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StartseiteBüchermarktKalter Vater30.07.2008

Kalter Vater

Stefanie Geiger: Der Eisfürst, C.H. Beck Verlag

Die 1973 geborene Stefanie Geiger gehört zu jenen jungen deutschen Autorinnen, die sofort mit ihrem Debüt beeindrucken: Ihr Roman "Der Eisfürst" erzählt von einer Tochter-Mutter- und einer Tochter-Vater-Beziehung, in hochpoetischen Miniaturen, die sich ganz ungezwungen und leichtfertig in unser Empfinden hinein bohren. Ein Schreiben um das Verschwinden und das Kleinwerden, in Miniaturen und Vignetten, ganz wie bei Robert Walser.

Von Oliver Seppelfricke

Der Vater wird nicht nur  "Eisfürst" genannt, weil er eine Eisfirma besitzt.  (Stock.XCHNG / Dani Simmonds)
Der Vater wird nicht nur "Eisfürst" genannt, weil er eine Eisfirma besitzt. (Stock.XCHNG / Dani Simmonds)
<p>Da sitzen zwei am Küchentisch: Mutter und Tochter. Die jüngere, 31 Jahre alt, fragt die Ältere, die 54 ist, aus, wie denn alles gekommen ist?! Sie will die Geschichte der Mutter und ihres Vaters hören, doch die Mutter winkt schnell ab. Nach wenigen Zeilen ist die Mutter nur noch mit "m.M." abgekürzt. Das Verhältnis der beiden ist abgekühlt oder im Zustand des Obstes, das die Mutter in Schalen hortet, es ist in der "Überreife", wie es heißt, kurz vor dem Verwesen. Von Staub und Schimmel ist hier viel die Rede.<br /><br /><strong><em>Marianne</strong><br /><br />M.M. lernte Sven im Frühsommer 1971 in München kennen. Sie war gerade zweiundzwanzig geworden, trug vielleicht den knielangen roten Rock, der heute noch, in Plastikfolie eingeschweißt, in ihrem Schrank hängt, und eine weiße Bluse, die Haare am Hinterkopf zu einem Pferdeschwanzgebunden. Der Rock ist nicht so kurz, dass man sich danach umdrehen würde. Aber nach dem Rot drehte man sich um. Seit Jahresbeginn arbeitete m.M. in der Buchhandlung J. W. Reinhardt, spezialisiert auf Reiseliteratur und Fotografie. Fräulein Marianne nannten sie die Inhaber, ein Brüderpaar, einer J., einer W., das damals ungefähr so alt gewesen sein muss wie m.M. heute und mit einer verstaubten Traurigkeit hinter ihr herschielte. Morgens schlossen die Reinhardts den Laden auf, verschwanden im Hinterzimmer (m.M.: verdünnisierten sich, die zwei Zauseln) und sahen durch die geöffnete Tür zu, wie das Fräulein Marianne dies und das zurechtrückte, mit dem Finger Staub vom Goldschnitt teurer Editionen wischte und ungeduldig zwischen den Regalen auf die seltene Kundschaft wartete. </em><br /><br />Die Mutter, Jahrgang 1949, ist ein Nachkriegskind. Spuren der Vergangenheit versucht sie festzuhalten wie die eingeschweißten Röcke, andere Spuren dagegen will sie vollständig auslöschen. "Hör mir auf mit den alten Geschichten" heißt es dann, und das Gespräch zwischen Mutter und Tochter ist zu Ende, bevor es begonnen hat. Meisterhaft genau studiert Stefanie Geiger das Verhältnis ihrer Ich-Erzählerin und der alles beherrschenden Mutter. Manche Kapitelüberschriften sind am Anfang sogar in Klammern gesetzt, so als traute sich die Ich-Erzählerin nur vorsichtig und wie nebenbei überhaupt von etwas zu reden. So zum Beispiel davon, dass ihre Mutter manchmal den Verstand verliere und nicht mehr wisse, wer und wo sie sei. Oder ist das ganze in Klammern gesetzt, weil wir vielleicht der Erzählerin nicht trauen können?! Das Buch ist aus vielen solcher einzelnen kleinen Kapitel aufgebaut, die kaum länger als drei Seiten sind, manchmal geht es auch nur einen Absatz lang, und sie alle ergeben eine Art Kaleidoskop. Es sind mikroskopische Blicke auf das Verhältnis zweier Menschen, die Stefanie Geiger hier anstellt.<br /><br /><strong><em>" ... so glücklich</strong><br /><br />Je gezielter ich frage, desto weitläufiger verzettelt sich m.M. im Später und Danach. Mit dem Fingernagel knipst sie gegen die Hornknöpfe ihrer Strickweste: Entschuldige<br />bitte, wie war die Frage? M.M. kann höflich werden, wenn sie sich einen Vorteil davon verspricht. Manchmal keift sie aber auch nur: Was?, und dreht den Kopf weg<br />zum Fenster. Sie will mir weismachen, dass sie sich für etwas interessiert, das draußen vor dem Fenster geschieht. Aber da geschieht nichts. Es ist fast dunkel. Und es würde sie nicht interessieren. (...)