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StartseiteCorsoKampf den Geheimdiensten19.03.2013

Kampf den Geheimdiensten

Syrische Rebellen und europäische Hacker vernetzen sich

Sie nennen sich "World Neighbor Hood": eine Gruppe europäischer Netzaktivisten, die syrischen Rebellen helfen, die Überwachung des Internets durch den Geheimdienst zu unterlaufen. Corso hat einen der Aktivisten in Chemnitz getroffen.

Von Johannes Nichelmann

Die Vorgängerorganisation von "World Neighbor Hood" hat ihre Arbeit beendet - zermürbt von den Geschichten aus dem Krieg.   (picture alliance / dpa - Jana Pape)
Die Vorgängerorganisation von "World Neighbor Hood" hat ihre Arbeit beendet - zermürbt von den Geschichten aus dem Krieg. (picture alliance / dpa - Jana Pape)
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Syrien vom Internet abgekoppelt

"Ich bin der Christian Neubauer, im Internet bekannt als "Neutrino". Meine offizielle Haupttätigkeit ist studieren. Ich studiere angewandte Informatik."

Der Laptop von Christian Neubauer wird gerade noch von ein paar schweren Klebebändern zusammengehalten. Der 25 Jahre alte Chemnitzer sitzt in seiner Küche. Neben dem Computer stehen eine Flasche Mate und ein voller Aschenbecher. Auf dem Bildschirm ist ein Chat geöffnet.

"Das normale Chatfenster bei uns ist eigentlich immer relativ voll, mit irgendwelchen Statusinformationen zwischendurch."

Ein Chat, der für alle zugänglich ist. Nichts wird protokolliert, alles ist anonym. Gerade sind Menschen aus Ägypten, Tunesien und Syrien online. Und europäische Netzaktivisten, wie Christian. Aktivisten der "World Neighbor Hood". Christian und seine Leute versorgen momentan vor allem syrische Rebellen mit Wissen, wie sie sich im Netz schützen können. Schutz vor dem Geheimdienst, der das Internet überwacht.

"Also der Stand vorher war, während der Revolution, sie haben versucht, soviel wie möglich Informationen natürlich zurückzuhalten, dass die im Land bleiben. Und wir haben versucht, soviel wie möglich an Informationen nach außen zu bringen. Das heißt, wir haben einfach mal eine Website geschaltet, wo Leute per alle möglichen Medien - ob das nun Handy war, per SMS, ob die angerufen haben, ob die sich im Chat verbinden konnten - da reinschreiben konnten. Einfach irgendeine Plattform zum Veröffentlichen. Wo sie nicht ihren Namen drunter schreiben müssen und riskieren müssen, dass ihnen was passiert."

Die Hacker bekommen vor allem Videos zugespielt, die seit Beginn der Konflikte immer wieder bei Youtube, ARD oder CNN auftauchen. Ihre Echtheit überprüfen sie nicht - sie leiten einfach weiter. Nie ist sicher, woher die Informationen stammen.

"Also das muss dann jeder für sich alleine tun. Wir schreiben drunter, wo es herkam. Da steht dann da "Passant" oder keine Ahnung. Die Videos sind nicht kommentiert bei uns. Es sind alle drin, die wir gefunden haben, die irgendwie zu uns gekommen sind. Und mehr machen wir nicht. Und damit haben wir, zum Glück gar nicht die Notwendigkeit zu bewerten, ob das richtig oder falsch ist."

Videos mit erschreckendem Inhalt. Menschen werden da beschossen oder gefoltert. Bildmaterial, das Christian oft zu erst in den Händen hatte. Er hat Gesichter verpixelt und die Metadaten entfernt, weil sie verraten könnten, wer das Video gemacht hat.

"Es ist mir ja mehr als einmal passiert, dass ich das Video durchgeschoben hab, durch die Firewall und dann ist es bei ARD gelandet. Weil es irgendjemand dahin weiter geschickt hat. Oder die ARD das wahrscheinlich bei uns gefunden hat oder jemand anders hat's bei "YouTube" dann weiter hochgeladen. Wir empfehlen ja auch immer allen Leuten, das überall, wo es geht, hochzuladen."

Die Hacker bauen Freundschaften zu den Menschen auf, mit denen sie chatten. Oft sind es junge Männer, um die zwanzig. Nächtelang geht es in den Gesprächen nicht nur um Politik und Revolution. Es geht um die erste Liebe, um Krach mit den Eltern oder die Sorgen um die eigene Zukunft.

"Ja, bis zu auch triviale Sachen. Dass sich einer bei uns im Chat ausgeheult hat, weil eine Freundin ihn verlassen hat, das haben wir alles miterlebt. Wir haben da wirklich die ganzen... so komplett, wie halt Nachbarschaftsgeschichten. Daher kam ja der WNH-Name. Auch, wenn er jetzt nicht besonders schön klingt. "World Neighbor Hood" - so ist das entstanden. Wir haben auch zusammen Partys gemacht. Wir haben Musik hier gespielt und haben die per Internet übertragen und haben dann zusammen Musik gehört und die kommentiert. In der großen Gruppe. War schon sehr schön. Was jetzt zurzeit nicht geht, weil die Leute einfach zu verstreut sind."

Und nicht selten kehren die Freunde aus der Ferne irgendwann nicht mehr zurück, erzählt Christian. Viele haben das Land verlassen, melden sich ab und an aus Flüchtlingslagern. Andere sind in den Krieg gezogen, haben sich den oppositionellen Truppen angeschlossen oder wurden getötet.

"Das ist real. Das ist vollkommen real. Das hat mit dem Bildschirm dazwischen gar nichts zu tun. Also ob ich nun jemanden anrufe, per Telefon oder ob ich mit ihm schreibe, per Chat oder eine SMS schreibe. Das ist für mich absolut das Gleiche. Das ist ein Kommunikationsmittel. Es kann sich jemand hier dreimal im Chat umbenennen. Ich erkenne den trotzdem wieder. Weil man einfach weiß, wie er schreibt. Genauso wie man weiß, wie seine Freunde sprechen und laufen."

Die "World Neighbor Hood" ist nicht die erste westliche Hackergruppe, die im arabischen Frühling in dieser Weise aktiv ist. Die Vorgängerorganisation, "Telecomix", hat ihre Arbeit beendet. Die Aktivsten waren zermürbt von den Bildern und Geschichten aus dem Krieg.

"Aber es ist wirklich naiv. Wir müssen den Leuten helfen, aber wirklich von der technischen Perspektive. Und dann fing das so Stück für Stück an, dass man immer mehr Psychologe wurde und den betreut hat und das zuhörende Ohr war und so was. Und man lernt doch auch selber dazu."

Christian versucht, auf sich aufzupassen. Ihm ist wichtig zu zeigen, dass sogenannte "Nerds" nicht nur vor ihrem Rechner sitzen und abstrakte Dinge tun, sondern das ihre Arbeit Menschen helfen kann, sich gegen ein Regime aufzulehnen.

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