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StartseiteSonntagsspaziergangIsraels Geschichte in Schwarz-Weiß28.03.2010

Israels Geschichte in Schwarz-Weiß

Der berühmteste Fotoladen Tel Avivs

Mitten in Tel Aviv steht der Fotoladen "Zalmania Pri-Or", der Erinnerungen wieder erweckt. Der ehemalige Besitzer und Fotograf Rudi Weissenstein dokumentierte die Geschichte Israels - von prominenten Politikern bis zu Alltagsleben. Seine Witwe führt den Laden fort und präsentiert Weissensteins Werke auf internationalen Ausstellungen.

Von Igal Avidan

Der Fotoladen "Zalmania Pri-Or" in Tel Aviv, Israel. (Igal Avidan)
Der Fotoladen "Zalmania Pri-Or" in Tel Aviv, Israel. (Igal Avidan)

Rehov Allenby ist eine der lautesten Straßen in Tel Aviv. Nicht weniger als 39 Buslinien vertreiben die meisten Flaneure. Die Fassaden der verfallenen Häuser im Baustil der 1930er Jahre geben ohnehin wenig Anlass zum Anhalten. Die Spaziergänger verschwinden rasch in die preiswerten Boutiquen oder Buchhandlungen, nachts in die schmuddeligen Kneipen und Stripklubs. Vor dem Haus Nummer 30 bleiben dennoch viele Passanten stehen - obwohl diese Kreuzung zu den lautesten gehört und das zweistöckige Haus selbst keinen Anlass dazu gibt. Doch das Schaufenster mit Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Tel Aviv der 1930er- und 40er-Jahre fesselt sie.

Im Zentrum der Auslage erblickt man die Bauhaushäuser des Rothschild-Boulevard im Jahre 1936. Sie glänzen weiß vor der fast autoleeren Straße und den noch jungen Bäumen. Daneben sieht man den Busbahnhof Kikar Hamoshavot aus jenen vorstaatlichen Zeiten. Den Knesset-Platz vor dem Tel Aviver Strand, wo das erste israelische Parlament einmal tagte, bevor es nach Jerusalem ging.

Wie gebannt schaut man auf die Ruinen des arabischen Stadtteils Manshiye nach dem Krieg von 1948, von dessen Existenz kaum ein Tel Aviver Ahnung hat; besonders beliebt ist das große Panoramabild des 1957 eingeweihten populärsten Schwimmbades vor dem Hintergrund der Holzhütten des Armenviertels Machlul, die längst abgerissen wurden. Rechts blickt mich ein eleganter Herr mit großen Augen an. Eine Tafel erklärt, dass der ehemalige Besitzer Rudi Weissenstein die Entstehung Israels dokumentiert hatte; ab 1940 in diesem Fotoladen "Zalmania Pri-Or".

Hinter der Ladentheke auf der rechten Seite telefoniert Ben Peter mit einer Kundin. Der junge sanfte Mann leitet seit 2003 den einmaligen Fotoladen seines Großvaters zusammen mit seiner Großmutter, Weissensteins Witwe Miriam, 96 Jahre jung. Die gepflegte freundliche Dame sitzt mitten drin hinter einem kleinen Tisch im Zentrum und überwacht ihr 42-Quadratmeter-Imperium.

Mit 96 Jahren kommt sie jeden Morgen um neun Uhr hierher, schaut mit wachem neugierigem Blick auf das Geschehen und plaudert mit den Kunden, obwohl sie schwerhörig ist. Dafür hat sie viel Zeit und Geduld, sie kommt schnell ins Gespräch und fasziniert sie mit ihrem Humor und Scharfsinn, was sie gleich als Verkaufsstrategie einsetzt.

"Eine Reportage über uns, über mich ohne Bilder, das ist nichts!","

…sagt Miriam und blättert in einem der beiden Fotoalben, die sie mitverlegte und die sie an ihren Rudi erinnern.

""Da treffen wir uns, auf der Straße. Welche Straße? Allenby, hier. Da war ich noch mager und da ist er angekommen als Journalist, als Fotograf."

