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StartseiteBüchermarktJames Salter: Lichtjahre15.03.1998

James Salter: Lichtjahre

Auf den ersten Blick - und wohl auch noch auf den zweiten - ist alles ganz wunderbar. Die Frauen sind schön, chic und gebildet, ihre Männer glänzen durch Attraktivität, Intelligenz und Tatkraft, an den Kindern setzen sich solcherlei Vorzüge fort; das Wetter zeigt selten seine bloß trüben Seiten, der Fluß ist nahe und meist liegt ein strahlendes Licht über der Landschaft, das alles mit einem lebendigen Glanz überzieht. New York ist nicht zu weit, um dort die wichtigen Parties und Empfänge zu besuchen, auf denen auch mal ein Saul Bellow und andere Zelebritäten auftauchen; und doch ist die Metropole weit genug, daß man am Abend nach der Arbeit in ein paradiesisches Idyll zurückkehren kann.

Eberhard Falcke

"Die Indianer suchten, so sagt man, einen Fluß, der 'in beide Richtungen fließt'. Hier fanden sie ihn. Der Salzkeil dringt bis zu fünfzig Meilen ins Land; manchmal erreicht er Poughkeepsie. Früher gab es hier riesige Austernbänke, Robben im Hafen, in den Wäldern unerschöpfliches Wild. Dieser große Gletscherbruch mit seinen einladenden Buchten, Uferstände von wildem Sellerie und Reis, dieser majestätische Fluß. ... Nah am Wasser steht ein großer viktorianischer Bau, die Ziegel weiß gestrichen, mit hoch darüber ragenden Bäumen und einem von einer alten Mauer umgebenen Garten, darin ein zerfallenes Gewächshaus mit schmiedeeisernen Verzierungen rings um das Dach. Ein Haus am Fluß, für die Nachmittagssonne zu tief gelegen. Statt dessen durchflutete es die Morgensonne, das von Osten her kommende Licht. Mittags erstrahlte es in voller Pracht. Es gibt Stellen, an denen die Farbe dunkel geworden ist, kahle Stellen. Die Kieswege lösen sich auf; Vögel nisten in den Schuppen."

Möchte man nicht sogleich die Koffer packen und sich an solchen Ufern niederlassen? Aber Vorsicht! Schon in diese Landschaft sind die Zeichen der Vergänglichkeit und des ewigen Zwiespalts eingewoben und über dem Tun und Lassen der dort angesiedelten Menschen weht beständig ein Schleier von Melancholie. Als poetische Signale dafür stehen unter anderem die alten Häuser und der Fluß, bei dem es sich übrigens um den Hudson handelt: Durch die Villen sind schon manche Generationen hindurchgegangen, und der in zwei Richtungen fließende Fluß zeigt den ständigen Widerstreit von süßen und salzigen Fluten. Was aber das Melancholie erzeugende Dasein des dort lebenden Ehepaares, seiner Kinder und Freunde anbelangt, so sind dem nicht nur ein paar Motive und Metaphern, sondern ein ganzer Roman gewidmet. Dieser Roman heißt "Lichtjahre" und er erschien im amerikanischen Original erstmals 1975. Dank der gelungenen Übersetzung von Beatrice Howeg können wir nun dieses Buch auf deutsch lesen und damit erstmals seinen Autor James Salter kennenlernen, den man bisher hierzulande offenbar ganz zu Unrecht übersehen hat. Denn der 1925 geborene Salter ist nicht einfach ein weiterer der zahllosen mit kreativer Schreibtüchtigkeit gesegneten Nordamerikaner, sondern man darf ihn wohl - schon nach Lektüre dieses einen Romans - zur Oberliga rechnen.

Bereits nach Durchsicht weniger Seiten läßt sich leicht erkennen, daß man es hier nicht nur mit einem bemerkenswerten Erzähler, sondern auch mit einem ausgeprägten Stilisten zu tun hat. Doch davon später. Kehren wir erst einmal zurück zu dem viktorianischen Anwesen am Hudson. Dort leben Vladimir, genannt Viri, Seine Frau Nedra - er 32, sie 28 Jahre alt; ihre Töchter Danny und Franca sind noch klein, doch groß genug, um im Garten herumzutoben; dort tummeln sich außerdem ein Pony namens Ursula, der Hund Hadji und diverses Kleingetier, darunter eine Schildkröte. Der zoologische Hofstaat unterstreicht, daß es der Familie Berland an kaum etwas fehlt - auch wenn ihr Wohlstand die Grenze zum Reichtum, wie Nedra zuweilen bemerkt, nicht überschreitet. Auch in ihrem Freundeskreis sind sie sicher aufgehoben.

