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StartseiteBüchermarktKlassische Verse mit einer neuen Tonalität11.12.2007

Klassische Verse mit einer neuen Tonalität

Durs Grünbein im Gespräch

Der Dichter Durs Grünbein hat die Einschätzung der "FAZ", ihm fehle die Sprachmusikalität, als "baren Unsinn" zurückgewiesen. Da er auch das prosaische Element im Vers im Blick behalte, also die Möglichkeit der Unterbrechung und des Stakkato, könne seine Dichtung zwar als "gegen den Ton gesetzt" erscheinen. Das als unmusikalisch zu bezeichnen, sei aber "Quatsch".

Moderation: Martin Krumbholz

Der Schriftsteller Durs Grünbein (Archivbild aus dem Jahr 1995) (AP Archiv)
Der Schriftsteller Durs Grünbein (Archivbild aus dem Jahr 1995) (AP Archiv)

Martin Krumbholz: Gott sei Dank, der Dichter versteht also Spaß. Nun denn, dann fragen wir, ohne uns als Präzeptor zu verstehen, frisch von der Leber weg! In den "Venezianischen Sarkasmen", einem der größeren Zyklen des Bandes, heißt es: "Schau sie dir an, diese Typen, die täglich den Campo passieren: Gondolieri, Kellner, Verkäufer ... Keiner hat was zu verlieren. Priester, Barbiere, Straßenmaler, jeder beherrscht seinen Trick." Ließe sich da nicht auch der Dichter einreihen - beherrscht nicht auch er seine Tricks, mit denen er sich im Unterhaltungsbusiness über Wasser hält?

Durs Grünbein: Das ist aber eine provokative und gemeine Frage! Es waren Typen gemeint, wie wir sie seit der commedia dell'arte kennen. Der einzelne vertritt zugleich seine Zunft, sein Handwerk, sein Metier. Das kann man sicher auch vom Dichter sagen. Je länger er dabei ist, desto mehr wird der Dichter zum Typus des Dichters, der für eine Tradition steht. "Tricks" ist hier ein ironischer Begriff, aber ohne diese handwerklichen kleinen Tricks wird es nicht funktionieren. In der Moderne geht es auch darum, diese Tricks zu verbergen. Nach vielen Jahren ist der Poet jemand, dem man in seinem Metier nichts mehr vormachen kann. Jeder weiß irgendwann alles, und jeder auf seine Weise.

Krumbholz: Als Primärqualität und Kardinaltugend aller Dichtung und Literatur bezeichnen Sie einmal "Anschaulichkeit". Können Sie diesen Begriff näher erläutern?

Grünbein: Es war Baudelaire, für den die Anschauung die Kardinaleigenschaft der Dichtung ist. Anschaulichkeit steht übrigens auch vor allen Tricks und vor allen Formen. Der Poet ist jemand, der sich dadurch auszeichnet, dass er eine besondere Anschauungs- und Vorstellungskraft hat. Da stimme ich mit Goethe überein: Das Gegenständliche ist wichtig, einzelne Menschen, Gesichter, Körper, Dinge, technische Apparaturen ...

Krumbholz: Im selben Aufsatz schreiben Sie, was in Gedichten sich zeige, sei die Anhänglichkeit an das Transzendente bei gleichzeitiger Treue zum Detailreichtum dieser Welt - also quasi eine doppelte Perspektive: eine Mischung aus Diesseitsliebe und Neugier auf Metaphysik. "Neugier", setzt die voraus, dass es das Metaphysische auch gibt? Oder ist das eine rein spekulative Denkbewegung?

Grünbein: Das Metaphysische ist nichts Gegebenes. Jenseits dessen, was ich sehe, gibt es noch etwas. Mein Bewusstsein erfasst mehr, als unmittelbar gegeben und einsichtig ist. Ich bin in einem inneren Gespräch mit Verstorbenen, das ist konkrete Metaphysik. Es entsteht ein Geisterreich. In diesem Geisterreich zwischen den unmittelbaren Gegenständen und den gedachten bewegt sich die Dichtung.