Im Bild sieht man ein junges Paar spazieren gehen in der gleichen Straße im Jahr 1936. Die Frau trägt ein leichtes, tailliertes Sommerkleid mit einem weißen Kragen und passenden weißen Schuhen. In der Hand hält sie eine schicke Tasche. Der Mann trägt eine elegante legere Sommerhose, ein kurzes Hemd und weiße Schuhe. Er hält in der Hand ein in Papier gewickeltes Präsent. Sie lächelt selbstbewusst in die Kamera, er etwas schüchtern, vielleicht weil diese Aufnahme erst von kurz nach seiner Ankunft stammt, oder weil der große, schlanke Mann lieber selbst hinter der Kamera stehen würde. Das hat er bis zu seinem Tod 1992 gemacht. Er hinterließ eine Million Negative, die das Land Israel und die Menschen dort dokumentieren, nach Themen in Holzschubladen geordnet.

"Das ist der Archivschrank, den der Bruder meiner Oma auf Bestellung meines Opas für Negative in verschiedenen Größen gebaut hat. Der Schrank ist aus Holz, was die Feuchtigkeit aussaugt und die Negative trocken hält. Auch nach 70 Jahren sind sie in gutem Zustand, obwohl so nah zum Strand, trotz Hitze und obwohl es hier viele Jahre keine Klimaanlage gab."

Das allererste Negativ trägt die Nummer 1001. Ben Peter holt es vorsichtig heraus:

"Das Negativ wurde auf eine Glasplatte gedruckt, eine sehr alte Technik: 'Der Landwirtschaftsbetrieb der Werktätigen' steht hier auf Deutsch geschrieben. Ich sehe eine Frau, die mit einem Pferd oder Esel die Erde pflügt."

Die besten Negative archivierte Rudi Weissenstein in mehreren Alben, die in einem anderen Schrank liegen, nach Themen geordnet.

"Die Themenbereiche sind typisch für das damalige Israel und wurden von den großen israelischen Organisationen bestimmt: Keren Kayemet, Keren Hayesod, die Gewerkschaft Histadrut. Sie beauftragten die Fotografen, das Land Israel in einer bestimmten Art und Weise abzubilden, die ihre zionistischen Ziele bedienten. Im Ordner 'Arbeit' sehen wir zum Beispiel Bauern und Industriearbeiter. Hier ist ein Ordner 'Schulen und Kindergärten', andere sind bestimmten Regionen gewidmet wie Tel Aviv, Haifa, Jerusalem oder Galiläa. Einige Ordner gelten jüdischen Feiertagen und feierlichen Veranstaltungen, andere wiederum Persönlichkeiten. Ein Ordner umfasst die Staatsverkündung und alle Negative, die mein Großvater als offizieller Fotograf der Zeremonie machte. Mehrere Ordner heißen 'Musik und Theater'. Mein Opa liebte Musik sehr und war 40 Jahre lang der Hausfotograf der israelischen Philharmonie"."

Rudis berühmtestes Foto aus dem Jahr 1948 zeigt David Ben Gurion, der in Anzug und Krawatte vor einer an der Wand hängenden Flagge den Staat Israel proklamiert. Die letzten Momente des Festaktes verewigte ihr Mann nicht, erzählt Miriam Weissenstein:

""Die Minister haben begonnen, zu singen: die Hymne Hatikva. Er hat aufgehört zu fotografieren, hat sich danebengestellt und hat mit ihnen gesungen. Am nächsten Tag hat der Herr, der die Einladung geschickt hat, gefragt: 'Wo ist das Bild, wo alle stehen und singen?' Hat mein Mann gesagt: 'Da war ich kein Fotograf. Da habe ich mit den Ministern gestanden, habe mitgesungen und habe geweint, weil: Das war mein größter Tag im meinem Leben und da konnte ich nicht fotografieren.'"

Über die Theke neben dem Holzschrank blicken israelische Politiker von der vollgehängten Wand, darunter drei Ministerpräsidenten, die Weissenstein hier fotografiert hatte: Staatsgründer David Ben Gurion, Golda Meir und Menachem Begin. Der ermordete Premier Yitzhak Rabin posiert hier noch in Uniform, Shimon Peres war hier noch Minister. Miriam schminkte sie und half ihnen, ordentlich auszusehen. Früher standen ihre Bilder im Schaufenster. Aber der Enkel Ben Peter merkte, dass die heutigen politikverdrossenen Israelis alte Straßenzüge und Gebäude bevorzugen.