"'Das ist eine schöne Fahrt hierher', sagte Peter, während er sich die Kleidung glattstrich.'Ich liebe diese Strecke. Sobald man die Brücke überquert hat, ist man mitten im Wald, alles stockfinster, und die Stadt ist verschwunden.' 'Es ist fast urtümlich', sagte Catherine. 'Und man ist zu dem schönen Haus der Berlands unterwegs.' Er lächelte. Was für eine Selbstsicherheit liegt in den Zügen eines Mannes um die Dreißig. 'Ihr seht wunderbar aus, ihr beide', sagte Viri. 'Catherine ist ganz vernarrt in dieses Haus.' 'Genau wie ich', lächelte Nedra. Novemberabend, immer gleich, klar. Geräucherte Bachforelle, Hammelfleisch, ein Endiviensalat, auf der Anrichte ein entkorkter Margaux. Das Essen wurde unter einem Druck von Chagall aufgetragen, der Meerjungfrau über der Bucht von Nizza. Die Signatur war wahrscheinlich unecht, aber wie Peter schon früher gesagt hatte, was machte das für einen Unterschied ..."

Man macht sich Komplimente, und es gibt genügend Besitztümer, Dinge und Eigenschaften, um dafür reichlich Anlässe zu finden. Salters Figuren bewohnen dieselbe Provinz des American Way of Life wie viele der Protagonisten von John Cheever, John Updike oder Richard Ford: eine Mittelstandswelt also, wo gegen Unordnung, Nöte und Unsicherheit vermeintlich sichere Dämme gebaut sind und exzentrische Charaktere oder extreme Perspektiven absolute Ausnahmen darstellen. Natürlich sind Überraschungen, Seitensprünge jeder Art genauso möglich wie Einbrüche des Unkontrollierbaren - und davon erzählen diese Chronisten des Mittelstands-Daseins ja auch in erster Linie.

Gerade an diesem Punkt jedoch zeigt sich, wie wenig James Salter mit seinen Kollegen gemein hat - und das charakterisiert letztlich die ganze Dramaturgie seines Erzählens. Denn für ihn spielen soziale Vorgänge, psychische Konflikte, Doppelmoral oder äußere Ereignisse gleichsam nur als Requisiten eine Rolle. Gewiß, auch hier gibt es Probleme und Lösungen, Verzweiflung und Trost, Versagen und Vergeben, Auszug und Heimkehr. Doch lenkt all das in keinem Fall die Entwicklung oder den Fortgang der Fabel. Was vielmehr die Konstruktion dieses Romans tatsächlich bestimmt, seinen Tenor, die Bilder und Motive - das ist etwas anderes, was von vornherein feststeht: nämlich der Gedanke an die unaufhaltsame Vergänglichkeit des Lebens. Und dieser Gedanke mitsamt der daraus resultierenden Wehmut wird - darin liegt die große Konsequenz dieses Romans - durch nichts gemildert oder relativiert, weder durch philosophische, religiöse noch lebenspraktische Rettungsversuche.

"Es gibt kein vollkommenes Leben. Es gibt nur Fragmente. Wir kommen auf die Welt, um nichts zu besitzen, um alles durch unsere Hände rinnen zu sehen. Und doch, dieses Rinnen, diese Flut von Begegnungen, Kämpfen, Träumen ... man mußte gedankenlos wie eine Schildkröte sein. Man mußte entschlossen sein, blind. Denn was wir auch tun, selbst das, was wir nicht tun, hindert uns daran, das Gegenteil zu tun. Taten zerstören ihre Alternativen, das ist das Paradox. So daß das Leben aus Entscheidungen besteht, jede einzelne endgültig und von geringer Bedeutung, so wie Steine, die man ins Meer fallen läßt."

