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StartseiteUmwelt und VerbraucherKaschmir-Detektiv Dr. Phan01.04.2010

Kaschmir-Detektiv Dr. Phan

Gefälschtes Edelgarn zum Discountpreis enttarnt

Können Sie einen echten von einem falschen Kaschmirpulli unterscheiden? Ein vermeintliches Schnäppchen kann auch ganz normale Wolle sein - die mit einem Trick veredelt wird.

Von Ingo Wagner

Ziege, ja - aber nicht aus dem Kaschmir (Stock.XCHNG / Jon Ng)
Ziege, ja - aber nicht aus dem Kaschmir (Stock.XCHNG / Jon Ng)

"Ein Gefühl ist das auf der Haut.
Zart wie Butter. Den nehme ich."

Der Kaschmir-Pullover, der die Kundin so begeistert, fühlt sich nicht nur kostbar an. Luxuriös ist auch der Preis: Rund 600 Euro soll das edle Kleidungsstück kosten. Aber muss es wirklich so teuer sein? Anscheinend nicht. Denn ein Blick in die Schaufenster der Geschäfte zeigt: Kaschmir ist offenbar billig zu haben. Da werden Pullover, Schals oder Decken aus dem kostbaren Garn zu günstigsten Preisen angeboten – ein Pullover soll sogar nur 60 Euro kosten und doch zu 100 Prozent aus echtem Kaschmir bestehen. Da fragt sich der Kunde schon: Kann das wirklich sein? Ein Mann findet die Antwort heraus: Dr. Kim-Ho Phan. Seit 25 Jahren testet der Chemiker am Deutschen Wollforschungsinstitut Kaschmir auf seine Echtheit. Und zwar unter dem Elektronenmikroskop. Durch die enorme Vergrößerung kann der Experte echten Kaschmir von falschem unterscheiden.

"In der Regel bleiben wir bei tausendfacher Vergrößerung, das reicht vollkommen aus.""

Dr. Phan gilt heute weltweit als führender Experte für solche Tests. Ihm schicken die großen Handelsketten regelmäßig Proben: Denn bevor sie 50.000 Pullover aus Ländern wie China oder Italien einkaufen, wollen die Manager wissen, ob die Ware auch wirklich echt ist. Unter dem Rasterelektronenmikroskop entdecken die Experten in Aachen jährlich unzählige Fälschungen, sagt Phans Mitarbeiter Stefan Rütten.

""Je nach Saison ist es unterschiedlich. Es liegt circa zwischen 40 und 60 Prozent dieser Proben. Wobei diese Proben schon von den Einkäufern als kritisch angesehen wurden und darum auch hierhin geschickt wurden."

Trotz der vielen Tests ist die Rate gefälschter Kaschmirkleidung auf dem internationalen Markt enorm. Denn es gibt kein Gütesiegel, keine Kaschmirpolizei, die gefälschte Waren aus dem Verkehr ziehen würde. Bis zu 25 Prozent der weltweit gehandelten Kaschmir-Textilien sind nicht echt, schätzen Experten. Und diese Imitate sind inzwischen so gut, dass auch die Fachleute der großen Handelsketten sie nicht mehr erkennen können. Denn die Fälscher arbeiten mit allen Tricks, erklärt Kim-Ho Phan. Sie behandeln zum Beispiel normale Wollfasern mit Chlor, um sie glatter und dünner zu machen.

"Darüber hinaus kann man auch noch einen Polymerfilm auf die Faseroberfläche aufbringen, und danach fühlt sich die Wollfaser fast an wie Kaschmir."

Es ist also leicht, den Kunden bei einer Anprobe im Geschäft zu täuschen. Ob die Wolle des sich so weich anfühlenden Pullovers wirklich von einer Kaschmirziege kommt, wie sollen Kunden das so genau wissen? Im Aachener Institut für Wollforschung will Kim Ho Phan es genau wissen. Er legt eine nur 0,4 Millimeter große Probe eines vermeintlichen Kaschmir-Pullovers unter das Elektronenmikroskop. Auf dem Bildschirm erscheinen die Strukturen der Fasern in tausendfacher Vergrößerung. Sie sehen aus wie kleine, leicht gebogene Bambusrohre. Für Kim-Ho Phan ein klarer Fall.

"Was wir auf dem Bildschirm sehen ist eine Kaschmirfaser. Die Schuppen sind sehr dünn."

Bei normaler Wolle wären die vom Elektronenmikroskop vergrößerten Schuppen der Faser wesentlich dicker. Außerdem wären die Strukturen, die auf dem Bildschirm zu sehen sind, anders aufgebaut, sagt Stephan Rütten.

"Das wichtigste Kriterium ist die Oberflächentopografie der Probe. Das heißt also, die genaue Struktur, ob nun mosaikförmig für Wolle oder bambusförmig für Kaschmir."

Dank der Rasterelektronenmikroskope und ihrer Erfahrung ist es für die Wissenschaftler relativ leicht, Fälschungen zu erkennen. Und wenn das geschieht, stornieren die großen Textil-Handelsketten Aufträge bei den Verkäufern oder schicken die Ware zurück – für die Unternehmen bedeutet das oft Verluste in Millionenhöhe.
Trotzdem wird das Geschäft mit den Imitaten weitergehen. Denn mit den Fälschungen ist einfach zu viel Geld zu verdienen. Kim-Ho Phan:

"Ein Kilogramm Kaschmir kostet um 90-100 Dollar und ein Kilo Wolle nur fünf bis sechs Euro. Das ist ein Riesenpreisunterschied und natürlich verführt das zur Fälschung."

Und so werden Dr. Phan und seine Mitarbeiter am Deutschen Wollforschungsinstitut noch lange viel zu tun haben.

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