Die Witwe Miriam Weissenstein und ihr Enkelsohn Ben mit dem Foto Rudi Weissensteins im Fotolade. (Igal Avidan)Die Witwe Miriam Weissenstein und ihr Enkelsohn Ben mit dem Foto Rudi Weissensteins. (Igal Avidan)Peter belebte das verstaubte Geschäft und half seine Großmutter, zwei Fotoausstellungen zu organisieren, die Hunderttausende anzogen. Das Israel, das sie in den Fotos entdecken, ist ein Land, nach dem sich viele Israelis heute sehnen. Die Israelis wirken darin arm, aber idealistisch und glücklich, viel eleganter als heute. Die Männer tragen einen Hut oder eine Mütze, die Frauen ein Kleid. Die Landschaften sind noch so unberührt, wie in biblischen Zeiten, die Bauhausgebäude der "weißen Stadt" glänzen. Die Straßen sind sauber und relativ leer. Viele kommen hierher, um sich oder ihre Verwandten unter den 50.000 namentlich geordneten Studiofotos zu suchen. Andere wollen neue machen lassen, wie damals ohne Blitz. Vor allem Touristen kommen hierher wie ins Museum

Andreas Grau-Fuchs zum Beispiel. Der 38-jährige Deutsche lebt seit 2006 in Tel Aviv zusammen mit einem deutschen Diplomaten. Vor drei Jahren betrat er den Fotoladen zum ersten Mal - als Kunde.

"Es war ein seltsames Gefühl, weil: Man ist in einen Laden hineingetreten und hat sich Jahre zurückgesetzt gefühlt. Miriam hatte mitbekommen, dass ich deutsch rede und dann fing sie an, auf Deutsch ihre Geschichten zu erzählen. Sie wollte wissen, was ich hier mache, und dann erzählte sie mir von ihrem Traum, dass sie einmal in ihrem Leben eine Fotoausstellung von Rudi Weissenstein machen möchte - und ob ich ihr nicht helfen kann."

Grau-Fuchs kuratiert bereits die zweite Weissenstein-Ausstellungen in Deutschland - nach München sind die Bilder ab dem 17. Februar in Frankfurt zu sehen. Enkelsohn Peter ließ Weisenssteins Labor und Dunkelkammer, beide verfallen, renovieren, sodass bald in "Rudis Salon" seine Kameras und eine kleine Auswahl seiner Werke ausgestellt werden.

Zugleich musste der Fotoladen lange um seine Existenz bangen. Ausgerechnet zum 100. Jubiläumsfest Tel Avivs, den Miriam mitfeierte, genehmigte die Stadtverwaltung den Abriss des bestehenden Hauses und den Bau eines neuen sechsstöckigen Hauses mit Ferienwohnungen. Miriam und Ben mobilisierten die Öffentlichkeit, sammelten 3000 Unterschriften gegen den Beschluss und bewiesen, dass hier ein eklatanter Fehler unterlaufen war. Die Denkmalschützer ließen den historischen und kulturellen Wert des Hauses außer Acht.

Eigentlich erwartete Miriam Weissenstein die Unterstützung des Bürgermeisters Ron Chuldai, der sie persönlich kennt und sich bei ihr für die wunderbaren Ausstellungen herzlich bedankte. Also schrieb sie dem Politiker:

"Sehr geehrter Herr Chuldai. Ich bitte Sie: Lassen Sie mein Lebenswerk nicht zerstören! Vielen Dank, Miriam Weissenstein, Tel Aviv, 14.12.2008."

Nach langem Streit durften Miriam und Ben im vergangenen Mai bei einer Sitzung des Denkmalausschusses ihr Anliegen vortragen. Der Ausschuss kann den Neubau zwar nicht verhindern, empfahl jedoch den historischen Fotoladen in den Neubau zu integrieren.

""Ich war dort. Wie es war? Ende gut, alles gut. Man drängt uns nicht mehr hinaus, wir können hierbleiben. Das ist sehr wichtig, denn dafür mussten wir hart kämpfen. Ich bin zufrieden, weil das überhaupt kein einfacher Krieg war, wir kämpften und kämpften","

sagt sie auf Hebräisch. Miriam ist ein wenig müde heute und muss ihre Kräfte schonen. Denn die Frau, die fast so alt ist wie ihre Stadt Tel Aviv, wird persönlich nach Frankfurt reisen, um die Ausstellung ihres Mannes zu eröffnen.

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