So denkt Viri bereits auf Seite 47, und was er da denkt, läßt sich zugleich als den Grundriß des Romans ansehen, in dem er figuriert. Genauso wie die Steine wirkungslos ins Meer sinken, so werden auch die Lebensmomente und -stationen der Figuren vom Erzähler vermerkt, ohne daß sich die Tonlage ändert oder die Schicksale wenden. Dabei ist es unendlich viel, was diesen traurig stimmenden Marionetten der Vergänglichkeit durch die Finger rinnt. Zum Beispiel die großen Pläne, mit denen Viri gerne seine Architektenphantasie tapeziert.

"Er glaubte an Größe. Er glaubte an sie, als wäre sie eine Tugend, als könnte er sie besitzen. ... Er hatte ein klares, präzises Auge, was den Wert der Arbeit anderer Menschen betraf. Gegenüber seiner eigenen bewahrte er sich einen milden Respekt. In seinem Glauben, im Herzen seiner Illusionen, lebte das Bauwerk, das auf den Fotografien seiner Epoche zu sehen sein würde, das berühmte Gebäude, das er geschaffen hatte und an dem nichts, keine Kritik, kein Neid, nicht einmal Zerstörung etwas ändern konnte. Er sprach natürlich mit niemandem darüber, außer mit Nedra. Jahr für Jahr verblaßte es mehr und mehr. Es verschwand aus seinen Gesprächen, aber nicht aus seinem Leben. Es würde immer da sein, bis zum Schluß, wie ein großes Schiff, das aufgebockt vor sich hin rottete."

Während Salter seinen männlichen Helden vorwiegend durch Handlungen, ihr Scheitern oder ihre Unterlassung charakterisiert, beschreibt er die weibliche Heldin primär durch Eigenschaften und Verhaltensweisen.

"Wann immer es ging, stand Nedra im Sommer wie im Winter spät auf. ... Menschen, die lange schlafen sind für gewöhnlich sehr eigenwillige Personen; sie sind nachdenklich und in sich gekehrt. Nedra hatte volles Haar, es schmiegte sich an sie. Sie trug es auf verschiedene Weise. Sie wusch es und ließ es feucht. Man denkt an die zehn, die zwanzig strahlenden Jahre ihres Aufstiegs. Sie ist eine Frau, deren gelassene Bemerkung die Atmosphäre eines Abendessens bestimmt; der Mann, der neben ihr sitzt, lächelt. Sie weiß, was sie tut, das ist der Kern der Sache; aber woher konnte sie das wissen? Ihre Handlungen wiederholen sich nicht. Sie inszeniert sich nicht. Ihr Gesicht ist elektrisierend - dieses plötzliche, explodierende Lächeln -, und doch, auf merkwürdige Weise gibt sie nichts. Ihr Haar duftet nach Blumen. Der Tag ist windstill. Die Sonne steht noch unklar im Dunst, der Fluß glänzt von Licht."

Lauscht man dem Rhythmus dieser Sätze, und dieser Rhythmus geht durch den ganzen Roman, dann kann man ein - wenn nicht das - wesentliche Muster von Salters Schreibweise erkennen. Er reiht seine Aussagen oft assoziativ, oft auch sprunghaft aneinander, und obwohl dabei viele Bausteine zu Figuren und Geschehnissen dargeboten werden, wollen sich die Teile nicht zu konsistenten Bildern zusammenfügen. Im selben Zuge, in dem Nedras soeben zitiertes Porträt entfaltet wird, zerfällt es auch wieder in seine Einzelteile. Weder die einzelnen Sätze noch ihr Kontext verleihen Menschen und Dingen eindeutig Gestalt. So teilt sich durch die Struktur des Textes selbst genau jene Flüchtigkeit, Vergänglichkeit mit, von der der Roman handelt.

Viri und Nedra leben durch die Jahre, weitgehend stoßgesichert in der Watte ihrer bürgerlichen Existenz, nie himmelhoch jauchzend, aber auch kaum je tief betrübt. Man arrangiert sich gesittet, pflegt zartfühlenden Umgang miteinander, macht unter Freunden und in der Öffentlichkeit eine gute Figur. Beide Ehepartner haben ihre Affären, was indes zu Konflikten keinen Anlaß gibt. Alle paar Seiten kommt der Sommer in diesem Roman, so oft wie in keinem anderen. Das ist die Jahreszeit mit der Salter dieses Familienleben in die engste metaphorische Verbindung bringt. Dann ist man beisammen, fährt ans Meer, verbringt dort "reine, leere Tage", umgeben von Weite, Luft und Licht. Das sind die "Lichtjahre" dieser Lebensläufe, von denen der Titel spricht, jene Phase, in der zumindest jeder seinen Platz hat, auch wenn das Bewußtsein von den unverwirklichten Träumen und Sehnsüchten nie erlischt. Der Hund tollt mit der Familie herum. An seinem Altern zeigt sich leitmotivisch der Zerfall. Die Schildkröte hingegen, das hartschalige Reptil, schiebt sich, gleichgültig gegen die menschlichen Schicksale, durchs Gras. Sie, die ebenfalls als poetisches Zeichen fungiert, wird alle überleben.

