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StartseiteCampus & KarriereJammern verboten23.08.2005

Jammern verboten

Wie eine Leipziger IT-Firma das Betriebsklima hebt

Der Ton macht die Musik, heißt es, und das hat sich ein junges Leipziger Unternehmen im IT-Bereich zum Prinzip gemacht. Positives Denken und die Abwehr des ganz alltäglichen Jammerns steigern hier das Betriebsklima und damit auch die die Produktivität. Seit drei Jahren verbietet die Geschäftsführung ihren Mitarbeitern per Klausel im Arbeitsvertrag das Meckern und Jammern in der Firma.

Von Alexandra Gerlach

Jammern gilt nicht! (Stock.XCHNG / Johnny Magnusson)
Jammern gilt nicht! (Stock.XCHNG / Johnny Magnusson)

Ich finde es einfach Spitze, dass in unserem Unternehmen das Meckern und Jammern nicht verbreitet ist, wie im täglichen Leben.

Kathleen Sochor ist seit vier Jahren fest im Team der aufstrebenden Leipziger Nutzwerk GmbH. Für sie war die Klausel im Arbeitsvertrag kein Problem, sie zähle ohnehin nicht zu denen, die ständig jammern und meckern, sagt sie. Ihre Kollegin Mira Giesen fügt hinzu:

Also viele Menschen ärgern sich über ganz unnütze Dinge, ich hab mich `früher auch über unnütze Dinge viel mehr geärgert, aber je mehr man darüber nachdenkt, dass es total doof ist, sich über solche Dinge zu ärgern, um so schöner ist es, zu merken, ah, jetzt ärger ich mich keine zwei Minuten mehr" lacht.

Mira Giesen ist 21 Jahre alt, und seit August in der Ausbildung bei der Leipziger IT-Firma. Sie sitzt am Empfang im sechsten Stock des Atrium-Bürohauses. Ein Empfang der wenig Kundschaft sieht, denn die im Betrieb gefertigten Sicherheitslösungen für Safer Surf, also sicheres Internet Surfen werden ausschließlich per Internet vertrieben. 90 Prozent der 16 Angestellten von Nutzwerk sind Programmierer, ohne direkten Kundenkontakt. Dennoch haben alle in Ihrem Arbeitsvertrag die Klausel unterschrieben, dass Meckern und Jammern in der Firma verboten ist:

Also am Anfang stutzt man schon,... meckern und Jammern verboten,.. was bedeutet das? Aber wenn man dann hier arbeitet, ist es toll, es ist produktiv.
Man erwischt sich doch manchmal, man schimpft eben doch mal, aber es bleibt bei einem Minimum. Wir sind alle bloß Menschen. Es ist wirklich so, wenn einer anfängt, zieht er alle mit runter, und ein Tag der voller Sonnenschein ist, ist wie ein Tag voller Regen.


Auslöser für die ungewöhnliche Klausel im Arbeitsvertrag war eine ehemalige Mitarbeiterin, die sich partout nicht mit der Firmenphilosophie abfinden konnte. Seitdem heißt es offiziell "Meckern und Jammern verboten". Die Geschäftsführung sieht sich bestätigt, Thomas Kuwatsch zweiter Mann in der Nutzwerk GmbH:

Die Mitarbeiter denken positiver. Wichtig ist einfach nur, wenn sie hier arbeiten, dass sie sich nicht hinreißen lassen, darüber nachzugrübeln,.... sondern einfach nach vorne schauen, und erledigt.

Doch wie weit reicht dieses Verbot? Und dürfen Programmierer, die am Ende einer tagelangen harten Arbeit vor einem Scherbenhaufen stehen, gar nicht schimpfen? Thomas Kuwatsch konkretisiert:

Wenn man eben diesen Ansatz einfach verfolgt und sagt, das kann ich jetzt eh nicht ändern, es ist eben so, es funktioniert nicht so, wie ich es mir noch vor einer Woche gedacht habe, ich leg noch mal los, und dann bin ich eben in drei Tagen fertig, und programmiere eben auch das Wochenende durch, und dann kann ich mich eben freuen, dass ich es geschafft habe, dass ich diese Herausforderung angenommen habe, und nicht einfach sagen, tja, dann geht es eben nicht anders, und ich muß erst mal drei Tage drüber grübeln, was ich jetzt mache.

Arbeitsrechtler sehen eine derartige Vereinbarung im Arbeitsvertrag, die schon irgendwie einen Eingriff in die Privatsphäre des Arbeitnehmers darstellt, mit gemischten Gefühlen. Die Leipziger Rechtsanwältin Marion von Sahr zweifelt, ob eine solche Klausel im Falle eines Falles vor Gericht Bestand hat:

Schwierig - ein Jurist sagt im Zweifelsfalle, es kommt darauf an, grundsätzlich kann Arbeitgeber und Arbeitnehmer vertraglich vereinbaren, worauf sie sich einigen, und natürlich können sie sich auch darauf einigen, dass Miesepetrigkeit verboten sein soll. Ob es am Ende, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich nicht mehr verstehen, durchsetzbar ist, und man diesen Mitarbeiter der doch Miesepetrig ist dann kündigen kann, das halte ich allerdings für sehr fraglich, aber nicht für unmöglich.

Nicht nur die Programmierer sehen die ungewöhnliche Klausel eher entspannt, Jens Piatrowski meint:

Aber, wir streiten durchaus, über konstruktive Dinge etwa,...und das steht ja auch explizit mit drin, in diesem Paragraphen, konstruktive Sachen sind erlaubt.

Und was passiert, wenn es überhaupt nicht geht, wenn der Tag mit dem falschen Bein beginnt, und auch danach alles schief läuft?

Dann bin ich eben etwas ruhiger. Also wenn es überhaupt nicht geht, dann bleibe ich zuhause, das ist aber noch nicht passiert, dass ich deshalb zuhause geblieben bin.

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