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StartseiteBüchermarktKindheitserinnerungen aus Rumänien24.09.2009

Kindheitserinnerungen aus Rumänien

Herta Müller: Die Nacht ist aus Tinte gemacht, supposé Berlin

Von ihrer Kindheit auf dem rumänischen Land und der unterjochten Existenz im Sozialismus erzählt Herta Müller auf der CD "Die Nacht ist aus Tinte gemacht". Ein eindrückliches biografisches Zeugnis einer großen Autorin und großen mündlichen Erzählerin.

Von Florian Felix Weyh

Kinder in Rumänien. (AP Archiv)
Kinder in Rumänien. (AP Archiv)

Ich habe nie Mitleid gehabt mit Tieren. Ich habe überhaupt nicht daran gedacht, dass einem Tier etwas wehtut. Weil ich mit einer solchen Selbstverständlichkeit in dieser Welt stand. Also eine Spinne totzutreten oder Beine abzureißen und schauen, wie lange sie zappelt oder einen Schmetterling auf die Nadel ... oder wir haben sogar kleine Vögel aufgeblasen. So nackte Vögel, einen Strohhalm in den Hintern und dann hineingeblasen, dass sie platzen. Das hat mir überhaupt nichts ausgemacht.

Diese grausame Welt heißt Nitzkydorf, liegt im rumänischen Banat und ist im Geburtsjahr Herta Müller 1953 noch ein weitgehend archaisches Bauernuniversum, dessen Zyklen vom Werden und Vergehen die kindliche Perspektive prägen. Menschen, reimt sich die kleine Herta zusammen, werden in Erde begraben, auf der alsbald Pflanzen siedeln. Also sind Pflanzen keine friedlichen Naturschönheiten, sondern Fleischfresser: Der Mensch existiert nur, um den Pflanzen als Nahrung zu dienen.

Ich hab mich gewundert, dass meine Eltern und all diese Leute auf dem Feld sich so diesem Ort zur Verfügung stellen. Dass sie sich so von diesem Eingeweide der Pflanzen in diesen Feldern, dass sie sich so von denen das Leben fressen lassen. Ich hab immer gedacht, im Maisfeld wird man alt. Und zwar, weil die Felder so groß waren, diese sozialistischen Felder hatten ja kaum einen Rand, also man konnte tagelang in dem gleichen Feld Mais brechen oder hacken, und da hab ich immer gedacht: Wenn man herauskommt, ist man alt!

Alt zu werden auf dem Dorf, war für Herta Müllers Großeltern und Eltern noch ein normales Schicksal, und die historische Erfahrung lehrte sie zugleich, dass anderes kaum erstrebenswert sein konnte. Denn:

Die Gelegenheiten, bei denen man das Dorf verließ, waren immer ein Unglück ... ein großes Unglück!

Zweimal ein großer Krieg, der die Männer des Dorfes verschlang, dann die russische Deportation, die vornehmlich junge Frauen betraf. In den 50er-Jahren haben sich die Verhältnisse oberflächlich verbessert, doch spürt das Kind allenthalben den lastenden Druck der unterjochten Existenz im Sozialismus. Der trinkende Vater, der Großvater, ehemals selbstständiger Getreidehändler, beide sind sie gebrochene Männer. Kehrt die Großmutter von den Kolchosefeldern zurück, entspinnt sich ein schmerzlicher Dialog:

Dann hat mein Großvater gefragt: "Wo warst du heute?" Und dann hat sie gesagt da oder dort, also auf dem Katzenbuckel oder hinterm Friedhof oder wo eben das Feld war. Dann hat er gesagt: "Was wird dort jetzt angebaut?" Darauf hat sie schon gar nicht mehr geantwortet. Dann hat sie gesagt: "Vater, lass das sein, es gehört uns nicht mehr!"

