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StartseiteEuropa heute"Italien ist kein Bordell!"14.02.2011

"Italien ist kein Bordell!"

Frauenproteste gegen Berlusconi

Die Degradierung junger Frauen als Gespielin, wie es Silvio Berlusconi betreibt, brachte die italienischen Frauen an diesem Wochenende zu Tausenden auf die Straßen. Sie sind des Macho-Gehabes satt - nicht nur bei Politikern.

Von Christiane Büld Campetti

Nicht nur die Frauen in Mailand haben genug von der Person Silvio Berlusconi (AP)
Nicht nur die Frauen in Mailand haben genug von der Person Silvio Berlusconi (AP)

Die Mailänder Staatsanwaltschaft, die am vergangenen Mittwoch gegen Berlusconi Anklage erhoben hat, wegen Amtsmissbrauchs und Sex mit Minderjährigen, hat Rückendeckung erhalten.

In über 100 Städten gingen gestern vor allen Dingen Bürgerinnen auf die Straße. Lautstark brachten sie ihr Missfallen über Frauenbild und Lebensstil ihres Ministerpräsidenten zum Ausdruck und forderten seinen Rücktritt.

"Eine Schande ist das! Der meint doch, alle Frauen sind käuflich.

Das kann doch nicht sein! Ich habe ein abgeschlossenes Studium, muss aber ins Ausland gehen, um eine Arbeit zu finden, während seine Partygirls im Parlament sitzen.

Wann, wenn nicht jetzt. Das Maß ist voll."

"Wann, wenn nicht jetzt" hieß auch das Motto dieser landesweiten Protestaktion, zu der Journalistinnen, Akademikerinnen und Künstlerinnen aufgerufen hatten. Die Sexaffäre mit der minderjährigen Ruby sei dabei nur der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte, so Concita di Gregorio, Direktorin der linken Tageszeitung Unità. Den italienischen Frauen geht es um ihre Würde. Sie wehrten sich gegen die verheerende Entstellung des Frauenbildes, zu der Fernsehanstalten des Ministerpräsidenten maßgeblich beigetragen haben.

"Wer bei uns Karriere machen will, in der Politik oder beim Fernsehen, muss dafür bezahlen, Frauen in der Regel mit ihrem Körper, Männer durch Unterordnung. Für Berlusconi und seine Leute ist das normal, ist Teil des Systems. Eigentlich wäre es die Aufgabe einer Regierung, das zu ändern. Doch bei uns nutzt sie das schamlos aus. "

Es ist nicht das erste Mal, dass Berlusconigegner mobilmachen. Doch bereits im Vorfeld war klar: Diese Protestwelle hat ein anderes Gesicht. Sie ist spontan, kommt ohne Parteien aus und er ist vorwiegend weiblich. In Florenz zum Beispiel demonstrieren schon seit Wochen besorgte Mütter gegen eine Führungselite, die ihrer Meinung nach, alle Regeln des Anstandes und der Zivilgesellschaft missachtet.

Seitdem ziehen sie am Samstagmorgen durch die Straßen der Kunststadt. In der Hand: Topf, Pfanne oder Deckel, die sie inbrünstig mit dem Kochlöffel bearbeiten. Das solle die Leute aufwecken, so Federica Attore.

"Wir wollen nicht mehr, dass diese Person unser Land regiert. Wir hätten uns schon viel eher zu Wort melden müssen. Aber wir waren wie betäubt. Ich glaube, mithilfe des Fernsehens hat es unser Denken manipuliert."

Waren bei dieser Pentolata, der florentinischen Kochtopfaktion, anfangs
nur 40 Frauen und Männer mit von der Partie, waren es am vergangenen Samstag bereits 3000.

Die Zeit ist reif für einen Wandel, freut sich Susanna Camusso, die neue Chefin der linken Gewerkschaft. Für sie hat der Protest der Frauen auch eine politische Dimension. Nicht einmal jede zweite Italienerin ist heute berufstätig, zählt sie auf. Fast 30 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos. Italien sei politisch, wirtschaftlich und kulturell wieder in den 50er-Jahren gelandet.

"Hier bei uns gilt eine seltsame Regel: Was man nicht im Fernsehen
sieht, existiert nicht. Davon hat Berlusconi lange profitiert. Über vieles
wurde einfach nicht geredet. Stattdessen wurde das Land mit Lügen abgespeist. Doch das funktionierte eben nicht mehr, denn in ihrem Alltag bekommen viele die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und wachsenden sozialen Spannungen selber hautnah zu spüren."

Ein Land, in dem Frauen und Männer aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz beurteilt werden, wo Jugendliche eine Arbeit und somit eine Zukunft erhalten, sind nur einige Punkte, die sie sich für ein normales Italien ohne Berlusconi wünscht. Doch für den Anfang gibt sie sich auch mit weniger zufrieden:

"Es wäre bereits ein Erfolg, wenn heute mehr Männer kundtun würden: Ich denke keineswegs wie Berlusconi. Ich respektiere die Frauen und will auch niemals so sein wie er."

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