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StartseiteBüchermarktKindheit und Fanatismus05.04.2011

Kindheit und Fanatismus

Giorgio Vasta: "Die Glasfresser". Deutsche Verlagsanstalt

Giorgio Vasta zeichnet in seinem Buch die Genese der Gewalt, verkörpert durch einen elfjährigen Jungen, der von den Roten Brigaden inspiriert den Weg der Gewalt geht - bis die Liebe ihn aus dieser Sackgasse befreit.

Von Melissa Beyel

Die Sehnsucht des Lesers nach kindlicher Einsicht wird in Vastas Buch nicht erfüllt. (Stock.XCHNG / Brano Hudak)
Die Sehnsucht des Lesers nach kindlicher Einsicht wird in Vastas Buch nicht erfüllt. (Stock.XCHNG / Brano Hudak)

Palermo im Jahre 1978 - der elfjährige Nimbus, wie er sich selbst nennt, sieht sich mit einem zunehmend verfallenden Italien konfrontiert. Umgeben von Menschen, die einen Dialekt sprechen, den er nicht versteht, kann er sich mit seiner Umwelt nicht identifizieren. Durch die Nachrichten erfährt der Elfjährige von der Gruppe der Roten Brigaden, die Italien 1978 durch Terroranschläge verunsichert. Gemeinsam mit seinen beiden Klassenkameraden Scarmiglia und Bocca beginnt er, der Faszination dieser Terrorzelle zu verfallen und sich immer tiefer in die Ideologie dieser Gruppierung hineinzuversetzen. Denn auch seine beiden Freunde können die Trägheit der Italiener nicht weiter ertragen. Sinnierend über die Existenz des Menschen und das politische System Italiens, beginnen die drei Kinder, sich genau über die Vorgehensweise der Terrororganisation in Kenntnis zu setzen. Nachdem die Nachrichten vom Mord an Aldo Moro berichten, fühlen sich die Jungen dazu berufen, ebenfalls etwas gegen die träge Gesellschaft Italiens tun zu müssen.

Giorgio Vasta, geboren 1970 in Turin, beschreibt in seinem Debütroman die psychologische Entwicklung des Fanatismus. Er setzt seinen Protagonisten Nimbus in eine Zeit, in der die Unruhe und Unzufriedenheit der Italiener deutlich spürbar war. So deutlich, dass selbst Elfjährige diesen Zustand spüren, verinnerlichen und ändern wollen. Doch wo man kindliche Rebellion erwartet, wird man in diesem Roman bitter enttäuscht. Die drei Jungen entwickeln sich zu Kämpfern. Sie disziplinieren sich und ihren Körper bis ins kleinste Detail, erfinden ein "Alphastumm", um der leeren Sprache ihrer eigenen Gegenwart zu entkommen. Doch damit nicht genug. Es braucht mehr, um das italienische Volk aus der Apathie zu wecken. Das Rasieren der Schädel ist der erste Schritt in die Veränderung. Sie geben sich Kampfnamen, von nun an sind sie Genossen. Was dann folgt, ist eine Klimax der Gewalt: Zunächst verbrennen sie Schulhefte, wollen ihrer Stadt Palermo zeigen, dass es auch dort jemanden gibt, der verändern will, der die Stagnation nicht akzeptiert. Sie hängen Puppen an öffentlichen Plätzen auf, um zu schockieren. Ihre Gruppierung nennen sie NOI, und durch ihre Bekennerschreiben wird den Bewohnern Palermos bald klar, dass diese Anschläge ernst zu nehmen sind. Mit der Zerstörung von Materiellem reicht es den Jungen schnell nicht mehr. Bei der Explosion eines Autos, die die Gruppe initiiert hat, werden einige Jugendliche verletzt. Doch auch das genügt den präpubertären Halbwüchsigen nicht. Sie entführen einen Klassenkameraden, um den Ernstfall zu proben. Dieser tritt bald ein, denn der Junge stirbt. Wo anfangs nur die Forderung nach Veränderung im Kleinen war, wollen Nimbus und seine Kameraden jetzt nicht nur Palermo, sondern das ganze Land erreichen. Die nächste geplante Aktion weiß Nimbus jedoch im letzten Augenblick zu verhindern, weil er sich auf die Seite der Liebe stellt.

