Kultur heute / Archiv /

 

Kein Frankreich-Bonus mehr bei der Literatur

Bilanz einer deutsch-französischen Verlegerkonferenz in Berlin

Von Cornelius Wüllenkemper

Gute Bücher sind gefragt. (dapd / Sebastian Willnow)
Gute Bücher sind gefragt. (dapd / Sebastian Willnow)

Das deutsch-französische Treffen von Belletristik-Verlagen beschäftigt sich mit Zukunftsfragen: Welche Veränderungen stehen durch das E-Book bevor? Und wie wird die Literatur des jeweils anderen Landes – auch als europäisches Kulturerbe – überhaupt wahrgenommen?

Frankreich, das Land der Existentialisten, Sozialutopien, engagierten Schriftsteller und glückliche Heimat von vermeintlich mehr Autoren als Lesern – das war einmal. Die Literatur unterliegt den gleichen Gesetzen und Gefahren wie jedes andere Produkt. Das digitale Buch, mit dem die Branche in Europa bisher noch nicht einmal ein Prozent des Umsatzes bestreitet, gilt vielen Verlegern als der größte Umbruch seit Erfindung des Buchdrucks. Dabei geht es um Marktgesetze und Steuersätze: Während bisher in Europa nur gedruckte Bücher einer reduzierten Mehrwertsteuer unterliegen, gilt das in der US-amerikanischen Heimat der großen E-Book-Anbieter wie Amazon-Kindle eben auch für digitale Publikationen. Ein klarer Wettbewerbsnachteil für den europäischen Kulturkontinent, so heißt es auf französischer Seite. Anfang des Jahres bereits hat das französische Finanzministerium gegen geltendes europäisches Recht die Steuer auf E-Books gesenkt – und fordert nun eine europaweite Absenkung, um der "amerikanischen Hegemonie" zuvorzukommen. Der deutsche Verleger Joachim Unseld, Leiter der Frankfurter Verlagsanstalt, sieht die Gefahr für den klassischen Buchhandel jedoch auch an anderer Stelle.

"Die Mehrwertsteuer, die sollte harmonisiert werden, reduziert werden, für alle Länder Europas. Aber das allein wird es nicht machen. Wir müssen ganz stark den stationären Buchhandel, wie man ja inzwischen sagt, also den, den wir kennen, unterstützen. Und in Deutschland sind wir da noch nicht so weit wie in Frankreich. Frankreich hat hier nämlich Steuermodelle und Kreditmodelle, die unseren Plänen so noch weit voraus sind."

Das Verlegerhandwerk und somit die Entdeckung guter Autoren und deren Vermittlung an die Leser, so Unseld, sei heute durch überzogene Rabattforderungen der großen Buchhandelsketten bedroht. Bald, so die düstere Aussicht, würden Verleger womöglich gar nicht mehr benötigt, wenn jeder Autor sein Buch als E-Book selbst verlegen und direkt an den Leser verkaufen könne. Auch in Frankreich haben es gerade kleine, unabhängige Verleger immer schwerer, ihre Bücher gewinnbringend zu verkaufen. Die Verlegerin Sabine Wespieser betreibt seit elf Jahren in Paris einen Kleinverlag für Literatur mit zehn Titeln im Jahr. Nicht das digitale Buch mache ihr Sorgen, sondern der wachsende Druck auf kleine Buchhändler, auf die sie als unabhängige Verlegerin angewiesen sei.

"Die Schwierigkeiten der unabhängigen Buchhändler hängen vor allem mit der Wirtschaftskrise zusammen. Wir verlieren immer mehr Leser. Zudem haben wir es in Frankreich mit stetig wachsenden Immobilienpreisen zu tun und viele Buchhändler können die Innenstadtmieten schlicht nicht mehr bezahlen. Außerdem leidet der Buchverkauf in Frankreich unter der exzessiven Überproduktion von Büchern: Damit die großen Verlagskonzerne rentabel laufen, müssen sie von einzelnen Titeln große Mengen absetzen. Qualitativ hochwertige Bücher können sie aber in solch großer Anzahl als Händler nicht verkaufen."

Während die Nöte der Literaturbranche in Deutschland und Frankreich ähnlich sind, hat man es dennoch mit unterschiedlichen Marktsituationen zu tun: Wo in Frankreich mit einem jährlichen Bruttoumsatz von 4,6 Milliarden Euro Verlagsprodukte das wichtigste kulturelle Exportgut des Landes sind, ist in Deutschland der Branchenumsatz mit neun Milliarden Euro fast doppelt so hoch. Diese Zahlen überraschen um so mehr angesichts der Tatsache, dass weiterhin mit rund 1000 Übersetzungen jährlich fast doppelt so viele Belletristik-Bände vom Französischen ins Deutsche übersetzt werden wie umgekehrt. Für Ulrike Ostermeyer vom Ullstein-Verlag ist dafür zum Teil die sogenannte "Eiffelturm-Literatur" verantwortlich: Unterhaltungsromane aus Frankreich, die mit gefälligen französischen Klischees deutsche Leser locken. Für hochwertige Literatur gelte dieser Frankreich-Bonus dabei längst nicht mehr.

