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StartseiteCampus & KarriereErdogan in hessischen Klassenzimmern?02.07.2016

Islamischer ReligionsunterrichtErdogan in hessischen Klassenzimmern?

Hessen arbeitet mit dem islamischen Verband DITIB zusammen, um bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht an staatlichen Schulen anzubieten. Laut Grünen-Politiker Cem Özdemir entwickle sich aber DITIB "zur Vorfeldorganisation von Erdogans AKP". Der hessische Beamtenbund will die Zusammenarbeit beenden, die schwarz-grüne Landesregierung will die Kooperation allerdings fortsetzen.

Von Ludger Fittkau

Der Religionslehrer Ridwan Bauknecht schreibt am Montag (27.08.2012) in Bonn an der Robert-Koch-Schule während des islamischen Religionsunterrichts an die Tafel. (dpa / Oliver Berg)
Hessen war das erste deutsche Bundesland, dass vor rund drei Jahren einen Vertrag mit dem islamischen Verband DITIB schloss, um bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht an staatlichen Schulen anzubieten. (dpa / Oliver Berg)
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Heini Schmitt hatte schon immer Bedenken. Der 55-Jährige ist hessischer Landesvorsitzender des Deutschen Beamtenbundes. Das ist ein Gewerkschaftsdachverband außerhalb des DGB, dessen größte Einzelgewerkschaft der Lehrerverband Bildung und Erziehung – kurz VBE – mit bundesweit rund 140.000 Lehrern ist. Die Bedenken seines Verbandes angesichts der geplanten hessischen Kooperation mit den beiden Religionsgemeinschaften DITIB und Ahmahdiya seien 2013 beiseitegeschoben worden, erinnert sich Heini Schmitt. Inzwischen bekomme der Verband aber mehr und mehr Berichte aus den Schulen, die diese Bedenken bestätigen:

"Wir wissen, dass Probleme bestehen. Wir wissen, dass ein sehr rückwärtsgewandter Islam vermittelt wird. Wir wissen, dass insbesondere problematische Koranverse, die eben nicht zu unseren Wertvorstellungen passen, dass die nicht in entsprechender Weise diskutiert und problematisiert werden. Und wir wissen auch dass Schülerinnen insbesondere und auch Schüler, die schon einen westlichen Lebensstil an den Tag legen, mit ganz erheblichen Problemen zu kämpfen haben."

Mobbing gegen liberal erzogene muslimische Schülerinnen und Schüler im islamischen Religionsunterricht an staatlichen Schulen? Davon ist im hessischen Kultusministerium nichts bekannt. Die islamischen Religionsgemeinschaften DITIB und Ahmadiyya erteilen zwar am Ende des Studiums eine Lehrerlaubnis für die an der Uni Gießen ausgebildeten Lehrer, so Ministeriumssprecher Stefan Löwer. Doch von einer "unbotmäßigen Einflussnahme" der beiden Verbände auf die Inhalte des Unterrichts weiß man im CDU-geführten Kultusministerium nichts:

"Nein. Erstens ist mir wichtig zu sagen, dass der islamische Religionsunterricht im Kern eine staatliche Veranstaltung ist. Mit hessischen staatlichen Lehrkräften und unter staatlicher Aufsicht und unter staatlichen Curricular. Das heißt, es unterrichten unsere eigenen Lehrer. Und bisher hat es auch keine Zurückweisung durch DITIB oder Ahmadiyya gegeben."

Theoretisch haben beide Verbände die Möglichkeit, Absolventen der Uni Gießen die Lehrerlaubnis für den islamischen Religionsunterricht zu verweigern oder auch später wieder zu entziehen. Bei inzwischen 46 Klassen mit islamischem Religionsunterricht in Hessen sei das bisher noch nicht vorgekommen, versichert das Kultusministerium.

Kritik an DITIB

Doch die Kritik auch des grünen Bundesvorsitzenden Cem Özdemir, dass DITIB immer mehr zu einer "Vorfeldorganisation" der AKP-Partei des umstrittenen türkischen Staatschefs Erdogan werde, kann den grünen Koalitionspartner in der hessischen Landesregierung nicht kalt lassen. Matthias Wagner ist Vorsitzender der Landtagsfraktion der Grünen in Wiesbaden. Wagner kritisiert - und an diesem Punkt ist er sich mit dem Hessischen Beamtenbund einig - dass DITIB sich nicht von den Angriffen der türkischen Regierung auf Bundestagsabgeordnete mit türkischen Wurzeln im Zusammenhang mit der Armenien-Resolution des Bundestages distanziert habe. Aber:

"Ich glaube, man muss zwei Dinge unterscheiden. Die konkrete Auseinandersetzung mit DITIB in der Frage, wie hat man sich zur Armenienposition des Bundestages positioniert. Das fand ich extrem unglücklich, hier hätte ich mir deutliche und klare Worte gewünscht, dass ein solcher Angriff auf frei gewählte Abgeordnete des Deutschen Bundestages nicht geht. Die zweite Ebene ist die Frage, ist DITIB ein verlässlicher Partner für das Angebot des islamischen Religionsunterrichts, der nach klaren Regeln erfolgt, der von in Deutschland ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern erteilt wird. Und hier gibt es keine Anzeichen, dass hier an der Verlässlichkeit zu Zweifeln ist."

Doch genau an dieser Verlässlichkeit zweifelt der Deutsche Beamtenbund in Hessen. Landesvorsitzenden Heini Schmitt:

"Und wenn wir letzten Endes, um das mal bildhaft darzustellen, den Herrn Erdogan in unseren Klassenzimmern sitzen haben und nichts anderes ist das ja am Ende bei der Vermittlung dieser Inhalte, da muss man dann nach anderen Lösungen suchen."

Landesregierung will Kooperation fortsetzen

Dass könnte etwa ein Islamkundeunterricht ganz in staatlicher Hand ohne Lehrerlaubnis der islamischen Verbände sein, so der Vorsitzende des hessischen Beamtenbundes. Der hessische Landesverband von DITIB weist jedoch eine Einflussnahme des Bundesverbandes in Köln oder der türkischen Regierung auf die Schul-Kooperation mit dem Land Hessen zurück. Man sei unabhängig, heißt es in Stellungnahmen von DITIB Hessen. So sieht das auch die schwarz-grüne Landesregierung in Wiesbaden. Sie will die aus ihrer Sicht bisher "reibungslose" Kooperation mit der islamischen Religionsgemeinschaft deshalb fortsetzen.

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