Das Vergehen der Jahre - also die Grundbewegung des Romans - betont Salter durch seine Erzählweise ebenso wie die Flüchtigkeit der Einzelheiten und Momente. Manchmal absolviert er beachtliche Zeitsprünge, ohne jedoch das Gleichmaß der Schilderung im mindesten zu ändern. Selbst dramatische Ereignisse werden registriert wie alles andere, wie der Fluß des Wassers, der Einfall des Lichts, die langsam sich abzeichnenden Falten auf den Gesichtern. Alles gleitet dahin, kaum zu fassen und nicht zu halten, jeder gewonnene Augenblick ist mit einem verlorenen zu bezahlen. Das verursacht die Wehmut, die Melancholie, welche dieser Roman geradezu planmäßig evoziert. Auf diesen Effekt hin sind fast alle seine Kunstmittel angelegt. Das betrifft ebenso die ganz nach poetischen Rezepten konstruierte Prosa mit ihrem Rhythmus, dem elegischen Grundton und der ins Assoziative aufgelösten Erzähllogik. Und es betrifft natürlich die von solchen lyrischen Mitteln erzeugte Stimmung, von der man, wie von der Wehmut, weder klar sagen kann, woher sie kommt, noch wohin sie führt. Solche Wehmut über das ständige Entgleiten des Lebens läßt sich nicht wie die scharf umrissene "Absurdität" philosophisch dingfest machen, und sie fällt auch nur bedingt ins Ressort der Psychotherapeuten. Sie ist ein schwer wägbarer existentieller Faktor, und darüber hat Salter seinen Roman geschrieben. Darum darf man dieses Buch nicht mit gängigen Ehegeschichten und mittelständischen Sittenbildern verwechseln - obwohl auch auf diesen Ebenen vieles geboten wird. Mag in den hier beschriebenen Lebensläufen auch mancherlei gedeihen, so verrichtet gleichwohl die Furie des Verschwindens unbeirrbar ihre Arbeit: Die Töchter werden schön und erwachsen; Nedra beginnt ein Leben nach der Ehe; Viri trägt es mit Fassung und gebrochenem Herzen; der Freund Arnaud wird eines nachts auf den New Yorker Straßen schwer zusammengeschlagen; Nedra bemerkt, daß die ewig jünglingshaften Züge ihres Geliebten Jivan ins Lächerliche umschlagen.

"Das Leben teilt sich und hinterläßt Narben, ähnlich den Ringen in einem Baum. Wie dicht beieinander die ersten liegen, die Zeit drückt sie zusammen, zwanzig Jahre lassen sich nicht mehr voneinander unterscheiden. Die neue Epoche hatte für sie begonnen. ... Das Bild von Arnaud mit seinem dick verbundenen Auge, die schweren Prellungen - diese Wunden erschienen ihr wie Zeichen. Sie markierten ihre ersten Lebensängste, die Furcht vor der Bösartigkeit, die Teil des Lebens war, für die es keine Erklärung gab, kein Heilmittel. Etwas ging um sie herum vor, sie begann es in den Straßen zu sehen, es war wie die Dunkelheit, sie war sich plötzlich ihrer bewußt, wenn sie kommt, dann kommt sie über alles. An Jivan bemerkte sie zum ersten Mal Dinge, die geringfügig waren, aber deutlich erkennbar, wie die schwachen Fältchen auf seinem Gesicht. ... Seine Selbstsicherheit war rein körperlich, darüber ging sie nicht hinaus, wie ein junger Mann, der in seinem Zimmer mit Hanteln trainiert; er war stark, aber seine Stärke war kindisch. Die Dinge hatten sich irgendwie verändert zwischen ihnen. Sie würde ihn immer gern haben, aber der Sommer war vorbei."

