Montag, 11.12.2017
StartseiteCampus & Karriere"Besonders Praxiserfahrungen sind relevant"07.12.2017

Internationale Studenten in Deutschland "Besonders Praxiserfahrungen sind relevant"

Ausländische Studierende, die nach ihrem Abschluss in Deutschland arbeiten möchten, scheitern oft am Einstieg in den Arbeitsmarkt, so eine Studie. Für sie müssten Pflichtpraktika eingeführt werden, empfiehlt die Verfasserin der Studie, Mohini Lokhande, im Dlf. Auch Kenntnisse über das Schreiben von Lebensläufen und Bewerbungen seien hilfreich.

Mohini Lokhande im Gespräch mit Markus Dichmann

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Internationale Austauschstudenten nehmen an einer Vorlesung an der Handelshochschule Leipzig (HHL) teil (picture alliance / ZB / Jan Woitas)
Bei einer Vorlesung an der Handelshochschule Leipzig sitzen viele Asiaten unter den Zuhörern (picture alliance / ZB / Jan Woitas)
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Markus Dichmann: Ein Problem, dessen sich die Kultusministerkonferenz, über die wir hier eben berichtet haben, im neuen Jahr unter neuem Vorsitz mal annehmen könnte, ist die Lage ausländischer Studierender in Deutschland, denn, erstens, haben wir Anfang der Woche erfahren, dass es zum Beispiel in Baden-Württemberg schlichtweg weniger werden, wobei viele als Grund hierfür annehmen, dass Baden-Württemberg Studiengebühren für ausländische Studierende eingeführt hat, worüber auch andere Bundesländer wie zum Beispiel Nordrhein-Westfalen beraten, aber, zweitens, gelingt denjenigen, die nach Deutschland kommen für ein Studium, der anschließende Berufseinstieg mehr schlecht als recht. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, verfasst von der Psychologin Mohini Lokhande. Ich grüße Sie!

Mohini Lokhande: Guten Tag!

Dichmann: 70 Prozent der ausländischen Studierenden, Frau Lokhande, wollen anschließend in Deutschland arbeiten, ja, aber nur 40 Prozent tun es dann am Ende. Woran liegt das?

Lokhande: Die in der Studie, die vom Stifterverband gefördert wurde, haben wir mehr als 400 internationale Studierende zweimal befragt – einmal in der Endphase des Studiums und einmal nach dem Übergang in den Arbeitsmarkt. Erstens hat sich gezeigt, dass die, die sich frühzeitig entscheiden im Studium, in Deutschland zu bleiben, tatsächlich auch eher bleiben; zweitens zeigt sich, dass es bestimmte Erfahrungen und Fähigkeiten im Studium braucht, damit der Berufseinstieg gelingt. Dabei sind insbesondere Praxiserfahrungen relevant, also Studierende, die während ihres Studiums ein Praktikum in Deutschland in einem Unternehmen gemacht haben, ihre Abschlussarbeit hier geschrieben haben, oder aber eine Nebentätigkeit in einem Unternehmen oder Betrieb ausgeübt haben, die mit ihrem Studium zusammenhängt, die schaffen es eher, den Berufseinstieg in Deutschland zu schaffen im Gegensatz zu ihren Kommilitonen. Darüber hinaus ist es sehr hilfreich, wenn sie einfach auch wissen, wie schreibt man einen Lebenslauf, wie führe ich ein Bewerbungsgespräch, welche Arbeitgeber gibt es denn überhaupt in Deutschland, die für mich relevant sind.

"Dafür sorgen, dass sich Ausbildungskosten rentieren"

Dichmann: Und die, die zurückgehen, was fehlt denen oder was hat ihnen in Deutschland gefehlt, dass sie sich entscheiden, wieder zu gehen?

Lokhande: Es gibt zwei Gruppen von Hochschulabgängern, die Deutschland wieder verlassen. Die eine Gruppe sind Leute, die gern zurück in ihre Herkunftsländer, zum einen aus familiären Bindungen, zum anderen weil sie Rückkehrverpflichtungen haben, zum Beispiel Wehrdienst, den sie noch ableisten müssen, aber die andere Gruppe ist aus meiner Sicht sehr spannend, weil das sind Leute, die im Ausland bessere Karrierechancen sehen. Sie haben in Deutschland keinen Job gefunden oder direkt ein Angebot bekommen in einem Land außerhalb Deutschlands.