Krumbholz: Was haben Sie eigentlich gegen die Philosophen? Ist das eine Retourkutsche auf Platons Invektiven gegen die Poeten?

Grünbein: Nein. Die ältesten Texte, die wir kennen - Homer, Hesiod -, beginnen mit einer Anrufung der Musen. Sie waren Dichtung. Irgendwann haben die Philosophen die Dichter enteignet und haben seitdem die Deutungshoheit. Jemand wie Blumenberg aber räumt ohne weiteres ein, dass die Philosophie eine Bringschuld gegenüber der Literatur habe, weil sie ihrerseits von Beginn an Metaphern verwendet. Es wäre an der Zeit für eine neue Form der Koexistenz.

Krumbholz: Es fällt auf, dass Sie gern gewisse saloppe Formeln in Ihre Gedichte einbauen; "mag sein dass" oder "doch jetzt kommt's" usw. Welche Funktion hat das Saloppe oder auch das Triviale in Ihren Texten?

Grünbein: Es ist nur ein Instinkt. Ich denke nicht darüber nach, den hohen Ton zu brechen - aber es passiert. Es ist der Versuch, in den Registern zu springen. Die Formen sind strenger geworden - aber wenn man genau hinschaut: Es ist immer bei einer einfachen Satzstruktur geblieben und bei einer Geläufigkeit der Grammatik. Es muss ganz natürlich klingen, ist aber auch durch eine Formstrenge wie elektrisiert: elektrisierte Prosaik sozusagen.

Krumbholz: In der FAZ stand zu lesen, Sie seien "der wohl singuläre Fall eines lyrischen Genies, dem keine Sprachmusikalität in die Wiege gelegt scheint." Wieso dann - Genie?

Grünbein: Kürzen wir das Genie mal weg. Was das andere betrifft: Das ist barer Unsinn. Ich bin unter den Zeitgenossen wohl der Dichter mit den meisten offen musikalischen Strukturen. Da ich aber das prosaische Element im Vers im Blick behalte, die Möglichkeit der Unterbrechung, des Stakkato: Da mag es so erscheinen, als wäre das gegen den Ton gesetzt. Das ist so musikalisch oder unmusikalisch wie die Synkopik im Jazz oder Rhythmusunterbrechungen in der Neuen Musik. Es sind klassische Verse mit einer neuen Tonalität. Waren Webern oder Schönberg unmusikalisch, weil sie sich von der Tonalität Mozarts oder Beethovens entfernt haben? Das ist Quatsch!

Krumbholz: Sie haben einen schönen, sympathetischen Aufsatz über Thomas Kling geschrieben. Zu seinen Lebzeiten war Ihr Verhältnis aber nicht spannungsfrei: In mancher Hinsicht sind Sie Antipoden, auch Rivalen - Kling hat z.B. den Büchnerpreis nicht bekommen, der ihm in seinem eigenen Selbstverständnis sicher ebenso zugestanden hätte. Wie würden Sie Ihrer beider Verhältnis rückblickend beschreiben?

Grünbein: Ein Jahr vor dem Mauerfall hatten wir beide einen gemeinsamen großen Moment: unser erstes Buch bei Suhrkamp. Kling inszenierte sich sofort als größerer Bruder und führte mich in den Westen ein. "Durs, hast du schon deine Rezensionen gelesen?" Ich: "Rezensionen, wieso, was ist denn das?" Kling - der Profi. Unser Verhältnis war sicher nicht unneurotisch, aber diese Neurotik hatte auch etwas Produktives. Künstler sind Wesen, die sich gegenseitig scharf beäugen! Es ist ein kleiner darwinistischer Kampf. Wir hatten auch Situationen großer spontaner Zuneigung. Mir fehlt er darum sehr, auch wegen seines kämpferischen Elements. Er war mit Abstand der elektrisierendste Dichter unserer Generation.

Durs Grünbein: Strophen für übermorgen. Gedichte. Suhrkamp Verlag, 206 Seiten

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