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StartseiteMusikjournalEin verrücktes Stück voller Liebe16.04.2018

Johannespassion in BilbaoEin verrücktes Stück voller Liebe

Johann Sebastian Bachs "Johannespassion" wurde im spanischen Bilbao auf die Bühne gebracht. Mit Laienchor und hochmotivierten Solisten stand in der szenischen Interpretation nicht die Erwartung der Erlösung im Fokus, sondern die Sehnsucht nach Trost.

Von Stefan Zednik

Ein steinernes Kreuz an der Kreuzung der Calle de Toledo und der Calle de los Cuchilleros im Zentrum der spanischen Hauptstadt Madrid. (imago / Mangold)
Das große Thema der Inszenierung in Bilbao: nicht die Erwartung der Erlösung, nicht der Voyeurismus auf Gewalt, sondern die Hoffnung auf und die Sehnsucht nach Trost. (imago / Mangold)
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Johann Sebastian Bachs Johannespassion Herrscherherr

Erik Nielsen: "Der Chor ist von der Operngesellschaft, die haben also - ich will nicht sagen Laien -, die kommen erst um acht Uhr abends, weil die arbeiten woanders tagsüber. Also das ist kein Opernchor wie in Deutschland, also feste Stellen, zehn bis eins, fünf bis acht jeden Tag. Ich habe zu denen gesagt, wir müssen benutzen, was die können, die haben diesen Zugang zur Oper und zu Verdi."

So wird derjenige, der auf einen lupenreinen, auf Glanz geputzten oder historisch informierten Chorklang hofft, vielleicht enttäuscht sein. Und doch entspricht solch Pragmatismus Bachs täglicher Praxis weit mehr als die Besetzung durch hochspezialisierte Chöre und Knabensoprane, wie sie heute vielerorts erwartet wird. Bach hatte ständig mit suboptimalen Bedingungen zu kämpfen, er war zum Beispiel wenige Tage vor der geplanten Uraufführung durch den Leipziger Rat gezwungen worden, den Aufführungsort zu wechseln, von der Thomas- in die Nicolaikirche umzuziehen. In Bilbao gehen die Erwartungen an den Chor, den wichtigsten Protagonisten der Johannespassion, in eine andere Richtung.

Laienchor und hochmotivierte Solisten

Wenn im Hintergrund Peitschenhiebe zu hören sind, so denkt man unwillkürlich an die Gewalt, die Jesus in der Passionsgeschichte angetan wird. Doch Gewalt gegen ihn ist im Laufe des Abends kaum zu erleben, Calixto Bieito bedient diese Erwartung nicht. Stattdessen ist es Pilatus, der, mit sich selbst im Unreinen, an der ihm zugewiesenen Rolle scheitert und sich selbst Schmerz zufügt. Es ist eine Gruppe von Suchenden, Zweifelnden, Leidenden, Hassenden und Hoffenden, die sich an dem fast zweistündigen Abend auf der Bühne versammelt. Neben dem sehr individuell geführten Chor wird dies durch sängerisch gute, darstellerisch hochmotivierte Solisten eindrucksvoll realisiert. Regisseur Calixto Bieito über die Entscheidung für die Johannispassion.

Ein verrücktes Stück voller Liebe, das mehr von Hoffnung als von Todesangst handelt, meint Bieito. Die Bühne seiner Inszenierung ähnelt einem modernen Konzertpodium, holzvertäfelt in heutigem Design. Ebenso aus dem Jahr 2018 stammen die Kostüme, privat und unauffällig, was übrigens auch die Mitglieder des auf der Bühne im Halbkreis angeordneten Orchesters betrifft. Jesus sticht ein wenig hervor, mit blütenweißem Hemd wirkt er wie das Model einer Modeserie, mit Potential zur Ikone. Und doch wirkt auch er wie ein Getriebener, eher das Opfer von übergroßen Erwartungen als das einer konkreten physischen Bedrohung.

Zerrissenheit von widersprechenden Gefühlen

Zu Beginn liegt er gekrümmt im Mittelgang des Parketts, Chor und Solisten blicken ihn von der Bühne aus an, eine einzelne Frau hält protestierend ein Schild in die Höhe, auf dem auf baskisch geschrieben steht: Wo ist Gott? Die Menschen sind, das wird sehr bald spürbar, zerrissen von widersprechenden Gefühlen, gespaltene Charaktere, bei denen die Sehnsucht nach Autorität und Freiheit, nach Geborgenheit und Expansion ständig gleichermaßen spürbar ist. Bieito gelingt es, diese Zerrissenheit in jedem Moment der Passion spürbar werden zu lassen.

Berit Norbakken: "Am Anfang habe ich gedacht, vielleicht Maria Magdalena das ist ja natürlich, aber später hab ich gesagt, nein es muss die Menschheit sein, dass diese Relationship mit Jesus und den Wunsch zur Nähe zu ihm."

Berit Norbakken, die Interpretin der normalerweise ohne spezifisches Charakterprofil versehenen Sopranpartie, steht in Bilbao zu Beginn gefesselt in der Mitte der Bühne, die Enden des Seils sind hoch an die Portale gebunden. Sie wird später befreit werden, doch wird sie auch frei?

Berit Norbakken: "Am Ende dann krieg ich ja die Hoffnung von seinem Tod, voller Schmerz aber trotzdem mit Hoffnung."

Sehnsucht nach Trost

Und das ist das große Thema dieser Arbeit: nicht die Erwartung der Erlösung, nicht der Voyeurismus auf Gewalt, sondern die Hoffnung auf und die Sehnsucht nach Trost. Bei Bieito, dessen Arbeit in Deutschland oft mit verengtem Blick auf seine mitunter schockierenden Bühnenmittel gesehen wird, überrascht diese Haltung.

Calixto Bieito stammt zwar aus einem katholischen Umfeld, kann mit der Institution Kirche jedoch wenig anfangen. Er glaubt aber an die Kraft einer permanenten Erneuerung durch künftige Generationen, trotz aller menschlichen Rohheit. So steht am Ende eine mutige, positive Geste: Eine hochschwangere Frau tritt aus dem Chor nach vorne, entblößt ihren Bauch, und das werdende Leben wird so zum letzten Protagonisten der Inszenierung. Doch es bleibt nicht bei dem klaren Zeichen, das auch allein stehen könnte. Calixto Bieito ist nicht der Mann ganz ungebrochener, naiver Wahrheiten. Und so erscheint nochmals der Erzähler, der Evangelist Johannes neben der Frau im Schlusstableau. Er hält – ein in seiner Ambivalenz phantastisches Bild – einen lebenden Adler auf der emporgereckten Faust. Das Symbol des Johannes, der durch die machtvollen Schwingen des Greifvogels in direktem Kontakt zu Gott und dessen autoritärer Weisung steht. Doch es bedeutet auch: Der tödliche Kampf um Leben und Liebe, um Glauben, Freiheit und Wahrheit – er wird weitergehen.

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