Die Dunkelheit kommt über alles, der Sommer war vorbei, und die Lichtjahre ebenfalls. Nedra erlebt nach ihrer Scheidung noch mancherlei, sie füllt ihre zahllosen freien Tage mit neuen Reisen, neuen Männern, neuen Erfahrungen. Auch Viri, etwas schwermütiger, schafft es noch bis Rom und in eine neue Ehe. Doch nichts ist, wie es einmal war. Als Nedra noch vor ihrem fünfzigsten Jahr dem Tod ins Auge blicken muß, resümiert sie:

"Ihr Leben war wie eine einzige schöne Stunde."

Ein Satz, der wie manch andere vorher schon, nun durchaus auch einmal die Zwischenfrage erlaubt, ob Salter mit seinem elegischen Gesang von Vergänglichkeit und Wehmut nicht allzusehr auf die Gefühlstube drückt, ob er nicht vielleicht sogar gelegentlich in bitter-süßen Kitsch abgleitet. So rundweg verneinen läßt sich das nicht, Ausrutscher kommen vor. Auch mutet es manchmal seltsam, fast komisch an, wenn Nedra und Viri schon in jungen Jahren mit einer Aura umgeben werden, als wären sie bereits ein von den Beschwernissen des Lebens tief in die Knie gezwungenes, todwundes Paar. Und manchmal erinnern auch die sonnenhellen Stilleben aus dem Dasein der beiden ein wenig zu sehr an geschmackvolles Lifestyle-Design, als würden hier einfach zu viele lichtdurchglühte, im Wind gebauschte Vorhänge die Lesersinne benebeln. Zugegeben: Hier liegen die nicht immer völlig entschärften Risiken des Buches. Doch können solche geringfügigen Mängel Salters eigentliche Intention und Leistung nicht wirklich in Frage stellen. Denn mit diesem fast lyrisch zu nennenden Roman ist ihm, auch wenn er dieses Konzept nicht als erster und einziger erprobt hat, dennoch etwas Außergewöhnliches gelungen: nämlich einen vielschichtigen Stoff in zahlreichen Facetten darzustellen und gleichzeitig alles von der ersten bis zur letzten Seite dem Bann einer einheitlichen Stimmung zu unterwerfen. Geradeso, als hätte er Baudelaire nacheifern wollen, einem anderen poetischen Melancholiker, der solche "Wirkungstotalität" sogar forderte und einst, angeregt durch Poe, folgendes schrieb: "Ich habe die Definition des Schönen gefunden - meines Schönheitsbegriffes. Etwas zugleich voller Trauer und voll verhaltener Glut, etwas schwebend Ungenaues, das der Vermutung Spielraum gibt."

Gegen Ende des Romans treffen wir Viri in Rom an, allein. Allerdings wird er sich noch einmal verheiraten, was, literarisch betrachtet, ein weiteres betörendes Trauerspiel ergibt. An dem Gefühl, daß sein Leben vorbei sei, ändert sich dadurch jedoch nichts.

"Viri war in Rom, er war langsam dorthin getrieben, so wie ein Fetzen Papier die Straße hinuntergeweht wird. Er wohnte im Inghilterra. Seine Kleider wurden gebügelt, die Zimmermädchen brachten seine Wäsche, obenauf seine sauber gefalteten Hemden. Die Mädchen hießen Angela, Luciana, Namen von sagenhaften Heldinnen. Das Zimmer war klein, das Bad groß, auf der Schwelle ein Streifen aus stark verfärbtem Messing. ... Im Flur rief Angela nach Luciana. Türen wurden zugeschlagen. Ein Portier seufzte."

Das ist er, der Salter-Ton, der uns im Ohr bleiben wird. Diese poetische Registratur der Gegenstände und Momente des Lebens: eine - trotz aller dadurch aufgerufenen Stimmungswerte - kalte Aneinanderreihung. In ihrer unangreifbaren Abfolge scheint sie sich fast zu einer harten Oberfläche zu schließen, an der die Figuren nur abrutschen können - ins Nichts.

Nach dieser späten Bekanntschaft mit James Salter, darf man nun mit um so größerer Spannung seine in den Staaten bereits erschienene Biographie erwarten.

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