Mit einer kraftvollen, reinen Sprache gelingt es dem Autor, dem Leser sehr eindrucksvoll vor Augen zu führen, wo Gewalt und Radikalität entstehen. Nämlich in Vorstadtfamilien, die ein scheinbar ganz normales Leben führen. Dass der Ich-Erzähler Nimbus sich der Welt nicht zugehörig fühlt, wird gleich zu Beginn klar. Seine Familie nennt er nur "den Stein", "die Schnur" und "den Lappen". Auch mit den Menschen in seiner Umgebung kann er nichts anfangen, sie sprechen Dialekt, er versteht sie nicht und nutzt sein reines Italienisch, um sich abzugrenzen. Die Welt, die er im Fernsehen sieht, verstört ihn, sie macht ihn durch ihre oberflächliche und leere Sprache wütend. Er ist auf der Suche nach etwas Existenziellem, etwas Wahrem und Unverfälschtem. Durch sein Interesse an der Zeitpolitik findet er es auch bald, verkörpert durch die linke Organisation der Roten Brigaden. Zusammen mit seinen Freunden analysiert er ihren Sprachgebrauch, obduziert jedes Wort, jede Phrase, mit dem Ergebnis, dass auch sie etwas gegen den fehlenden Aktionismus Italiens tun müssen. Mit jedem weiteren Schritt auf der Leiter der Gewalt werden seine Reflexionen über ihn selbst, sein Handeln, seine Umgebung, distanzierter und mechanischer. Er zerlegt die Dinge in ihre organischen Bestandteile, betrachtet sie ohne Emotion. Für ihn ist die Infektion des Volkes mit der Krankheit des Aktionismus oberstes Ziel geworden. Durch die Infektion will er frei sein. Auch seine Freunde nehmen diese Ambition sehr ernst. Besonders schockierend ist der Tod des Klassenkameraden. Die Jungen fühlen ihr Ziel perfektioniert, sie finden die Gefühle beim Töten, dass ihnen in ihrem Leben fehlen: Macht, Bestätigung, Zufriedenheit. Durch diesen Erfolg beflügelt, soll es weiter gehen, bis Nimbus eines Tages feststellt, dass es in seinem Alphastumm keine Geste für Liebe gibt. Für ihn die Erkenntnis, aus der Obsession der Gewalt auszubrechen und wieder Kind sein zu wollen.

"Die Glasfresser" ist ein verstörender Roman über Kindheit und Fanatismus. Sprachgewaltig, manchmal kaum erträglich. Vasta zeichnet die Genese der Gewalt, verkörpert durch einen elfjährigen Jungen, der nüchtern über die Materie der Welt reflektiert und doch nur durch die Sehnsucht nach Hoffnung, nach einem Sinn gesteuert ist. Die Sehnsucht des Lesers nach kindlicher Einsicht wird hingegen nicht erfüllt. Man empfindet einen Erwachsenen, der die Dinge der Welt kennt und sich auf seine Lebenserfahrung beruft. Diese Ironie macht den Roman so besonders und zugleich tragisch, denn Kind sein darf und kann Nimbus nicht.

Ein beeindruckendes und zugleich bedrückendes Buch, das die Hoffnungslosigkeit einer Zeit widerspiegelt, in der man sich ohnmächtig gefühlt haben muss, in der Gewalt das einzige Mittel zur Veränderung war. Was sich zunächst richtig und erleichternd anfühlt, stellt sich am Ende doch als radikale Fehleinschätzung heraus. Gewalt entwickelt sich in den Köpfen der Kinder ganz ohne Ziel, ohne Emotion. Wie soll man den Kindern gegenüberstehen? Kann man sie verstehen, ihr Handeln nachvollziehen? Die Frage nach dem Richtig oder Falsch lässt Vasta offen. Und erreicht somit das Ziel dieses Buches: die Reflexion über Werte, die auch heute noch aktuell sind: Moral, Kindheit, Gesellschaft. Dass sich diese drei Begriffe nicht so leicht in Einklang bringen lassen, beschreibt Vasta eindrucksvoll. Ein Faktum, das auch heute noch große Bedeutung hat.

Giorgio Vasta: "Die Glasfresser". Deutsche Verlagsanstalt

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