<br />Außer den Blumen kaufte Marianne an ihren freien Samstagen frischen Bienenstich, gab die Bettwäsche zum Mangeln ab und besah sich im Vorbeigehen verstohlen die Auslage eines Miederwarenladens. Ihr Traum war, trotz aller Bemühungen<br />der Zeitgenossinnen, eine schwarzglänzende Korsage mit Satinbändern, deretwegen ihre Eltern sie aus dem Haus geworfen hätten, wenn dazu noch Gelegenheit<br />gewesen wäre. Dort, im Schaufenster, entdeckte sie eines Tages auch einen Mann, der hinter ihrem Rücken stand, und sah ihm dabei zu, wie er sie betrachtete. Und obwohl sie ihn nicht genau erkennen konnte, hatte sie doch das Gefühl, es könnte sich lohnen.</em><br /><br />Und ab hier wird es richtig kompliziert. Sven, so heißt dieser junge Mann, verfolgt die Mutter zwei Wochen lang, ohne auch nur ein Wort zu ihr zu sagen, und über ihn lernt sie auch dessen Freund Karmuel kennen, einen verkrachten Künstler, einen Schriftsteller. Karmuel hat ein Problem: Die Figuren, die er auf dem Papier erfunden hat, begegnen ihm im wirklichen Leben (so zumindest meint er es), und er kann sie nur loswerden, indem er sie auf dem Papier sterben lässt. Eine zwar uralte, aber dennoch aparte Idee, die wie der Stil der Autorin auch an das große Vorbild Robert Walser denken lässt: Stefanie Geigers Ich-Erzählerin erzählt eine Geschichte, in der die Geschichte von einem erzählt wird, über den man nur aus anderen Geschichten etwas weiß, es ist wie in einem Spiegelkabinett und die Figuren führen irgendwann einmal ein Eigenleben. Sie begehren auf gegen ihren Erfinder, die Ich-Erzählerin oder die Autorin:<br /><br /><strong><em>... und ihre Ursache</strong><br /><br />Es war nicht zu übersehen, dass es Karmuel schlecht ging. Auch Sven fühlte sich nicht besonders. Sein Unwohlsein wuchs proportional zu Karmuels immer deutlicher zutage tretendem Nicht-ganz-bei-sich-Sein. Marianne gegenüber gebrauchte Sven Adjektive wie: haltlos, abrutschend, ohnmächtig. M.M. erinnert sich genau daran, weil sie diese Adjektive im genannten Zusammenhang (oder nur aus Svens fortwährend lächelndem Mund) übertrieben fand.<br />Als Karmuel, nachdem er für zwei Tage verschwunden gewesen war, an einem trüben Donnerstagnachmittag wieder in den Sessel in Svens Wohnung zurückkehrte, beschloss Sven, der Sache auf den Grund zu gehen. Er besorgte einige Lebensmittel, verschloss vorsichtshalber während seiner Abwesenheit die Wohnungstür und häufte bei seiner Rückkehr die Einkäufe auf dem Küchentisch neben Karmuel auf, der weiterhin wort- und bewegungslos im Sessel saß und auf den Boden starrte. Dann begann er ein sehr aufwendiges Gericht zu kochen, schnitt Gemüse und Fleisch, sah gelegentlich zu Karmuel und sagte: Tja, oder: Na, mal sehen. Als das Essen fertig war, legte er ein paar alte Magazine in Karmuels Schoß, Ausgaben einer Fachzeitschrift für Physiker, die sein Vater für ihn abonniert hatte, und stellte darauf den heißen Teller. Nach ein paar Löffeln (von Sven mütterlich in den Erstarrten hineingelöffelt) sackte Karmuel weich in sich zusammen. Mit der schwach behaarten Rechten rieb er sich übers Gesicht wie einer, der eben aufgewacht ist. Sven lächelte, und nach ein paar weiteren Bissen rückte Karmuel tatsächlich mit dem heraus, was ihn so sehr beschäftigte, dass er verrückt zu werden drohte.</em><br /><br />Man weiß in Stefanie Geigers Debütroman nie so recht, wo die Wahrheit liegt. Oder wer gerade von wem erzählt? Ist es die Ich-Erzählerin? Die Mutter? Der Liebhaber? Oder der Künstler? Eine Figur gar? Oder erfindet die Tochter vielleicht sogar alles? Es macht den Reiz dieses kleinen, kaum 120-seitigen Buchs aus, dass es gekonnt die Schwebe der Ungewissheit behält, dass es inhaltlich wie auch stilistisch vage bleibt. Was ist wirklich passiert? Was ist erfunden, erlogen? Von wem? Wozu?<br /><br />Und auch wenn Stefanie Geiger nach der Hälfte ihres Buchs sich abrupt dem Vater zu- und von der Mutter abwendet, so geht doch das postmoderne Spielchen mit der fehlenden Glaubwürdigkeit der Erzählerin und des Erzählten weiter. Ab jetzt geht es nur noch um den verschwundenen Vater, den "Eisfürsten", der nicht nur so genannt wird, weil er eine Eisfirma besitzt, sondern auch, weil er so kalt ist wie die Mutter, seine ehemalige Ehefrau.<br /><br />Im Ganzen haben wir es also mit einer unterkühlten Geschichte zu tun, mit einer Art Kunstmärchen, aberwitzig verzettelt und doch souverän zusammengehalten - eine ordentliche Leistung für eine 35-jährige Erzählerin, die ihrer Erzählerin am Ende nur die eine Einsicht übrigläßt, dass es die eine wahre Geschichte nicht gibt. So haben wir es auch nicht erwartet, und so ist es dann, zu unserem Lesevergnügen, auch nicht gekommen...<br /><br /><strong>Stefanie Geigers Roman "Der Eisfürst" ist im Beck Verlag erschienen und kostet Euro 14,90.</strong></p>

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