Donnerstag, 18.01.2018
StartseiteEine WeltJüdischer Israeli "ohne Religion"15.10.2011

Jüdischer Israeli "ohne Religion"

Trennung von Staat und Religion gefordert

Der israelische Schriftsteller Joram Kaniuk befürchtet, dass Israel zum jüdischen Gottesstaat wird. Ein israelisches Gericht bescheinige ihm den Status eines Juden "ohne Religion". Auch eine Bürgerbewegung kämpft für die klare Trennung von Staat und Religion.

Von Sebastian Engelbrecht

Die israelische Fahne (AP)
Die israelische Fahne (AP)

"Wir befinden uns in einer Zeit, in der dieser Staat in vier bis fünf Jahren ein Staat des jüdischen Religionsgesetzes sein wird. Wenn er ein Staat des jüdischen Religionsgesetzes sein wird, werden wir das Land am Ende verlassen müssen. Wir werden damit nicht leben können, wenn wir mit all diesem Schnickschnack herumlaufen müssen. Wir bewegen uns in Richtung einer Iranisierung."

Der israelische Schriftsteller Joram Kaniuk befürchtet, dass Israel zum jüdischen Gottesstaat wird. Der Anteil der Ultraorthodoxen und Nationalreligiösen an der Bevölkerung wächst unaufhaltsam. Schon heute sind 50 Prozent der Erstklässler Kinder aus ultraorthodoxen Familien. Spätestens jetzt sollten die nichtreligiösen Israelis gegensteuern gegen den wachsenden Einfluss der Orthodoxie in Israel, findet Kaniuk. Er fordert die Trennung von Staat und Religion.

"Ich glaube nicht an Gott. Und würde ich an ihn glauben, dann hätte ich ihn nach der Schoah eigens erschossen. Wenn er wirklich existieren sollte und er der Gott des Volkes Israels ist, wo war er dann, als Millionen jüdischer Kinder im Feuer verbrannten?"

Kaniuks Konsequenz: Er wandte sich im Mai an das Tel Aviver Bezirksgericht. Die Richter sollten erwirken, dass er sich beim Innenministerium als "religionslos" eintragen lassen könne. Das Innenministerium hatte dies abgelehnt. Dann aber kam Ende September der historische Richterspruch. Gideon Ginat vom Tel Aviver Bezirksgericht entschied, Joram Kaniuk könne sich beim Innenministerium als jüdischer Israeli "ohne Religion" registrieren lassen. Aus der Sicht des Richters ist es möglich, nur der jüdischen Nation, nicht aber der jüdischen Religion anzugehören. Die Freiheit von Religion leitet der Richter vom Recht auf die menschliche Würde ab.

Mit dieser Gerichtsentscheidung werden Staat und Religion in Israel klar getrennt. Das ist bislang nicht der Fall. Es gibt kein weltliches Standesamt. Heiraten können jüdische Israelis nur beim Rabbiner. Der Staat fördert die Ultraorthodoxen mit Stipendien und entbindet sie vom Wehrdienst.

"Ministerpräsident Netanjahu fordert, dass die Araber oder Palästinenser Israel als Staat der jüdischen Nation anerkennen müssen. Israel selbst erkennt aber nicht die jüdische Nation an, sondern nur die Nation, die von der Religion, durch Konversion zum Judentum abgeleitet wird."
Kaniuk kämpft gegen einen Staat, der sich faktisch als jüdisch-religiös definiert. Wie die Gründer des Staates Israel sieht er im zionistischen Staat eine weltliche Instanz. In der Auseinandersetzung mit dem israelischen Innenministerium, das von dem religiösen Minister Eli Jischai geführt wird, hat er gewonnen.

"Das Innenministerium ist das Ministerium der Schas-Partei, der Religiösen. Sie möchten die Reinheit der Rasse bewahren. Sie sind gegen Reformen und führen ihre privaten Kriege gegen Gastarbeiter. Es ist ein rechtsgerichtetes, faschistisches Ministerium. Aber sie mussten es akzeptieren. Ich ging also dorthin und unterschrieb die Urkunde, dass meine Nationalität jüdisch ist, ich aber nicht religiös und Israeli bin."

Die Gerichtsentscheidung zugunsten von Joram Kaniuk hat die säkularen Israelis ermutigt. Vor einer Woche trafen sich 200 Religionskritiker in einem leer stehenden Gebäude am Rothschild Boulevard in Tel Aviv – dort, wo von Juli bis September die Zeltstadt der Sozialprotestbewegung gestanden hatte. Ermutigt vom Erfolg der Protestdemonstrationen gegen hohe Preise und hohe Mieten forderten sie die Trennung von Staat und Religion. Sie unterzeichneten eine Erklärung, in der sie das Innenministerium auffordern, sie als "religionslos" registrieren zu lassen – wie Joram Kaniuk. Dessen Schriftstellerkollege Oded Carmeli versteht nicht, dass nach der Entscheidung im Fall Kaniuk jeder diese Eintragung noch einmal vor Gericht erstreiten muss.

"Jeder Mensch, der sich nach seinem Gewissen und seiner Sichtweise definieren möchte, muss sich an das Gericht wenden, Rechnungen bezahlen und einen Anwalt nehmen. Das kann Tausende Schekel kosten."

Oded Carmeli, 26 Jahre alt, findet, mit der Bewegung der Religionslosen sei ein "erster Riss in der Wand" des religionsorientierten Staates Israel entstanden.

"Ich hoffe, dass es etwas bewegen wird. Es ist ein Riss in der Wand. Es ist durchaus ein Riss in der Wand, wenn sich zwei Nichtreligiöse für eine standesamtliche Heirat eintragen. Diese Situation wird das ganze System herausfordern."

Es ist kein Zufall, dass die säkularen Israelis gerade jetzt den Religiösen mit neuem Selbstbewusstsein entgegentreten. Denn es war eine der zentralen Forderungen der Sozialprotestbewegung, die Privilegien der Religiösen im Staat abzuschaffen. Die Massenbewegung hat viele ermutigt, ihre Kritik an allen möglichen Grundfesten des Staates laut zu äußern.

"Heute gibt es nicht nur in Israel, sondern auch in New York einen Widerstand von Leuten, die sagen, dass die Politiker sie betrügen, dass die großen Redner sie betrügen. Das gilt auch im Blick auf das Rabbinat und alles andere auch. Wenn wir bei dem Beispiel in Israel bleiben, dann denke ich daran, dass die Zeltproteste mit nur zwei Zelten begonnen haben und auf 500 000 angewachsen sind. 500.000 – das ist eine große Zahl, und es handelt sich hauptsächlich um junge Leute, die sich mehr Freiheit wünschen und um diejenigen, die sich aussuchen möchten, wen sie heiraten."

Joram Kaniuk sieht die gesamte Sozialprotestbewegung als potenzielle Unterstützung für sein Projekt: für einen aufgeklärten jüdischen Staat, in dem jeder selbst entscheiden darf, ob er sich auch religiös als Jude versteht – oder nicht.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk