Ende bietet. Und nicht nur dass: Es fällt auf, wie viel Zeit der Autor sich nimmt, wie viel Zeit, vergnüglich und hellwach verbrachte Zeit, er dem Leser schenkt. Jede Figur findet sein Interesse.

Nicht nur die Hauptfiguren bekommen eine individuelle Geschichte. Da ist beispielsweise der Nachtsteward eines Hotels, der morgens auf dem Heimweg eine Leiche findet und selbst unter Verdacht gerät, oder ein alter Wachmann, der einen Einbruch bemerkt und diesem gegen seine Berufsehre nicht nachgeht. Da ist ein Kriminaltechniker, der die Katzen seiner verstorbenen Eltern mit großer Hingabe und unter dem Spott von Kollegen im Polizeipräsidium betreut, weil seine Frau zu Hause eine Allergie hat, oder Marthalers Sekretärin, die sich Sorgen um ihr Enkelkind macht, weil nicht ganz klar ist, ob der Ehemann der Tochter auch der Vater ist.

Normale Menschen in normalen Situationen. Sie bewegen sich auf ganz individuelle Weise, funktionieren oder brechen aus der Routine aus – nicht zufällig oder spekulativ wie sonst so oft, sondern nachvollziehbar aus einer sozialen Situation, aus einer Gemütslage, aus einem alltäglichen Ablauf. Auf einen Nenner lassen sich diese Geschichten nicht bringen, doch sie umkreisen das zentrale Thema Marthalers und Manons: die Liebe in Zeiten der – ja, was für Zeiten? In den Milieus einer deutschen Großstadt verwurzelt lotet Altenburg aus, woran eine Liebe scheitert, was sie gefährdet oder unmöglich macht, wie sie sogar zum Verbrechen treibt oder – auch gibt es – glückt. "Man ging miteinander aus, man schlief miteinander, nur miteinander leben, das wollte oder konnte man nicht", philosophiert Marthaler ganz anders als der kalte und distanzierte Protagonist in Altenburgs letzten Roman: "Und doch war es das, was anscheinend allen fehlte."

Ich glaube, das hat tatsächlich etwas mit der Entwicklung der politischen Verhältnisse zu tun, dass unsere Art zu wirtschaften, unsere Art Gesellschaft zu gestalten einfach überhaupt keine Alternativen, keine greifbaren Alternativen mehr hat und das deshalb die Moral in unserer Gesellschaft völlig zuschanden gekommen ist. Und das provoziert bei mir als Autor vermutlich einen wachsenden Moralismus. Deswegen interessieren mich amoralische Figuren zunehmend weniger, aber moralische Figuren zunehmend mehr. Also Anstand ist für mich im Laufe der letzten Jahre zu einem Hauptwort geworden.

Mit Anstand – so könnte man sagen – führt der Autor seine Leser in die Irre. Bis zuletzt bleibt die Lösung des Falls in der Schwebe. Ein großartiges Buch, ein Stück gute Unterhaltungsliteratur, das vieles von dem einlöst, was Altenburg der jungen deutschen Literatur vor zehn Jahren so lautstark abverlangt hat. Beinahe könnte man erleichtert sein, weil hier ein Autor, der einen sehr ernsthaften Weg eingeschlagen hat, mit derselben Ernsthaftigkeit die Schranke zwischen "E" und "U", zwischen Ernst und Unterhaltung niedergerissen hat. Ganz so weit aber will Matthias Altenburg, der als Jan Seghers bestimmt nicht den letzten Kriminalroman geschrieben hat, dann aber doch nicht gegangen sein.

Für mich ist ein Kriminalroman etwas anderes als avancierte Literatur, die die Gattung immer fortschreiben muss. Ein Kriminalroman ist Genre und gehorcht ganz eigenen Gesetzen und ich hätte schon längst einen geschrieben, auch vor zehn oder 15 Jahren, wenn ich gewusst hätte, wie es geht. Und dass ich dann irgendwann wusste, wie es geht, lag tatsächlich sehr stark an den Krimis von Henning Mankell. Das war wie ein Katalysator, da habe ich gemerkt, jetzt kann man endlich europäische Krimis schreiben, die einen ganz eigenen Charakter haben, ohne die Amerikaner zu kopieren, die eigentlich lieber lese. Mankell war der erste, wo ich gedacht habe, so geht’s wirklich, so kann man’s machen. Also das war dann ganz schamlos ein Vorbild. Ich glaube auch, dass die große zeit des Krimis noch bevorsteht, dass der ganz große Boom eigentlich noch kommen wird, weil der Krimi die Möglichkeit bietet, den Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts wieder aufleben zu lassen. Er ist die Form, in der das noch mal geht, in der wir unserer Welt gewahr werden können.

Jan Seghers
Ein allzu schönes Mädchen
Wunderlich, 480 S., EUR 19,90

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