"Es geht weniger darum, dass die deutschen Leser sich sagen: Oh, da ist was aus Frankreich, sondern darum, dass es einen bestimmten Nerv trifft. Und auch, wenn es nicht Literatur, sondern ein Sachbuch ist, ist Stéphane Hessel ein sehr gutes Beispiel. Es ist letzten Endes egal, woher Stéphane Hessel kommt. Er hat den Nerv getroffen. Er hat ein Thema, das ihm persönlich am Herzen liegt und das er mit einer Verve und einem Charme vertreten kann. Ich glaube, um was es im Wesentlichen geht, ist, dass er ein Thema getroffen hat, das die Menschen bewegt. Und das geht über die Grenzen hinweg."

Die Zeiten, in denen man in Deutschland mit akademischer Ehrfurcht die Werke französischer Literaten und philosophischer Freigeister las, sind vorbei, meint auch Jean Mattern, Lektor beim französischen Verlagshaus Gallimard. Der Sonderstatus der deutsch-französischen Kulturbeziehungen habe sich heute längst europäisiert.

"Es gibt im Grunde mittlerweile keine Regeln mehr, die uns ermöglichen, zu sagen, daraus wird ein Erfolg, daraus wird ein kommerzieller Schlager. Das sind ganz normale Beziehungen geworden. Wir kennen uns gut, wir lesen uns gegenseitig. Das ist wirklich immer wichtiger geworden in den letzten Jahren, dass wir von den nationalen Obsessionen wegkommen und sagen, wir wollen deutsche Literatur verteidigen oder französische Literatur – nein! Wir wollen einfach gute Bücher!"

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Tschechische KulturhauptstadtDie Achse Pilsen-München

St. Bartholomäus-Kathedrale auf dem Hauptmarkt in Pilsen.  (picture alliance / dpa / Daniel Kalker)

Die bayerische Hauptstadt und die Heimat des Pils verbinden nicht nur die Liebe zum Bier, sondern vor allem auch die Liebe zur Kunst. Dies wird jetzt in einer Ausstellung im tschechischen Pilsen deutlich. Seit Jahrhunderten verbindet die beiden Städte eine vielfältige Freundschaft.

Kultur heute Die Sendung vom 31. Januar 2015

Satirezeitschrift "Titanic"Das Humor-Kalifat verteilt weiter seine Fatwas

Logo der Satirezeitschrift Titanic (picture alliance / dpa / Robert Fishman)

Die erste Ausgabe des Satiremagazins "Titanic" nach den Attentaten auf die Redaktion der französischen Zeitschrift "Charlie Hebdo" zeigt: Die Macher bleiben sich treu. Es herrscht weiter aufmüpfige Albernheit. Nichts wird verschont: Weder der Islam noch diejenigen, die jetzt plötzlich Satire ganz toll finden.

 

Kultur

Berlin Graphic DaysAuf Kriegsfuß mit dem Establishment

Der Künstler Jim Avignon hat auf dem Innenhof des Tagesspiegels am 21.06.2014 in Berlin ein Wandbild gemalt. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Jim Avignon ist einer der bekanntesten deutschen Pop-Art-Künstler. Jetzt ist er das Aushängeschild der Berlin Graphic Days, wo am Wochenende Straßenkünstler, Illustratoren, Drucker und Grafiker aus aller Welt ihre Arbeiten zeigen und vor allem verkaufen wollen.

Kirche im KongoIm Kampf gegen die katholischen Hutu-Gotteskrieger

Ein bewaffneter Soldat steht auf einer Straße, um ihn herum Zivilisten. (dpa / picture alliance / Legnan Koula)

In der Demokratischen Republik Kongo nutzen die "Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas" (FDLR) religiöse Überzeugungen, um ihren brutalen Krieg zu rechtfertigen. Auch wenn in den letzten Jahren über 12.000 FDLR-Kämpfer entwaffnet und demobilisiert wurden, sind noch viele Extremisten übrig. Die katholische Kirche versucht, sie zum Aufgeben zu bewegen.

Siemens Musikpreis"Christoph Eschenbachs Musik spricht zum Hörer"

Christoph Eschenbach mit dem Taktstock vor dem NDR-Sinfonieorchester. (picture alliance / dpa - Olaf Malzahn)

Der Ernst-von-Siemens-Musikpreis zählt zu den bedeutendsten Kulturauszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Peter Ruzicka, Komponist und Jury-Mitglied, sagte im DLF, die Jury sei sich schnell einig gewesem, den Dirigenten Christoph Eschenbach auszuzeichnen. Er sei stets ein Ansprechpartner für die Neue Musik gewesen.