Entwurzelung als Herrschaftsprinzip der Diktatur - das ist der Tenor von Herta Müllers freimütig ins Mikrofon erzählten Kindheitserinnerungen. Eine Entwurzelung, die sich bei ihr auf mehreren Ebenen fortsetzt, zunächst beim schulisch bedingten Wechsel in die Stadt.

Also, ich musste meine hässlichen Dinge in der Stadt anziehen und die etwas besseren, schöneren Sachen für Zuhause auf dem Dorf lassen, wo man mich kennt. Ich fand mich sowieso schon unterlegen, und natürlich hatten die Städter auch andere Kleider, und das alles hat mir den Eindruck vermittelt, dass ich dieser Stadt, diesem Asphalt nicht gewachsen bin.

Später dann, als der Geheimdienst sie observiert, wird aus der lebenslangen Angst, die schon in Kindertagen aufkeimt, ein manifester Lebensüberdruss: der Wunsch, nicht mehr da zu sein, weil eine Abwesende von niemandem mehr drangsaliert werden kann. Suizid? Das wäre zu weit gegriffen. Aber:

Ich hätte gerne gehabt, dass es von sich aus geschieht, dass es einfach so ist: Es gibt mich jetzt nicht mehr. Aber es ist ja nicht möglich. Wenn man aus dem Leben heraus möchte, weil man es nicht mehr aushält. Ich wollte ja gar nicht tot sein, aber ich konnte das Leben nicht mehr ertragen. Das ist ja was ganz Anderes.

Es sind zwei dunkle Stunden, die Herta Müller in "Die Nacht ist aus Tinte gemacht" ihren Zuhörern beschert, freilich auch faszinierende Stunden. Denn über allem liegt der Zauber einer Sprache, wie sie in der deutschen Hörbuchlandschaft selten zu vernehmen ist. Vor allem die metaphorischen Eigengewächse des Dorfjargons lenken unsere Aufmerksamkeit auf sich:

Ich finde das Wort "Leib-und-Seel-Gewand" schön. Das ist ja Poesie! Also dass man, nur weil ein Kleidungsstück in einem ist, dass man dann meint, weil es von oben nach unten geht, dass es die Seele auch einpackt oder dass es die Seele wärmt, und dass das zusammengehört, dass einem in diesem Kleidungsstück nichts passieren kann …

... das ist schon außerordentlich tröstlich, wo die Umgebung selbst hart und trostlos daherkommt. Sprache kann retten, so die Botschaft, sie kann Refugien schaffen, wenngleich sie auch beklemmende Bilder malt; etwa jenes, das für den Hörbuchtitel Pate stand:

Es gab eine Veranda, die war mit Weinreben, mit wildem Wein zugewachsen. Die hießen "Tintentrauben". Der wilde Wein hieß "Tintentrauben". Und das war auch meine Assoziation zur Tinte, dass man in der Nacht von der Tinte ertränkt wird. Ich kannte ja sonst keine Tinte oder sie hat mich nicht beschäftigt, sondern dass die blauen, dunkelblauen, schwarzblauen Trauben, die haben immer die Hände so verfärbt und das ging tagelang nicht aus der Haut raus. Und ich dachte immer, die Nacht ist aus diesem Saft, aus diesen Trauben gemacht!

Viele Kindheiten auf dem Lande mögen sich - abzüglich der rumänischen Eigenheiten - vor 60 Jahren ähnlich angefühlt haben wie die von Herta Müller in Nitzkydorf. Doch so darüber reden und sich derart in Details vertiefen, das vermögen nur wenige. Dem mutigen Berliner Label "supposé" sei Dank für dieses eindrückliche biografische Zeugnis einer großen Autorin und großen mündlichen Erzählerin.

Es ist schon seltsam, was man so alles wie im Kopf herumschaukelt. Es ist schon seltsam.

Herta Müller: "Die Nacht ist aus Tinte gemacht"
Herta Müller erzählt ihre Kindheit im Banat
2 CDs, supposé Berlin, 115 Minuten

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