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StartseiteKultur heuteKindermord am Paraná11.03.2009

Kindermord am Paraná

Praktiken der Kindstötung unter den indigenen Einwohnern

In Brasilien ist eine Debatte um Kindstötungen entbrannt, die bei mindestens dreizehn Indianerstämmen des Landes noch praktiziert werden. Kinder, die mit Behinderungen zur Welt kommen, dürfen bei diesen Stämmen durch Vergiften, lebendiges Begraben, durch Bogenpfeile und andere Methoden getötet werden und weiße Indioforscher sehen dabei tatenlos zu.

Von Klaus Hart

Bei mindestens 13 Indianerstämmen werden jährlich Hunderte von Kindern getötet. (AP Archiv)
Bei mindestens 13 Indianerstämmen werden jährlich Hunderte von Kindern getötet. (AP Archiv)

Der Kongressabgeordnete Henrique Afonso stammt aus Amazonien, zählt zur regierenden Arbeiterpartei von Staatschef Lula und ist zudem Presbyterianerpastor. Nach seiner Ansicht müssen die universelle UNO-Menschenrechtsdeklaration sowie internationale Abkommen über den Schutz des Lebens endlich auch für alle Indianerkinder Brasiliens gelten. Indiobabys nur deshalb zu töten, weil sie Mädchen sind, weil sie mit einem Hautfleck oder einem gewöhnlich längst heilbaren Geburtsfehler zur Welt kommen, nennt Afonso ein barbarisches, schändliches Verbrechen, ebenso wie erzwungenen Sex mit Indiomädchen sogar unter zehn Jahren.

"Bei mindestens 13 Indianerstämmen werden jährlich Hunderte von Kindern durch Vergiften, lebendiges Begraben, durch Bogenpfeile und andere Methoden getötet. Da es sich um Praktiken handelt, die bei diesen Stämmen gesellschaftlich akzeptiert sind, sieht mein Gesetz keine Bestrafung der beteiligten Indios vor, jedoch von Weißen, die von vorgesehenen Tötungen wissen und nicht eingreifen. Denn heute gibt es kaum noch Indiodörfer ohne Mitarbeiter der staatlichen Indianerschutzbehörde FUNAI, des Gesundheitsdienstes FUNASA - ohne Anthropologen, Priester und Missionare. Zudem darf der Beginn des Sexuallebens bei Indianerkindern nicht länger erzwungen werden, denn schon Indiomädchen im Alter von acht, neun Jahren sind betroffen."

Afonso nennt es eine unglaubliche Scheinheiligkeit, dass derartige Indiotraditionen von Anhängern sogenannter politischer Korrektheit über viele Jahrzehnte versteckt, unter der Decke gehalten wurden. Am jüngsten Weltsozialforum in Nordbrasilien nahmen zwar mehrere tausend Indianer teil, doch das Thema Kindermord und Pädophilie bei den Stämmen blieb dennoch tabu. In Brasilien reagieren gerade weibliche Indioforscher teils regelrecht geschockt, wenn man sie auf politisch unkorrekte Tatsachen aus der Indianerkultur anspricht.

Edgar Rodrigues vom Stamme der Barè ist Chefadministrator der staatlichen Indianerschutzbehörde FUNAI in Amazonien und nennt die Kindstötung unter Indios etwas Natürliches:

"Ein Kind mit Behinderungen, mit Mängeln würde aus deren Sicht nicht für die Arbeit hier auf der Erde nützen, hätte nicht alle Potenzen für den Dienst an der Gemeinschaft. Und damit dieser Mensch nicht das ganze Leben leidet, praktizieren sie diese frühe Euthanasie. Sie ist nicht nur bei den Yanomami, sondern auch bei anderen Stämmen Amazoniens üblich. Sex mit acht, neun Jahren ist sicherlich sehr früh, für Weiße abnorm und strafbar, aber in der Kultur der Apuriná-Indios eben erlaubt. Laut Kinderstatut handelt es sich um sexuellen Missbrauch. Doch das Statut wurde von Weißen geschaffen, ohne die Indianer zu hören und deren Kultur zu respektieren."

Katholische Missionare in Amazonien sind Zeugen des Kindermords, nennen ihn einen gewaltigen Kulturschock, intervenieren aber nicht. Brasilianische Rechtsexperten fordern seit langem, die Mütter dafür zu bestrafen.

Saulo Feitosa, Vizepräsident des bischöflichen Indianermissionsrates, protestiert indessen gegen ein Verbotsgesetz:

"Wir meinen, eine Kriminalisierung des Infantizids ist nicht gerechtfertigt. Vom Gesichtspunkt unserer Moral sind wir gegen den Infantizid, aber wir können die Indianer deswegen nicht anklagen. Viele unserer Missionare sind Zeugen des Infantizids und leiden sehr darunter. Die katholische Kirche setzt den Infantizid derzeit nicht auf die Tagesordnung. Andere Kirchen stellen ihn zur Diskussion, ebenso wie die bei den Indios übliche Abtreibung."

Kürzlich wird das Indianermädchen Hakani mit ihren weißen Adoptiveltern vom Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz in Brasilia empfangen, überreicht ihm Beweismaterial über die indianischen Kindermordpraktiken. Hakani wächst die ersten Lebensjahre nicht rasch genug, wird deshalb nach Stammessitte lebendig verscharrt. Glücklicherweise hört jemand das Wimmern, gräbt sie wieder aus, nichtkatholische Missionare retten Hakani mit ärztlicher Hilfe das Leben. Brasiliens Bischofskonferenz scheint erstmals bereit, das ungeliebte Tabuthema zu diskutieren.

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