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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWenig Visionäres des Staatsgründers01.02.2016

Kemal AtatürkWenig Visionäres des Staatsgründers

Er ist auch heute noch allgegenwärtig in der Türkei, in Stein gemeißelt in heroischen Posen auf Marktplätzen oder auch nur als Büste über Schuleingängen: Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk. Doch der Eindruck täuscht, der Abschied von Atatürk ist längst eingeläutet. Es überwiegt eine historisierende Betrachtungsweise. Die nimmt "Atatürk. Visionär einer modernen Türkei" kritisch unter die Lupe.

Von Gunnar Köhne

Eine Statue des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atataurk auf dem Cumhuriyet-Platz in Kayseri. (picture alliance / dpa / Turkpix Ali Ozluer)
Eine Statue des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atataurk auf dem Cumhuriyet-Platz in Kayseri. (picture alliance / dpa / Turkpix Ali Ozluer)

Dem Titel nach scheint die Schrift "Atatürk. Visionär einer modernen Türkei" eine weitere unkritische Biographie des "Vaters aller Türken" zu sein. Doch das ist sie erfreulicherweise nicht - was daran liegen mag, dass Hanioglu seit 25 Jahren aus dem amerikanischen Princeton auf sein Heimatland schaut. Vielmehr handelt es sich bei der für die deutsche Ausgabe noch einmal überarbeiteten Fassung um einen kritischen Beitrag zu eben jener Historisierung Atatürks. Der geistige Werdegang und das politische Denken des Staatsgründers stehen im Vordergrund. So viel vorweg: Visionäres war wenig darunter. Dafür jede Menge wirre nationalistische Vorstellungen und Ideen, die später in dem mündeten, was man "Kemalismus" nennt.

Aber Atatürk war kein geborener Politiker, sondern zunächst Soldat. Aufgewachsen im kosmopolitischen Saloniki machte er eine militärische Karriere im dahinsiechenden Osmanischen Reich. Aus den Trümmern schuf Mustafa Kemal dann die Türkei. Er wollte sein Land zu einer "Zivilisation", und die im Land verbliebenen Muslime zu einer türkischen Nation formen. Ganz nach dem Vorbild Europas. Hanioglu, der wie so viele kritische Atatürk-Forscher vor ihm keinen umfassenden Zugang zu Atatürks Hinterlassenschaften bekommen hat, beschreibt ausführlich dessen Hinwendung zum Szientismus. Wissenschaftliche Methoden sollten die Regierenden leiten. Individualismus, Liberalismus und Sozialismus hielt er für Gift. Demokratie auch. Andere Parteien als seine eigene Volkspartei wurden erst nach seinem Tod zugelassen.

Mit seiner positivistischen Einstellung aber forderte er insbesondere den Islam im Land heraus. Immerhin war das damalige Istanbul Sitz des Kalifats der gesamten sunnitischen Welt. Beim Zurückdrängen des religiösen Einflusses ging Atatürk zunächst vorsichtig vor - indem er den Umbau des Landes mit Mohammed-Zitaten unterfütterte - später dann rabiat. Islamische Orden wurden verboten, renitente Würdenträger aufgeknüpft und das Tragen des Fes verboten. Doch er hatte für das Volk schon einen Ersatz für die Religion parat, wie Hanioglu nachzeichnet :

"Nach Mustafa Kemals Vorstellung sollte der Nationalismus die Religion ersetzen, und zwar durch eine radikale Umdeutung des Islam auf einer türkisch-nationalen Perspektive. ... Wie er später ... ausdrückte, war der Islam ein im Wesentlichen arabischer Glaube und ein Vehikel des arabischen Machtstrebens: ‚Auch die Türken waren eine große Nation gewesen, bevor sie die Religion der Araber annahmen.' Allerdings habe ‚die arabische Religion die nationalen Bande der türkischen Nation' gelockert."

Der von einem Komplex der Rückständigkeit angetriebene neue türkische Nationalismus trieb in der Folge absurde Blüten. So ließ Atatürk in Schulbüchern Thesen publizieren, wonach alle Völker, die jemals in Kleinasien gesiedelt hätten - einschließlich Sumerer, Hethiter und Griechen - von Türken abstammten. Ja, streng genommen die gesamte Menschheit. Wer das nicht glauben wollte, wurde schon zu Atatürks Zeiten aus dem Universitätsdienst entlassen. Man meint diesen Textabschnitten das Kopfschütteln des Autors anzumerken. Solche Sachen musste Hanioglu in seiner Kindheit wohl selber noch lernen.

Noch heute sprechen nationalistische türkische Politiker vom "yüce türk milleti", der hehren Nation der Türken; jeder Autobahnabschnitt und jede Brücke wird gefeiert wie ein türkischer Flug zum Mond. Eine gefährliche nationalistische Hybris, die kontrastiert mit der fortdauernden Rückständigkeit des Landes etwa im Bereich Bildung und Wissenschaft.
Nur am Rande erwähnt Hanioglu leider die blutigen Konsequenzen der türkischen Nationenbildung, nämlich die Vertreibung der vor allem christlichen Minderheiten. Auch wenn Atatürk selbst keine Beteiligung am Völkermord an den Armeniern nachgewiesen werden konnte, so musste er sich darüber im Klaren gewesen sein, dass die Ermordung und Vertreibung von einer Million Armeniern (und spätere Vertreibung von noch einmal so vielen Griechen) erst die Voraussetzung für die Schaffung einer reinen "Republik der Türken" war. Die im Land verbliebenen Minderheiten müssen bis heute beim Schulhofappell rufen, sie seien stolz ein Türke zu sein. Atatürk hat das so gewollt.

Die Verwestlichung des Landes hatte, daran erinnert Hanioglu, schon vor Atatürk in der letzten Phase des Osmanischen Reiches eingesetzt. Sultan Abdülhamit II. liebte die Oper und die schönen Künste. Und: Atatürk war kein Demokrat - auch wenn das kein nationaler Führer seiner Zeit war. Trotz dieser Einschränkungen stellt der Autor ihm ein anerkennendes Zeugnis aus:

"In der Rückschau lässt sich feststellen, dass Mustafa Kemal eine der größten Gesellschaftsreformen der Neuzeit angestoßen hat. Nicht nur als Staatsmann, sondern auch als autodidaktischer Denker hat er eine immense Arbeit in die intellektuelle Vorbereitung dieses Großprojekts investiert. Als Autodidakt war er ein wenig wählerischer ‚Allesfresser', der Ideen aus allen möglichen Bereichen unsystematisch miteinander verknüpfte. Dabei beschäftigte er sich mit so unterschiedlichen Themenbereichen und Konzepten wie Geschichte und Sprache, Nation und Rasse, Religion und Naturwissenschaften. Er gelangte zu Schlussfolgerungen, über die er dann mit seinem engsten Gefolge diskutierte; oft geschah dies bei ausgedehnten Abendessen, die sich bis weit in die Nacht zogen."

Und bei denen viel vom Anisschnaps Raki getrunken wurde. Atatürk starb im Alter von nur 57 Jahren an einer Leberzirrhose. Die von ihm konstruierte Ersatzreligion Kemalismus, ein autoritärer, bevormundender Säkularismus, erwies sich als zu schwach für das 21. Jahrhundert. Nun regieren die Religiös-Konservativen wieder das Land. Auf echte Demokratie warten die Türken derweil weiter. Man kann dem Buch eine Übersetzung ins Türkische nur wünschen.

M. Sükrü Hanioglu: "Atatürk. Visionär einer modernen Türkei", Konrad Theiss Verlag, 2015, 312. Seiten

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