Dichmann: Wenn man jetzt mal so eine Ausbildung aus staatlicher Perspektive, auch ein Studium als, sagen wir, Investition in junge Menschen betrachtet, dann muss man ja an der Stelle sagen, wir investieren ohne Rendite, wenn wir ausbilden und die jungen Studierenden dann in ein anderes Land gehen.

Lokhande: Wir haben in Deutschland bereits sehr viel da reininvestiert, um Ausländer für ein Studium in Deutschland zu gewinnen im Rahmen der Internationalisierungsstrategien der Hochschulen, und jetzt ist eben der nächste Schritt, auch dafür zu sorgen, dass sich diese Ausbildungskosten auch rentieren und lohnen, und dazu sollten die Hochschulen gemeinsam mit anderen Partnern des Arbeitsmarktes und der Wirtschaft und den Kommunen an drei Punkten ansetzen: einerseits den Studienerfolg sichern – wir haben überdurchschnittliche Abbruchquoten bei den internationalen Studierenden –, die soziale Integration zu sichern, weil das ist der Punkt, weswegen Studierende auch in Deutschland bleiben wollen, wenn sie sich hier wohlfühlen, wenn sie integriert sind, und der dritte Punkt, für mich einfach aus Sicht dieser Studie eben sehr zentral, ist natürlich die Sicherung der Berufsfähigkeit, also die Studierenden frühzeitig auf den Übergang in den Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Empfehlung: Pflichtpraktika

Dichmann: Das sind dann wahrscheinlich auch die von Ihnen zu Beginn erwähnten Praktika, schon während des Studiums, Praxiserfahrungen, also sprich nicht nur an der Hochschule bleiben, sondern der ausländische Studierende soll auch mal die Arbeitswelt tatsächlich kennenlernen.

Lokhande: Genau. Also der Forschungsbereich empfiehlt, gerade in den internationalen Studiengängen, also die Studiengänge, die eben auch in englischer Sprache laufen, Pflichtpraktika einzusetzen, weil diese eher auch den Zugang zu Praktika, insbesondere für Drittstaatsangehörige, unterstützt und auch internationalen Studierenden, die das Prinzip der Praktika in ihren Herkunftsländern so nicht kennen, noch mal stärker ermutigt oder sensibilisiert für die Notwendigkeit von frühen Praxiserfahrungen und die notwendigen Kenntnisse vermittelt, die es zum Schreiben von Lebenslauf und Bewerbung und so weiter braucht.

Dichmann: Und die soziale Integration haben Sie auch als Schlüsselfaktor beschrieben. Wie kann man denn da nachhelfen?

Lokhande: In unserer Studie hat sich gezeigt, dass internationale Studierende, die ursprünglich aus Deutschland abwandern wollten und die sich gleichzeitig freiwillig engagieren, zum Beispiel irgendwie in Gemeinden, in sozialen Institutionen, an der Hochschule auch, tatsächlich dann sich häufiger umentschieden haben. Insofern sehen wir eine große Chance im freiwilligen Engagement, also dass sich die Studierenden eben engagieren und dadurch eben auch Kontakt zur lokalen Bevölkerung vor Ort bekommen.

Dichmann: Wenn es uns das alles nicht geling, Frau Lokhande, was wären denn aus Ihrer Sicht die Konsequenzen für den deutschen Arbeitsmarkt, wenn wir also diese ausländischen Studierenden nicht halten können?

Lokhande: Wir haben in Deutschland im Moment für Akademiker eine Situation, in der es quasi Vollbeschäftigung gibt. Wir haben einen erhöhten Fachkräftebedarf in verschiedenen Regionen, in verschiedenen Branchen, und da können die internationalen Absolventen, die in Deutschland ja fachlich gut ausgebildet sind, diesen Fachkräftebedarf zumindest zum Teil ausgleichen oder da genau reingehen. Dazu muss sich aber Deutschland durchaus bewusst sein, dass sie im internationalen Wettbewerb um die besten Fachkräfte stehen und da entsprechende Anstrengungen machen muss, um diese Leute, die internationalen Absolventen, in Deutschland auch zu halten.

Dichmann: Mohini Lokhande vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration in "Campus und Karriere". Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Lokhande: Vielen herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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